Masters Of Rock: Interview mit Max Cavalera - A MÚSICA E MAGIA
Im Rahmen des Masters of Rock Festivals in Tschechien bekamen wir die Möglichkeit, mit Max Cavalera ein kleines Interview zu führen. Aufhänger ist die heutige Live-Performance des Klassikers „Chaos A.D.“ von 1994 unter dem Banner CAVALERA. Der Brasilianer hat nach einem überwundenen Magengeschwür sehr deutlich an Gewicht verloren und sieht sehr gesund und vital aus. Ob ihm das Abnehmen wirklich nur durch das Weglassen von exzessivem Coca-Cola-Konsum gelang oder mehr im Spiel war, sei dahingestellt. Jedenfalls ist der Sänger als auch seine Frau und Bandmanagerin Gloria heute gut gelaunt und auskunftsfreudig.
„Ja, wir spielen heute das gesamte „Chaos A.D. Album, allerdings nicht in der Original-Reihenfolge. Das große Highlight `Territory` heben wir uns z. B. bis zum Schluss auf. Wenn wir jemals einen „Hit“ hatten, dann wäre es dieser Track. Und wir streuen auch B-Seiten mit ein. Das Album hat, wie ich finde einen großartigen Spannungsbogen und nimmt Dich mit auf eine Reise. `Kaiowas` in der Mitte des Sets als Akustik-Song. Dann sehr harte und groovige Songs, die sich mit schnellen Thrashern wie `Biotech Is Godzilla` abwechseln“, findet der 57-jährige. Der Longplayer war ein mutiger Schritt vom klassischen Oldschool-Thrash weg zu groovigeren Midtempo-Songs mit tiefergestimmten Gitarren, den viele Fans damals so nicht auf dem Zettel hatten. Vieles was danach mit „Roots“ oder später Soulfly kam, baute darauf auf. „Das Schöne daran ist, dass es wirklich organisch beziehungsweise ungezwungen aus uns herauskam. Wir dachten damals, dass es für uns im klassischen Thrash unmöglich wäre, „Beneath The Remains“ oder „Arise“ zu toppen. Als Musiker ist es gut, wenn du so denken kannst. Und dann natürlich etwas Neues aus dir herausfließt. Etwas Neues, das aber genauso erfüllend ist“, erklärt Max.

Die natürliche, trockene Produktion mit schneidendem „mittigem“ Gitarrensound sucht heute seinesgleichen. Aus der gleichen Zeitspanne wäre „Cleansing“ von Prong oder „Renewal“ von Kreator zum Beispiel ein guter Vergleich. „Andy Wallace war damals fast das fünfte Bandmitglied. Er ist ein Meister seines Fachs, ein wahrer Magier was seine Arbeit angeht. Es gelang ihm eben Slayers „Reign In Blood“ genauso zu veredeln wie etwas von Madonna zu remixen. Er gab uns am Ende des Songwriting-Prozesses auch Ideen, die gewöhnlich von innerhalb der Band kommen. Zum Beispiel fing `Territory` ursprünglich mit Gitarre an. Als Igor dann mit dem Tribal-Drumbeat ankommt (singt den Rhythmus vor), sagte er, dass das Stück doch unbedingt so starten sollte und wir uns die Gitarren für später aufheben sollten. Und dieser Ansatz war genial. Wie du liebe ich auch den Sound der Platte. Wenn Du von seinen Arbeiten zum Beispiel an Longplayer von Fishbone wie „Give Monkey A Brain…“, „End Of Silence” von Henry Rollins oder “La Sexorcisto” von White Zombie denkst. Bei letzterem LIEBE ich den Drumsound“, schwärmt der Familienvater. Auch bezüglich Aufnahme des Gesangs wurde eine spezielle Herangehensweise ausprobiert. „Ich hasse es in dieser klassischen Studio-Gesangskabine zu singen. Du hörst alles andere so isoliert. Ich sagte zu Andy, ich will alles laut so wie in der Live-Situation hören und es klassisch einsingen. Also stellte er mich direkt vor eine große, voll aufgedrehte PA, die mir sehr laut entgegen blies und stellte mir ein klassisches Live-Mikrofon hin. Ich teilte mit ihm meine Bedenken, dass dies den Sound negativ beeinflussen würde. Er meinte nur, dass ich dies seine Sorge sein lassen solle und mich voll auf die Performance konzentrieren könne. Letztendlich war diese Vocal-Tracking Session von allen Alben, die ich gemacht habe, eine meiner liebsten. Ich finde der Gesang ist sehr kraftvoll eingefangen und ergibt zusammen mit den Lyrics etwas bedeutungsvolles“, resümiert Mr. Cavalera.
Eine weitere Besonderheit der Aufnahmen war, dass `Kaiowas` im Chepstow Castle in Südwales aufgenommen wurde. „Das war eine verrückte Idee, die ich hatte. Ich bin damit aufgewachsen, zu sehen, dass Pink Floyd in Pompei spielen etc. Und eine brasilianische Band, die einen Song über einen Stamm and so einem Ort aufnahm, gefiel mir. Andy sagte das wird ein Albtraum, aber ich liebe es, haha. Sie mussten hunderte von Metern an Kabeln ausleihen, die von einem mobilen Aufnahme-Van aus bergauf verlegt wurden. Teile der Burg hatten keine Mauern. Deswegen hörst du mit guten Kopfhörern auch eine Möwe schreien und am Anfang brasilianisches Gebrabbel in der Aufnahme“, gibt Max süffisant zu Protokoll. „Die Geschichte hinter dem Stamm ist mächtig und sehr tiefgründig. Sie lehnten ab, dass ihnen ihr Land genommen wurde. Als Protest brachten sie sich alle selbst um. Wirklich einige hundert Leute. Das ist eine sehr dunkle, aber auch kraftvolle Geschichte. Es war damals ein ultimatives Fuck-Off an die Regierung“, resümiert der Gitarrist. Die Grundidee von `Kaiowas` wurde durch Bands wie New Model Army und The Mission inspiriert. „`The Hunt` von New Model Army nahmen wir ja sogar als Cover auf das Album. Aber am meisten hatte uns damals das „The Children“-Album von The Mission beeinflusst. Solch Mantra-artige hypnotische Akkorde und Melodien finden sich haufenweise darauf (singt das Hauptriff von `Kaiowas`). Zu dieser Zeit war für uns typisch, vor der Show solch ruhige Sachen gerne zu hören. Und nach der Show dann möglichst brutale Musik. Napalm Death aber auch Bolt Thrower stand zu dieser Zeit hoch bei uns im Kurs. Während der Ozzy-Tour kam Zakk Wylde mal in unseren Tourbus und frage uns, was zur Hölle wir da für aggressives Geballer hören. Das sei doch noch härter als unser eigenes Zeug. Ja und genau deswegen mögen wir es so war unsere Antwort“, lacht der Musiker.
Die erste Hälfte der 90s war auch eine Zeit von vielen neuen Stilrichtungen, Kollaborationen über Genre-Grenzen hinaus und Festivals wie Dynamo in Eindhoven welche all diese neuen Facetten perfekt vereinten. In diesem Kontext entstand auch die Idee diverser Gastbeiträge, welche mit „Roots“ und später Soulfly dann noch intensiviert wurden. „Even Seinfeld von Biohazard hat den Text von `Slave New World` mitgeschrieben. Und der Text von `Biotech Is Godzilla` stammt ja von Jello Biafra. Ich hätte auch gerne seine einzigartige Stimme mit eingesetzt, aber das funktionierte damals nicht. Ich habe Musik nie als Wettbewerb gesehen, sondern als Union und Zusammenarbeit. Dieser Grundgedanke kommt eigentlich aus der Hip-Hop-Szene, wo dies üblich ist. Lieber die Welt zusammen erobern, statt zu konkurrieren und sich das Leben gegenseitig schwer zu machen. Heute gibt es unter Bands viel mehr Rivalität als früher. Ich nenne jetzt bewusst keine Namen, aber es gibt Bands, die nicht mal "Hi" sagen und sich wie die großen Rockstars benehmen. Wir sind alle freundliche, bodenständige Typen und es geht vorrangig darum, Spaß und darum eine gute Zeit zu haben. Bei Underground-Bands gibt es aber immer noch großartige Truppen wie z. B. Fulci oder Genocide Pact. Sie haben viel Respekt vor meinem bisherigen Schaffen und es macht immer Spaß zusammen zu spielen. Was mir zuletzt auch richtig Freude gemacht hat, war, als Gojira sich vom Bühnenrand unsere „Chaos A.D.“ Show angesehen haben. Mit perfekt gespielter Luftgitarre imitierten sie echt jedes einzelne gespielte Riff. Und wenn ich hinblickte, fiel mir auf, dass es korrekt war und sie es wirklich richtig spielen können“, schmunzelt Max. `Refuse/Resist` ist immer noch sein Favorit der Platte. „Der Track entfesselt so etwas wie Gewalt und Wut in einem. Du willst dann Dinge kaputt machen. Es ist Riot-Musik und das Eröffnungs-Riff ist eines meiner absoluten Favoriten. Ein Hard-Hitter und es macht unglaublich viel Bock es Live zu spielen. Der schnelle Thrash-Part in der Mitte ist auch cool“, findet der Bandkopf.
Nailbomb hätten eigentlich eine Eintagsfliege sein sollen. Eine Platte und einzelne Shows, dann konsequente Auflösung – so lauteten die damaligen Regeln. „Ja wir haben diese nun etwas verbogen. Zum einen haben viele junge Fans es nie live sehen können. Und zum anderen ist die Musik wie dafür geschaffen, live aufgeführt zu werden. Es macht uns einfach auch unglaublich viel Spaß, das Material zu performen. Die Grundidee der Band war ja auch, so ein Underground-Ding mit vielen Leuten zu fahren, die man nicht kennt. Diesen Vibe verkörpern wir heute irgendwo auch wieder recht gut. Natürlich war die Show mit 120.000 Leuten auf dem Dynamo 1995 besonders. Aber halte mich verrückt, ich fand die kleine am Tag davor in einem Club viel intensiver und stimmiger. Oder auch der Gig auf dem Bloodstock Festival letzten Sommer. Stimmung und Vibes haben dies übertroffen. Es war übervoll und die Energie vor der Bühne einfach unglaublich. Genau wegen solchen Momenten bin ich froh, dass wir Nailbomb zurück auf die Bühne gebracht haben“, erklärt der Bandgründer. Neue Musik unter diesem Namen zu veröffentlichen ist zwar nicht ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich. „Ich müsste Alex Newport davon überzeugen können dabei zu sein. Und die Musik müsste wirklich gut und mindestens auf Augenhöhe mit „Point Blank“ sein. Und dieses Werk zu übertreffen ist brutal schwer. Selbst bin ich gar nicht mehr viel mit ihm in Kontakt. Aber meine Frau Gloria ist sehr gut mit ihm befreundet und sie sprechen regelmäßig. Ich hätte grundsätzlich schon Lust darauf, aber es liegt aktuell nicht konkret auf dem Tisch“, lässt uns Max wissen. Er bestätigt den Eindruck, live wieder mehr Gitarre zu spielen und auf eine tighte Gitarrenwand Wert zu legen. „Die Idee live nicht immer Gitarre zu spielen war auch von Bands wie New Model Army inspiriert. Mir gefiel eine Zeit lang die Freiheit auf der Bühne und mich mehr auf den Gesang zu konzentrieren. Aber du hast recht, ich habe aktuell live wieder eine engere Verbindung zur Gitarre aufgebaut. Es ist mir gerade bei „Chaos A.D.“ wichtig diese Zwei-Gitarren-Wand zu haben und so tight wie möglich zu performen. Du wirst es heute hören!“, reflektiert der Klampfer. Die double-duties mit Soulfly und Nailbomb auf der kommenden Tour kriegt er gut hin. „Ich hatte dies schon einmal auf einer zweiwöchigen Tour in Australien gehabt. Man muss auf sich achten und gut vorbereitet sein. Und klar ich muss mir für Soulfly dann noch Energiereserven aufheben und kann nicht schon mit Nailbomb alles verpulvern. Es hilft aber auch, dass die Bands stilistisch sehr unterschiedlich sind. Erst schneller Industrial-Punk und anschließend viel grooviger Stoff und Jams mit Soulfly. Wie Du weißt, habe ich mich „Chama“ deutlich zu den Anfängen zurückbewegt. Und wir haben das Material des Albums noch nicht in Europa performt. Deswegen freue ich mich sehr auf dieser Tour“, so Cavalera. Album-Pläne unter diesem Banner gibt es aktuell nicht. „Derzeit bin ich in der Riffschreib-Phase mit Go Ahead And Die. Ziel ist es im Januar das neue Album fertig zu haben. Der Fokus liegt bei kurzen Songs von 2 Minuten, Underground-Sound, Punk-Einfluss und voll auf die Fresse. Es wird wohl härter als die bisherigen Scheiben werden. Und wir haben ein paar Shows mit Cannibal Corpse und Slayer auf die ich mich sehr freue“, fasst der Riffmeister seine nächsten Pläne zusammen.

Trotz einer langen, sehr erfolgreichen Karriere hat sich Max noch weitere Träume und Ziele bewahrt. „Es gibt eine Menge Theorien über Musik. Mir ist egal was diese Wissenschaftler sagen. Nenn es Magie, nenn es Spirituell. Egal! Fakt ist, dass mit und durch Musik Dinge passieren, die Menschen nicht erklären können. Dinge, die ohne Musik nicht stattfinden. Neue Musik zu erschaffen und damit live Spaß zu haben, ist mir in diesen Tagen wichtiger als alles andere. Was Touren betrifft, würde ich gerne ausgiebig in Indien oder noch weiter östlich spielen. Es gibt auch Ecken in Nordafrika in denen wir noch nie waren. Und es ist immer besonders, in einer Stadt aufzutreten, in der wir noch nicht waren. Bei einem Musiker ist es wie bei einem Maler. Du kannst Dein Meisterstück auch noch mit 60 abliefern. Es ist vielleicht schwer, aber nicht unmöglich. Evtl. gelingt es mir ja noch, dieses besondere bewusstseinserweiternde Alterswerk zu erschaffen. Diese Motivation treibt mich an. Es ist gut als Musiker diesen hartnäckigen Gedanken im Kopf zu haben. Und bei Musik ist wie bei Kunst das Alter nicht so relevant, sondern die Geisteshaltung. Diese Einstellung vieler Maler inspiriert mich“, philosophiert Mr. Cavalera. Bei der heutigen Zeit kommt durchaus in den Sinn, ein wütendes Album zu machen. „Irgendwie schreit die Welt gerade danach, oder? Ich sagte schon auf "Chaos A.D." „silence equals death“. Wenn Du nicht aufstehst und den Mut hast zu sagen, was Du denkst und fühlst, machst Du dich mitschuldig. Es ist wichtig seine Meinung zu sagen, auch wenn Dein Gegenüber es anders sieht. Das neue Go Ahead And Die Album wird ein große „Fuck You Trump Scheibe“. Den Song zu ICE hatten wir aber z. B. schon auf dem ersten Album, bevor jeder darüber sprach und es in den Medien durchgekaut wurde. Aber sind wir mal ehrlich. Ich hasse alle Politiker – nicht nur Trump. Sie sind alle irgendwo böse. Nur es gibt welche, die weniger evil als dieser Typ sind. Stellenweise ist sein Größenwahn schon echt krass“, holt Max aus. Als Beispiel landen wir bei der Beeinflussung von Trump zur Fußball-WM in den USA. „Warum mischt er sich in dem Turnier ein, obwohl er nichts von dem Spiel versteht? Und dann hat er auch noch bekommen, was er wollte. Von der Leistung es brasilianischen Teams war ich enttäuscht. Wir brauchen keinen reichen italienischen Millionärs-Coach, sondern einen aus dem Ghetto. Jemand der hungrig ist und aus den Favelas kommt. Vielleicht jemanden Wie Ronaldinho. Diese Mentalität muss wieder Einzug halten und da kommt der brasilianische Fußball her. Schön gespielt aber mit Drill und wütend. Eigentlich war die ganze WM ziemlich komisch. Und Argentinien war wieder im Finale und irgendwie fühlt man sich beraubt. Dass in dem Spiel gegen Ägypten denen das Tor nicht geben wurde. Weil viele Messi wieder im Finale sehen wollen. Irgendwie ist das auch Politik. Die argentinischen Fans werden mich dafür hassen aber lass es drin, denn ich sehe das so“, sagt der Fußball-Fan.
Markus Wiesmüller
