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Nachruf auf MIKE BROWNING (1964-2026)

Wenn man sich den heutzutage angerührten Todesmörtel anschaut, dann gibt es so ziemlich nichts, was es nicht gibt. Jedes Instrument war schon mal involviert, jedes Thema wurde bereits verarbeitet.

Vor 35 Jahren konnte davon keine Rede sein. Death Metal besaß zwar auch damals schon verschiedene Klangfarben, war aber ausnahmslos brutal. Keyboards kamen nur in Nuancen vor – beispielsweise 1991 in den Zwischenspielen auf „Testimony Of The Ancients“ von Pestilence, das dadurch zum aufsehenerregenden Progressiv-Werk hochstilisiert wurde. Ein Drummer aus Tampa/Florida hatte bereits damals seine eigenen Vorstellungen davon, wie diese extreme Spielart zu klingen hatte. Nun ist MIKE BROWNING mit 62 Jahren viel zu früh von uns gegangen.

Als jener MIKE BROWNING 1990 mit seiner Band Nocturnus das wegweisende „The Key“ veröffentlichte, staunten viele Fans und Musiker nicht schlecht. Ein Keyboard als fester Bestandteil einer Death Metal Band? Ein Sci-Fi-Textkonzept, das eher zu Voivod als zu Deicide passen würde? Konnte das klappen?
Es konnte. Denn mit Nocturnus wurde all das so umgesetzt, dass es die Die-Hard-Fans dennoch überzeugt hat. Progressive, aber dennoch brutale Klänge in der Schnittmenge von Morbid Angel und Death, viele Tempowechsel, das unheilvoll im Hintergrund lauernde Tasteninstrument und MIKEs fauchendes Organ, dass dem Ganzen Leben und Feuer einhauchte, sorgten dafür, dass sich „The Key“ zum Publikumsliebling und Genre-Klassiker entwickelte.

Die „Visionen der dunklen Seite“ brachte der 1964 in Tampa geborene MIKE BROWNING formidabel und beinahe visuell so stimmig an den Hörer, dass niemandem mehr auffiel, dass hier neben dem Geschepper ein Teppich ausgelegt wurde, über den man ins Traumland gehen konnte.

Zu Beginn seiner Karriere teilte BROWNING diese Visionen noch mit seinem kongenialen Partner an der Klampfe, Trey Azagthoth, mit dem er ab 1983 zusammenarbeitete und schließlich Morbid Angel gründete. Allerdings hielt die Bandharmonie nur für ungefähr drei Jahre. Neben diversen künstlerischen Auseinandersetzungen kam es zwischen den beiden kreativen Okkultismus-Fans BROWNING und Azagthoth schließlich zu einer handfesten Auseinandersetzung, als MIKE einer Affäre des Gitarristen mit seiner Freundin auf die Schliche kam. Konsequenterweise stieg der Drummer aus. Das 1986 eingespielte Morbid Angel-Debüt „Abominations Of Desolation“ wurde erst 1991 veröffentlicht, da Trey es als Demo ausgab, das den Bandstandards nicht genügte. In Bootlegger-Kreisen war das Ding allerdings hoch angesehen, weshalb Earache es 1991 doch noch offiziell herausbrachten.

MIKE BROWNING legte nach seinem Ausstieg allerdings keinesfalls die Hände in den Schoß, sondern gründete 1987 seine eigene Band Nocturnus, mit der er 1990 das bereits angesprochene Jahrhundertwerk „The Key“ veröffentlichte. Jenes Album ist nicht nur Blaupause für viele spätere Black Metaller, die entdeckten, wie man aggressive Musik mit der richtigen Dosis an Synth-Klängen noch packender und unheilvoller gestalten kann, es half auch Bands auf die Sprünge, die zwar technischer aber nicht weniger brutal klingen wollten. Ein Song wie ‚Visions From Beyond The Grave“ fasst beide Aspekte zusammen und dürfte bei nicht wenigen Musikern zu einem Aha-Effekt geführt haben. Kombiniert mit BROWNINGS Fauch-Vocals, die exakt auf den jeweiligen Drumbeat gelegt wurden, ist „The Key“ eine der innovativsten Veröffentlichungen der Metal-Geschichte. Dass der umtriebige Drummer nach der nächsten Scheibe „Thresholds“ (1992) von seinen Kollegen bereits wieder gefeuert wurde, ist ein Indiz dafür, dass MIKE wohl auch zeitlebens seinen eigenen Kopf hatte. Erwähntes Album verblasst übrigens gegenüber dem Debüt. Zudem wurde BROWNING als Sänger ersetzt. Die verbliebenen Nocturnus-Mitglieder gaben zwischenmenschliche Differenzen als Trennungsgrund an. Ob das nun bedeutet, dass MIKE schwierig im Umgang war? Es gibt unzählige Aussagen von Wegbegleitern, Freunden und Kollegen, die beteuern, dass dem nicht so war. Im Gegenteil: Freunde betonen, dass MIKE BROWNING ein extrem umgänglicher und aufmerksamer Dude gewesen sein soll. Er widmete sich mit großer Leidenschaft seiner Musik und seinen Interessensgebieten Science Fiction und Okkultismus. Zudem nahm er sich teils stundenlang Zeit für Fans, die nach Konzerten mit ihm sprechen wollten. In seinen Folgebands After Death und Nocturnus AD blieb MIKE jahrzehntelang und verkehrte freundschaftlich mit seinen Bandkollegen. Schließlich wird er als liebevoller und fürsorglicher Vater seiner 2007 geborenen Tochter beschrieben.

Was uns bleibt, ist die Erinnerung an einen der ganz großen Innovatoren des Metal. Ohne ihn wären Morbid Angel nicht denkbar gewesen. Und die Entwicklung der ganz harten Musik hätte ohne BROWNINGS Input wohl auch einen anderen Verlauf genommen.

Thank you for the music and REST IN POWER, MIKE BROWNING

Marcus Italiani

NachrufMike R