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SPINY NORMEN

Selbst ein Schreiberling, der ein gewisses Faible für obskure Bands aus den 70er Jahren hat, entdeckt dann und wann immer wieder mal ihm bis dato völlig unbekannte Formationen. Kein Wunder, dass man von den Texanern SPINY NORMEN mit Ausnahme eines Beitrags zum zweiten Teil der formidablen “Brown Acid”-Samplerreihe bis dato noch nie was gehört hat. Erst dieser Tage erscheint nämlich ein selbstbetiteltes Album, welches sich aus Material zusammensetzt, das von Mitte bis Ende der 70er an der Alvin-Gemeindeschule von ein paar “psychedelischen Mozarts” (O-Ton Band) im texanischen Houston eingespielt wurde und eine enorme musikalische Bandbreite offenbart. Gefilde wie Psychedelic, Acid, Prog und Hard Rock werden dabei gestreift, ohne jedoch einer gewissen Stilrichtung auf Gedeih und Verderb verhaftet zu sein. SPINY NORMEN experimentierten viel herum und klangen dabei immer enorm düster und ihrer Zeit um Meilen voraus. Insofern schickte sich der Verfasser dieser Zeilen an, das Mysterium um die Band etwas zu lüften.

Weil in Windeseile gleich die beiden Hauptprotagonisten Steve Brudniak (Gesang, Gitarre, Keyboards, Mellotron, Moog, Querflöte etc.) und Gerry Diaz (Gitarre, Synthesizer, Echos etc.) antworteten, wurde das Interview in der sonst nicht üblichen Frage-Antwort-Version gehalten.

Gerry: Danke für dein Interesse an SPINY NORMEN, was für ein verrücktes Abenteuer! Nach 25 Jahren im Musikbusiness vom Bühnenarbeiter bis zum Tontechniker bin ich momentan in unserem althergebrachten Stadtteil tätig, wo ich Audio-Systeme für Theater und Sportplätze entwerfe und warte. Ich schreibe immer noch Musik und habe ein Aufnahmestudio in meinem Haus, in dem ich auch die alten SPINY NORMEN – Sachen abmischte und letzte Hand an diese Sachen legte.

Zu Beginn muss man RidingEasy Records einen Dank aussprechen, dass sie das erwähnte SPINY NORMEN-Album endlich veröffentlichten! Mir war trotz meiner Affinität für obskure 70er-Sachen die Band bis zu dem Zeitpunkt kein Begriff, woraufhin das faszinierende Debütwerk sich zunächst mal in Dauerrotation befand...

Steve: Haha! Nun, nicht allzu viele Leute haben von unserer Gruppe bis dato gewusst, deswegen bist du also diesbezüglich keineswegs allein! Wir hechelten damals sowohl unserer Zeit hinterher und waren ihr auch eine Nasenlänge voraus, was dazu führte, dass wir ziemliche Außenseiter waren. Gerry kann dir bezüglich den Umständen wie es zu dieser Wiederveröffentlichung kam wohl die bessere Antwort geben, aber soweit ich weiß sichteten zwei andere kleinere Plattenfirmen vor vielen Jahren bereits schon mal das Material, das schlussendlich dann in den Schoß von Richard Patz von Shroom Angel Records gelangte. Rich hatte uns seitdem auf dem Schirm und 2016 übermittelten wir ihm einige alte Mixe auf Kassette. Er packte 'The Sound Of Younger Times' auf eine Compilation und ich schnitt ihm ein Video eines alten Super 8-Films zusammen, den ich damals als ich noch ein Teenager war für 'The Bell Park Loon' drehte. Das Teil wurde dann via YouTube online gestellt. Schlussendlich hatten Gerry und ich nahezu sämtliche ursprünglichen Achtspur- und Halbzollbänder, einige Tapes sowie Halbspurbänder zusammengetragen und fertigten einen Remix der besten Songs für Rich an. Er ließ sie mastern und zeigte in der Zwischenzeit einige davon Daniel von RidingEasy. So weit ich das verstehe liebte Letztgenannter das was er da hörte und meinte zu Rich, dass, sollte er dieses Projekt nicht machen, er das gerne übernehmen wolle. Letzten Endes beschloss Rich, dass RidingEasy, was ein größeres Label als Shroom Angel ist, viel mehr für SPINY NORMEN tun könnte und übertrug ihm die Lizenzen des Mastertapes. RidingEasy veröffentlichten dann einen besseren Mix von 'The Bell Park Loon' und 'Arrowhead' als kleinen Vorgeschmack auf einer Compilation namens „Brown Acid: The Second Trip“ bzw. bei YouTube. Interessanterweise wurden die meiner Meinung nach obskureren, komplexeren und psychedelischeren Sachen für das Album aufgespart.

Gerry: Anfang der 90er stieß ein Bassist zu meiner Band The Trolls, bei dem sich herausstellte, dass er eine Plattenfirma besaß, die sich auf psychedelische Musik im Stile der 70er Jahre spezialisiert hatte. Natürlich sprach ich mit ihm über SPINY NORMEN und glaube, dass sie in Erwägung zogen, ein Album von uns zu veröffentlichen. The Trolls hatten dann ein paar Probleme mit dem erwähnten Bassisten und Tapes von sowohl The Trolls als auch von SPINY NORMEN verschwanden einfach. Jahre vergingen und irgendwie tauchten die SPINY NORMEN-Kassetten in einem Haus eines Freundes von uns wieder auf. Richard Patz, der Geschäftspartner der Plattenfirma unseres Ex-Bassisten, bekundete Interesse daran, SPINY NORMEN bei seinem neuen Label Shroom Angel zu veröffentlichen und irgendwie gelangten die Tapes in seine Hände. Man muss sich vor Augen halten, dass sich dies damals in den späten 90er Jahren ereignete und wir erst 2015 damit begannen, Mixes und 8tk-Tapes zu digitalisieren! Rich schaffte es, den SPINY NORMEN-Song 'The Bell Park Loon' auf eine Compilation namens „Brown Acid – The Second Trip“ zu bringen, die von RidingEasy Records vor ein paar Jahren auf den Markt gebracht wurde. Und jetzt wird bald das gesamte SPINY NORMEN-Album veröffentlicht!

Drehen wir nunmehr das Rad der Zeit etwas zurück, genauer gesagt zu den Gründungstagen eurer Band: Houston, Texas dürfte damals ja nicht gerade ein Zentrum für harte, psychedelische Musik gewesen sein...

Steve: Wir lebten in einem Stadtteil, der mehrheitlich von Weißen geprägt war und ich glaube, dass Gerry und ich ziemliche Außenseiter waren. Football war in einer Welt, die vorwiegend von privilegierten Kids bevölkert wurde, das große Ding. Wir hingegen hörten uns älteren Rock, Psych und Prog-Musik an, kifften in der Schule, schwänzten die Turnstunde und hielten Ausschau nach Dingen, die nicht der Norm entsprachen. Ich wollte nur etwas erschaffen und anders sein, aber es gab einfach nicht allzu viele Betätigungsmöglichkeiten. Die Musikszene war weit weg, irgendwo im Stadtzentrum. In den Vororten, in denen wir lebten, spielten nur sehr wenige Leute in einer Band. Von unserer persönlichen Lage aus gesehen wussten wir rein gar nichts über die „Szene“ in Houston bis wir in die Innenstadt umzogen. Dann fingen wir an, die Metal- und Punk-Szene zu entdecken, die gerade am Aufblühen war, da sich die Psych- und Prog-Szene im Niedergang befand.

Gerry: Heute ist das nicht mehr so, aber damals eröffnete einem das Leben im Westen Houstons mitunter die Möglichkeit, mittels eines kurzen Sprungs aufs Fahrrad, Motorrad oder ins Auto, zu den Bänken des Bayou, in den Wald oder zu einem anderem großartigen Lieblingsort, den Kuhfeldern, zu fahren. Wir lebten in einer ziemlich isolierten Gegend: Wenn man sich nach Osten wandte stieß man auf menschliche Bevölkerung in all ihrer Pracht, im Westen gab's dagegen nur ein weites, bewaldetes Gebiet, bis man schließlich auf San Antonio traf. Was die Musikszene in unserer Heimat betraf, so kamen damals gerade die ersten Punks an und traten im Stadtzentrum auf. Der Westen Houstons war, als die Dinosaurier noch eiförmig waren, von großen Rock-Radiostationen beeinflusst. Die Bands in den Rockclubs sahen so aus und klangen auch wie Guns N' Roses und das war lange vor Guns N' Roses!

Es drängt sich der Verdacht auf, dass ihr sozusagen die Köpfe hinter SPINY NORMEN wart, schließlich wart ihr diejenigen, die die Formation ins Leben riefen und die einzigen Konstanten in der Bandgeschichte.

Steve: Ja, wir hatten drei oder vier Bassisten und hielten eigentlich ständig Ausschau nach neuen Schlagzeugern, was irgendwie immer ein großes Problem war. Letzten Endes nahm ich selbst bei einigen Stücken unseres Albums die Drumsticks zur Hand, weil es hinsichtlich des Terminplans einiger Jungs, mit denen wir damals zusammenarbeiteten, Probleme gab. Schlagzeuger – sozusagen die „Schneeflocken“ der texanischen Musikszene, haha! Später wurde ich selbst Drummer bei diversen anderen Bands!

Gerry: Wie schon Roky Erikson zu Dick Clark sagte, als er dieselbe Frage stellte, als die 13th Floor Elevators bei American Bandstand auftraten: „We are all heads.“

In den Anfangstagen von SPINY NORMEN habt ihr euch eine schon damals ziemlich altertümliche Vox Jaguar-Orgel von Fever Tree zugelegt, einer legendären Psychedelic-Band aus Houston, die anno 1968 mit 'San Francisco Girls (Return Of The Native)' einen Hit landete.

Steve: Ich wurde anhand einer ausgezeichneten Anzeige in einer Houstoner Zeitung darauf aufmerksam. Ich hatte eine vage Erinnerung an den Namen der Band, aber de facto kaufte ich den Vox von jemandem, der ihn wiederum von Rob Landes erstanden hatte, dem Fever Trees – Keyboarder. Eines Tages stieß ich dann im Houstoner Telefonbuch auf Robs Namen und wir führten darüber ein ziemlich nettes Gespräch. Nach dem Ende der Fever Trees wurde er Fotograf. Ich habe immer noch den Vox, aber ein Freund von mir bewahrt ihn schon seit mittlerweile 20 Jahren für mich auf! Auf dem Koffer befindet sich noch immer der Name Fever Trees in Spraydosen-Schrift. Später legte ich mir ihre Musik zu und ich liebe sie noch immer wirklich sehr! Alles was man auf unserem Album hört wurde durch eine Verzerrerbox sowie durch einen Phase-Shifter gejagt, dies wurde sozusagen zu einem Erkennungsmerkmal unseres Sounds. ‚Schleifend‘ wäre wohl die einzig passende Umschreibung dieses Klangs! Das war damals ganz schön weit entfernt vom melodischen 60er-Jahre-Sound von Fever Tree und trotzdem handelte es sich in der Tat um ein und dieselbe Orgel!

Gerry: Ich kannte den Fever Tree-Song 'San Francisco Girls (Return Of The Native)' aus dem Radio. Als Steve mir mitteilte, dass er gerade eben Fever Trees Vox Jaguar gekauft hatte, konnte ich meinen Ohren nicht glauben! In den späten 80ern nahm meine Band The Trolls im Studio des Fever Tree-Gitarristen Michael Knust auf, welches er hinter seinem Haus hatte. Auch in den 90ern und 00ern stellte ich zusammen mit Don Lampton, dem Ex-Gitarristen/Keyboarder von Fever Tree, Shows auf die Beine, denn er besaß damals eine Firma, von der man Instrumente und Backlines mieten konnte. Er war bei vielen Konzerten zugegen, bei denen ich meiner Verpflichtung aus Tontechniker nachkam.

Eine zentrale Frage ist die, wie ihr eigentlich auf den ungewöhnlich klingenden Bandnamen SPINY NORMEN kamt? Nicht gerade alltäglich ist bereits die Tatsache, dass er einem Monty Python-Sketch entlehnt wurde, allerdings habt ihr das ursprüngliche „a“ bei „Normen“ seltsamerweise auch noch durch ein „e“ ersetzt.

Steve: So weit ich mich erinnern kann, saßen wir im Wohnzimmer meiner Eltern rum, während wir wieder mal eine langwierige Diskussion über einen Bandnamen führten, die uns nirgendwohin führte. Jeder warf einfach irgendwelche Namen in den Raum. Ich wollte etwas Atmosphärischeres oder Trippigeres. Ich kann mich noch an Xerxes und so etwas wie Green Glass erinnern. Wir waren alle riesige Monty Python-Fans und unser ursprünglicher Bassist Steve Koch erwähnte Spiny Norman, Terry Gilliams animierten Igel aus der Fernsehshow. Darauf folgte eine kurze Pause und dann hauten wir uns allesamt aufgrund der Absurdität der ganzen Situation vor Lachen weg. Ich glaube auch, dass wir es so satt hatten, dass wir keinen Namen fanden, dass wir schlussendlich klein bei gaben und diesen nahmen. Wir tauschten nur das ‚a‘ durch ein ‚e‘ aus, um Copyright-Problematiken jeglicher Art von Vornherein auszuschließen. Es gibt mittlerweile weitere Gruppen mit dem Namen Spiny Norman da draußen (de facto bin ich bis dato auf zwei davon gestoßen), aber ich bin mir sicher, dass unsere Fans schockiert sind, wenn sie dieses zahmere Zeug von diesen Typen hören werden, in dem Glauben, das wären wir!

Gerry: Sind wir keine Menschen?

Was mich am SPINY NORMEN-Album fasziniert, ist die Tatsache, dass eigentlich jeder Song vollkommen anders und eigenständig klingt.

Steve: Ich denke, dass das eher einer Art Weiterentwicklung geschuldet war denn dass eine bewusste Entscheidung dazu führte. Die Sachen, die eher an Garage Rock erinnerten, wie bspw. 'Carry Your Water', 'In The Darkness Of Night' oder 'The Bell Park Loon' wurden früher geschrieben. Erst ab einem gewissen (späteren) Zeitpunkt konnten wir abgedrehtere oder progressivere Sachen komponieren oder spielen. Vorher war uns das nicht wirklich möglich gewesen. Wenn wir weitergemacht hätten wäre das Ganze wohl noch mehr ausgeartet und wir hätten noch weitaus entlegenere Gefilde der Musik gestreift, man höre sich nur mal Sachen wie 'The Sound Of Younger Times' an! Wir waren damals schon an einen Punkt angekommen an dem wir Monate brauchten, um einen Song zu schreiben und den anständig zu proben war aufgrund der komplexen Arrangements noch weitaus schwieriger. 'To Meet The Mad Hatter' wurde als letztes Stück erschaffen und als die Band auseinanderbrach war ich an einem gewissen Punkt angelangt, an dem es einfach nicht mehr weiter ging. Wir benötigten ein Jahr, Material zu schreiben und konnten das Ding in seiner Gänze noch nicht mal auf dieses Album packen! Ich arbeitete auch mit einem jungen Gitarristen namens Kirk Ayton zusammen an Songs. Er ist nur auf diesem einen Track zu hören, der letzten Endes in meinem eigenen Studio Victorian Recording aufgenommen wurde, das ich gerade eben erst eröffnet hatte. Übrigens, Kirk hatte bei Fever Trees Gitarristen Mike Knust das Gitarrespielen gelernt!

Gerry: Dass jeder Song des Albums anders und eigenständig klingt, liegt meiner Meinung nach wohl darin begründet, dass wir unsere musikalischen Ideen untereinander austauschten. Wir schlugen uns gegenseitig Parts vor, die interessant zu spielen wären und arbeiteten das dann aus. Wenn ein bestimmter Part nicht wirklich passte hörten wir das sofort und versuchten, ihn so zu ändern, dass er sich in die Strukturen einfügte. Wir probten viel und ich glaube, das half uns dabei, die Feinabstimmung bei unseren musikalischen Abenteuern vorzunehmen.

Man kann versuchen, SPINY NORMENs Musik in solch unterschiedliche Sparten wie Hard Rock, Progressive oder Psychedelic/Acid Rock einzuordnen, aber letzten Endes ist da immer etwas, was das Ganze komplett eigenständig macht und das dazu führt, dass eure Musik nie auf ein bestimmtes Genre limitiert werden kann. Trotz diverser Einflüsse von Künstlern wie beispielsweise dem frühen Alice Cooper, Jethro Tull, Black Sabbath und Konsorten wirkt der Sound des Albums immer sehr frisch, originell, obskur und streckenweise ziemlich avantgardistisch.

Steve: Ich wuchs quasi mit der Albumsammlung meines Vaters auf, die sich zumeist aus ziemlich klassischen Aufnahmen zusammensetzte, aber er hatte auch einiges an Folk wie beispielsweise Peter, Paul And Mary sowie etwas komischeres Zeug von Musicals wie „Anatevka / Fiddler On The Roof“, „Der Mann von La Mancha“ und sogar „Jesus Christ Superstar“ (das war übrigens ein großer Einfluss für uns!). Dann fanden sich in dieser Sammlung noch Soundtracks wie der zu „Dr. Schiwago“. Ich erinnere mich daran, dass ich damals in Film-Soundtracks richtiggehend verliebt war, insbesondere denen von Henry Mancini wie „Der rosarote Panther“ oder „Ein Schuß im Dunkeln“ viel abgewinnen konnte. Dann wären da noch die Beatles, denn als ich noch ein Kleinkind war hatten wir einen Babysitter, der uns das immer vorspielte. Und später folgten für mich dann viele Sachen von Jethro Tull, Pink Floyd oder Yes. Gerry und ich waren beide riesengroße King Crimson – Fans. Ich erinnere mich noch daran, dass wir, als wir zum ersten Mal „The Court Of The Crimson King“ hörten, fast ohnmächtig wurden vor lauter Unglauben darüber, dass es etwas so dermaßen Cooles da draußen überhaupt gab! Später kam ich dann noch mit Van Der Graaf Generator, Gentle Giant und anderem, obskurerem Prog in Berührung.

Gerry: Ich wurde in Detroit geboren und von Leuten aus Südtexas adoptiert. Meine Mutter traf Elvis, bevor dieser Elvis war. Das war schon mal eine gute Grundlage, darüber hinaus gab's in unserem Haus ständig Buck Owens sowie sirupartige Country-Songs. Mein Vater hörte oft die Ray Coniff Singers. Nach den Detroit-Unruhen zogen wir nach Texas zurück. Mit acht Jahren lernte ich das Klavierspielen und mit zwölf schenkte man mir eine Gitarre. Als ich dann in die Highschool kam, hatte ich neben Detroit bereits in Städten wie Houston, Dallas, College Station, Alexandria, Virginia, San Antonio und Corpus Christi gelebt. Ich hörte immer Radio und kaufte mir aber auch Musik. Nachdem ich meine Teenager-Jahre hinter mich gebracht hatte, realisierte ich, dass viele meiner Lieblings-Hardrock-Alben von Bands aus Detroit erschaffen wurden: Alice Cooper, Brownsville Station, Grand Funk, Ted Nugent und aus derselben Gegend dieses Kontinents J. Geils, BTO, The Guess Who und Arosmith. In der Highschool fand ich dann noch Zugang zu Mike Oldfield, Pink Floyd, Trapeze, Black Sabbath, Montrose, The 13th Floor Elevators oder King Crimson. All diese Gruppen beeinflussten mich irgendwie hinsichtlich der Musik, die ich mit SPINY NORMEN spielte.

Im Proberaum habt ihr mit Unmengen an Effektpedalen und originalem Vintage-Equipment gearbeitet, um einen so abgedrehten Sound wie nur irgendwie möglich zu realisieren.

Steve: Absolut, das war schon fast eine unabdingbare Anforderung an unseren Sound, die da in unseren Köpfen herumgeisterte. Aber ich würde nicht sagen, dass das nur abgedreht klang, denn das wäre zu einfach. Wir wollten absolut nichts in einen Song integrieren, was dem Ganzen nicht wahre Kraft verleihen könnte und was nicht originell und bewegend zugleich war. Ich denke dass dies teilweise auch ein Grund dafür war, dass es so lange dauerte, bis Material von uns ausgearbeitet wurde. Ich erinnere mich noch daran, dass ich außerordentlich wählerisch war bezüglich dessen was wir in unsere Songs einfließen lassen wollten. Ich war insbesondere fasziniert davon, digitalen Delay und Reverse Delay aufzunehmen. Wir synchronisierten Delays in Bezug auf die Taktschläge und benutzten auch sehr langen Delay als zweites Instrument, was fast schon an Looping erinnerte. Gerry ist definitiv der „König des Loopings“, sogar heute noch, speziell bei unserer freieren Ausdrucksmöglichkeit, dem Psylobison-Unternehmen. Ich suchte nach anderen Möglichkeiten, das Mellotron zu benutzen anstatt es lediglich als orchestralen Kleister einzusetzen. Ich fügte dem Echo hinzu und es klang recht verstimmt wie beispielsweise bei 'Sound Of Younger Times', wo der Bogenbass nach unten und das Mellotron-Cello nach oben geht. Wenn es als Percussion-Instrument benutzt wird, so kann man hören, wie ich darauf „herumhacke“ wie beispielsweise in der Gesangsfassung von 'To Meet The Mad Hatter'.

Gerry: Als Grundlage unserer Ideen fungierte ein psychedelischer Standard, welcher auf unsere Einflüsse zurückzuführen war. Trotzdem lernten wir neue Techniken bei Instrumenten und im Zusammenhang mit Equipment kennen. Zusammen mit unserem Anspruch, ganz frei einfach alles machen zu können sowie der damit einhergehenden Naivität entdeckten und hießen wir alle möglichen irren Musik-Riffs herzlich willkommen. Unsere Entdeckungsreisen fingen meist so an: „Wie findet ihr das?“ Nach dem Riff folgte lautstarkes Gelächter und dann hieß es: „Oh ja, Mann! Spiel das noch mal!“

Weiter oben fiel die Genrebezeichnung Psychedelic/Acid Rock. Selbst wenn SPINY NORMEN natürlich nicht in dieser Sparte einsortiert werden können, stellt sich die Frage, inwieweit ihr selbst auch zu jener Zeit Erfahrungen mit bewusstseinserweiternden Substanzen gesammelt habt.

Steve: In der mittleren Phase unserer Zeit mit SPINY NORMEN experimentierte ich etwas mit Acid herum, was jedoch meistens alles fehlschlug! Von daher rührt auch ein Großteil jener Dunkelheit bei SPINY NORMEN. In einer verheerenden Nacht war ich komplett hinüber, nachdem ich sechs Dosen von etwas, das „Purple Mesh“ genannt wurde, zu mir genommen hatte. Ich krachte in und „durch“ Wände hinein in andere Welten, einschließlich einer, die jene Goldruten-gelbe Wüste war, jene präkolumbianische Landschaft unseres Logos, welches sich nunmehr grundlegend gesehen auf unserem Albumcover wiederfindet. Glaspyramiden und Tempel überall, direkt neben anderen „Orten“. Ich bin gestorben und ging hinüber ins Leben nach dem Tod und meine erschrockenen Freunde mussten mich festbinden. Ich kam an einen Punkt an dem ich überzeugt davon war, dass ich zur Hölle gegangen bin, nachdem sich der Paradies-Abschnitt verflüchtigte. Das war mit Abstand das Erschreckendste was ich je erlebt habe! Davon rührt 'Wrecko Wild Man Ride' her, hahaha! Dieser Trip ist bis zum heutigen Tag noch nicht vollständig abgeklungen. 'To Meet The Mad Hatter' war ein anderer Fall, der einem anderen Trip folgte, welcher etwas klarer war. Es ereignete sich bei einer berühmten, wunderschönen Wasser- und Gesteinsformation namens Hamilton Pool in der Nähe von Austin. Leute sprangen von einem Felsvorsprung runter in das Wasser, das sich 12 Meter unter ihnen befand. Der Hamilton Pool ist eine zusammengestürzte Grundwasserleiter-Höhle. „The floating sea men were the laughing demons chanting jump in a chorus shout, and the ones who did were in for good, and those who could climbed out.“ - Macht das Sinn? - Nun, zur damaligen Zeit schon!

Gerry: Musiker zu sein war seit jeher meine Inspiration. Ich wollte schon immer in einer Band, einem funktionierenden, arbeitenden Musikwesen sein. Wie fast jeder Maler, Schauspieler, Dichter, Autor oder Tänzer Dir sagen wird, so finde auch ich, dass die Erfahrungen, die wir im Leben machen, das sind, was wir auf unserer Palette haben. Von der können wir dann wählen, wenn wir unsere Kunst erschaffen.

Die Texte von SPINY NORMEN schienen mit der Musik einhergehend weitab der Norm zu stehen.

Steve: „Hast du überhaupt Platz für einen Kommentar zu unseren Lyrics? – Lass mich mal kucken… Auf 'Wrecko Wild Man Ride' und 'To Meet The Mad Hatter' bin ich oben ja bereits etwas eingegangen. 'Carry Your Water' handelt von dem Kampf, wenn man versucht, dorthin zu kommen wo man unbedingt angelangen möchte, aber die Mittel reiben einen letzten Endes komplett auf. Diesbezüglich bezog ich mich eigentlich de facto auf Drogen und Alkohol. „Spend your last dime for the train“ heißt es im Schluss des Refrains. Als ich den Text zu diesem Stück damals verfasste hatte ich diverse Schwierigkeiten mit Marihuana und wusste, dass Gerry mit Alkohol kämpfte. 'The Monkeyweasel' ist das mythologische Biest, welches ich auf Basis des Kinderliedes 'Pop Goes The Weasel' erschuf. Was passierte dann schlussendlich, als der Affe das Wiesel einholte und Letzteres von ihm schwanger wurde? – Verstanden? Das war meine Rebellion gegen all jene Dinge, vor denen mich die Autoritätspersonen in meinem Leben schon immer gewarnt hatten und vor denen ich in dieser Welt Angst haben sollte. „Little children don't go by the mulberry bush where the monkey weasels fly. Little children don't you know, the Mr. Rogers TV show is where it's at!” Übrigens liebe ich Mr. Rogers und er war einer jener Einflüsse in meinem Leben, die meine Moral nach all diesen schlechten Trips stabil aufrechterhielten! Ein Hoch auf Mr. Rogers! 'The Sound Of Younger Times' gibt Ängste und Erinnerungen aus der Kindheit wieder. 'Arrowhead' handelt von einer weiteren mythologischen Kreatur, die eine Jeans ohne Nähte trägt! Vielleicht sollte es vielmehr „Gene“ heißen (Steve bezieht sich dabei auf die ähnlich klingenden englischen Wörter „seams“, „jeans“ und „genes“ – Anm.d.Verf.). Aber ich bin mir sicher, dass das Textblatt mittlerweile schon gedruckt wurde. Gerry könnte zu Stücken wie 'The Bell Park Loon' und 'In The Darkness Of Night' einige coole Anmerkungen zu Protokoll bringen…

Gerry: Wir erzählten im Stile kosmischer Rhetorik der Mitt-70er und beeinflusst vom West-Houston-Shuffle von den universellen Kämpfen zwischen Gut und Böse.

Waren die Aufnamesessions für das SPINY NORMEN-Album von einer chaotischen Atmosphäre geprägt, oder hing irgendwie vielmehr der Geruch eines irgendwie originellen „Abenteuers“ in der Luft?

Steve: Aufregender hätte das Ganze kaum sein können! Wir machten genau das was wir mit dieser Art Musik definitiv tun sollten. Sie ist wie geschaffen für Stereoanlagen! In diesem ziemlich umfangreichen Studio konnten wir ganz frei schalten und walten wie wir wollten, wir hatten diese Einrichtung komplett für uns allein! Glücklicherweise hatte Gerry zuvor bereits diesbezüglich eine Art Ausbildung genossen und auch ich hatte ein bisschen Erfahrung diesbezüglich gesammelt. Phrasen, die wir damals oft von uns gaben lauteten beispielsweise: „Hmmm, ich denke wenn wir diesen Knopf drücken wird dies oder das passieren… Wenn wir das Tape rückwärts auf die Aufnahmerolle spannen, können wir auch das Echo rückwärts aufnehmen…“ Gerry wurde zu einem Toningenieur und war bildender Künstler, später schlug auch ich genau diesen Weg ein. Dieser Studioaufenthalt eröffnete mir und Gerry die Möglichkeit, unser erstes Meisterwerk zu erschaffen und ich bin der Meinung, dass uns dies definitiv geglückt ist! Es war uns in jeglicher Hinsicht kaum möglich, mit unserer eigenen Ambition Schritt zu halten und wir quetschten jede einzelne Gehirnzelle aus, um ein besseres Ergebnis zu erzielen als es unser damals vorhandenes Know-how eigentlich erlaubt hätte.

Gerry: Ich besuchte gerade die High School For Performing And Visual Arts, als das “Alvin Community College” dafür warb, Leute anzustellen. Dort wurde ein Kurs für die Aufnahmen mit Mehrspurgeräten angeboten, der mein Interesse magisch anzog und ehe ich mich versah boten sie mir ein Musik-Stipendium sowie all die damit einhergehenden Bequemlichkeiten an. Mein Hauptinteresse galt indes der Möglichkeit, mit meiner Band SPINY NORMEN dort ein Album aufnehmen zu können. Wir verbrachten viele Wochenenden am „Alvin College“ um Musik einzuspielen. Nicht allzu viele Studenten hatten Albumprojekte am Laufen, demnach hatten wir Glück, dass wir uns so viel Zeit im Studio lassen konnten, was diesem Projekt natürlich zum Vorteil gereichte. Die Aufnahmen waren ein einziges Abenteuer. Wir hatten uns bereits seit einiger Zeit mit Haut und Haaren unserer musikalischen Disziplin sowie unseren entsprechenden Leidenschaften verschrieben und dies war eine weitere Ausweitung in diesem Prozess.

Auch wenn ihr viel Herzblut in euer Album gesteckt hat, wurde es bis zur RidingEasy-Version dieser Tage nie offiziell auf den Markt gebracht.

Steve: Wie ich bereits schon vorher ausführte, waren wir für den Psychedelic / Prog – Zug einfach zu spät und für das was momentan gerade passiert viel zu früh dran. Zu der Zeit als wir endlich bereit dazu waren, live zu spielen, boten die Clubs lediglich Hair Metal - und Punk – Formationen eine Plattform. Wir waren quasi ein alter Hut und was wir an Neuem zu bieten hatten hatte noch niemand vorher gehört, folglich kannte man das nicht und wusste auch nicht damit umzugehen. Wir waren einfach kein Teil eines Trends!

Gerry: Ich weiß nicht wirklich genau, weshalb unser Album damals kurz nach Entstehen nicht veröffentlicht wurde. Ich denke, dass es uns geholfen hätte, wenn wir etwas schlauer gewesen wären. Zudem veränderte sich zu der Zeit die Musiklandschaft. Wir hatten es sozusagen gerade eben gelernt, unsere Instrumente zu beherrschen und der neue Trend ging jedoch eher in die Richtung, dass man alles auf grundlegende, primitive Fundamente zurückführt. Wir wären wohl berühmter und erfolgreicher gewesen, wenn wir nicht gewusst hätten, wie man dieses oder jenes Instrument spielt…das war schon ein herber Schlag für uns!

Das Coverartwork des Albums wirkt simpel, aber effektiv und lenkt auf jeden Fall die Aufmerksamkeit des Hörers auf das Teil. Zudem kommt das Bild ziemlich originell rüber, so dass man die LP auch noch inmitten von hunderten ähnlich gearteter Cover-Gestaltungen leicht wiederfindet.

Steve: Oh, Danke! Ich zeichnete für das SPINY NORMEN-Logo für unsere Poster sowie für eine Flagge, die wir bei Konzerten hinter der Band aufhingen, verantwortlich. Die Farben waren eher ein Schulbus-Gelb mit einer schwarzen Sonne, einem Horizont, einer Aztekenpyramide sowie einem Pfad. Daniel Halls Frau Jeri Yoshizu von RidingEasy nahm einen Flyer, den wir damals gemacht hatten und verwendete das dort enthaltene schwarze und gelbe Bild. Auf brillante Art und Weise fügte sie dem Ganzen noch jenes farbige Echo hinzu, welches passenderweise einige Peter Max-Assoziationen hervorruft. Ich hätte kaum glücklicher sein können! Ich denke, dass dieses Cover im Plattenladen definitiv auffallen wird!

Gerry: „Das originale Artwork stammte indes von Heir Brudniak. Das Original-Cover ist lediglich in Schwarz und Gelb gehalten. Die Artwork-Abteilung von RidingEasy polierte das Ganze noch mit weiteren Farben auf.

Speziell das Stück 'In The Darkness Of Night' könnte auch heute noch sozusagen als „Hitsingle“ gelten. Einmal mehr wird hier offenbar, wie weit SPINY NORMEN ihrer Zeit damals voraus waren. Eigentlich ist es eine Schande, dass ihr nie die euch zweifelsohne gebührenden Lorbeeren einfahren konntet und in kommerzieller Hinsicht erfolgreich wart.

Steve: Wir waren schon enthusiastisch und ehrgeizig in Bezug darauf, dass auch wir erfolgreich sein wollten, genauso wie die meisten ernsthaften Bands. Und es war schwer, diese Gruppe nach so vielen Jahren harter Arbeit und Hingabe zu Grabe tragen zu müssen. Aber ich teile dann den Leuten immer mit, dass mein 19 Jahre altes Ich im Dreieck springen würde! Wenn ich doch nur in der Zeit zurückgehen und sagen könnte: „Hey, Steve und Gerry, ärgert euch nicht, diese Songs werden mal das Tageslicht erblicken – und zwar in 40 Jahren!“ Timing ist alles, wir waren schlichtweg zu spät dran!

Gerry: Ob ich es bedauere, dass SPINY NORMEN nie wirklich erfolgreich waren? Nun, ich bedauere so einiges, aber hinsichtlich unserer Band sind mir derartige Gedankengänge bis dato noch nie wirklich in den Sinn gekommen.

Traten SPINY NORMEN überhaupt mal live auf, und wie fielen die Reaktionen der Anwesenden auf die oftmals schräge, gewöhnungsbedürftige Musik aus?

Steve: Wir spielten nur sehr wenige Konzerte, aber wann immer wir auftraten kamen hinterher immer Leute zu uns und meinten, dass sie das was sie da gerade eben gehört hatten ungemein erstaunt hatte. Viele von ihnen waren alte Psych-Fans und Hippies. Einige waren allerdings auch lediglich sprachlos, weil sie noch nie etwas in der Art zuvor gehört hatten. Und Leute, die auf die damals vorherrschenden Trends standen, waren ohnehin nicht daran interessiert, denke ich.

Gerry: Man kann durchaus sagen, dass SPINY NORMEN unter unseren Kollegen immer wohlwollend aufgenommen wurden, für gewöhnlich mochten sie unsere eigenen Songs sehr. Wir spielten in ein paar Clubs, bei Hinterhofpartys oder Kunstauktionen. Wir wurden auch mal eingeladen, übers Wochenende bei einer psychedelischen Strandparty aufzutreten, die ziemlich entspannt und zu unser aller Zufriedenheit ablief. Insofern brachten wir die Botschaft unseres Sounds zwar relativ gemächlich, aber dennoch ziemlich konsequent, unter die Leute.

Wann habt ihr SPINY NORMEN aufgelöst, und was waren die ausschlaggebenden Gründe für diesen Schritt?

Steve: Ich denke, dass das so um 1982 der Fall war? Mag sein, dass Gerry diesbezüglich ein anderes Jahr nennt, aber er schlug damals einen anderen Pfad ein. Er wollte wirklich rauskommen und auftreten, was ich vollkommen verstehen kann! Ich glaube, dass er dies bewerkstelligte, indem er sich musikalisch etwas mehr in Richtung eines klassischen Rockstils wandte und auch Sachen spielte, die weitaus mehr akzeptiert wurden. Ich hingegen begab mich tiefer hinein in den Sumpf der Psychedelica und den Morast des Surrealen, zudem wurde ich auch bildender Künstler. Wir hatten damals zusammen in einer Druckerei gearbeitet und ich glaube, dass wir vielleicht auch eine Pause voneinander benötigten. Ich rief gleichzeitig Victorian Recording ins Leben und startete eine Künstlerkarriere. Beides wurde zur damaligen Zeit ziemlich schnell ein Selbstläufer und Gerry spielte fortan endlich viele Gigs. Gelegentlich kamen wir immer wieder mal aufgrund einer Sache namens Mr. Green Genes zusammen, wo ich Schlagzeug spielte und wofür unser ursprünglicher Bassist Steve Koch wieder auf den Plan trat. Das war rein instrumentale Musik, etwas von Jazz und Math Rock beeinflusst.

Gerry: Ich trat aus, um die Möglichkeit zu haben, bei einigen Standard-Rockshows in Erscheinung treten zu können. 1985 machten wir allerdings bei den erwähnten Mr. Green Genes wieder gemeinsame Sache. Das war ein Trio mit Steve Brudniak am Schlagzeug und SPINY NORMEN – Bassist Steve Koch. Brudniak hatte damals all seine Keyboards verkauft, weswegen er sich einfach hinters Drumkit setzte!

Wart ihr überrascht zu erfahren, dass SPINY NORMEN bei Szene-Insidern und Freunden obskurer 70er-Rock-Mucke einen kleinen „Kultstatus“ innehaben?

Steve: Nicht wirklich. Kann sein, dass ich damit falsch liege, aber ich bin wirklich fest davon überzeugt, dass man uns, wenn wir das fünf oder zehn Jahre früher gemacht hätten, hoch oben auf eine Ebene mit einigen großartigen Psych/Prog-Gruppen gehievt hätte. Jeder der die Ohren offenhält und nach etwas Neuem aus jener Ära Ausschau hält, wäre das so als ob er ein vergessenes Juwel wiederentdecken würde. Allerdings muss man auch bedenken, dass wir von der Musik der erwähnten Gruppen beeinflusst waren, insofern weiß man nicht, ob wir dann noch früher bereits ebenso derartige Musik wirklich geschrieben hätten.

Gerry: Nun ja, ich war schon etwas überrascht zu erfahren, dass SPINY NORMEN eine Art „Kultstatus“ besaßen! Das fühlte sich an wie „jemand anderes außerhalb unseres ursprünglichen Kreises hat endlich SPINY NORMEN gehört!

Ihr seid ja nach dem Ende von SPINY NORMEN beide aktiv geblieben.

Steve: Gerry hat ziemlich viel in der Hinsicht gemacht. Ich erwähnte bereits Mr. Green Genes, die im Prinzip als spätere Variante von SPINY NORMEN bezeichnet werden könnten. Ich schrieb weiterhin andere Musik für SPINY NORMEN oder für etwas Neues was ich gerade im Kopf hatte. Aber ich wechselte hinüber zum Schlagzeug und spielte bei diversen kleineren Gruppen in Austin. Vor etwa zehn Jahren gründeten Gerry und ich Psilobison, die davor Psyclops hießen. Diese Gruppe spielt komplett freie sowie mit massig experimentellen Effekten beladene Musik, während ich das Theremin sowie den Wave Tech-Tongenerator bediene. Gerry bedient die Gitarre und erschafft Loops. Irgendwann kann es sein,dass wir davon mal was veröffentlichen werden.

Gerry: Ende 1986 startete ich ein Musikprojekt, bei dem wir auf mehreren Spuren aufnahmen und von dem einige Sachen bei KPFT gespielt wurden, einer öffentlichen Radiostation aus Houston. Als man mich fragte wie der Name der Band überhaupt lautete, platzten die Wörter „The Trolls“ einfach so aus mir heraus, denn damals fühlte ich mich irgendwie wie ein Troll. The Trolls erlebten von 1986 bis in die 2010er Jahre hinein zusammen mit mir an der Spitze viele Besetzungswechsel. Mein neues Projekt nennt sich Joseph Lonefeather. Den Musikstil würde ich als Acid Rock bezeichnen. Wir spielen eigene Songs und Covers, denen wir eine charakteristische Würze verleihen. Houston ist einerseits eine lebendige Bluesstadt und hat andererseits jedoch auch eine starke Punk/Metal-Szene. Ich glaube, dass The Trolls für die Blues-Fans zu hart und für den Metal nicht hart genug waren. Als ich mich mit Steve Earle & The Dukes auf Europatour befand überreichte ich einem Koch, der mit uns reiste, eine Trolls-CD. Während er kochte hörte er immer coolen Punkrock und erzählte, dass er The Clash bereits 37-mal live gesehen hätte. Er meinte daraufhin zu mir: „Hey, ich hab mir Deine CD angehört und ihr Kerle seid irgendwie wie die Hawkwind des Westens, oder?“

In diesem Interview klang es bereits mehrfach an, dass SPINY NORMEN Jahre, ja Dekaden ihrer Zeit voraus waren. Heutzutage versuchen junge Bands vermehrt, jene experimentellen Pfade zu beschreiten, auf denen bereits Gruppen aus den 70ern wandelten. Die Frage ist, inwieweit lediglich altbekannte Muster wiedergekäut oder aber ob wirklich frische Impulse gesetzt werden? Gibt es in der heutigen Rockmusik überhaupt noch Raum für (R)evolutionen oder wurde irgendwie alles schon irgendwann mal gesagt?

Steve: Ich denke dass wir, solange Gehirne sich so sehr voneinander unterscheiden wie Schneeflocken, neue Musik haben werden. In der zeitgenössischen Kunst geht die gegenwärtige Erwartungshaltung/der aktuelle Trend dahin dass man immer irgendetwas Neues machen sollte, selbst wenn das nur lausiger Müll sein sollte. Ich glaube, dass Musik mehr danach strebt, das Publikum zu bewegen. Experimentell zu sein kann ganz schön langweilig sein, muss es aber nicht. Ich denke definitiv, dass wir Gott sei Dank mittlerweile an einem Punkt angekommen sind, an dem sich junge Leute alles anhören, egal ob Techno, Hip Hop, Rap, The Beatles, Frank Sinatra, Björk, Klassik, Country oder was auch immer. Die Welt ist bis zu einem gewissen Grad erwachsener geworden, wir sind an einem Punkt angekommen an dem Musik nicht mehr so strikt in Sparten einsortiert wird. In Zukunft gibt es wohl ausschließlich nur noch gute Musik!

Gerry: Ich glaube auch, dass es für ehrliche Bemühungen in der Rockmusik, die über eine bestimmte Botschaft verfügen, heutzutage immer noch eine Plattform im großen Maßstab gibt. Ein Großteil jener großartigen Musik, die heute immer noch lebendig ist, wurde einst ohne jegliche Vorurteile, was Genres oder Ähnliches betraf, erschaffen.

Interessiert ihr euch auch für das, was aktuell in der Musikszene vor sich geht, oder haltet ihr euch in erster Linie an euren alten Platten aus den 70ern fest?

Steve: Ich selbst habe das, mit dem ich aufwuchs, ein Stück weit aus mir herausgebrannt und höre mir viele Musik neueren Datums an. Darunter befindet sich viel neuer Latin Jazz aber auch, speziell seit den 90ern, Gruppen wie Radiohead, Portishead, MIA, Cibo Mato, Massive Attack, Sneaker Pimps oder Manu Chau. Und dann gibt es noch so viele großartige Formationen, von denen ich nicht mal die Namen kenne, aber glücklicherweise habe ich genügend Freunde der Jahrtausendwende, die ganz schön gute Plattensammlungen besitzen. In den meisten davon lässt sich unleugbar ein gewisser psychedelischer Einfluss wiederfinden: Damian Jurado, Menomena, Fever Ray, KOOP, Juana Molina, Kraak & Smaak, La Chica, Leyya, Manu Chau, Nouvelle Vague, Resident, SZA usw. Aber ich brauche definitiv auch meine alten Prog-Standards und höre mir in schöner Regelmäßigkeit meine alten Yes- und King Crimson-Platten an!

Gerry: Das Radio hier in Houston hat sich seit den 80ern so gut wie gar nicht weiterentwickelt. Wenn man hier einen Sender einschaltet, spielen sie den gleichen Song, der sich bereits Jahrzehnte zuvor bis zum Erbrechen in Dauerrotation befand. Deswegen ist es hier schwer, neue Bands zu finden, was bei anderen Rock-Radiostationen in Texas ganz anders ist. Während meines Lebens in den letzten 20 seltsamen Jahren habe ich als Tontechniker in vielen großen Veranstaltungssälen und Festivals in ganz Texas gearbeitet. Viele Jahre lang war die einzige Möglichkeit für mich zu wissen, welche Band gerade berühmt war, dass ich genau diese Gruppe im Rahmen meiner Abeit auf einer Bühne traf. Demnach habe ich schon versucht, auf dem Laufenden zu bleiben, aber ich fand auch heraus, dass vieles der sogenannten “Musik” heutzutage lediglich ein Mode-Statement ohne Seele darstellt.

Gibt es außer den Aufnahmen, welche dieser Tage über RidingEasy erscheinen, noch weitere SPINY NORMEN-Aufnahmen wie beispielsweise Live- oder Rehearsal-Tracks?

Steve: Ja, es existiert noch ein ganzer Haufen, aber wir müssten ernsthaft in unseren Archiven buddeln und Sachen bereinigen, um diesbezüglich ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erzielen. Uns liefen die Zeit, das Geld und der Platz davon, um dieses Mal mehr herausbringen zu können. Aber sollten wir gute Reaktionen ernten müssten wir uns wohl schon wieder zurück an die Arbeit machen!

Gerry: Es gibt noch einige Aufnahmen auf Kassette sowie ein Tonband mit einer Konzert-Aufzeichnung.

Interessant wäre es zu erfahren, ob es Pläne gibt, mit SPINY NORMEN auf die Bühnen dieser Welt zurückzukehren. Einige Festivals, die auch obskureren Bands ein Podium bieten, wie beispielsweise das niederländische Roadburn, wären wohl eine interessante Adresse.

Steve: Das wäre mal eine Überlegung wert! Ich müsste mir allerdings erst ein tragbares Keyboard anschaffen, das wie ein Mellotron klingen kann und wenn ich den Vox hervorkrame, würde der erst mal einige Reparaturen benötigen. Wir müssten beide lernen, diese Songs wieder zu spielen und dann wäre da noch der Zeitfaktor. Ich jongliere schon hinsichtlich meiner Künstler- und Schauspielkarrieren herum, die einen Großteil meiner Zeit in Anspruch nehmen und Gerry hat Familie. Aber wer weiß, vielleicht tut sich da ja mal was?

Gerry: Es wäre richtig cool, mit SPINY NORMEN heutzutage noch mal aufzutreten, egal ob unplugged, replugged oder plugged up... Wir müssten im Vorfeld natürlich oft dafür proben, aber das könnte durchaus bewerkstelligt werden!

Wie bereits in diesem Interview erwähnt, experimentiert ihr dieser Tage mit Gitarre und Theremin in einer Band namens Psylobison.

Steve: Wir spielen dort instrumentales, träumerisches und ätherisches Zeug. Ich berichtete zuvor ja schon etwas darüber. Wir haben mehr Aufnahmen, als du dir in deinen kühnsten Träumen vorstellen kannst! Gerry hat für ein paar davon Remixes angefertigt. Wir denken darüber nach, irgendwann mal ein Album herauszubringen.

Gerry: Von pSyLoBiSon existieren VIELE Aufnahmen! Beim Erschaffen unserer Musik haben wir mittlerweile eine Art Jazz-Anspruch etabliert. Diese Überschallabenteuer bewegen sich irgendwo zwischen zehn bis zwanzig Minuten Spielzeit, weswegen die Aufbereitung dieser Aufnahmen Herausforderungen mit sich bringt. Für den Anfang möchte ich mit pSyloBiSon eine 45er-Vinyl herausbringen.

Auch ergiebige, interessante Interviews finden leider mal ein Ende. Vielen Dank für die Antworten! - Die letzten Worte gehören natürlich euch!

Steve: Wir sind wirklich glücklich über all das Interesse, welches unsere Musik bereits jetzt schon generiert, und können es kaum erwarten zu sehen, was sie in den Köpfen unseres Publikums auslösen wird! Denkt dran, dass Ihr sicherstellt, dass Ihr an einem sicheren Ort seid, bevor Ihr unsere Scheibe anhört, dass Ihr mindestens einen Tag davor nichts Schlechtes gegessen oder gedacht habt und dass Ihr jemanden um Euch habt, dem Ihr vertraut, um danach mit demjenigen sprechen zu können! Es war mir wahrhaftig eine Freude, dieses Interview führen zu können, Chris!

Gerry: Danke, Chris, es war wirklich hervorragend, mit dir zusammenzuarbeiten, und das meine ich definitiv ehrlich! Ich habe schon mit ziemlich vielen Katzen kooperiert, und du bist wirklich großartig! Danke für die detaillierten Fragen, Cheers!”

https://spinynormen.bandcamp.com/

 

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