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MANI NEUMEIER - Der Band-Schamane

Das Interview mit Kawabata Makoto vor einiger Zeit an dieser Stelle verwies unter anderem auch auf ACID MOTHERS GURU GURU, die Band, in der der Japaner in schöner Regelmäßigkeit zusammen mit Mani Neumeier Musik macht. Besagter Schlagzeuger wiederum ist seit 1968 mit GURU GURU zugange, die gemeinhin der Krautrock-Szene zugerechnet werden, obschon diese Umschreibung lediglich der kleinste gemeinsame Nenner ist, unter der man die Musik der Formation einordnen könnte. Denn Rock ist im Sound von GURU GURU lediglich ein Aspekt, darüber hinaus gibt’s da viel mehr zu entdecken, von (Free-)Jazz über Blues bis hin zu Psychedelic wird so ziemlich alles in die für diese Gruppe typische freie Interpretationsweise gepackt. Heraus kam seit jeher etwas Unvergleichliches, Originelles, für das Mani & Co. weltweite Beachtung fanden.

Ein Interview mit dem Drum-Maestro musste also her und der auf einem Berg irgendwo zwischen Weinheim und Heidelberg ansässige Musiker sagte einer eingehenden Bestandsaufnahme umgehend zu. Aktuell ist Mani ganz mit den Vorbereitungen für das alljährliche legendäre Finki Open Air beschäftigt, welches dieses Jahr am 09. und 10. August stattfindet. Neben internationalen Formationen wie The Pretty Things, The Brew oder Siena Root gaben sich dort in der Vergangenheit vor allen Dingen alte Krautrock-Protagonisten der Marke Birth Control, Jane, Faust, Amon Düül II, Epitaph, Embryo, Kraan oder Ton Steine Scherben die Klinke in die Hand. Neben Lazuli, Electric Orange und natürlich GURU GURU sollte dieses Jahr eigentlich The Crazy World Of Arthur Brown als einer der Topacts auftreten. Leider cancelte der „God Of Hellfire“ jedoch die Show, was auch Mani sehr bedauert: „Ja, er hätte spielen sollen, hat aber leider vor etwa drei Wochen abgesagt. Das war ziemlich kurzfristig und blöd für uns, weswegen wir als Ersatz nun Dissidenten geholt haben. Schade, dass er nicht spielt, aber er hat eine US-Tour mit ein paar Größen angeboten bekommen und gedacht, dass er das jetzt unbedingt machen muss.“

Die Entscheidung ist insofern auch irgendwo nachvollziehbar, als dass die dortige Tour zusammen mit Bands und Musikern ist, die man in einer derartigen Konstellation zukünftig wohl nicht mehr allzu oft zu sehen bekommt, nehmen daran doch Legenden wie Yes, Asia, Carl Palmer und John Lodge (Ex-The-Moody-Blues) teil. Und vielleicht klappt´s ja ein andermal mit Arthur auf dem „Finki Open Air“. Und dann wird man wohl wieder einem jener Auftritte des Briten beiwohnen können, wo man den Eindruck bekommt, dass irgendwie einfach alles erlaubt ist, was gefällt, egal welche Art Musik das ist oder wie man sich auf der Bühne kleidet: Nichts passt in irgendeine Schublade, aber alles passt irgendwie zusammen und ist genial! Genau dieser Aspekt bildet in gewisser Weise auch die Schnittmenge mit GURU GURU. „Wir hatten ja schon letztes Jahr im Rahmen einer kleinen Tour ein paar Gigs zusammen und dann hatten wir Arthur ja schon einige Male auf unserem Festival. Zudem sind wir gut miteinander befreundet. Er hatte damals in England unabhängig von uns und wir natürlich auch von ihm seinen Rock, seine Musik, ohne links oder rechts zu kucken, durchgezogen. Mir kommt seine Kunst immer so vor wie englischer Krautrock, wenn man das so bezeichnen möchte. Gut, diese Kategorie muss man ja nicht benutzen, aber die haben sich wie wir durch irgendwelche Trends oder so einfach nicht verbiegen lassen!“

Ursprüngliche und ehrliche Kraft

Eine weitere Parallele zu The Crazy World Of Arthur Brown ist auch der theatralische Aspekt bei GURU GURU, wenn zum Beispiel der „Elektrolurch“ auftritt oder wenn Mani auf das japanische Theater Bezug nimmt. „Wir hatten ja früher so zwischen 1980 und 1990 eine Zeitlang noch viel mehr Show-Effekte an Bord. Zudem spielten wir damals auch mit zwei Schlagzeugern, Butze Fischer war noch mit dabei. Da wurde ich dann auch etwas in die Rolle des Frontmannes gedrängt, hab mehr gesungen vorne und hab zu jedem Stück irgendwas Besonderes gemacht. Das Extremste, das Bekannteste ist ja bekanntlich der „Elektrolurch“, den wir allerdings ständig variieren, damit das nicht immer das Gleiche ist. Früher hab ich mich auch öfter zwischen den Stücken umgezogen, das mach ich heute nur noch ein-/zweimal am Abend. Sonst guck ich, dass halt der Groove stimmt, dass ich etwas zaubere und mit den Leuten ein bisschen bzw. eher schwer kommuniziere. Unser Auftritt in China vergangenen Mai in Shenzhen beim „Tomorrow Festival“ war unlängst ein Riesenerfolg. Ich wollte ja eigentlich nie nach China, aber das war wirklich ein unglaublich tolles Erlebnis, da das Publikum und die Organisatoren uns sehr gut kannten und voll auf unsere Musik abgefahren sind! Die haben uns gefeiert wie Chuck Berry oder so, haha! Das war ein tolles Erlebnis! Wir mussten dort allerdings leider ohne den „Elektrolurch“ auskommen, weil ich den Koffer und die Maske nicht mitschleppen wollte. Wir haben jedoch gemerkt, dass da trotzdem nichts gefehlt hat, wir haben das genauso hingedonnert wie mit theatralischen Geschichten!“

Bei diesem Stichwort fällt natürlich auf, dass die Musik von GURU GURU besonders in asiatischen Ländern und da insbesondere in Japan und Indien, von Beginn an sehr positiv aufgenommen wurde. Womöglich bildet der hypnotische, ungezwungene Charakter einiger Songs von Mani & Co. einen Punkt, an den Asiaten wohl auch aufgrund ihres eigenen kulturellen Hintergrundes anknüpfen können. „Ich glaub schon, dass es das ist. Aber es ist ja nicht nur bei den Asiaten so, sondern auch hier daheim in Deutschland gibt es Leute, gibt es ein Publikum, das nicht so sehr auf die großen Pop-Acts und das Normale abfährt, sondern das etwas Besondere bevorzugt. Die Menschen wissen diese ursprüngliche und ehrliche Kraft, die dahintersteht, zu schätzen, denn wir haben uns ja nie verkauft oder nach Hits geschielt usw. Dieses Feeling kam bei den Chinesen gleich gut an wie hier bei unseren engsten Fans!“

Goa, Gobi und Zen

Auf Manis Homepage bzw. der von GURU GURU befinden sich zahlreiche Fotos von Neumeier in Japan, Australien, Myanmar, Bali, der Mongolei usw. Im Rahmen seiner unzähligen Reisen hat der Schlagzeuger natürlich auch die Möglichkeit gehabt, fremde Kulturen kennenzulernen, was wiederum natürlich ihn selbst und seine Musik inspiriert hat. „Ja, bestimmt war das so! Ich kannte zwar die Musik aus Ländern wie der Mongolei oder Japan auch schon vorher. Aber wenn man mit einer mongolischen Band spielt (das ist z.B. 2008 beim Roaring Hooves Festival in der Wüste Gobi vorgekommen), dieses Zusammenmusizieren, dann spürt man das alles viel mehr. Ich bin jetzt niemand, der diese Sachen, Rhythmen usw., genau nachmacht oder so. Stattdessen lasse ich das alles einfließen in mich. In Australien waren sie froh, dass jetzt endlich mal jemand kommt, der am Schlagzeug von Rock bis Free alles beherrscht. Die wollten alle gern mit mir spielen und genauso läuft das auch in Japan ab. Da spiele ich mit Freejazz- und Avantgarde-Musikern oder Leuten wie eben Kawabata Makoto, Atsushi Tsuyama, Yoshida usw. Hierzulande werde ich indes nie von irgendeinem Jazz-Act oder so gefragt, das ist für die unvorstellbar, die denken, ich sei ein Rock-Drummer oder ich hätt keine Zeit, haha! Andererseits bemühe ich mich auch nicht wirklich drum. Ich spiele hie und dort mal mit Jazz-Gitarristen, mit Werner Groos oder Luigi Archetti, wo ich nächste Woche ja wieder was in der Richtung hab. Letztgenannter hat früher mal bei GURU GURU Gitarre gespielt. Was deine Frage nach den Einflüssen angeht: Klar, ich komm ziemlich in der Welt rum! Insbesondere Indien spielt da eine wesentliche Rolle, da war ich insgesamt schon 18 mal! Seit 1984 hatte ich dort außer Ferien und Beach auch einen Thavil-Lehrer namens Paramavisham, der mich dann wirklich gut getrimmt hat. Ich bin da auch ein gutes Stück vorangekommen, obwohl die Trommeln und Rhythmen so schwierig sind. Aber das hat mir sicher viel gebracht und mich sehr beeinflusst! Und die Inspiration, die Japan auf mich ausübt, gründet darin, dass ich sehe, wie mutig die spielen, ohne Angst und einfach mit viel Erfahrung und Können. Die Leute dort wagen schlichtweg viel mehr als hier und man selbst traut sich auch mehr. Das beeinflusst wiederum das ganze Spiel natürlich total.“

Nicht nur das Musikmachen, auch die fernöstliche Kultur, Religion und Philosophie haben Mani nachhaltig geprägt. „Ich hab ja schon bevor ich in Japan war Zen-Meditation bei einem japanischen Zen-Meister in Frankreich gemacht und hatte dort so einige Sessions absolviert. Ich mochte die japanische Kultur schon immer, aber das mit dem Zen war dann noch mal eine ganz andere, ganz harte Schule, die eigentlich mein Leben verändert hat, weil ich dadurch mehr bei mir war als vorher, ich konnte mehr mit mir alleine sein. Ein weiterer Einfluss ist natürlich die Tatsache, dass ich mit einer japanischen Frau verheiratet bin und alleine schon dadurch bekomme ich eigentlich ständig japanische Kultur mit.“ Darüber hinaus vermochte Mani auch schon so manchen Ort auf dem Erdenrund zu besuchen, wo er mit sich selbst absolut im Einklang stand. „Die „Freak-Zeit“ in Indien zwischen 1984 und 2004 war zum Beispiel sehr inspirierend. Das war aber auch eher Ferien-mäßig, da hab ich außer meiner Trommelschule mit besagtem Meister sonst eigentlich nur ein bisschen mit Amateuren gejammt. Im Übrigen waren das eher Ferien. Aber fallen lassen konnte man sich da schon in Goa! Auch in Japan war das der Fall. Vor noch nicht allzu langer Zeit hab ich Okinawa für mich entdeckt, die südlichste Insel Japans. Das Lebensgefühl dort ist schon sehr dufte, auch da kann man sich fallen lassen und angenehm bewegen. Mein liebster Platz ist ansonsten eigentlich hier daheim im Odenwald, denn so viel Ruhe wie hier krieg ich nirgendwo sonst! Und das ist auch ein guter, wichtiger Faktor!“

Den Mani angesichts der unzähligen Projekte und Bands, in denen er nach wie vor zugange ist, durchaus manchmal braucht. „Ich bin ja immer zwei Monate im Jahr in Japan und da hab ich in Okinawa eine neue Band, die aus den paar besten Musikern, die es da unten gibt, besteht. Die spielen teilweise auch mit Schlagzeugern wie Tatsuya Yoshida. Hier mache ich dann meine Solo-Geschichte, wofür ich jedoch eher selten Zeit hab, da wir in jüngster Vergangenheit immer mit GURU GURU ziemlich viel zu tun hatten. Und dann hab ich noch ein Projekt, das eher eine Studio-Geschichte ist. In der Hinsicht mach ich eigentlich nicht allzu oft was. Sonst kümmer ich mich vor allen um GURU GURU und in Japan ist halt der Ausnahmezustand, denn da spiele ich mit vielen, die ich schon ewig lange kenne, zusammen. Ab und zu kommt da dann aber auch ein neuer Musiker dazu. Das ist sehr spannend! Hier würde ich gern mehr meine Solo-Sache machen wollen, wo bei ein paar Stücken auch meine Frau mal mit einsteigt, aber leider kommt das noch zu selten vor, so zirka zwei- bis dreimal im Jahr.“

Intensive Geschichten zwischen West und (Fern-)Ost

Kommen wir noch mal zum eingangs erwähnten Kawabata Makoto zurück, der sich mit ACID MOTHERS TEMPLE bzw. seinen unzähligen Projekten und Bands eigentlich ständig auf Tour befindet. „Ja, der ist diesbezüglich ziemlich extrem drauf und ziemlich schwer beschäftigt, haha! Aber wir treffen uns eigentlich jedes Jahr im März mal. 2019 haben wir´s allerdings lediglich geschafft, dreimal miteinander zu spielen, manchmal sind es dann aber auch mal zehn Konzerte oder so. Kawabata musste dieses Frühjahr relativ zeitig weg nach Amerika. Aber wir sehen uns seit etwa elf Jahren regelmäßig, seitdem gibt’s ACID MOTHERS GURU GURU. Das ist live auf Anhieb immer gleich eine intensive Geschichte! Zudem gibt´s schon drei Tonträger von uns, aber da werden immer etwa 1.000 Kopien bei ´ner kleinen Plattenfirma herausgebracht und wenn wir dann auf Tour sind gehen die immer weg wie warme Semmeln! Dann ist´s aus, bis die nächste Scheibe kommt.“

In letzter Zeit war Mani mit GURU GURU in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen auf Tour, soll heißen, dass immer zwei bis drei Konzerte am Stück stattfanden, hauptsächlich in Deutschland und eben einmal in China. „Das war der Überflieger, die Überraschung! Denn ich wollte eigentlich nie nach China wegen der Regierung, der ganzen Kontrolle usw., aber davon war nix zu spüren. Es herrschte einfach nur eine tolle Stimmung vor, die andererseits auch nicht zu übertrieben war, sondern die sind dort richtig herzlich! Das Publikum war so wie wir damals 1968 drauf, die sind nicht so überfüttert wie hierzulande. Wir sind einfach so zugestopft und alles wird dann immer weniger interessant. Und für die Leute dort war unser Auftritt eben sehr spannend und ich war sehr erstaunt, dass die uns überhaupt kannten und ihre GURU GURU - Platten von zu Hause mitbrachten zum Unterschreiben. Wir mussten da anderthalb Stunden lang Autogramme geben, die standen regelrecht Schlange! Es waren etwa 700 Leute beim Konzert zugegen und gut die Hälfte wollte Autogramme!“ Als einzig verbliebenes Gründungsmitglied genießt Mani bei GURU GURU natürlich eine Sonderstellung, wobei Neumeier schon meint, dass in der Band eine demokratische Grundstimmung vorherrscht, er also nicht als „Überboss“ agiert. „Genau, jeder hat was zu sagen bzw. jeder kann den andern, mich oder sich selbst an die Wand spielen, das ist durchaus erwünscht, haha! Aber was die musikalische Richtung anbelangt, so muss ich schon manchmal sagen, wo es langgehen soll, also oftmals nicht zu bluesig, nicht zu normal rockig oder so. Das wird von den anderen auch akzeptiert, weil die sich andererseits auch darauf verlassen. Denn diesbezüglich hab ich am meisten auf dem Buckel, ich hab selbst diese Musik entdeckt bzw. war der erste Freejazz-Drummer in Europa, der mal was Neues gebracht hat. Zudem haben wir im Krautrock selbst unsere ganz eigene Musikrichtung mit geprägt. Trotzdem hab ich kein Chef-Gehabe, es hat jeder gleich viel zu sagen. An irgendeinem Punkt geht’s dann ohne Chef nicht mehr, aber das ist eigentlich nicht so das Wichtige dran. Ich bin eher so der Band-Schamane und -Zauberer, haha!“

Psychedelic World Beat

In der Gegenwart sind GURU GURU eine der wenigen Bands, die noch übrig geblieben sind von der einst blühenden deutschen Rockszene der 70er Jahre. Der Verfasser dieser Zeilen tut sich indes schwer, die im Zusammenhang mit Mani & Co. oft zitierte Bezeichnung „Krautrock“ zu gebrauchen, war die Musik des Ausnahme-Schlagzeugers doch seit jeher vollkommen autark und unabhängig jeglicher Genre-Schranken. Wobei unter dem „Genre“ Krautrock selbst ja mitunter viele musikalisch vollkommen unterschiedliche Formationen subsumiert werden. „Ich würde sagen, dass wir in unserem Programm so in etwa zu 8% Krautrock spielen, hehe! Musikbezeichnungen braucht eigentlich immer nur die Industrie, um ihre Etiketten zu haben. Man könnte uns jedoch als Psychedelic World Beat bezeichnen – mit ´ner guten Portion Rock´n´Roll-Liedern dabei, ordentlichen Jazz-Roots und Rock! Wenn wir allerdings irgendwie im Kontext des Krautrocks erwähnt werden, ist das besser als wenn gar keine Bezeichnung da wäre. Im Ausland ist dieses „Genre“ ja auch sehr akzeptiert und beliebt! Guck dir doch nur mal all diese unterschiedlichen Bands an, die in dieser Schublade einsortiert werden, wie Cluster, Amon Düül II, GURU GURU oder gar Can oder Neu! Irgendwie stimmt das dann nicht wirklich, denn wenngleich die alle aus der gleichen Zeit kamen, haben die alle vollkommen unterschiedliche Musik gemacht. Was uns verbindet ist indes, dass wir sehr viel Freiheit in die Musik gebracht haben, also kein A-B-A-Schema und eine längere Improvisation usw. Neuere, also ‚Neo‘-Krautrock-Formationen haben dagegen oftmals einfach lange Intros, viel Echo und das war dann aber auch schon das Meiste gewesen!“

Womit wir beim Thema wären: GURU GURU haben wie einige wenige andere ehemalige Protagonisten des deutschen Rocks der 70er Jahre das Privileg, auch heute noch auftreten zu können. Man darf sich an dieser Stelle natürlich fragen, was die Zukunft bringen mag, gibt es aktuell Bands, die dieses Erbe weiterzutragen vermögen? Dem Verfasser dieser Zeilen drängt sich jedenfalls der Anschein auf als existierten gegenwärtig schlichtweg nicht allzu viele Gruppen, die wirklich bar jeglicher Schranken etwas Ureigenes, Unvergleichliches auf die Beine stellen, egal ob hierzulande oder anderswo... „Wir mussten das damals alles selber aus dem Boden stampfen, während eine junge Gruppe heutzutage sagen kann, dass sie jetzt einfach mal so was in der Richtung von Pink Floyd, Can, GURU GURU, Neu! oder so spielt. Wir hingegen konnten uns an nichts orientieren, sondern mussten alles aus den Haaren und unseren Trips saugen! Und das ist der Unterschied. Außerdem hatten wir damals auch typisch erkennbare Themen, die heutzutage bei neueren Bands nicht immer da sind. Aber es gibt auch in der Gegenwart noch coole Gruppen, wie z.B. Vibravoid, die ich persönlich sehr interessant finde, zudem spielen die ziemlich geil! Ich kenne jedoch natürlich nicht alle Bands live, es sind mir ein paar Namen geläufig und ein paar davon hab ich auf der Bühne erlebt. Zum Glück ist da nicht auf einmal Ende, sondern es geht weiter!“

Ein weiteres Phänomen der Gegenwart ist, dass experimentelle Bands wie zum Beispiel die Einstürzenden Neubauten mittlerweile in noblen Locations vor vielen gut betuchten Zeitgenossen auftreten, etwas das vor vielen Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Dass musikalische Avantgarde, das Experimentelle bzw. generell Bands, die halt einfach „anders“ sind, wie z.B. auch GURU GURU, mittlerweile viel mehr wertgeschätzt werden als das in der Vergangenheit der Fall gewesen ist glaubt Mani jedoch nicht. „Die meisten Leute wollen doch nur den breiten Brei, den sie mögen und kennen, möglichst einfach und simpel wie eingängig gestrickt. Auch wenn´s noch so gut ist, wird experimentelle Musik leider immer nur von einer Minderheit richtig geschätzt. Die anderen sind einfach zu blöd dafür und die meisten Menschen sind halt einfach blöd, da kann man nix machen, das tut mir leid, haha! Die kapieren das nicht, genauso wie sie auch andere moderne Kunst nicht kapieren.“

Eine universelle Idee

GURU GURU wurden damals anno 1968 in einer sehr bewegten Zeit ins Leben gerufen: Die Hippie-/Flower-Power-Bewegung protestierte gegen den Vietnamkrieg und trat für eine bewusste Lebensweise im Einklang mit der Natur ein. Fühlte sich das damals wirklich wie eine Revolution an? Einige Zeitgenossen von heute sagen, dass die Hippie-Revolution der späten 60er Jahre mittlerweile gescheitert ist bzw. fast schon ad absurdum geführt wurde. Der Kapitalismus hat sich trotz Vorbehalten der 68er als vorherrschende Macht etabliert, es gibt immer noch genügend Kriege auf der Welt, die Vietnam in nichts nachstehen und einige der damaligen 68er-Revoluzzer sitzen mittlerweile in Chefetagen großer Konzerne... „Ja, damals kam halt irgendwie vieles zusammen. Die Idee, gegen den Krieg zu demonstrieren, war gut. Ich glaube auch, dass die Planeten zu der Zeit ganz günstig standen, weswegen sich so etwas in dem Ausmaße entwickeln konnte. Aber zu diesem Gefühl des Gemeinsamen hat sicherlich auch die Musik sehr viel, wenn nicht sogar das meiste beigetragen. Die Formel ‚Love & Peace‘ hat nicht nur mit der Hippie-Bewegung was zu tun, denn ich bin immer noch Hippie und immer noch so drauf, dass man einfach Harmonie und Balance braucht! Das hängt auch viel mit bewusster Lebensweise und dem Einklang mit der Natur zusammen. Das ist für mich jedoch selbstverständlich, hat mit Hippies überhaupt nichts zu tun! Das müsste jeder Russe oder Chinese, jeder Reiche und jeder Arme, jeder Christ und jeder Ungläubige zum Thema haben bzw. müsste das für jeden Menschen eigentlich wichtig sein!“

Eine Botschaft universeller Natur also... „Genau. Das Etikett ‚Hippie‘ und ‚Flower Power‘ ist mittlerweile zwar nicht mehr da, sondern vielmehr die Idee, die dahinter steckt, die ist wirklich omnipräsent, die braucht man!“ GURU GURU haben sich ja nie politisch vereinnahmen lassen, sondern standen immer für grenzenlose Freiheit. Aber wenn mal die sprichwörtliche Kacke wirklich am Dampfen ist, sprich wenn sich der braune Mob hier in Deutschland wieder erhebt, könnte sich Mani vorstellen, da auch mit seiner Musik ein Zeichen zu setzen. „Wir sind mit GURU GURU in der Vergangenheit ja oft auf Veranstaltungen gegen Rechts aufgetreten, sogar einst in Frankfurt zusammen mit Udo Lindenberg auf der gleichen Bühne. Ich weiß allerdings nicht mehr, wann das genau war, irgendwann in den 70er Jahren. Wir haben so was schon sehr oft gemacht. Und wenn ich irgend so einen Vorfall mitkrieg, wo braune Arschlöcher auf den Plan treten, egal ob das nun Chemnitz ist oder irgendwas anderes, dann könnte ich kotzen! Wenn das richtig organisiert ist, würde ich bei so einem Konzert dagegen selbstverständlich auch wieder spielen! Ich marschiere mittlerweile allerdings nicht mehr mit dem Fähnchen in den vordersten Reihen und schrei rum und so, denn dafür bin ich jetzt zu alt – Halt, nicht zu alt, aber zu bequem, denn das hab ich lang genug durchgezogen, das können jetzt die anderen machen, haha! Der Grönemeyer war ja sogar damals in Chemnitz und hat da gespielt, wenn ich mich recht entsinne, oder?! Dem wird natürlich der rote Teppich ausgelegt, der braucht nur noch loslegen und gut ist...“

Zum Schluss dieses Interviews möchte Mani noch einen Gruß loswerden, den er kurzerhand an alle Menschen auf diesem Erdenrund richtet: „Jeder der meint, dass ein Haufen Ansammlung von Material und Geld wichtiger sei als das Bewusstsein, sollte sich mal vor Augen führen, was wir für ein Riesenglück haben, hier auf der Erde existieren zu können, wegen dem richtigen Abstand zur Sonne usw. Wenn man an dieses Riesengebilde Kosmos denkt und wenn dann noch jemand Geld wichtiger findet als das Glück, die Bescheidenheit oder den Zustand, den wir hier erleben dürfen, dann hat er einfach nicht begriffen, um was es hier geht!“

http://mani-neumeier.de/

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