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MANIC IMPRESSIONS ist das Vermächtnis eines Musik-Nerds und begnadeten Bassisten. Für Roland Zehrer war Heavy Metal nicht Unterhaltung, sondern Überzeugung und Lebenseinstellung. Seit dem 13. Lebensjahr war er als Tieftöner in diversen Bands aktiv. Hier seien mit Mental Disorder, Sengaya, Diabolos Dust, Wanted Inc. und Aeonblack nur die wichtigsten Stationen genannt. Roland war sehr häufig auf Konzerten sowie Festivals anzutreffen und fiel dort stets als positiver, humorvoller und bodenständiger Charakter auf. Am liebsten hörte er Prog/Heavy/Thrash-Metal, war aber stilistisch alles andere als mit Scheuklappen unterwegs. Nach einer überraschenden Krebs-Diagnose verstarb Zehrer am 10.11.2025 bedauerlicherweise im Alter von nur 48 Jahren. Glücklicherweise konnte er das fertiggestellte Solo-Album noch vor seinem Tod hören. Nähere Infos zur Musik findet ihr in der Rezension zu „Depression In Wait“ sowie zur Beschreibung von `Hammer & Nails` auf unserem CD-Sampler. An dieser Stelle sollen nun seine Frau, seine Kinder sowie ein musikalischer Wegbegleiter, welcher am Album mitgewirkt hat, zur Sprache kommen.

Roland Zehrer rgb

Roland und seine Frau lernten sich vor 22 Jahren auf dem Metal gegen Krebs Festival in Neukirchen bei Hl. Blut kennen. 21 Jahre waren sie ein Paar. „Roland war für mich der beste Mann, Freund, Vater und Musiker. Ich bin ihm für alles unendlich dankbar. Er hat uns immer, egal ob wir wollten oder nicht, etwas über Musik zu lehren. Manchmal wäre er fast verzweifelt“, lacht seine Frau Vroni. Als Roland erkrankte, war eine seiner ersten Fragen an sie, ob es zu „egoistisch“ ist, wenn er sich wünscht, dass sein Projekt noch fertig wird. „Ich habe ihn dabei unterstützt und ihm versprochen, dass wir das zusammen schaffen und alle nötigen Hebel in Bewegung gesetzt. An seinem Todestag bekam ich vormittags das fertig gemixte Album und spielte es ihm vor. Als das letzte Lead zu Ende war, hatte er mit einem Grinsen im Gesicht den Kampf beendet und ist für immer eingeschlafen“, erzählt Fr. Zehrer eine ergreifende Geschichte.

Es war nur möglich ihn das Album noch hören zu lassen, da Vroni große Hilfe von Freunden und seinen Musikerkollegen bekam. „Es verging fast kein Tag, an dem er seinen Bass nicht in den Händen hielt. Wenn man ihn manchmal durch Rufe nicht finden konnte, wusste man er ist im Proberaum! Er sprang aus heiterem Himmel von der Couch auf, nahm den Bass, spielte seinen Geistesblitz und sagte dann etwas wie: „Bitte seid mir nicht böse, ich muss kurz in den Keller und die Idee notieren!“, beschreiben seine Kinder den Vater. Seine Frau findet, dass das besondere an „Depression In Wait“ ist, dass jeder Song völlig eigenständig ist. Schon allein durch die Vielzahl an Musikern, die mitgewirkt haben. „Einer meiner Lieblingstracks ist `Hammer & Nails`, weil er inhaltlich eine sehr amüsante Geschichte über ein Wanted Inc. Konzert in Bielefeld erzählt, was mächtig in die Hose ging. Zweiter Kandidat ist `Banging For Liberty`. Vögeln für den Weltfrieden finde ich super“, gibt Vroni süffisant zu Protokoll. Auch wenn ihm Musiker beim Einspielen geholfen haben, schrieb bzw. verfeinerte er neben den Bassparts auch den allergrößten Anteil an den anderen Instrumentalspuren.

Die fürs Cover verwendete Grafik kaufte er vor ca. 2 Jahren von einem Künstler, da es ihm sehr gefiel. „Im Nachhinein betrachtet, ist meine Interpretation des Bildes Rolands Verfall und was der Krebs mit ihm gemacht hat“, ergänzt die Niederbayerin. Roland lief in jungen Jahren Hermann Weiß (Reaper`s Revenge, Wanted Inc.) bei einem Gig seiner damaligen Band Metalaxe über den Weg. „Er ließ sich im Oktober 1990 von seinem Papa hin chauffieren, da er selbst noch nicht fahren durfte. Unsere Show war mies, aber Roli war von dem wüsten Geschrubbel beeindruckt genug, um sich nach dem Konzert als Fan zu outen und eine Demo-Kassette zu erstehen. Das war der Grundstein für unsere Freundschaft. Wir haben uns später regelmäßig bei allen möglichen Metal Konzerten getroffen. Er war dann bald auch schon mit eigenen Bands am Start und entwickelte sich als Bassist enorm schnell und vielseitig weiter. Er pflegte den technischen Stil, war ein echter Lead-Bassist. Ich durfte dann 5 Jahre lang mit ihm bei Wanted Inc. zusammenspielen, wo er die Musik mit seinem Spiel und seinem exzellenten Songwriting prägte. Auf „Embarrassement To The Establishment“ von 2018 kann man das gut nachhören. Wir kamen damals recht weit rum. Ich erinnere mich noch an die Horrorfahrt von unserer Heimat im Bayerischen Wald zu unserem Gig nach Kiel in seinem provisorisch hergerichteten Chevy-Bus. Von dem Geschaukel wird mir heute noch übel. Eigentlich haben wir ständig miteinander gelacht, das war eine gute Zeit! Als er die Band verließ, hat es sehr lange gedauert, die Lücke auch nur ansatzweise musikalisch wieder zu kitten. Und dass er jetzt nicht mehr unter uns weilt, macht mich nach wie vor ziemlich fertig“, erzählt sein Freund Hermann.

Zehrer erzählte ihm schon vor der gemeinsamen Bandzeit, ca. 2015, als er bei Diabolos Dust spielte, von der Idee des Solo-Projekts. Eine Sammlung von Songideen, die er wegen fehlendem Konsens in seinen vorherigen Bands nicht verwerten konnte. Obwohl er immer in irgendeiner Band spielte und ein glücklicher Familienvater mit einem guten Job war, gab er das MANIC IMPRESSIONS Projekt nie auf. Er trieb es im Stillen voran und wartete auf den richtigen Zeitpunkt. „Es ist so unglaublich dramatisch, dass Roli das fertige Material zum ersten Mal in den letzten Augenblicken seines Lebens hörte. Ich mag alle Songs auf dem Longplayer gleichermaßen. Sie sind allesamt heavy, progressiv und technisch versiert. `Hammer & Nails` sticht dabei textlich heraus, weil es um einen Trip mit Wanted Incl. geht, der eigentlich filmreif wäre. Wir waren damals Support von Blind Illusion in Bielefeld und die Location war eine gammlige Industrie-Ruine. Mark Biedermann begrüßte uns mit der Frage, ob wir Speed für ihn hätten. Der Kerl hatte nur noch einen Zahn und spukte ständig, wollte während seinem Gig den Sound-Mann mit Kung-Fu-Moves verprügeln und machte auch noch Spagat auf der Bühne. Das Krasseste war dann folgendes: beim Blind Illusion-Gig verselbständigte sich irgendwann die Basstrommel auf den rutschigen Brettern und der Drummer rief verzweifelt nach `Hammer & Nails`, um das Teil fixieren zu können. Die Fans aber dachten, er würde einen Song ansagen und skandierten minutenlang lauthals `Hammer & Nails`, einfach unglaublich. Dieses und das weitere Geschehen hat Roli in den Lyrics des Songs verewigt“, gibt Weiß zu Protokoll. Als Zehrer vor ca. 2 Jahren dabei war bei Aeonblack einzusteigen, begann er ernsthaft mit der Umsetzung des Solo-Albums. Zu diesem Zeitpunkt fragte er Hermann, ob er einen Track einspielen würde. Er war sofort dabei uns steuerte dann Gitarren-Tracks für drei komplette Songs plus ein Solo für einen weiteren Song bei. „Roland hatte sich unter anderem den Geiger des Mekong Delta Albums „Dances Of Death“ tätowieren lassen. Das würde ich als einen wichtigen seiner Haupteinflüsse nennen. Ansonsten sind noch Coroner, Heaven`s Gate, Atrophy und Confessor zu nennen. Technisches Gefrickel, innovatives Bass-Spiel, break-lastiges Drumming und verdrehte Rhythmen waren sein Ding“, lässt uns der Musiker wissen. Neben den in der Rezension erwähnten Gastmusikern, hebt er persönlich noch Mike Wead (u. a. Hexenhaus, King Diamond, Mercyful Fate) besonders heraus.

Markus Wiesmüller

P.S.: Ein besonders starkes MANIC-IMPRESSION-Stück findet sich auf der Compilation-CD der Legacy-Ausgabe #161, die ab dem 27. Februar überall im Handel und via www.legacy-shop.com erhältlich ist.

Manic Impressions Cover cmyk RG