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FERNDAL

Nachdem wir im ersten Teil des Interviews mehr auf die klassische Instrumentierung von „Singularitäten“ eingegangen sind, lohnt es sich bei diesem starken Album, auch andere Aspekte zu beleuchten. Weiterhin steht uns Lestaya Rede und Antwort. Zunächst soll es um den Titel gehen, der wissenschaftlich, aber auch metaphorisch interpretiert werden kann.

Wie definiert die Band den Albumtitel? Oder weicht die FERNDAL'sche Intention von physikalischen Begrifflichkeiten ab, was bei der oft philosophischen Herangehensweise vieler Black-Metal-Bands nicht selten ist. „Wir folgen der naturwissenschaftlichen Begrifflichkeit – allerdings übertragen auf den menschlichen Geist. Immer wenn vom freien Willen des Menschen die Rede ist, werden auf der einen Seite Beispiele von Prägung und Determination durch die Biografie gebracht, auf der anderen herrscht die Überzeugung, dass es so einfach nicht sein kann, und vielleicht auch die Angst, sich eine Illusion eingestehen zu müssen. Selbstverständlich rennen Menschen nicht den ganzen Tag durch die Gegend und treffen bewusste, wohldurchdachte und freie Entscheidungen. Das schränkt einfach auch die Funktionsfähigkeit zu sehr ein. Aber es gibt in der Naturwissenschaft diese Punkte, Singularitäten, in denen nichts gesetzmäßig planbar abläuft, quasi ein Freiraum – die kann es auch im menschlichen Geist geben, und dann ist das genau der Punkt, an dem der freie Wille greifen könnte: ein Punkt, der nicht vorherbestimmt und nicht planbar ist, aber große Auswirkungen auf die weiteren Ereignisse haben kann.“

Zurück zum Black Metal an sich, der ja starke bis extreme Emotionen transportiert. Wie die Cellistin das bei FERNDAL sieht, erläutert Lestaya wie folgt. „Gefühle, Gedanken – es geht vordergründig um in Gefühle abstrahierte Gedanken über philosophische Themen wie Freiheit, Selbstreflexion, Selbsterhöhung und verschiedene Ebenen von Mensch-Sein, Stärke und Schwäche. Sorathiel und ich schreiben die Texte, mir fällt das Texten recht schwer, weil es sehr persönlich ist. Auf diesem zweiten Album sind die Texte deutlich persönlicher und dadurch vermutlich deutlich näher an die Emotionen der Musik gebunden. Emotionen in Musik verwandeln fällt mir leichter als in Worte. In jedem Fall mischen sich sehr brutale, kalte Texte mit Trauer und irgendwo vielleicht auch Schönheit in der Musik.“

Die Umsetzung der klassischen Musikparts nahm viel Feinarbeit in Anspruch, wie Lestava erzählt: „Ich bin sowieso kein großer Fan von Synthies und programmierter Musik, und da meine Mutter Orgel und Klavier studiert hat, haben wir die Möglichkeit, diese Instrumente auf sehr hohem Niveau aufzunehmen – was nicht ganz einfach ist: Wir brauchen eine Kirche, in der die Aufnahmen nicht gestört werden und die eine gut klingende und regelmäßig gestimmte Orgel hat, das Aufnahmeequipment muss dorthin, und der Aufnahmeleiter hat im Idealfall Erfahrung mit der Aufnahme von Orgeln in stark hallenden Räumen. Spannend ist auch immer die Frage der Registrierung der Orgel. Bis der richtige Klang gefunden ist, vergeht viel Zeit, dann braucht eine Orgel-Umregistrierung immer etwas Zeit: Die Frage ist dann, ob man diese Registrierung auf der Aufnahme hören soll, wie das mit dem doch sehr straighten Schlagzeug zusammenpassen würde – wir haben uns diesmal dafür entschieden, die Registrierungen nicht mit aufzunehmen, aber ausprobieren würde ich das tatsächlich sehr gerne mal. Da die Organistin natürlich beide Hände und gegebenenfalls Füße zum Spielen braucht, hängt dann eine zweite Person halb unter der Orgel, um möglichst zeitgenau den Tutti-Knopf zu drücken, ohne den Füßen im Weg zu sein. Ich bin auf jeden Fall mit den Orgelaufnahmen sehr zufrieden, auch wenn wir für die zwei Minuten fast den kompletten Tag in dieser Kirche saßen. Das Waldhorn ist Sorathiels Werk und Faible - aber es passt absolut fantastisch in diese Stellen! Die Aufnahmen haben auch eine Weile gedauert, weil die Parts in ‚Bringer der Leere‘ brutal sind für den Ansatz, diese Oktavsprünge sind echt schwer sauber zu spielen.“

Hatos hat 2017 das Schlagzeug von Albion übernommen, hier ergeben sich bestimmt neue Wege und Möglichkeiten im Zusammenspiel der Band, mit dieser Einschätzung liegt man dann auch gar nicht so verkehrt. „Mit jedem Wechsel ergeben sich vermutlich neue Impulse, alleine durchs Spiel und auch durch die Ideen, die reinkommen. Alboins Ausstieg hat natürlich die Weiterarbeit verzögert, wir haben eine Zeit lang nicht spielen und vor allem nicht an den neuen Songs arbeiten können. Damit haben wir dann mit Hatos direkt losgelegt. Die beiden sind sehr unterschiedlich, sowohl was das Drumming angeht als auch von der Persönlichkeit! Die Arbeit ist eine vollkommen andere, Alboin ist stilistisch natürlich 100% im Black Metal zu Hause, Hatos bringt noch andere Elemente rein und hat klassisches Schlagzeug studiert, obwohl er auch in einer Metalcore-Band gesungen hat. Er hat einen sehr guten Job gemacht beim Einspielen von „Singularitäten“! Aber da wir nun schon davon sprechen, mach ich es auch gleich offiziell: Hatos wird uns verlassen. Wir spielen ab Dezember live mit David, (Ex-Jörmungand), der auch bei Eis ab und an eingesprungen ist. Die erste Probe hat bereits stattgefunden und war absolut vielversprechend.“

Oft kann man dem PR-Beipackzettel wenig Sinniges entnehmen, dass aber oft „…künstlich symphonisch aufgeblasene Popmusik!“ veröffentlicht wurde, wenn Black Metal mit Klassik oder symphonischen Elementen gekreuzt wurde, stimmt tatsächlich. FERNDAL gehen da tatsächlich einen anderen Weg. ‚Bringer der Leere‘ ist als puristisches Black-Metal-Stück dann plötzlich gar nicht mehr denkbar. „‚Bringer der Leere‘ hat ja zusätzlich eigentlich nur die Horn-Parts, ansonsten hat das nichts Symphonisches – wie auch sonst eigentlich kein anderer Song. Die meisten denken bei dem Konzept, Metal und Klassik zu kombinieren, eben daran, Metal zu schreiben und das Ganze mit ein paar (oder eben auch sehr vielen) klassischen Instrumenten aufzupeppen. Das ist nicht das, was wir tun. Wenn wir zusätzliche Instrumente aufnehmen, dann immer mit dem Wunsch, genau diesen Klang zu produzieren, und nicht, das Ganze einfach fetter zu gestalten. Alles, was auf dem Album zu hören ist, haben wir auch aufgenommen. Unser Klassikanteil liegt nicht einmal unbedingt im Cello begründet, sondern in der Musik selber, wie sie geschrieben ist.“

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