ARCKANUM – Das Feuer jenseits der Ordnung
Nach neun Jahren ohne neues Studioalbum meldet sich ARCKANUM mit „Beswærilsin“ und der vorangestellten EP „Motestandarin“ zurück. Für Shamaatae bedeutet diese Rückkehr jedoch weit mehr als die Wiederaufnahme eines musikalischen Projekts: Das neue Werk ist Teil seiner spirituellen Praxis und verbindet Black Metal, altschwedische Beschwörungen und Thursatru zu einem umfassenden magischen Konzept. Im Gespräch erläutert der schwedische Musiker die drei Entwicklungsphasen von ARCKANUM, die Bedeutung von Runen und nordischer Kosmologie sowie sein Verständnis künstlerischer Unabhängigkeit. Darüber hinaus spricht er über zwei weitere geplante Alben, die gemeinsam mit „Beswærilsin“ eine größere spirituelle Einheit bilden sollen.

Shamaatae, als du ARCKANUM 2018 nach „Den Förstfödde“ offiziell beendet hast, war das offenbar nicht einfach eine musikalische Pause, sondern eine bewusste Entscheidung, dich ganz deiner spirituellen Arbeit und deinen Schriften zu widmen. Nun kehrst du mit „Motestandarin“ und „Beswærilsin“ zurück. Was hat sich in diesen Jahren verändert, sodass die Musik erneut zu einer notwendigen Ausdrucksform deiner spirituellen Praxis geworden ist? Gab es einen bestimmten Moment, in dem dir klar wurde, dass ARCKANUM doch noch nicht am Ende war?
Als ich ARCKANUM 2018 beendete, glaubte ich tatsächlich, dass die Band an ihrem Ende angelangt war. Es sollte keine vorübergehende Pause und auch kein theatralischer Abschied sein. Nach so vielen Jahren des Komponierens und Aufnehmens hatte ich einfach das Gefühl, dass meine musikalische Inspiration erschöpft war. Ich habe nie daran geglaubt, Kreativität erzwingen zu müssen, nur um etwas am Leben zu erhalten. Ein Horn kann nur eine bestimmte Menge Met fassen, bevor es wieder aufgefüllt werden muss. Und ich stelle es lieber ab, als es mit Wasser zu füllen und so zu tun, als würde es genauso schmecken.
In den folgenden Jahren widmete ich mich zunehmend meiner spirituellen Arbeit, schrieb Bücher, studierte die alte skandinavische Mythologie, Volksüberlieferungen, Runen und Zauberei und entwickelte die Thursatru-Tradition weiter. Meine Beziehung zu den Thursen vertiefte sich durch Rituale, Anrufungen, Divination und spirituelle Zwiesprache. Obwohl ARCKANUM nicht mehr aktiv war, blieb die spirituelle Quelle, aus der die Musik der Band immer hervorgegangen war, lebendig.
Es gab keinen bestimmten Moment, in dem ich plötzlich beschloss, dass ARCKANUM zurückkehren sollte. Es geschah allmählich und ganz natürlich. Ich begann wieder zur Gitarre zu greifen, mit verschiedenen Ideen herumzuspielen und Riffs aufzunehmen, ohne die Absicht, ein weiteres Album zu machen. Einige dieser Ideen waren natürlich völliger Mist, andere hingegen trugen unverkennbar den Geist von ARCKANUM in sich. Schon bald begann die Inspiration wieder zu fließen, und ich komponierte immer mehr Musik.
Verändert hatte sich nicht meine grundlegende spirituelle Ausrichtung, sondern die Tiefe meines Verständnisses und meiner Erfahrungen. In diesen Jahren hatte sich meine thursische Arbeit erheblich weiterentwickelt, und ich begann neue Möglichkeiten zu erkennen, ihre Mysterien durch Musik auszudrücken. Durch Þursablót und Runendivination erhielt ich weitere Bestätigung dafür, dass diese Musik einen spirituellen Zweck hatte und ARCKANUM noch etwas manifestieren sollte.
An diesem Punkt entwickelte sich die Idee über die bloße Aufnahme eines weiteren Albums hinaus. Ich wollte, dass die Kompositionen, Texte, Anrufungen, runischen Entsprechungen und spirituellen Absichten zu miteinander verbundenen Bestandteilen eines vollständigen magischen Wirkens werden. Daraus entstand schließlich „Beswærilsin“, dem die EP „Motestandarin“ vorausgeht.
Ich würde nicht sagen, dass Musik plötzlich wieder notwendig für meine spirituelle Praxis wurde, denn meine Arbeit war auch ohne ARCKANUM vollkommen gut weitergegangen. Vielmehr wurde Musik erneut zu einem natürlichen und kraftvollen Mittel, um auszudrücken, was ich spirituell erlebte. Durch das Schreiben kann ich Wissen und Verständnis formulieren, Rituale ermöglichen eine unmittelbare Verbindung, und Musik verleiht diesen Kräften Klang, Bewegung, Atmosphäre und emotionale Intensität.
Deshalb betrachte ich das nicht als Comeback. Die Jahre ohne ARCKANUM waren selbst ein wichtiger Bestandteil meiner spirituellen Entwicklung. Als die Inspiration zurückkehrte, beschritt ich denselben Weg mit erheblich mehr Erfahrung und einer klareren Zielsetzung.
Letztlich hatte ich ARCKANUM beendet, aber niemals die Quelle, aus der ARCKANUM hervorgegangen war.
Interessanterweise stammt ein Teil des neuen Materials offenbar bereits aus dem Jahr 2016, also aus der Zeit vor dem offiziellen Ende von ARCKANUM. Wie müssen wir uns diesen langen kreativen Prozess vorstellen? Waren das zunächst einzelne musikalische Ideen, die du über die Jahre gesammelt hast, oder entstanden bestimmte Kompositionen unmittelbar aus deiner spirituellen Arbeit? Und wie schwierig war es, Material aus unterschiedlichen Lebensphasen zu einem geschlossenen Album zusammenzuführen?
Mein Kompositionsprozess war schon immer ziemlich intuitiv. Ich nehme musikalische Ideen auf, wann immer mich die Inspiration packt. Manchmal ist das nur ein einzelnes Riff oder eine Melodie, manchmal etwas, das bereits einer nahezu vollständigen Komposition ähnelt. Ein Teil des Materials, das schließlich auf „Beswærilsin“ landete, entstand bereits 2016, während andere Teile während der intensiven kreativen Phase von 2025 bis 2026 geschrieben wurden.
Diese älteren Ideen waren einfach Aufnahmen, die ich aus der Zeit vor dem Ende von ARCKANUM aufbewahrt hatte. Dahinter steckte kein geheimer Plan, die Band fortzuführen. Als ich schließlich wieder zu komponieren begann, ging ich meine Sammlung musikalischer Ideen durch, um herauszufinden, was sich möglicherweise weiterentwickeln ließ.
Selten beginne ich einen Song mit einer bereits vollständig geplanten Struktur. Normalerweise führt ein Riff zum nächsten, und allmählich offenbart die Komposition ihren eigenen Charakter. Manchmal entwickelt sich eine Idee sofort, während eine andere jahrelang unangetastet bleibt, bis ich herausfinde, was ihr noch fehlt. Ich hatte nie das Gefühl, dass musikalische Inspiration ein Verfallsdatum besitzt. Wenn ein Riff 2016 gut war, gibt es keinen Grund, weshalb es zehn Jahre später plötzlich unbrauchbar sein sollte.
Material aus unterschiedlichen Zeitabschnitten zusammenzuführen, war tatsächlich überhaupt nicht schwierig. Unabhängig davon, wann die Ideen entstanden waren, entsprangen sie derselben musikalischen Vorstellungskraft. Mein Songwriting hat sich über die Jahrzehnte natürlich weiterentwickelt, aber seine grundlegende Identität ist erkennbar geblieben. Ältere und neuere Riffs ergänzen sich häufig überraschend gut. Sobald sie zu vollständigen Kompositionen ausgearbeitet sind, klingen sie einfach nach ARCKANUM.
Was den spirituellen Aspekt betrifft, unterscheide ich grundsätzlich zwischen der ursprünglichen musikalischen Inspiration und der anschließenden magischen Ausarbeitung einer Komposition. Ich setze mich nicht während eines Rituals hin und erwarte, dass mir die Thurse Gitarrenriffs liefern! Die eigentliche Musik entsteht durch meine eigene Kreativität, musikalische Erfahrung und Intuition.
Allerdings können bestimmte Melodien oder Atmosphären besondere spirituelle Erfahrungen, Kräfte oder Absichten hervorrufen. Durch Þursablót, Divination und Zwiesprache kann ich diese Verbindungen erkunden und den spirituellen Zweck einer Komposition bestimmen. Ihre Texte, Anrufungen, Wiederholungen und runischen Entsprechungen werden anschließend entsprechend entwickelt. Manchmal gibt die Musik die Richtung der spirituellen Arbeit vor, während in anderen Fällen eine Offenbarung beeinflusst, wie die Komposition vollendet wird.
Letztlich betrachte ich „Beswærilsin“ nicht als eine Sammlung alter und neuer Stücke, die irgendwie zusammengenäht wurden. Die Kompositionen wurden innerhalb derselben kreativen und spirituellen Phase ausgearbeitet, arrangiert und fertiggestellt, wodurch das Album seinen einheitlichen Charakter erhielt. Ob das ursprüngliche Riff 2016 oder 2026 geschrieben wurde, spielt für mich kaum eine Rolle. Entscheidend ist, was aus der Musik wird, wenn schließlich alles zusammenkommt.
Du bezeichnest „Motestandarin“ und „Beswærilsin“ als den Beginn der dritten Phase von ARCKANUM. Betrachtet man deine Diskografie, lassen sich tatsächlich unterschiedliche Perioden erkennen: die stark naturverbundene Mystik früher Werke wie „Fran Marder“, „Kostogher“ und „Kampen“, gefolgt von einer zunehmend ausdrücklichen Beschäftigung mit antikosmischen und thursischen Konzepten. Was genau definiert diese dritte Phase für dich, und inwiefern unterscheidet sich dein heutiges Verständnis dieser spirituellen Vorstellungen von den Perspektiven, die Alben wie „Antikosmos“ oder „Den Förstfödde“ geprägt haben?
Ich unterteile die Geschichte von ARCKANUM grundsätzlich in drei Phasen, weil jede eine bestimmte Periode meiner musikalischen und spirituellen Entwicklung repräsentiert. Allerdings betrachte ich sie nicht als drei voneinander getrennte Wege oder Ideologien. Die grundlegende spirituelle Ausrichtung ist dieselbe geblieben, auch wenn sich mein Verständnis davon im Laufe der Jahre erheblich weiterentwickelt hat.
Die früheste Phase, vertreten durch „Fran Marder“, „Kostogher“ und „Kampen“, war tief mit der skandinavischen Wildnis, Trollen, Riesen, Zauberei und den spirituellen Kräften verbunden, die jenseits der Grenzen menschlicher Zivilisation und etablierter religiöser Ordnung existieren. Damals beruhte ein großer Teil meines Verständnisses stärker auf Intuition und unmittelbarer Erfahrung. Ich suchte bereits nach den Mächten des Außen, verfügte aber noch nicht über das Wissen und die Erfahrung, die es mir später ermöglichen sollten, ihre tiefere thursische Natur zu erkennen.
Der Wald, die Trolle und die alten skandinavischen Mysterien waren nicht bloß romantische oder volkskundliche Interessen. Sie standen für tatsächliche spirituelle Begegnungen und eine Faszination für Kräfte, die jenseits der geordneten Welt existieren.
Die zweite Phase, die mit „Antikosmos“ begann und sich bis „Den Förstfödde“ erstreckte, spiegelte ein weiterentwickeltes Verständnis dieser Mysterien wider. In den Jahren vor „Antikosmos“ hatte ich viel Zeit damit verbracht, Mythologie, Runen, Zauberei und die spirituellen Prinzipien meiner Praxis zu studieren. Mein Verständnis der Thurse, ihrer Beziehung zur kosmischen Ordnung der Asen sowie der Bedeutung von Útgarðr, Ginnungagap und Ragnarök war wesentlich klarer geworden. Entsprechend traten diese Konzepte auch innerhalb von ARCKANUM immer deutlicher hervor.
Die dritte Phase stellt eine weitere Entwicklung dieses Verständnisses dar. Ich würde sie aber nicht als plötzliche Offenbarung beschreiben, durch die alles, woran ich zuvor geglaubt hatte, hinfällig geworden wäre. Spirituelles Wissen vertieft sich durch fortgesetzte Erfahrung, Studium, rituelle Praxis und Zwiesprache. Über die Jahrzehnte ist meine Beziehung zu den Thurse erheblich tiefgründiger geworden. Bestimmte Mysterien, die ich früher hauptsächlich durch Mythologie oder Symbolik verstand, haben durch unmittelbare spirituelle Arbeit eine wesentlich größere Bedeutung erlangt.
Ein wichtiger Unterschied besteht darin, dass ich die Beziehung zwischen Musik und Zauberei heute sehr viel bewusster gestalte. Die früheren Alben waren zweifellos spirituelle Manifestationen, aber bei „Beswærilsin“ habe ich die Kompositionen und ihre magischen Elemente gezielt als miteinander verbundene Bestandteile eines größeren magischen Wirkens entwickelt. Die Anrufungen, Eide, Runenformeln, numerischen Entsprechungen und einzelnen Songs tragen alle zu dessen spirituellem Zweck bei.
Anstatt mein Verständnis der thursischen Mysterien lediglich durch Musik auszudrücken, nutze ich das vollendete musikalische Werk selbst als Instrument, durch das bestimmte magische Absichten manifestiert werden.
Vielleicht lässt sich der spirituelle Unterschied am einfachsten so erklären: In der frühesten Phase betrat ich den Wald auf der Suche nach etwas, das jenseits der mir bekannten Welt lag. Während der zweiten Phase begann ich deutlicher zu erkennen, was sich jenseits dieser Grenzen befand. Heute, nach vielen weiteren Jahren thursischer Arbeit, besitze ich ein erheblich tieferes Verständnis der Mächte, denen ich mich nähere, ihrer spirituellen Herkunft und des Zwecks dieses Weges selbst.

In einem Interview aus dem Jahr 2009 hast du sehr deutlich gemacht, dass du keinerlei Interesse daran hast, ein weiteres „Kostogher“ zu schreiben, nur weil bestimmte Hörer das von dir erwarten. Nun beschreibst du „Beswærilsin“ als eine Verschmelzung der ursprünglichen musikalischen Grundlagen von ARCKANUM mit deiner heutigen Herangehensweise an das Komponieren. Wie hast du verhindert, dass diese Rückbesinnung auf deine musikalischen Wurzeln genau zu jener Nostalgie wird, die du früher so entschieden abgelehnt hast?
Es besteht ein erheblicher Unterschied zwischen dem Versuch, ein weiteres „Kostogher“ zu schreiben, und dem Komponieren neuen Materials, das zufällig etwas von derselben Atmosphäre, Aggression oder denselben musikalischen Eigenschaften besitzt. Als ich sagte, dass ich kein Interesse daran hätte, ein weiteres „Kostogher“ zu machen, meinte ich damit, dass ich niemals absichtlich ein altes Album nachbilden würde, nur um die Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen. Das wäre sowohl kreativ als auch persönlich ziemlich sinnlos.
Allerdings habe ich die musikalischen Qualitäten meiner früheren Arbeiten niemals abgelehnt. Ganz im Gegenteil! Ich schätze noch immer vieles von dem, was ich damals geschaffen habe, und es gibt keinen Grund, weshalb diese Einflüsse nicht auch in meinen heutigen Kompositionen auftauchen sollten.
Beim Komponieren von „Beswærilsin“ stellte ich fest, dass sich unterschiedliche musikalische Eigenschaften aus der gesamten Geschichte von ARCKANUM besonders gut ergänzten. Die primitive Aggression und Atmosphäre der frühesten Aufnahmen, die melodischen Elemente und das weiterentwickelte Songwriting späterer Werke sowie die stärkeren Death-Metal-Einflüsse, die schon immer Teil meines musikalischen Hintergrunds waren, fügten sich ganz natürlich zusammen.
Ich habe nicht bewusst versucht, diese Elemente nach einer vorher festgelegten Formel zu kombinieren. Ich folgte einfach den Riffs und Melodien, die mich interessierten, unabhängig davon, ob sie mich an etwas aus den Jahren 1997, 2008 oder 2017 erinnerten.
Ich glaube, Nostalgie wird dann zum Problem, wenn man beginnt, in der Vergangenheit nach Anweisungen dafür zu suchen, was man als Nächstes erschaffen soll. Wenn eine ältere musikalische Eigenschaft ganz natürlich in eine neue Komposition passt, warum sollte ich sie absichtlich vermeiden? Würde ich aber anfangen, meine früheren Alben zu kopieren, nur weil die Hörer mehr vom Gleichen wollen, würde ich zulassen, dass die Vergangenheit meine gegenwärtige Kreativität bestimmt.
Für mich ist es wichtig, die musikalische Identität von ARCKANUM zu bewahren, ohne zum Gefangenen ihrer Geschichte zu werden. „Beswærilsin“ ist kein Versuch, eine frühere Phase nachzubilden. Es ist das Ergebnis all dessen, was ich als Musiker gelernt und entwickelt habe, ausgedrückt durch die Musik, die ich heute komponieren möchte.
Du betonst, dass „Beswærilsin“ nicht einfach eine Sammlung von Songs ist, sondern ein vollständiges magisches Wirken, bei dem Musik, Texte, Klang und visuelle Gestaltung miteinander verbunden sind. Was bedeutet das konkret für den kreativen Prozess? Gibt es bestimmte rhythmische Strukturen, Wiederholungen, tonale Muster oder klangliche Entscheidungen, die für dich eine spezifische rituelle Funktion erfüllen, unabhängig davon, ob der durchschnittliche Hörer sie bewusst wahrnimmt?
Ja, absolut. Sobald eine Komposition musikalisch Gestalt angenommen hat, kann ich ihren spirituellen Zweck durch bestimmte rhythmische Strukturen, Anrufungen, runische Entsprechungen und andere Elemente weiterentwickeln, die zum übergeordneten magischen Wirken beitragen.
Rhythmus und Wiederholung sind besonders wichtig, weil sie sowohl in der Musik als auch in der Zauberei schon immer eine grundlegende Rolle gespielt haben. Wiederholte musikalische Phrasen können einen beinahe hypnotischen Zustand erzeugen, während bestimmte rhythmische Muster eine körperliche Intensität hervorrufen, die eine bestimmte magische Absicht verstärken kann.
Mein Schlagzeugspiel war schon immer ziemlich unerbittlich, häufig mit durchgehenden Doublebass-Mustern. Manchmal stelle ich mir die gewaltigen Kriegstrommeln der Thurse vor, die durch die Berge hallen und ihr Nahen sowie das bevorstehende Ragnarök ankündigen. In einem magischen Zusammenhang wird diese rhythmische Kraft zu mehr als einer bloßen musikalischen Eigenschaft. Sie trägt dazu bei, die Atmosphäre und Intensität des magischen Wirkens zu erzeugen.
Dasselbe gilt für die Stimme. Innerhalb der thursischen Zauberei ist das Aussprechen heiliger Namen, Kenningar, Anrufungen und magischer Formeln ein wichtiges Mittel, um Willen und spirituelle Kraft zu lenken. Wiederholung, Aussprache, Rhythmus und die körperliche Schwingung des gesprochenen oder gesungenen Wortes tragen zu diesem Prozess bei.
Eine bestimmte Phrase wird deshalb möglicherweise nicht nur wiederholt, weil sie als Refrain gut funktioniert, sondern weil ihre Wiederholung einem anrufenden oder bannenden Zweck dient. Das steht in enger Verbindung mit den Prinzipien der galdrar, bei denen das gesprochene oder gesungene Wort zu einem wirksamen Bestandteil der magischen Handlung wird.
Auch runische Entsprechungen und Numerologie beeinflussen bestimmte Entscheidungen. Die Zahlenwerte bestimmter Namen, Wörter und Formeln können Beziehungen zu spezifischen thursischen Mächten oder Aspekten des Stroms offenbaren. Deshalb entscheide ich mich möglicherweise für einen bestimmten Namen oder eine bestimmte Kenning, weil ihre runische Struktur besser zur Absicht der Komposition passt. Die Zahl Elf besitzt beispielsweise innerhalb unserer Tradition durch ihre Beziehung zu Ginnungagap und den uranfänglichen thursischen Mysterien eine besondere Bedeutung. Ihre Präsenz innerhalb von „Beswærilsin“ ist vollkommen beabsichtigt.
Klang und Atmosphäre sind ebenso wichtig. Ein bestimmter Gitarrenklang, eine Melodie, eine rhythmische Bewegung oder eine Ambient-Passage können Eigenschaften hervorrufen, die ich mit bestimmten spirituellen Kräften oder Reichen verbinde. Diese Entsprechungen werden dort entwickelt, wo sie der Komposition und ihrem magischen Zweck dienen, anstatt sie jedem musikalischen Detail mechanisch aufzuzwingen.
Ein besonders deutliches Beispiel ist 'Twæþursaspá', die abschließende Komposition auf „Beswærilsin“. Ihr Text geht auf eine Offenbarung zurück, die ich während ritueller Arbeit durch Gullveig empfangen habe. Die fast neunminütige Komposition besteht hauptsächlich aus gesprochenem archaischem Schwedisch, begleitet von höhlenartigen Ambient-Klängen. Ein herkömmliches Black-Metal-Arrangement hätte ihrem Zweck nicht gedient. Die Worte brauchten Raum, und die Atmosphäre musste ihren rituellen Vortrag unterstützen. In diesem Fall bestimmte der spirituelle Inhalt unmittelbar die musikalische Form.
Die visuelle Gestaltung folgt demselben Prinzip. Das Artwork, die Symbole und die runischen Elemente sollen den spirituellen Zweck des Albums widerspiegeln und verstärken, anstatt lediglich seine Verpackung zu schmücken. Sie bieten eine weitere Möglichkeit, dasselbe magische Wirken durch ein anderes Medium auszudrücken.
Ob der durchschnittliche Hörer diese Strukturen erkennt, ist für mich nicht besonders wichtig. Jemand kann „Beswærilsin“ einfach als Black-Metal-Album erleben, während ein anderer Hörer seine Anrufungen, numerischen Entsprechungen und magischen Absichten erkennt. Aus meiner Sicht wird der Zweck dieser Elemente durch das magische Wirken selbst bestimmt und nicht dadurch, ob der Hörer sie identifizieren kann.
Letztlich möchte ich, dass sich die musikalische und die magische Dimension gegenseitig verstärken. Die Zauberei soll die Musik vertiefen, ohne ihre Kreativität einzuschränken, und die Musik soll der Zauberei ein kraftvolles Mittel zur Manifestation verleihen. Die gelungensten Kompositionen sind diejenigen, in denen diese Elemente so eng miteinander verwoben sind, dass ich sie nicht mehr als getrennte Dinge wahrnehme.

Mit beinahe 63 Minuten ist „Beswærilsin“ ein bemerkenswert umfangreiches Werk, das elf Kompositionen umfasst. Gleichzeitig beschreibst du seinen Klang als roh, aggressiv und frei von unnötigen Verzierungen. Wie vereinbarst du diesen beinahe asketischen Ansatz mit dem Anspruch, ein derart langes Album durchgehend spannend zu gestalten?
Ehrlich gesagt habe ich das nie als Widerspruch betrachtet. Ich schreibe einfach die Art von Musik, die ich selbst gerne höre. Ich liebe rohen, aggressiven und geradlinigen Metal, aber ebenso Melodien, Atmosphäre und interessante Arrangements. Ich sehe nicht ein, weshalb sich das gegenseitig ausschließen sollte. Manchmal ist ein einfaches, hämmerndes Riff genau das, was ein Song braucht, während eine andere Passage etwas Melodischeres oder Ausgefeilteres verlangt. Ich folge einfach dem, was für meine Ohren gut klingt.
Ich habe mich ganz sicher nicht hingesetzt und beschlossen, ein fast 63 Minuten langes Album zu machen. So lang wurde es einfach, als alle elf Kompositionen fertig waren. Herkömmlichen Albumlängen schenke ich wenig Aufmerksamkeit, obwohl ich natürlich auch nichts unnötig in die Länge ziehen möchte. Wenn mich eines meiner eigenen Riffs langweilt, kann ich kaum erwarten, dass jemand anderes daran Freude hat!
Ich glaube, die Abwechslung ergibt sich ganz natürlich aus meinen musikalischen Interessen. Ich mag die unerbittliche Aggression von Black und Death Metal, schätze aber ebenso Melancholie, starke Melodien und Passagen, in denen die Musik Raum zum Atmen bekommt. 'Trulmoþir' beispielsweise besitzt einen wesentlich stärker an „Kostogher“ erinnernden Charakter, während 'Twæþursaspá' mit seinem gesprochenen archaischen Schwedisch und seiner höhlenartigen Atmosphäre etwas vollkommen anderes ist. Ich mag diese Kontraste auf dem Album, weil sie die aggressiveren Kompositionen noch kraftvoller wirken lassen.
Was die Produktion betrifft, wollte ich einen straffen, trockenen, druckvollen und aggressiven Klang. Ich möchte die Instrumente, die Details und die Kraft der Darbietungen hören. Die Musik soll aufgrund dessen, was gespielt wird, bösartig klingen, und nicht deshalb, weil niemand die Gitarre vor lauter Hall erkennen kann.
Eigentlich sollte das Album ursprünglich etwas kürzer werden. Die letzten beiden Kompositionen, 'Trulmoþir' und 'Twæþursaspá', waren zunächst als versteckte Bonustracks vorgesehen, wobei 'Twæþursaspá' zusätzlich als kostenloser digitaler Download verfügbar sein sollte. Diese Pläne änderten sich jedoch schließlich, und ich beschloss, beide Stücke als reguläre Bestandteile des Albums aufzunehmen.
Die Spielzeit war also nie ein besonderes Ziel. Ich wollte einfach die Kompositionen aufnehmen, die auf diese Platte gehörten, und jeder von ihnen genügend Raum geben, sich natürlich zu entfalten.
Bereits in einem Interview aus dem Jahr 2003 hast du erklärt, dass du Altschwedisch anhand historischer Bibeltexte, juristischer Dokumente und sprachwissenschaftlicher Untersuchungen studiert hast. Auch auf „Beswærilsin“ verwendest du wieder diese historische Sprache, nun unter Einbeziehung von Elementen der schwedischen svartkonst. Hat sich dein Verhältnis zum Altschwedischen über die Jahrzehnte verändert? Geht es dir in erster Linie um historische sprachliche Genauigkeit, um den besonderen Klang und die Resonanz der Worte oder um ihre Funktion innerhalb der jeweiligen Beschwörungen?
Mein Verhältnis zum Altschwedischen hat sich über die Jahre sicherlich weiterentwickelt, obwohl meine Faszination für die Sprache selbst unverändert geblieben ist. Als ich begann, sie bei ARCKANUM zu verwenden, verbrachte ich viel Zeit damit, mittelalterliche schwedische Bibelübersetzungen, Gesetzestexte, Wörterbücher und sprachwissenschaftliche Untersuchungen zu studieren. Ich wollte verstehen, wie diese Sprache tatsächlich funktionierte, anstatt einfach etwas zu erfinden, das altertümlich klang.
Allerdings halte ich es für wichtig, zwischen dem historischen Altschwedisch und der archaischen schwedischen Sprache zu unterscheiden, die ich bei ARCKANUM verwende. Letztere ist fest in historischem Wortschatz, historischer Grammatik und historischen Sprachformen verwurzelt, soll aber keine perfekte Rekonstruktion eines bestimmten mittelalterlichen Dialekts sein. Das Altschwedische selbst unterschied sich je nach Region und Jahrhundert erheblich. Über die Jahre habe ich meine eigene sprachliche Ausdrucksform entwickelt, indem ich auf diese historischen Formen zurückgriff und sie dort anpasste, wo es der Musik, der Dichtung und dem spirituellen Inhalt diente.
Nachdem ich mehr als dreißig Jahre mit dieser Sprache gearbeitet habe, ist sie auch zu etwas zutiefst Persönlichem geworden. Bestimmte Wörter und Ausdrücke haben mich durch Jahrzehnte der Musik, des Schreibens und der spirituellen Arbeit begleitet und dabei nach und nach eigene Assoziationen und Bedeutungen angenommen. In diesem Sinne hat sich die Sprache von ARCKANUM zu einer Art persönlicher Ritualsprache entwickelt.
Ihr Klang ist besonders wichtig. Das archaische Schwedisch besitzt eine Härte, einen Rhythmus und einen Charakter, die wunderbar zu ARCKANUM passen. Manchmal entscheide ich mich für einen Ausdruck statt eines anderen, weil er ausgesprochen besser klingt, insbesondere bei wiederholten Phrasen oder Anrufungen.
Die magische Funktion fügt eine weitere Dimension hinzu. Innerhalb der thursischen Zauberei sind heilige Namen, Kenningar und Beschwörungen nicht bloß Wörter, die Informationen vermitteln. Ihre Aussprache, Wiederholung, ihr Rhythmus und ihre runischen Entsprechungen können unmittelbar zum magischen Wirken beitragen. Deshalb kann eine bestimmte Formulierung ebenso sehr aufgrund ihrer spirituellen Bedeutung wie aufgrund ihres sprachlichen Inhalts ausgewählt werden.
Der Einfluss der schwedischen svartkonst fügt sich ganz natürlich in diesen Ansatz ein. Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit skandinavischen magischen Traditionen, Zaubersprüchen und Beschwörungen und interessiere mich besonders für die Prinzipien, nach denen sie aufgebaut sind. Anstatt historische Formeln einfach zu reproduzieren, integriere ich entsprechende Elemente in meine eigene thursische Arbeit.
Die Sprache von ARCKANUM gründet also auf dem historischen Altschwedisch, ihre Entwicklung wurde aber ebenso von Jahrzehnten der Musik, spirituellen Praxis und persönlichen Erfahrung geprägt. Das historische Wissen bildet ihr Fundament, während Klang, Dichtung und magischer Zweck bestimmen, wie ich sie letztlich verwende.
Der Beschreibung zufolge bewegt sich das neue Album zwischen dem eisigen Reich Niflheimr und den zerstörerischen Feuern von Múspellsheimr. Innerhalb der nordischen Kosmologie sind diese gegensätzlichen Kräfte eng mit grundlegenden Vorstellungen von Schöpfung und Zerstörung verbunden. Welche Rolle spielt dieses Spannungsverhältnis auf „Beswærilsin“?
Innerhalb unserer Thursatru-Tradition steht die Beziehung zwischen Niflheimr und Múspellsheimr für etwas wesentlich Tieferes als den vertrauten Gegensatz zwischen Kälte und Hitze oder Schöpfung und Zerstörung. Es handelt sich um uranfängliche Kräfte, deren Wechselwirkung grundlegend für die Entstehung der frühesten riesischen Existenz ist.
Der altnordischen mythologischen Überlieferung zufolge schuf das Zusammentreffen der eisigen Wasser von Niflheimr mit der aus Múspellsheimr stammenden Hitze die Bedingungen, unter denen sich Aurgelmir beziehungsweise Ymir manifestierte. Innerhalb unseres spirituellen Verständnisses betrifft dies auch die Belebung des uranfänglichen Eitr und das Hervorgehen thursischer Existenz aus Ginnungagap.
Dementsprechend betrachte ich Feuer und Eis nicht als gegensätzliche Mächte, die gegeneinander kämpfen. Sie sind unterschiedliche Ausdrucksformen uranfänglicher Kräfte, die miteinander in Wechselwirkung treten, sich verwandeln und schließlich das auflösen können, was errichtet wurde. Niflheimr steht für weit mehr als Kälte oder Stillstand. Es verkörpert uralte, verborgene Mächte, Beständigkeit und die Mysterien des uranfänglichen Eises. Múspellsheimr steht für die unermessliche Kraft des uranfänglichen Feuers, für Transformation und für jene zerstörerische Macht, die schließlich die kosmische Ordnung verzehren wird.
Diese Beziehung wird besonders bedeutsam, wenn man Ragnarök betrachtet. Die Wechselwirkung von uranfänglichem Feuer und Eis ist mit der Entstehung Aurgelmirs verbunden, aus dessen Körper die Götter anschließend die geordnete Welt erschufen. Die thursischen Mächte gehen somit der von den Asen errichteten kosmischen Ordnung voraus, und Kräfte, die mit dieser uranfänglichen Existenz verbunden sind, werden schließlich an ihrer Zerstörung beteiligt sein. Innerhalb unseres thursischen Verständnisses stellt Ragnarök keine weitere Phase in einem ewigen Kreislauf von Schöpfung und Erneuerung dar, sondern die endgültige Auflösung der kosmischen Ordnung der Asen und die Befreiung von ihren aufgezwungenen Strukturen.
Auf „Beswærilsin“ bilden diese Mysterien einen Teil der spirituellen Landschaft, durch die sich das magische Wirken bewegt. Die Anrufungen und Kompositionen nähern sich unterschiedlichen Manifestationen thursischer Macht, darunter den reifriesischen Kräften Niflheimrs und den zerstörerischen muspellischen Mächten, die mit Ragnarök verbunden sind.
Das Album soll keine wörtliche musikalische Darstellung davon sein, wie Eis auf Feuer trifft. Ihre Eigenschaften finden jedoch ganz natürlich Ausdruck in Kontrasten von Atmosphäre, Intensität und Bewegung. Es gibt Passagen, die kalt, bedrückend und beinahe regungslos wirken, während andere gewalttätig, unerbittlich und alles verzehrend sind. Beide können unterschiedliche Aspekte derselben übergeordneten spirituellen Absicht vermitteln.
Natürlich ordne ich nicht bewusst jede langsame Passage Niflheimr und jedes aggressive Riff Múspellsheimr zu. Das wäre ziemlich mechanisch und würde das Komponieren wahrscheinlich erheblich weniger unterhaltsam machen!
Für mich liegt die wesentliche Bedeutung in der Erkenntnis, dass diese uranfänglichen Mächte bereits vor der geordneten Welt existierten und jenseits ihrer Begrenzungen fortbestehen. Sie sind grundlegend für die thursischen Mysterien, die durch ARCKANUM zum Ausdruck kommen, vom frühesten Hervorgehen riesischer Existenz bis zur endgültigen Zerstörung der kosmischen Ordnung der Asen bei Ragnarök.
Mit „Motestandarin“ hast du diese neue Phase von ARCKANUM durch eine eigenständige EP mit zwei Kompositionen des kommenden Albums eingeleitet. Bereits 2009 hast du in einem Interview betont, dass EPs für dich denselben künstlerischen Stellenwert besitzen wie vollständige Alben. Welche besondere Funktion erfüllt „Motestandarin“ innerhalb dieses neuen Werkzyklus? Ist die Veröffentlichung in erster Linie eine Einführung in das neue Material, oder besitzt sie eine eigenständige rituelle beziehungsweise symbolische Bedeutung?
„Motestandarin“ war in erster Linie als Einführung in das neue Material von ARCKANUM gedacht, obwohl die Veröffentlichung auch eine besondere numerische Bedeutung besitzt. Sowohl Denny von Darkness Shall Rise Productions als auch ich sind Plattensammler, und ich habe die alte Tradition, vor einem vollständigen Album eine EP oder Single zu veröffentlichen, schon immer geschätzt. Eine kleinere physische Veröffentlichung mit eigenem Artwork und eigener Gestaltung hat etwas Besonderes, selbst wenn die Kompositionen auch auf dem kommenden Album erscheinen.
Die beiden Songs, 'Skæpna Ær Krigh' und 'Anskoti', wurden ausgewählt, weil sie meiner Meinung nach den Charakter von „Beswærilsin“ besonders gut repräsentieren. Sie enthalten vieles von dem, was mir am neuen Material gefällt: Aggression, Melodie, Atmosphäre und die Kombination musikalischer Einflüsse, die sich im Laufe der Geschichte von ARCKANUM entwickelt haben. Ich würde sie nicht unbedingt als die beiden besten Songs des Albums bezeichnen. Sie erschienen mir einfach als eine gute Einführung in seine musikalische Ausrichtung.
Die Limitierung auf 218 Exemplare war eine bewusste esoterische Entsprechung. Innerhalb unseres spirituellen Verständnisses sind der 218er-Strom und der besondere thursische Strom, der durch die Zahl 128 bezeichnet wird, unterschiedliche Manifestationen derselben übergeordneten spirituellen Essenz der Anderen Seite. Die Zahl besitzt somit eine Bedeutung, die über eine willkürlich gewählte Auflagenhöhe hinausgeht.
Allerdings würde ich „Motestandarin“ nicht als eigenständiges magisches Wirken beschreiben, das „Beswærilsin“ gleichgestellt wäre. Die EP besitzt als physische Veröffentlichung ihre eigene Identität und trägt eine bewusst gewählte numerische Entsprechung, aber ihre wichtigste Funktion bestand darin, die neue Musik vorzustellen und den Beginn der dritten Phase von ARCKANUM anzukündigen.
ARCKANUM stand schon immer für den Weg des Außenseiters, des vargar, der außerhalb etablierter gesellschaftlicher und moralischer Strukturen steht. Allerdings ist die Ablehnung von Konventionen im Black Metal inzwischen beinahe selbst zu einer Konvention geworden. Wie kann ein Künstler nach mehr als drei Jahrzehnten noch glaubwürdig eine Position außerhalb etablierter Strukturen einnehmen, wenn sein eigenes Werk längst Teil einer Szene mit festen Traditionen, Erwartungen und sogar einem gewissen Kultstatus geworden ist?
Ich glaube, der Widerspruch entsteht dadurch, dass man den Anschein von Rebellion mit tatsächlicher Unabhängigkeit verwechselt. Black Metal zog mich ursprünglich wegen seines widerständigen Geistes an, wegen seiner Feindseligkeit gegenüber etablierten religiösen und moralischen Autoritäten und seiner Weigerung, sich anzupassen. Im Laufe der Jahre hat das Genre jedoch eigene Konventionen, Erwartungen und ungeschriebene Regeln darüber entwickelt, wie eine Band klingen, aussehen und sich verhalten sollte. In manchen Fällen scheint Rebellion zu bedeuten, genau das zu tun, was alle anderen in der Szene ebenfalls tun. Wenn man darüber nachdenkt, ist das ziemlich amüsant.
Für mich bedeutete es nie, ein Außenseiter zu sein, ständig beweisen zu müssen, wie anders ich bin als alle anderen. Das wäre nur eine weitere Form der Anpassung, weil man sein Handeln weiterhin von den Erwartungen anderer Menschen bestimmen ließe. Echte Unabhängigkeit bedeutet, dem eigenen Willen und den eigenen Überzeugungen zu folgen, unabhängig davon, ob sie gerade mit dem übereinstimmen, was zu einem bestimmten Zeitpunkt als modisch oder akzeptabel gilt.
Ich habe die Musik von ARCKANUM niemals danach komponiert, was die Black-Metal-Szene von mir erwartet. Wenn ich Death-Metal-Einflüsse, Melodien, ungewöhnliche Instrumente oder eine neunminütige gesprochene Anrufung einbauen möchte, dann tue ich das. Ich habe keinerlei Interesse daran, die Vorstellungen anderer Menschen darüber, wie ARCKANUM klingen sollte, bestimmen zu lassen, was ich erschaffe.
Dasselbe gilt für meine spirituelle Praxis. Mein Verständnis des widerständigen Weges beruht nicht darauf, ein bestimmtes Image anzunehmen, Menschen zur Unterhaltung zu provozieren oder sich allem nur um der Opposition willen entgegenzustellen. Es geht um den individuellen Willen, spirituelle Souveränität und das Streben nach Wissen und Befreiung jenseits dieser Welt der Dunkelheit und Unwissenheit. Das ist etwas wesentlich Persönlicheres.
Dass ARCKANUM innerhalb des Black Metal einen gewissen Status erlangt hat, ist letztlich etwas, das andere Menschen um die Musik herum geschaffen haben. Ich weiß es zu schätzen, dass Hörer meine Arbeit über so viele Jahre begleitet haben, aber ihre Erwartungen bestimmen nicht, was ich erschaffe. Ich bin noch immer derselbe Mensch, der mit seinen Instrumenten dasitzt und Musik schreibt, weil er sich dazu inspiriert fühlt.
Ich habe kein Problem damit anzuerkennen, dass ARCKANUM musikalisch zum Black Metal gehört. Aber ich habe die Zugehörigkeit zu einem Genre nie als Verpflichtung betrachtet, seinen Konventionen zu gehorchen. In dem Moment, in dem ich mir Gedanken darüber mache, ob meine Musik ausreichend traditionell, underground oder für eine bestimmte Gruppe akzeptabel ist, habe ich bereits einen Teil jener Unabhängigkeit aufgegeben, die mich ursprünglich am Black Metal faszinierte.
Nach mehr als dreißig Jahren habe ich kaum noch Interesse daran, zu beweisen, dass ich ausreichend rebellisch oder authentisch bin. Ich mache einfach weiterhin das, woran ich glaube, unabhängig davon, ob andere Menschen es gutheißen oder nicht. Wenn das in jemandes Definition von Black Metal passt, ist das in Ordnung. Wenn nicht, ist es genauso in Ordnung.
Ich bewahre lieber das Feuer, das mich ursprünglich am Black Metal begeistert hat, als mein Leben damit zu verbringen, die Möbel um dieses Feuer herum zu erhalten.
Abgesehen von „Beswærilsin“ sollen Berichten zufolge bereits zwei weitere Alben geschrieben worden sein, die in den kommenden Jahren über Darkness Shall Rise erscheinen sollen. Angesichts der neunjährigen Pause zwischen „Den Förstfödde“ und dem neuen Werk ist das bemerkenswert. Waren diese drei Alben von Anfang an als zusammenhängender Zyklus konzipiert, in dem jedes Werk einen bestimmten spirituellen oder musikalischen Zweck erfüllt? Oder hat dein ausgedehnter kreativer Prozess einfach so viele unterschiedliche Ideen hervorgebracht, dass sie sich nicht mehr sinnvoll auf einem einzigen Album unterbringen ließen?
Nun, zunächst einmal sind die beiden weiteren Alben tatsächlich noch nicht fertig, und ich habe auch keine festen Veröffentlichungstermine dafür festgelegt. Während der Jahre 2025 und 2026 habe ich die Grundlagen für mehr als dreißig Songs entwickelt. Damit verfüge ich über genügend Material für zwei weitere Alben, und darüber hinaus sind noch zusätzliche Ideen vorhanden.
Allerdings besteht ein erheblicher Unterschied zwischen einer Sammlung von Riffs und musikalischen Strukturen und vollständig ausgearbeiteten Kompositionen mit eigenen Texten, einer eigenen Atmosphäre und einem eigenen spirituellen Zweck. Ich möchte dem kommenden Material erheblich mehr Zeit geben, sich zu entwickeln.
Anfangs komponierte ich einfach, weil die Inspiration so kraftvoll zurückgekehrt war. Ich saß nicht von Beginn an da und plante drei Alben. Die musikalischen Ideen sammelten sich ganz natürlich an, und irgendwann wurde deutlich, dass sich daraus etwas wesentlich Größeres als nur „Beswærilsin“ entwickeln könnte. Durch meine anschließende spirituelle Arbeit begann auch die Vorstellung von drei miteinander verbundenen Manifestationen Gestalt anzunehmen.
Ich beschreibe diese drei Alben lieber als einen Dreizack denn als eine herkömmliche Trilogie. Eine Trilogie lässt normalerweise drei aufeinanderfolgende Kapitel einer linearen Geschichte vermuten, während ein Dreizack drei einzelne Zinken verkörpert, die aus derselben Quelle hervorgehen und auf dasselbe übergeordnete Ziel ausgerichtet sind. Jedes Album wird deshalb seine eigene musikalische Identität und spirituelle Funktion besitzen und gleichzeitig mit dem größeren magischen Wirken verbunden bleiben.
„Beswærilsin“ begründet die Beschwörung, die Eide und die Öffnung hin zu den Thurse und Útgarðr. Die folgenden Werke werden tiefer in die thursischen Mysterien vordringen. Ich kenne bereits die allgemeine Richtung, lasse aber bewusst Raum dafür, dass weitere Offenbarungen durch Þursablót, Divination und Zwiesprache ihre Entwicklung beeinflussen können.
Außerdem möchte ich, dass die verbleibenden Kompositionen ihren eigenen musikalischen Charakter entwickeln, anstatt einfach zu Erweiterungen des ersten Albums zu werden. Es gibt keinen Grund, sie zu überstürzen, nur weil ich bereits genügend Material besitze. Die spirituellen Absichten, Texte und musikalischen Arrangements müssen alle ihre passende Form finden.
Die Fülle musikalischer Inspiration war also zuerst da, und die größere spirituelle Struktur offenbarte sich allmählich durch die Arbeit. Was als Sammlung neuer musikalischer Ideen begann, hat sich zur Grundlage von etwas wesentlich Größerem entwickelt.
Die drei Alben werden aus derselben Quelle hervorgehen, aber jedes wird seine eigene besondere Kraft in sich tragen. Darin liegt für mich die Bedeutung des Dreizacks.
Jonathan Jancsary