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THE NATIONAL ORCHESTRA OF THE UNITED KINGDOM OF GOATS

Wie im Interview der Print-Ausgabe #116 versprochen, gibt Bassist The Coachman online weitere Einblicke in die Bandphilosophie, die Hintergründe der neuen MCD “Huntress” und der Geschehnisse ihrer Parallelwelt Kolepta.

Sind The Insane, The Coachman, The Admiral und The Seer gesetzte Charaktere, die euch auch ausreichen, um euer eigenes Universum zu gestalten? Oder wechseln die Namen samt Uniformen auch im Verlauf der Geschichte, vergleichbar mit der Erscheinung von Papa Emeritus bei Ghost?
Wir haben uns zwar über die Jahre optisch etwas verändert, aber die Figuren selbst sind immer dieselben geblieben und werden es bis auf weiteres auch. Konzeptuell macht das auch Sinn, wir sind das national Orchester, wir sind hier, um mit unserer Musik von den Geschichten rund um unsere Heimat Kolepta zu berichten. Bei Ghost ist das Ganze weniger Teil des inhaltlichen Konzeptes, sondern eher die „Präsentation“. Bei uns hängen die Geschichten jedes Albums immer irgendwie zusammen und daher sollen die Figuren dem Ganzen die Kontinuität verleihen. Ich habe mir im Laufe der ersten EPs das Konzept ausgedacht und Hand in Hand mit unseren Outfits dann die Figuren entworfen. Ich muss hier auch gestehen, dass die Backstory der Charaktere und unser erstes offizielles Auftreten sehr lange auf sich warten ließen und die anderen Mitglieder des Orchesters auch kaum etwas darüber wussten. Die Story hat sich erst nach und nach entwickelt. Aber nein, Vetorecht gab es keines, da es auch keine Abstimmung gab. Inzwischen kann sich aber jeder für sich mit seiner Figur relativ gut identifizieren. Ich habe jedenfalls noch keine Beschwerden von offizieller Seite erhalten. Das Propagandaministerium hätte mich da sicher informiert.

Werden aussteigende Mitglieder ersetzt, indem ein Neuling in die entsprechende Charakterrolle schlüpft?
Wir hatten bisher noch keine Ausstiege. Im Gegenteil: wir haben vor kurzem einen Neuzugang erhalten. Wir haben seit kurzem eine weibliche Stimme, die unseren Live-Auftritten glorreichen mehrstimmigen Gesang beschert. Sie war auch bei den Aufnahmen zu „Huntress“ bereits mit an Bord, hat allerdings noch keine Figur in der Geschichte selbst. Das wird aber wohl nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Für „Huntress“ hat es konzeptuell nicht gepasst. Ich möchte die Figuren nicht nur oberflächlich einbauen, sondern inhaltlich mit den Songs verknüpfen.

Welche Band mit einem starken Image hat euch überhaupt auf die Idee gebracht? Früher hatte man selbstverständlich Kiss gesagt.
Am ehesten würde ich hier Tool sagen, da sie es, trotz ihrer relativ unauffälligen Bühnenpräsenz schaffen, eine sehr eigene Atmosphäre aufzubauen. Aber mir ging es nie um die Verkleidung selbst, sondern immer nur darum, Live eine kompakte, einheitliche Präsenz zu haben, eine Show zu bieten. Das Auftreten und die Bemalung sind nur Mittel zum Zweck. Bands wie Ghost oder auch The Hives oder Immortal (wenngleich das ganz andere Musik ist) haben mich aber erst auf die Idee gebracht, als „Einheit“ auf der Bühne aufzutreten. Das sind wir als Künstler dem Publikum schuldig. Konzerte sollten eine Show sein, wir müssen den Leuten etwas bieten. Und nicht nur auf die Bühne gehen, unsere Instrumente nehmen, ein paar Songs spielen und dann wieder verschwinden.

Gab es Interesse von größeren Labeln, euch samt Back-Katalog zu lizenzieren?
Die Autarkie ist unsere Strategie – aus dem einfachen Grund, dass es momentan keine Alternativen gibt. Wir bemühen uns schon seit geraumer Zeit darum, bei Labels Fuß zu fassen. Sei es durch Auftritte bei Festivals, selbst organisierten Touren, Bewerbungsschreiben, Werbung. Aber irgendwie scheint nichts davon so richtig zu fruchten. Trotz guter Reviews und tollem Feedback. Es ist ganz sicher nicht so, dass wir das gezielt so wollen. Eine gewisse Eigenständigkeit ist für mich sicherlich Pflicht und in unserer momentanen Situation ein großer Vorteil. Sollte es je zu einem Deal kommen, ist künstlerische Freiheit für mich auch ein Muss. Wir stemmen viel als Quartett, beziehungsweise jetzt als Quintett. Oder besser: Sextett, denn wir haben noch die Todeskrähe mit an Bord, welche uns bei organisatorischen Aufgaben hilft. Was aber die Musik, das Schreiben, das Künstlerische betrifft, nehmen wir vieles selbst in unseren Home-Studios auf. Die Videos produziert unser begnadeter Insane, Grafik und Inhalt übernehme hauptsächlich ich.
Gastmusiker hatten wir das erste Mal bei „Huntress“ für den Chor: Hannes, Magdalena, Moritz und Sabine haben auf allen Songs Gesang beigesteuert.

Müsstet ihr statt Alben nicht viel mehr DVDs – seien es nun Konzertmitschnitte samt großer Produktion oder gar Filme mit durchgehender Handlung – konzipieren, um eben das Visuelle stärker einzubinden?

Hier kommt wieder das Thema Label ins Spiel. Wir würden so gern einen Film zu den Alben machen, oder auch nur längere Videos oder Kurzfilme. Aber dazu fehlt es uns momentan leider an der Zeit und den Mitteln Es gab auch schon Aufnahmen von ein paar Szenen, sie wurden aber leider nie so richtig unserem Anspruch gerecht. Und aus den oben genannten Gründen ist haben wir uns wieder auf anderes konzentriert. Für das Buch/Manga haben wir uns einen externen Manga-Zeichner hinzugeholt. Ein Künstler namens „DigitKame“ aus Thailand, welchen wir über das Internet engagiert haben. Der Text hingegen stammt aus meiner Feder. Wir haben das Glück, Videos und Grafik hauptsächlich selbst machen zu können und damit viel von unseren Vorstellungen direkter, ohne Mittelmann, umsetzen zu können. Durch die Kooperation mit DigitKame haben wir aber auch gemerkt, wie inspirierend die Arbeit mit anderen sein kann. Wir haben beispielsweise bis inklusive „Vaaya And The Sea“ unsere Alben selbst gemischt und gemastert. Fabian Freitag von HOFA und Armin Rainer von Jamesrec leisten da großartige Arbeit und wir können uns auf die Musik konzentrieren. Sie sehen unsere Musik in ganz neuem Licht und bringen ganz neue Dynamik hinein.

Wie weit ist eure Saga bereits über das aktuelle dritte Album hinaus geschrieben oder zumindest von den Abläufen her grob skizziert?

Wir sind eine Daily Soap. Oder besser gesagt: yearly. Oder four-yearly. Ich habe schon grobe Ideen, wie es nun weitergehen soll. Vorerst möchte ich die neue Figur vorstellen. Bisher war vieles nur Vorgeschichte zum Entstehen des United Kingdom of Goats. Es wird Zeit für etwas „aktuelleres“. Vielleicht wieder etwas kürzeres, eine EP oder wieder ein Mini-Album. Dazu passt das Format Buch/Manga perfekt. Und es ist kein so monumentaler Ritt wie bei „Vargorok“. Da waren das Aufnehmen und Saga-Schreiben noch viel stärker verwoben. Texte und Konzepte sind zeitgleich mit der Musik entstanden. Ich habe bei „Huntress“ etwas anders gearbeitet und habe das Konzept ziemlich stark ausgearbeitet bevor wir mit den Aufnahmen begonnen haben. Das war für alle Beteiligten einfacher, weil klar war, worum es geht und in welche Richtung die Reise gehen soll. So dauert es zwar länger bis etwas Handfestes da ist, aber das Schreiben geht schneller und leichter.

Aus welchen Buchreihen, Filmen und Mythen bastelt ihr eure Story zusammen? Gibt es auch direkte lokale Bezüge auf die Südtiroler Sagenwelt?
Es gab ein Projekt namens Lerget, welches mich stark inspirierte. Es vertonte Südtiroler Sagen im Black-Metal-Gewand. Ich fand die Idee sehr faszinierend, nur leider ist die Musik so gar nicht meins. Zumindest die dunkle, kalte, winterliche Szenerie stand bereits bei vielem Pate was ich vor und mit THE NATIONAL ORCHESTRA OF THE UNITED KINGDOM OF GOATS gemacht habe. Bis jetzt hat es noch keine Sage als solche geschafft, direkt in unserer Musik verarbeitet zu werden. Ich würde das auch nie eins zu eins übernehmen. Das passt nicht ins Konzept. Ich würde höchstens Elemente aufgreifen und sie in die Welt von Kolepta einfließen lassen. Bei „Vargorok“ habe ich noch ziemlich viele Konzepte aus „Watership Down“ von Richard Adams aufgegriffen, und natürlich sind die Referenzen auf H.P. Lovecraft nicht zu leugnen. Ansonsten kommen viele Ideen und Vorstellungen (vielleicht unterbewusst) von den üblichen Verdächtigen wie „Herr der Ringe“ oder der Serie „Game Of Thrones“. Auch bin ich ein langjähriger Freund von verschiedensten Rollenspielen. Nur allzu oft denke ich mir bei diesen Mainstream-Produktionen aber dann: Genau so … würde ich es nicht machen.

Wie ist es um eure musikalische Nachbarschaft bestellt? Man assoziiert mit der Region Frei.Wild und Graveworm.

Ich kann mich noch erinnern, als wir in der Abschlussklasse eine Klassenband hatten, die die üblichen Covers gespielt hat. Von da an wollte ich auch Gitarre spielen. Nicht der Gitarre wegen, sondern weil sie verzerrt war. Dieser aggressive Sound, der mir zwar mehr als bekannt war - damals noch von Marilyn Manson, Korn, LimpBizkit. Aber: ich konnte ihn selbst erzeugen! Ich genoss in der Mittelstufe nur den klassischen Gitarrenunterricht. Und da es Gitarristen wie Sand am Meer gab, war ich verdammt dazu, Bassist zu sein. Merkte aber bald, dass dies viel eher meinem Wesen entsprach. Zu dieser Zeit war die Szene aber recht überschaubar, für mich jedenfalls. Es zog mich immer mehr Richtung Progressive und teils auch Avantgarde, und da gab es bis auf ein paar wenige Bands kaum etwas. Zwei Namen sind mir geblieben: At Gate Zero und Sense Of Akasha. Beide leider nicht mehr aktiv, glaub‘ ich. Unser Proberaum befindet sich im Wohnhaus des Sehers: unser Tempel. Wir haben das Glück dort ein gut ausgestattetes Studio zu haben, in dem wir auch proben können und Krach machen können. Wir machen aber auch viel von zu Hause aus. Unsere Songs sind ziemlich streng arrangiert. Da kann man sehr viel alleine proben und üben.

Euer aktueller Albumtitel hat derzeit unfreiwillig eine traurige Aktualität – Huntress-Sängerin Jill Janus hat sich kürzlich das Leben genommen. Tauchte Nishira bereits in früherem Material auf und hat sich nun in den Vordergrund gespielt?
Während der Promotion für unser Album sind wir erst auf die Band Huntress gestoßen. Wir wollten dann eigentlich nur vermeiden, dass Werbung für unser Album „Huntress“ mit der Band verwechselt wird. Bis uns dann die Nachricht erreichte, dass sich Jill Janus das Leben genommen hat. Die Parallelen zur Handlung in unserem Album waren dann doch etwas seltsam. Nishira tauchte nur indirekt schon vorher auf. In „Vargorok“ geht es um die Reise zum heiligen Berg. Und diese erfolgt nur deshalb, weil Nishira mit dunklen Mächten paktiert und dadurch Tod und Verderben über Darerwell bringt. Inklusive der Kollateralschäden wie das Exil von Sillyphus und der Tod ihrer Schwester Vaaya. Nishira kämpft in der Folge gegen ihren Knechter und ihr Schicksal an. Schon alleine deswegen, weil sie genau zu dem wurde, was sie zu Lebzeiten mit all ihrer Kraft bekämpfte. Jedoch erfolglos. Bis sie uns - ihre Beute, auf die sie angesetzt wurde - fast erreicht. Dann geschieht seltsames. Der Seher spielt hier ein verstecktes Spiel. Und sie stirbt durch ihre eigene Hand. Wie und ob es mit ihr weitergeht, werden wir sehen.

Foto: www.facebook.com/OrchestraUKoG/

 

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