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ROSS THE BOSS

Während sich das Interview in Ausgabe #114 vorwiegend auf das neue ROSS THE BOSS-Album „Blood Sworn“ konzentriert, ließ der Gitarrist im Rahmen der dafür stattgefundenen Unterhaltung noch so die eine oder andere Anekdote aus seiner langen Musikerkarriere vom Stapel. Was sich im Heftartikel allerdings auch andeutete, wurde im weiteren Verlaufe des Gesprächs konkreter, sah sich Ross des Öfteren doch dazu verleitet, auch mal in Richtung seiner ehemaligen Kollegen Manowar zu sticheln. Ob zu Recht oder nicht soll jeder Leser für sich selbst beurteilen. Nachfolgend nun also der Rest der Unterredung mit dem sympathischen New Yorker in voller Länge.

Bleiben wir vorerst jedoch noch beim neuen ROSS THE BOSS-Album „Blood Sworn“, auf dem Schlagzeuger Lance Barnewold zu hören ist. Die nachfolgende Tour wird allerdings Death Dealer/Witherfall-Drummer Steve Bolognese bestreiten. „Das ist eine wirklich einmalige Geschichte: Lance war Teil der Keep It True-Besetzung. Mir wurden letztes Jahr etwa 55 Konzerte angeboten, aber die Jungs des damaligen Line-Ups wollten bzw. konnten nicht touren. Daraufhin fragte ich einige andere Musiker, ob sie Bock auf so etwas hätten, wodurch ich auf Schlagzeuger Kenny „Rhino“ Earl stieß. Das war ein großartiger Drummer, der sämtliche Shows bis auf die beim Wacken Open Air spielte. Etwa ein Monat vor diesem Auftritt meinte er zu uns, dass er nicht mitkommen könne, weil er sich hier einen Job suchen müsse, denn er habe ja seine privaten Verpflichtungen, wo er sich um seine Familie kümmern müsse usw. Er könne nicht dort spielen und zurück kommen und arbeitslos sein. Ich verstand das und suchte einen neuen Schlagzeuger. Lance lebt in meiner Nachbarschaft, etwa fünf Minuten von meiner Wohnung entfernt. Zudem ist Lance verwandt mit mir, er ist mein Neffe. Wir spielten ein paar Shows zusammen, unter anderem beim atemberaubenden Wacken Open Air, und dann nahm er noch „Blood Sworn“ mit auf. Da er bei mir gleich um die Ecke wohnt war es also möglich, wirklich jeden Tag an unserem neuen Album zu arbeiten. Mein Plan ging voll auf! Er meinte dann zu mir, dass er zwar die neue Scheibe eintrommeln, aber für weitere Tourneen nicht zur Verfügung stehen würde. Ich meinte, dass das fair sei, denn er ist gerade mal 23 Jahre alt. Zwar fand ich es komisch, dass ein Metal-Musiker nicht touren wollte, aber ich konnte seine Entscheidung schon nachvollziehen, wenn er lieber viel Geld verdienen und ein Haus kaufen will. Außerdem ist er eigentlich Gitarrist und wollte sich lieber diesem Instrument widmen. Ich machte mich also wieder auf die Suche nach einem neuen Schlagzeuger und sah dann noch ein bisschen herum, bis ich Steve Bolognese von Death Dealer fragte, der ein wirklich hervorragender Drummer ist und gerne auf Tour geht! Dieser sagte sofort zu und jetzt spielt er auf der kommenden Konzertreise mit uns.“

Wie bereits im Heft-Interview erwähnt spielte Ross für die Digipack-Version der neuen Scheibe mit 'Each Dawn I Die', 'The Oath' sowie 'Hail And Kill' drei alte Manowar-Klassiker neu ein. Seine diesbezüglichen Beweggründe erörerte der Gitarrist bereits in Ausgabe #114. Etwas anders verhält sich die Situation seiner Ansicht nach bei den kompletten Neuaufnahmen der beiden Klassikerplatten „Battle Hymns“ und „Kings Of Metal“, den seine ehemaligen Kollegen Manowar vor einigen Jahren unters Volk brachten. „Diese Re-Recordings sind so was von überflüssig! Die Scheiben erstrahlen jetzt keineswegs in einem besseren Licht, so geht man mit seiner eigenen Vergangenheit einfach nicht um! Ich denke, dass es vielleicht Sinn gemacht hätte, „Battle Hymns“ in der ursprünglichen Besetzung erneut aufzunehmen, denn aus der Zeit sind noch alle Musiker am Leben. Donnie Hamzik, unser damaliger Schlagzeuger, ist auch noch nicht tot und ich hätte die Songs definitiv spielen können! Das hätte schon in gewisser Weise Sinn gemacht. Aber die Neuaufnahmen von „Battle Hymns“ wie sie Manowar gemacht hatten waren einfach reine Zeitverschwendung und zielten in eine komplett falsche Richtung. Mit den Re-Recordings von „Kings Of Metal“ könnte ich leben, aber der Director's Mix hört sich einfach schrecklich an! Da hätte ich einen anderen Mixer verpflichtet! Insbesondere die tiefer gestimmten Instrumente klingen verheerend! Na ich weiß nicht... Aber viele Leute scheinen so wie ich zu denken, denn letzten Endes hat man nicht allzu viel darüber geredet. Mit einem Wort: Zeitverschwendung!“

Nehmen wir dies als Ansatz, um eine Brücke in die glorreiche Vergangenheit von Ross zu schlagen. Seine einflussreiche Punk-Truppe The Dictators löste sich Ende 2017 endgültig auf. „Unser letztes Konzert fand sogar in Berlin statt! Die Besetzung brach auseinander. Es hatte diverse Probleme was die Rechte am Bandnamen anbelangte gegeben, selbst wenn in der Gruppe nach wie vor die vier Gründungsmitglieder, also Sänger Richard Manitoba, Bassist Andy Shernoff, Rhythmusgitarrist Scott Kempner und ich als Leadgitarrist dort aktiv waren. Normalerweise würde man meinen, wir als Musiker, die von Beginn an mit dabei wären, hätten diesbezüglich freie Hand, aber wir konnten auf den Namen The Dictators leider nicht mehr zurückgreifen. Wir spielten sieben Jahre lang unter dem Namen The Dictators NYC. Ich denke das war's dann endgültig. Sollten wir jemals wieder etwas machen, dann nur unter dem Original-Bandnamen!“ The Dictators werden gemeinhin als Vorläuferband des Punkrocks angesehen. „Uns beeinflussten damals jene Bands, mit denen wir aufgewachsen waren. Man muss bedenken, dass wir anno 1973, als wir The Dictators ins Leben riefen, gerade mal so an die 19 Jahre alt waren. Insofern waren wir sehr von The Who, The Beach Boys, The Flamin' Groovies oder MC5 inspiriert. Dann gab's da noch all diese Mucke aus den 50ern und 60ern wie The Easybeats, aber auch Sachen wie Jimi Hendrix oder The Kinks. Es waren halt all jene Bands, die es vor uns gab. Ein großer Einfluss waren auch Iggy & The Stooges. Letztgenannte waren schon viel früher als wir am Start, so um 1969 rum, wir drehten erst gegen 1974/1975 so richtig auf.“

Nach dem 1978er Album „Bloodbrothers“ wurden The Dictators vorerst auf Eis gelegt. „Damals hatte ich keinen Job, und Sandy Pearlman, unser Manager, hatte die französische Band Shakin' Street in Paris kennengelernt. Fortan zeichnete er auch für die Belange dieser Gruppe verantwortlich, die bei CBS Records unter Vertrag stand, genau wie Blue Öyster Cult. Der Gitarrist von Shakin' Street hatte damals Probleme mit Heroin, weswegen sie Andy fragten, ob er einen Ersatz für ihn wüsste. Eines Nachts rief mich unser Manager an und bot mir diesen Posten an. Er meinte, sie würden mich gerne dabei haben und ich sollte bei einem Album mitwirken. Wir nahmen 1980 besagte selbstbetitelte Scheibe auf, die sehr cool war und geradeaus nach vorne losrockte. Im selben Jahr wurden wir dann eingeladen, Black Sabbath auf ihrer „Heaven & Hell“-Tour zu begleiten. Dort kam Ronnie James Dio auf mich zu und meinte, dass er ein großer Fan von mir und meiner Ex-Band The Dictators sei. Ronnie erzählte, dass sie einen Basstechniker auf dieser Tour namens Joey DeMaio mit dabei hätten, der recht cool drauf sei und mit dem ich gut auf einer Wellenlänge liegen könnte. Ich solle ihn mal treffen und vielleicht würde sich daraus ja etwas ergeben. Dio war wirklich einer der nettesten Menschen die ich je in meinem Leben kennenlernen durfte, nicht nur in musikalischer Hinsicht war er ein absoluter Gigant! Gleich nach dieser Unterhaltung suchte ich Joey auf und wir plauderten viel über Musik. Wir trafen uns daraufhin in Black Sabbaths Umkleidekabine, als sie gerade auf der Bühne standen, jammten etwas miteinander und veranstalteten dort einen Mordslärm, so dass man das sogar noch in der Halle hören konnte, haha! In den Pausen zwischen den Songs drehte sich Sabbath-Bassist Geezer Butler um und meinte, was zum Teufel denn jetzt hier los wäre?!? Und der Rest ist bekanntlich Geschichte...“

Manowar befinden sich gerade inmitten ihrer „Farewell Tour“. Ans Aufhören denkt Ur-Manowar-Gitarrero Ross The Boss selbst allerdings keineswegs. „Das kam mir bis dato noch nie in den Sinn! Ich finde, dass diese ganzen Farewell-Tourneen reine Verarsche sind, man denke da nur an Kiss oder die Scorpions!“ Richtig, denn „Abschiedstourneen“, die sich über Jahre erstrecken, muten schon etwas seltsam an. Das Tischtuch mit seinen ehemaligen Manowar-Mitmusikern scheint jedoch ein für allemal zerrissen zu sein. Zumindest fragten Joey & Co. Ross nie, bei irgendwelchen speziellen Auftritten in Erscheinung zu treten noch boten sie ihm an, sonst in irgendeiner Weise wieder in den Kosmos der einflussreichen Gruppe einzutreten. Ende 2019 geht Joey DeMaio erstmal auf „Spoken Word“-Tour, wo er laut Vorankündigung „die offizielle Geschichte der Kings Of Metal inklusive nie gezeigtem Multimedia-Material“ zum Besten geben wird. „Ich würde mir eher den Arm abtrennen als so was zu machen! Vielleicht wäre es eine Idee, irgendwann einmal ein Buch oder so über meine Musikerkarriere herauszubringen, aber das liegt noch in weiter Ferne! Ich meine, Ich fühle mich selbst nicht so alt, dass ich einer der Typen bin, die ein derartiges Projekt auf die Beine stellen, zu dieser Liga gehöre ich noch nicht! Ich persönliche blicke in die Zukunft. Manowar bestreiten ihre letzte Schlacht, ich hingegen befinde mich noch inmitten meiner ersten Schlacht! Und was den autobiografischen Charakter dieser „Spoken Words“-Geschichte anbelangt so gibt es letzten Endes immer Joeys und meine Sicht der Dinge...“

Ein ehemaliges musikalisches Betätigungsfeld von Ross The Boss, das im Schatten der übermächtigen Manowar und The Dictators immer wieder untergeht waren Brain Surgeons mit dem ehemaligen Blue Öyster Cult – Schlagzeuger Albert Bouchert. Die Band brachte von 1993 bis 2006 haufenweise Alben heraus, die jedoch wenig bis kaum Beachtung fanden. „Die Musik war wirklich herausragend gut, das große Problem bei dieser Band war indes Sängerin Deborah Frost, die nicht wirklich eine Stimme hatte, die zu Heavy Metal passte. Wenn wir damals eine Frontfrau gehabt hätten, deren Gesang mehr im Einklang mit der Musik stand, wären die Scheiben wohl auch weitaus erfolgreicher gewesen! Ich schrieb viele Songs für Brain Surgeons und finde es wirklich schade, dass deren Platten nicht allzu viel Anklang fanden.“ Um diese Reise in die Vergangenheit nun abzuschließen bittet der Schreiberling Ross noch, besondere Momente seiner Karriere besonders hervorzuheben. „Nun, fangen wir diesen August beim Wacken Open Air an, wo ich vor 75.000 Leuten den „Global Metal Ambassador“-Award von den Initiatoren der „Hall Of Heavy Metal History“ verliehen bekam. Danach wurde ich auch noch offiziell in die diesbezügliche „Hall Of Fame“ eingeführt. Und dann wären da natürlich all jene speziellen Momente wie beispielsweise meine ersten Plattenverträge mit The Dictators oder Manowar. Überdies erinnere ich mich noch gerne an alle meine Einzelshows oder aber mit Manowar sechs Alben in sechs Jahren erschaffen zu haben usw. Mit The Dictators eine der allerersten US-Punkbands zu sein war geil, wir spielten insgesamt 35-mal im legendären CBGB-Club, auch im Rahmen der allerletzten Show dort. Wir beeinflussten zahlreiche andere Bands. Jetzt hör ich aber lieber auf, denn es gibt zuhauf gute Momente, die ich mir gerne in die Erinnerung zurückrufe!“

Neben seiner eigenen Band ist Ross bekanntlich noch bei Death Dealer aktiv, die bereits seit geraumer Zeit Material für eine dritte Platte in der Hinterhand haben. Allerdings liegen weitere diesbezügliche Aktivitäten momentan erst mal komplett auf Eis. „Die Songs sind bereits fertig geschrieben und wir werden wieder aktiv sein sobald ich selbst mit meiner eigenen Band mal nicht aktiv bin! - Aber das kann noch ein Weilchen dauern, hehe...! Nach unseren Deutschland-Auftritten werden wir in zwei Wochen nach Australien fliegen, um dort mit ROSS THE BOSS zu spielen. Im Rahmen dessen werden auch Night Legion, die andere Band von Death Dealer-Gitarrist Stu Marshall, als unser Supportact in Erscheinung treten.“

Zum Zeitpunkt des Interviews befindet sich Ross gerade kurz vor dem Abflug gen Deutschland, um hierzulande ein paar Konzerte zu geben. „Danach geht's zur Full Metal Cruise und schlussendlich nach Australien. Die kommenden Konzerte wurden als „Manowar-Klassiker-Shows“ angekündigt, insofern werden wir eine gute Mischung der alten Hits zum Besten geben. Neue Stücke werden wir nicht bringen, denn „By Blood Sworn“ wird laut unserer Plattenfirma ja erst am 20. April veröffentlicht. Ich bin sehr aufgeregt, was Australien anbelangt, denn Manowar selbst haben dort bis dato noch nie gespielt und die Leute vom Fünften Kontinent wollen natürlich all die guten, alten Songs hören! Hinsichtlich Setlist glaube ich, dass wir eine gute Auswahl getroffen haben! Und unser Sänger Marc Lopes fühlt sich, je öfter wir die Sachen spielen, von Mal zu Mal wohler. Wir sind dazu bereit, viele Stücke zum Besten zu geben, das wird richtig cool!“

Foto: https://www.facebook.com/rossthebossofficial

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