PROTZEN OPEN AIR @ Protzen, 18.-20.06.
Sommer, Sonne, Protzen. Bei einer Wettervorhersage von kuscheligen 27 bis 30 Grad Celsius und vereinzelten Wärmegewittern steht nicht nur musikalisch ein heißes Wochenende bevor. Zum 27. Mal öffnet Familie Grimmer mit ihrer Crew die Pforten für das traditionelle Protzen Open Air. Es wird mal wieder ein Festival, wie es im Buche steht: mit Wetterkapriolen, Stromausfall, ehemaligen Fernsehstars, Kultfiguren, jeder Menge Erdbeerbowle, ausverkauftem Eierlikör und ein paar hirnverbrannten Vollidioten. Aber der Reihe nach: Bereits am Donnerstag ist nicht nur der Campingplatz schon knackevoll. Reges Treiben herrscht auch an sämtlichen Tresen, an der Futterausgabe sowie vor und in den neuen Toilettenwagen, auch am Parkplatz zwei. Danke dafür!
DONNERSTAG, 18. MAI:
MORSROT haben die Ehre das große Fest zu eröffnen. Leider verirren sich zunächst nur wenige Besucher in den Hangar, um der musikalischen Raffinesse der jungen Wilden zu lauschen. Dabei ziehen die Malteser nicht nur gesanglich alle Register; das spielerische Repertoire reicht von melodischen Riffs bis hin zum brutalen Chaos seitens des Drummers. Kein Wunder, dass die Jungs das Wacken Metal Battle 2025 gewonnen haben – so viel Potential muss gefördert werden. Die nächste Band zieht etliche Neugierige in die Blechbüchse. HÆRESIS aus Berlin verpacken ihren hervorragenden Black Metal in viel Nebel und blauem Licht. Sängerin Christin kreischt sich emotional durch das Debütalbum `Si Vis Pacem Para Bellum´ und die Herren an ihrer Seite zaubern mit einer unglaublich druckvollen und epischen Untermalung, hier und da ein Lächeln in faszinierte Gesichter. Gänsehautmomente, in einer mittlerweile überdimensionalen Sauna. TRAITOR. Thrash. Nix Dolles aus Balingen? Irrtum galore. Natürlich spielen TRAITOR konventionellen Thrash Metal. Aber das tun sie mit einer Energie, die begeistert. Rumms. Bumms. Tack Tack Tack. Und der Hangar rastet wieder richtig aus. Wo bei HÆRESIS noch ent- und begeistert zugestaunt wurde, fangen die Leute jetzt langsam an, mitzumachen.
Was sich bei der folgenden Bande extrem steigern sollte. Ehrlich gesagt, nicht jeder mag bunte Hawaii-Hosen. Nur beim POA 2026 hatte gefühlt jeder eine an. Schuld sind STILLBIRTH. Was die anschließend in die blecherne Dose zaubern, spottet jeder Beschreibung. Die Leute rennen im Kreis, poltern übereinander, freuen sich des Lebens. Herrlich, diese Freude junger Menschen, ein Quell der guten Laune. Genauso dynamisch präsentiert sich die Band. Wer dachte STILLBIRTH ist Mist, der unterliegt einem `Global Error‘. Aber ne bunte Hose kaufe ich mir trotzdem nicht, SO! Die meisten Leute finden BLUTGOTT doof. Wegen dieser dreifach CDs, Veröffentlichungsflut, überflüssiger Maskerade und was-weiß-denn-ich. Fakt ist: Der Hangar ist zu Beginn leer, füllt sich immer mehr mit Leuten und Begeisterung. Denn Thomas und seine Monster spielen so tight wie ein maßgeschneiderter Bodysuit sitzt. Song wie `Blood For The Bloodgod‘ oder `King Of The Killers‘ mögen stumpf anmuten, grooven aber so geil wie ein 40-Tonner brummt, wenn er dir über den Fuß fährt. Und überhaupt wirkt die Band trotz stetig wechselnder Masken entspannt-sympathisch. Den letzten Song kündigt der BLUTGOTT gleich mehrmals an, sehr zur Freude dehnt sich der Auftritt wie ein Kaugummi, der aber bis zum Ende schmeckt. Und irgendwann ejakuliert der Hangar die Leute raus. Glücklich. Geil gegroovt.

Foto: BLUTGOTT
FREITAG, 19. MAI:
Der frühe Vogel fängt das Mettbrötchen - oder auch die anderen Leckereien, nebst Kaffee, die den Freitagvormittag einläuten. Leider haben auch in diesem Jahr wieder irgendwelche Vollpfosten einige Besucher im Schlaf bestohlen. Traurig aber wahr: Mittlerweile ist es gang und gäbe, dass auch auf Metal-Festivals Langfinger unterwegs sind. Also: Passt gut auf eure Sachen auf! Der Fixstern brennt, die Temperatur steigt, gewappnet mit Sonnencreme und Kopfbedeckung geht´s auf zur nächsten Runde.
GOREGONZOLA. So ein Käse. Aber wie auch auf dem PartySan sorgen die Grindcore-Kapellen für – ähem – einen Farbtupfer. Manch einer schüttelt den Kopf aus Unverständnis, manch einer vor Begeisterung. Wie die benachbarte Rostocker Camping-Crew, die sich vor Begeisterung in die knappen Schlüpper und sich früh (auf)- machen, um keinen der kurzen Songs zu verpassen. Grindcore ist vielleicht nicht jedermanns Sache. Aber wenn, dann macht das richtig Spaß! Und GOREGONZOLA sowieso. Weil der Song `Trumppletier‘ mit Maske vom Orangen noch besser kommt als sowieso schön. Herrlich, abgedreht und doch so ernst. Und nämlich kein Käse. So! TIGERCAGE aus Aschaffenburg rühren eine Person ganz besonders zu Tränen – unsere liebe Veranstalterin Andrea. Verständlich, wenn das Bruderherz dort oben auf der Hangar-Bühne steht. Frischer, abwechslungsreicher Punk-Hardrock mit ordentlich Metal-Einschlag. Songs wie `Naked In The Rain´ oder `Jungle Justice´ werden von Sänger Chris professionell dahingerotzt, der mit seiner herrlich verrückten Mimik und Gestik definitiv als echte Frontsau durchgeht. Coole Mucke, coole Band!

Foto: GOREGONZOLA
Vorhang auf für RAVAGER – und ja, wem der neue Sänger irgendwie aus der Matschscheibe bekannt vorkommt: Er ist es – Martin Kesici, einer der Gewinner der Casting-Show Star Search im Jahr 2003 und später Teilnehmer einiger weniger bedeutender TV-Formate. Nun steht er ziemlich nervös, aber auch dankbar mit der niedersächsischen Thrash-Combo auf den Brettern von Protzen und gibt stimmlich ordentlich Gas. Zum Leidwesen aller zieht ausgerechnet jetzt ein heftiges Gewitter auf, wodurch dem Fest die Lichter ausgehen und die Show von RAVAGER leider ein jähes Ende findet. Die Lampen sind wieder an und WARPATH haben den Vorteil, in einem fast trockenen Hangar zu spielen. Die Hütte ist gerammelt voll - nicht nur wegen des Regens, sondern auch, weil Dirk Weiss und seine Mannen absoluten Kultstatus genießen. Trotz des dreckigen, wütenden Thrash-Geballers entsteht zwischen den Hamburger Jungs und der jubelnden Meute eine gewisse Herzlichkeit. Es wird zugeprostet, über alte Zeiten gequatscht und die Kulthits `Paranoia´, `Massive´ und `God Is Dead´ textsicher mitgegrölt.

Foto: WARPATH
Zeit für Vitamin C in Form von Erdbeerbowle oder der neuesten Kreation – Erdbeerbowle-Slush! „Jeiler Ohlt Skuhl Däss, Alta!“ Das sage ein langhaaariger Freund, nachdem er begeistert vom MACERATION-Auftritt erzählt. Auch wenn das gefühlt auf zwei Drittel der Protzen-Kapellen zutrifft, so hämmert der junge Mann damit den Nagel affn Kopp. Genau wie übrigens die erfahrenen Mucker um Jakob Schultz von Invocator. Apropos: Invocator. MACERATION sind mitnichten Schweden, obwohl sie mit Bärten und Musik als solche durchgehen. Hoffentlich sind sie jetzt nicht böse… WOJCZECH, diese für Mecklenburg-Vorpommeranische Plattsnacker doch etwas ungewöhnliche Namensgebung ist genauso untypisch, wie der punkig-crustige Raudau für die protzeranische Niederung. `Grindcore No Talent‘ ist natürlich ausgemachter Unsinn, die können watt, die Jungs. Die Rostocker räumen ab. Ist auch ein büsschen voller im Hangar als später bei anderen Kapellen. Aber warm is. Zu warm.

Foto: MACERATION
FACEBREAKER! FACEBREAKER!! FACEBREAKER!!! Alter. Wenn es eine Kritik am diesjährigen PROTZEN OPEN AIR gibt, dann ist es der frühe Slot dieser schwedischen Legende. Vor PRO-PAIN, das wäre der richtige Platz gewesen. Aber gut. Is‘ nu nich. Kommt aber auch gut – statt Käffchen und Sahneschnitte, ein Bier kurz nach vier. Wie schon ein paar Tage zuvor schießen die Schweden alles zusammen. Scheiß egal, dass sie seit 2013 nix Neues gemacht haben, scheiß egal, dass es mit Jocke (auch Farsoth) einen neuen Sänger gibt. Solange `Dead, Rotten And Hungry‘, `Catacomb‘, `Zombie Flesh Cult‘ und alle anderen so geil kommen und die Groove-Maschine so gut geschmiert läuft wie ein V8 mit vollsynthetischem Hochleistungsöl, bleiben wir „Infected“! Eigentlich spielt es keine Rolle, in welcher Band Tausendsassa Remco Kreft mitwirkt – es ist und bleibt Hörgenuss mit Herzblut. Seit fünf Jahren gibt er die Werke von JUST BEFORE DAWN gesanglich zum Besten und verleiht dem einstigen schwedischen Projekt von Fimbul Winter und Ex-Amon Amarth-Gitarrist Anders Biazzi, an dem auch renommierte Namen wie Dave Ingram, Jonny Pettersson und zahlreiche Gastmusiker beteiligt waren, einen gewissen niederländischen Touch. Schweißgebadet walzen nun die musikalischen Schwergewichte über die Bühne und knallen dem ebenfalls tropfnassen Publikum nicht nur neuere Abrissbirnen wie `We Few´ und `Kill Zone´ vor den Latz. Mit `Market Garden´ und `Soulburner´ geht es, sehr zur Freude vieler, zurück in die Anfangsjahre. Ein Fest für die Magenkuhle mit einer Prise Bolt Thrower-Nostalgie.

Foto: JUST BEFORE DAWN
BONDED. Sodom. Bernemann. Hömma. Hurra, hurra, der Kohlenpott ist da. Auffe Bühne und davor. (Sind alle später auch zu Ressurected gegangen – Dortmund, Duisburg, Hauptsache nicht Italien, sozusagen). Mit dabei ist auch Eisenbaron Yorck, weil Speesy scheinbar ausgefallen/ausgestiegen, jedenfalls nicht mehr mit von der Partie zu sein scheint. Herr Bernemann nimmt sich Zeit für ‘ne Kanne und dann werten die Thrasher ihren ehedem schon total geilen Auftritt noch durch das Sodom-Cover `City Of God‘ auf. Jungä, Jüngä, bor globste, Donnerlüttchen! UNDERTOW haben einfach Pech. Die Baden-Württemberger gehören wirklich zum Besten, was die deutsche Metal-Szene zu bieten hat, aber sie spielen vor spärlich gefülltem Hangar. Gefühlte 93 Grad lassen Verständnis aufkommen, aber wie die Jungs auf der Bühne auftreten, ist aller Ehren wert. Ihnen ist weder die Enttäuschung über das ausbleibende Publikum anzumerken, noch die große Hitze. Unbeeindruckt zocken sie ihre irgendwie nach Gothic-Doom-Epic-Heavy-Metal klingende, eigenwillige Musik mit Freude herunter und beweisen mal wieder, dass sie einfach zu gut für diese Metal-Welt sind. Die qualitätsbewussten Fans, die im Hangar bleiben, die belohnen UNDERTOW mit einer fantastischen Mel-C-Version von `I Turn To You´ und der Ankündigung, dass die Band am zehnten Album werkelt. Toll.

Foto: UNDERTOW
Mit THE SPIRIT steht eine weitere Melodic-Death/Black Metal-Truppe auf der Running Order. Rasant fegen die Saarländer mit `Against Humanity´ über die Bühne leiden in ihren schwarzen Hemden zusehends unter der tiefstehenden Sonne, was der kühl-düsteren Atmosphäre glücklicherweise keinen Abbruch tut. Technisch herausragend prescht `Celestial Fire´ in die interessierte Menge und `Illuminate The Night Sky´ glänzt durch Melodie meets Geschwindigkeit. Mit knallroten Gesichtern, sichtlich erleichtert und unter respektablem Applaus verabschieden sich THE SPIRIT mit `The Clouds Of Damnation´ von der Bühne. Super Sache! DISHARMONIC ORCHESTRA. Ausgegraben. Warum, fragt sich der in die Jahre gekommene Metaller, weil er doch schon in den Achtzigern wenig mit den Österreichern im Pungentischen Fahrwasser anfangen konnte. Obwohl: Das Cover von „Not to Be Undimensional Conscious“ war schon geil und der Zeit mindestens genauso weit voraus, wie der Avantgarde Death Metal der Band. Für ein Schloss am Wörthersee wird das alles nicht gereicht haben. Erstaunlich. Aber eine Art Comeback in Protzen ist ja auch was Wert. `Life Disintegrating‘. Das ist kompliziert. Und warm. Darauf ein Rheinsberger. Das ist über das gesamte Festival erstaunlich kalt. Gut. Energiegeladen, fast wie ein Orkan stürmen BAEST die Mainstage. Keine Zeit zum Luftholen – ohne Umwege geht es direkt zur Sache, während Sänger Simon Olsen die Meute sofort zum fröhlichen Mitmachen animiert. Egal ob mit den Nackenbrechern `Colossus´ oder `Meathook Massacre´, die Dänen sorgen für reichlich Bewegung im Feld.

Foto: THE SPIRIT
BAEST zelebrieren Old-School-Death in Perfektion, haben dabei einen Riesenspaß und lassen nicht nur mit ihrer Songauswahl so manches Metalherzchen höherschlagen. Dass dabei `Necro Sapiens´ und `Stormbringer´ nicht fehlen dürfen, versteht sich von selbst. Sensationell! Italien hat es ja bekanntlich mehrfach nicht geschafft, sich mit seiner Fußball-Nationalmannschaft für die WM zu qualifizieren. In Protzen haben Metal-Bands vom Stiefel keine Probleme. Der Schreiberling fragt sich indes: Warum? Denn schon im 2023 nervten Fleshgod Apocalypse mit ihrem Plastik-Schwarz-Metall, jetzt gniedel-fiedelten HIDEOUS DIVINITY um die Wette. Klar, können sie ja. Manch einer fragte sich, warum die Jungs nicht wenigstens einmal zusammen einen Song spielen, anstatt sich gegenseitig in ihre Instrumentenbedienung gegenseitig zu übertreffen. Wer nun der Geilste war? Keine Ahnung. Fest steht, dass es wiederum richtig viele Fans gab, denen der Hochleistungs-Death-Metal gefiel. Und das ist ja die Hauptsache. War das eigentlich die grüne Cobra, die da ordentlich zugebissen hat? Und jetzt kommen auch noch die Amis in den Tennissocken. Schnarch-gähn? Im Gegenteil, auch pro-panischen sind wirklich cool, aber ob der Meskil-Onkel die anderen unbedingt covern muss?

Foto: HIDEOUS DIVINITY
Wenn die Hardcore-Veteranen PRO-PAIN auf dem Protzen Open Air spielen, ist nicht nur gemeinschaftliches Ausrasten angesagt. Die Band ist nämlich seit vielen Jahren ein gern gesehener Gast auf dem Festival. In diesem Jahr präsentiert der amerikanische Vierer nicht nur sein neues Album „Stone Cold Anger“, sondern steht wieder gemeinsam mit seinem ehemaligen Gitarristen Eric Klinger im Rampenlicht. Nach anfänglichen kleinen Problemen mit dem Mikro fällt der Startschuss für den Tanzreigen mit `Shreds Of Dignity´. In altbewährter Manier grooven sich PRO-PAIN von einem Song in den nächsten, stellen nebenbei den Neuling `Oceans Of Blood´ vor und lassen das Infield mit `Deathwish´ beben. Völlig Latte, welchen Titel Gary Meskil in den Nachthimmel brüllt; Stillstehen ist unmöglich. Zum Schluss wird nochmal die Klassikerrunde mit `Shine´ oder auch `Make War Not Love´ ausgepackt, bevor sich PRO-PAIN vom völlig ausgepowerten, lautstark `Terpentin´ mitgrölenden Mob und allen weiteren Anwesenden verabschieden. Und nein, PRO-PAIN müssen nicht die Onkelz covern. Gehört aber seit Jahren ins Programm, die Fans lieben es - warum es ändern? Danke für die Emotionen, die Erinnerungen, den Streifzug durch die Plattenkiste und die mit 17 Songs längste Setlist des Festivals. RETARDED NOISE SQUAD. Die heißen jetzt Mansfeld. Gibt’s also eigentlich nicht mehr. Nur nochmal für’s POA. Und die Squad zeigt, dass es in Halle mehr als Halloren gibt. Obwohl. Die produzieren ja auch nicht mehr in Halle, oder? Sind das wirklich Lederhosen und Tampon-Patronengurte? Sind Max und Moritz da? Wer sich nicht erinnern kann, ist gar nicht dabei gewesen. Prost. Death Metal? Grindcore? Avantgarde? Macke jedenfalls! Ein Rheinsberger für’n Weg, die Büchse Holsten am Nachtlager bleibt fast voll. Männer voll. Aber kein Leichenlager. Toll. Schräg auch. Nacht dann. Träumen von Bananas!

Foto: PRO-PAIN
SAMSTAG, 20. MAI:
Jetzt bittet der frühe Vogel zum fröhlichen Tanze mit den NDW DOC´S im Hangar. Laut altem Plan sollte DER MÜNZER an dieser Stelle für gute Laune sorgen. Da der Dudelsackspieler Matze jedoch verhindert ist, treten die Mannen kurzerhand als NDW DOC´S auf. Fans der Achtziger kommen mit `Goldener Reiter´, `Skandal im Sperrbezirk´ und weiteren Ohrwürmern aus dieser Ära voll auf ihre Kosten. Es wird getanzt, gesungen und gaaanz viel gute Laune verbreitet. Darauf einen Prosecco! DRILLSTAR AUTOPSY waren schon mal da. Kommen aus Eisleben. Was hoffen lässt, bei dem Wetter. Allerdings hilft das nix. Die Butze Hangar ist noch recht leer, der groovige KrachgrindDeath macht Lust, die Jungs sind humorig unterwegs. Aber nicht alle sind schon in der Lage dazu. Nee. Was die Sachen-Anhaltiner aber können: Zweimal an einem Tag. Denn sie donnern von Protzen in den wunderschönen Mückenbusch in Hessen. Und spielen auf der Peppery Stage. Krasse Typen.
Genau wie INFECTIVE DECAY. Ist das schon ‘ne All-Star-Band? Wenn der Patrick von Final Breath und anderen Kapellen singtbrüllt, Käse-Horst Gitarre spielt und Timo (Disbelief, Lay Down Rotten usw.) trommelt? Eigentlich auch egal, denn die Franken ballern wie die Kranken, dem Namen entsprechend. Dabei vergessen sie nicht die nötige Dosis Groove. `Forever Infernal‘? Würden die Fans im gar nicht mal so leeren Hangar unterschreiben. Arschtighter OSDM! Und jetzt wird es irre. Der wahnsinnige Herr Granzow aus Duisburg bittet auf der Hauptbühne alle Patienten in seine Praxis. Die Tieftöner RESURRECTED lassen nicht lange auf ihre kompromisslose Urgewalt warten. Schon im Opener `Unholy Intercession´ gräbt Christoph Mieves in den dunkelsten Ecken seiner Stimmbänder. Es wird geknüppelt, geschrubbt und unaufhaltsam übers Gelände gewalzt. Die Nackenmuskeln laufen nicht nur bei `Human Wrath´ oder `Sanity Is Lost´ zur Höchstform auf. RESURRECTED attackieren mit ihrer gesamten Setlist die Stützen der Halswirbelsäule und gehören damit zweifellos zur oberen Liga des Brutal Death Metals. Und nebenbei eröffnen sie dann einen Shop für Tanktops!

Foto: RESURRECTED
Dass der Hangar bei einer Außentemperatur von knapp 30 Grad nicht gerade zu den beliebtesten Orten an diesem Wochenende gehört, ist verständlich. Da stellt sich unweigerlich die Frage, wie wir das früher ausgehalten haben, als es in Protzen die Mainstage noch nicht gab. Wahrscheinlich hatten wir damals einfach noch keinen Blutdruck! Umso trauriger ist es, dass eine Band wie DUSTBORN gefühlt vor einer Handvoll Leuten spielt und viele das Konzert aufgrund der extremen Lautstärke lieber vom Eingang aus genießen. Die Herren aus Tschechien sind mit ihrem symphonischen Black/Death Metal keineswegs zu verachten. Auch das Bühnenbild mit Grabstein und einem in einen Steinhaufen gesteckten Banner fällt sofort ins Auge. Abwechslungsreicher Gesang und teils epische Melodien kommen schon beim Opener `Unconcealed Atrocities´ zur Geltung. Jeder Song hat seine schönen Momente, besonders bei `River Stained Red´ bleiben orientalischen Parts im Ohr. DUSTBORN hätten definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient. Schade für die Jungs. Alte Scheiße. Was ist denn das??? Wie geil sind bitte KEITZER. Der geneigte Schreiberling konnte die Kapelle gar nicht erst zuordnen, verwechselte die Nordrhein-Westfalen im Vorhinein mit Ketzer, kaufte sich zusammen mit einer Erdbeerbowle aber ein „i“. Und sah begeistert zu, wie die Death Metal-Grinder alles kurz und klein kloppten. „Nicht lange labern, immer weiter“ sagt Sänger Christian Chaco und wütet herum wie eine Mischung aus Barney und Wolverine. Heidewitzka, mache KEITZER einen Dampf, vielleicht eine der überraschendsten Formationen des gesamten Festivals. `Scorned Messiah‘? Fuck off auf alles! Mächtig gewaltig, ihr Egons.
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Foto: KEITZER
METALL. Is‘ geschmolzen. Zu weich für den Ostkult. Ärgerlich. Dem Vernehmen nach war der Heavy Mezal aber wesentlich mehr als ein schnöd-nostalgischer Blick zurück. Mal die neue Scheibe hören. Alter Schinunse: Kann ein Songtitel geiler sein als `Fucking Your Corpse In Hell‘? Mächtig viel Dead und Kill und Cannibal und Knife – also mit Alles – lieferten die Schweden GRAVESTONE so zuverlässig wie DHL nicht in den Briefkasten. Sie wirken mies gelaunt, tragen Lederkutten wie Watain, nur mit Körper drin. Und spielen Death Metal. Schweden, HM2, brummelig, aber urst dufte. Wie kann man nur so so arschtight sein und gleichzeitig so non-chalant. Hammergeil. Oder: Det var helt fantastiskt
CASKET. Auf Platte unspektakulär, aber ehrlich. Im Hanger ehrlich. Aber nicht unspektakulär. Eigentlich wie Gravestone, aber nicht so schwedisch. Death Metal alter Schule präsentiert das Trio aus Reutlingen bei arschgutem Sound und mit viel Spaß. Den hatten auch die inzwischen recht zahlreichen Fans im Hangar. Zielgruppe erreicht. „Hammer, Knife, Spade“ - nur, dass ihr’s wisst!
Es füllt sich auf dem Acker vor der Hauptbühne. DECEMBRE NOIR gelten schließlich seit vielen Jahren als Garant für hervorragenden, melancholischen Doom Death Metal. Umso erfreulicher ist es, dass inzwischen kein Geringerer als der ehemalige DISBELIEF-Bassist Jochen Trunk alias Joe den Viersaiter zupft. Gleich zum Auftakt entscheidet sich das Quintett für den ergreifenden Song `Hope/Renaissance´ und legt mit `Small.Town.Depression.´ noch eine Schippe Schwermut nach. Das Publikum lauscht gebannt den düsteren Klängen von `The Forsaken Earth´, wodurch der eine oder andere bereits mit verträumtem Blick auf die Bühne starrt. Nicht nur die packenden Kompositionen und die Vielseitigkeit von Fronters Lars, sondern auch die starke Bühnenpräsenz machen DECEMBRE NOIR zu einem besonderen Live-Erlebnis. Mit `Your Sunset, My Sunrise´ findet der Gig schließlich einen perfekten Abschluss.
Wie viele geile Thrash-Bands gibt s eigentlich in Berlin. SPACE CHASER gehören dazu. Das beweisen sie auch in Protzen in der Ostprignitz. Die Thrash-Völker hören die `Signals‘, die Internationale träumt vom `Atom Crusher‘. Fett.
Fett und blutig sind auch F.K.Ü. Die verrückten Schweden beschwören den `Rise Of The Mosh Mongers‘ und lassen sonst auch keinen imaginären Stein auf dem anderen. Thrash mit punkiger Schlagseite ist aber am frühen Abend nicht genau das Richtige, es sei denn man ist Turbo-Fan der band, davon gab es ja auch in Protzen 2026 so einige.

Foto: DECEMBER NOIR
PURGATORY sind anders. Anspruchsvoller, irgendwie ernster. Aber eben auch richtig gut. Im Hangar? Naja, immerhin sowas wie der Headliner. Die erfahrene Band aus dem wunderschönen Nossen hatte keine `Fear of the Night‘. Warum auch? Wer so auf den Punkt spielt, muss niemanden fürchten – und hätte eigentlich auch die große Bühne verdient. Der Samstagabend steckt voller Highlights – eines davon ist zweifellos die schwedische Combo FIMBUL WINTER. Vor drei Jahren riefen drei ehemalige Amon Amarth-Mitglieder gemeinsam mit dem australischen Shouter Clint Williams eine neue Formation ins Leben. Was daraus wurde? Schwedischer Melodic-Death Metal vom Feinsten, mit einem leichten Hang zu den Anfangstagen der frühen Neunziger. Da sind sie nun. Vier gestandene Männer und eine asiatische Schönheit am Bass, die mit `Crowned In Ash´ sogleich einen vielversprechenden Vorgeschmack auf die kommenden 45 Minuten liefern. Vorgestellt wird natürlich die EP „What Once Was“ und, als könnte es kaum passender sein, klingt der gleichnamige Song wie aus den guten alten Tagen von Amon Amarth. FIMBUL WINTER ziehen alle musikalischen Register, begeistern das Publikum und ganz nebenbei eröffnet Sänger Clint einen Circle Pit im Infield. Der wunderbare Ohrwurm `Mounds Of Stones´ läutet leider das Ende des grandiosen Auftritts ein, der Tränen im Auge und ein unbeschreibliches Glücksgefühl hinterlässt.
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Foto: FIMBUL WINTER
Von schönen Melodien geht es nun zu abgrundtiefem Gegrowle. AVULSED. In neuer Formation und mit Neuling „Phoenix Cryptobiosis“ im Gepäck lässt Hüne Dave Rotten mit `Lacerate To Dominate´ ohne Umschweife die Nackenmuskeln kreisen. Das musikalische Gemetzel reicht mit `Stabwound Orgasm´ und `Blessed By Gore´ bis in die Neunziger zurück, sehr zur Freude der eingefleischten Fans, denn diese Songs sind einfach Pflicht. Richtig spaßig wird es spätestens dann, als Dave Rotten Kunstblut in die Gesichter seiner Anhänger schmiert und sich schließlich selbst damit überschüttet - `Gorespattered Suicide´ eben. Krasse Mucke, geniale Show - AVULSED sind einfach eine Bank. Alter, wie der Rotten propeller-bangt und gleichzeitig brüllwürfelt, das ist die wahre Wonne. Kinder und Fast-Rentner – nicht nachmachen. Sonst fallt ihr um!
Die letzten Bands stehen in den Startlöchern, was leider bedeutet, dass drei wundervolle Tage voller lustiger Gespräche, bleibender Eindrücke, emotionaler Momente und einiger Liter Erdbeerbowle zu Ende gehen. Doch bevor die große Abschiedsrede gehalten wird, darf noch der Kunst von ROTTING CHRIST gelauscht werden. Wenn die Griechen die Bühne betreten, gibt es kein Halten mehr. Noch bevor der erste Ton erklingt, ist die Meute außer Rand und Band. Einen epischeren Einstieg, als `Dies Irae´ kann es für ein ROTTING CHRIST-Konzi kaum geben. Seit fast vierzig Jahren ist Frontmann Sakis Tolis die Stimme der Band und tobt noch immer, strotzend vor Energie, von links nach rechts und umgekehrt. Ob der mit indianischer Folklore geprägte Song `Apage Satana´ oder `Elthe Kyrie´, der mit seinen anklagenden Melodien unter die Haut geht - die Songauswahl des heutigen Abends führt querbeet durch die musikalische Vielseitigkeit der Hellenen. Ein in rot-blaues Licht gehülltes, fesselnd-wuchtiges Livespektakel wird serviert und erreicht `Grandis Spiritus Diavolos´ sowie `The Raven´ seinen Höhepunkt. Nach so viel geballter Energie und griechischen Predigten schreit es nach einem Eierlikörchen! Verdammt, leider ausverkauft! Dann gibt's halt nen Pfeffi. Im Hangar lassen CONFUSION MASTER den letzten Abend des diesjährigen Protzen Open Airs ausklingen. Puuh.

Foto: ROTTING CHRIST
Es war mal wieder ein Fest, mit wahnsinnig guter Mucke, leckerem Essen, viel Flüssigkeit, lieben Menschen, toller Crew und unvergesslichen Momenten. Darauf noch die letzten Marken umgesetzt! PS: War übrigens prima Idee, die 50 Cent-Marken durch Ein-Euro-Wertmarken zu ersetzen.
Bis zum nächsten Jahr!
Fotos & Text: Manon Tolg und Bruno Kaiser
