Live

PURE FUCKING METAL FESTEVIL 2023 @ WALDGASTHOF HART, LABERWEINTING – 25.-26.08.2023

Es ist immer eine Freude, lokale, familiäre Underground-Festivals vor der Haustür zu besuchen. Einer der allergrößten Lieblinge der präsenten LEGACY-Delegation ist genau dieses. Mit viel Herzblut, Einsatz und Idealismus holen Diana und Harald Sausenthaler hier seit 2016 jedes Jahr so manches Schmankerl der hiesigen und benachbarten Metal-Szene nach Niederbayern.

Die D.I.Y.-Mentalität und der Non-Profit-Charakter „von Fans für Fans“ zieht sich wie ein roter Faden durch diese Veranstaltung. Wer hier am Bierstand, am Merch, als Security oder sonst wo arbeitet, hat Bock darauf und ist hochmotiviert und stets gut gelaunt und hilfsbereit zur Stelle. Dieser Spirit plus die charmante Location in einem Stadl direkt neben dem idyllischen Waldgasthof Hart trägt zu einer unvergleichlich entspannten, friedlichen Atmosphäre bei. Diverse Tiere außenherum plus ein Kinderspielplatz sorgen nicht nur dafür, dass auch Eltern mit Rocker-Nachwuchs präsent sind, sondern auch für das Herausbrechen des Kindes im Manne bei so manchem in Würde ergrautem Rocker. Nicht zu vergessen, dass es eine kleine, aber feine Auswahl an Getränken und Speisen zu wirklich fairen Preisen gibt. Bleibt noch zu erwähnen, dass das Camping am Gelände kostenlos ist.

FREITAG, 25.08.2023
Das Festival einläuten dürfen dieses Jahr FRAGMENTATION, die das mit Spielfreude und positiver Aura hervorragend tun. Der Melodic-Death-Metal der „gerade-noch-Bayern“, welche unweit der Schwäbischen Grenze beheimatet sind, geht gut ins Blut und zieht viele der zuvor noch ratschend vor dem Stadl Verweilenden schnell ins Stadl. Danach dürfen die sympathischen Buam von DON'T DROP THE SWORD aus der Heimat des Erdinger Weißbieres partytauglichen Power-Metal zum Besten geben. Und dies tut die Band gleichermaßen bodenständig wie auch professionell. Und selbst böse Black-Metal-Anbeter bescheinigen den Bayern, heute mächtig abgeliefert und für erhöhten Bierdurst gesorgt zu haben. Wenn das kein Kompliment ist! Heute Nacht werden wir alle von Elfen, Drachen, Königen, Rittern und epischen Schlachten träumen – versprochen.
EMPYREAL SORROW zocken anschließend soliden Melodic-Death mit Black-Metal-Dressing, können aber trotz beachtlicher Energie nicht ganz das Stimmungslevel der beiden vorherigen Bands halten. Auf Konserve verdienen es die Münchner aber absolut, angetestet zu werden. Oberösterreich beschert uns anschließend das erste große Death-Doom-Highlight des Tages. Mastermind Där Haidinger malträtiert den Bass und gibt astreine Clean-Vocals, welche durch gelegentlich tiefe Growls aufgelockert werden – zum Besten. Um sich geschart hat er hervorragende Musiker aus dem Distaste- als auch Ultrawurscht-(R.I.P.)-Umfeld. Was das Gitarren-Duo heute Abend mal wieder abliefert, ist ganz großes Kino an Riffiness und melodischen Leads zum Niederknien. ENDONOMOS gelingt es perfekt, Härte und Melodie zu verbinden. Irgendwo ist deren Musik gleichermaßen hypnotisch, meditativ und heavy as fuck! Das Quartett steigert sich wirklich von Show zu Show weiter und ist aktuell eine der besten aufstrebenden Underground-Bands. Gänsehaut-Garantie: Das Duo 'Rejoice' und 'Wither And Thrive' zum Schluss.

ENDONOMOUS 3

ENDONOMOS

Wer Pantera liebt, bekommt im Anschluss die Vollbedienung aus Sachsen. Die Leipziger machen keinen Hehl aus ihren Einflüssen, sondern ziehen den Pantera-Vibe gleich plakativ durch das komplette Band-Image. Von Logo, Merch und humorvollen Sprüchen ist alles dabei. Der kraftvolle Thrash-/Groove-Metal geht sofort ins Blut und sorgt für die bis dato höchste Banger-Dichte vor der Bühne. 'Baptized In Beer' ist hier Programm und nicht nur eine Phrase! CAROOZER sollten eingestellt werden, wenn man Brauereiumsätze ankurbeln möchte. Geil, Männer! Im Januar 2024 erscheint übrigens die neue Platte „The Brewtal Truth“, welche verspricht, ein schönes Brett zu werden.

CAROOZER 1

 CAROOZER

Nun ist es Zeit für den heimlichen Headliner des Tages. Schade, dass man es vorzog, diesen Slot FINAL BREATH zu geben. Nichts gegen diese schweinegeile Band, aber CONTRADICTION sind doch bereits seit 1989 aktiv und ohne Übertreibung zu den allerbesten deutschen Thrash-Bands zu zählen. Leider läuten die Wuppertaler gerade langsam ihren Abschied ein und spielen nur noch eine Stange handverlesener Gigs, ehe es am neunten Dezember dieses Jahres endgültig zur letzten Show kommen wird. Das Stadl ist nun randvoll und die Resonanz des Publikums ist vom ersten Song an phänomenal. Hier wird gebangt, mitgesungen und am Rad gedreht, wohin das Auge blickt. Die Band ist bestens eingespielt, der Sound ist bombig und die Songauswahl wunderbar zwischen etwas älteren, wüsten Stücken und neueren, auch mal im Midtempo walzenden Groovern ausbalanciert. Nicht weniger als eine Lehrstunde! Die Band geht völlig aus sich heraus und saugt die spektakuläre Resonanz des Publikums sichtlich zufrieden voll in sich auf. Besser kann man Thrash nicht performen. Wir werden euch sehr vermissen, Männer!

CONTRADICTION 2

CONTRADICTION

FINAL BREATH sind nicht darum zu beneiden, nach dieser Machtdemonstration auf die Bühne zu müssen. Aber auch wenn sie das Stimmungslevel nicht ganz halten können, sorgen die Unterfranken dafür, dass die Crowd im Stadl bleibt und weiter ordentlich Gas gibt. Für einige ist es nun Zeit, die Shots anzugreifen. Dieser Zusatz-Sprit-Boost plus die garstigen, manchmal mit dem Death Metal flirtenden Vocals von Shouter Patrick sorgen dafür, dass das Energielevel konstant hochgehalten wird und alle Anwesenden noch mal die letzten Energiereserven mobilisieren. Damit geht ein bockstarker erster Festivaltag zu Ende. Auf dem Campingplatz steigt noch so manche Aftershow-Party in die frühen Morgenstunden. Daran ändert auch der aufkommende Regen nichts.

FINAL BREATH 2

FINAL BREATH

SAMSTAG, 26.08.2023
So manchem steckt der Kater oder ausgewachsene Königstiger noch in den Knochen und es regnet ordentlich. Wer den Arsch dennoch schon hochkriegt, kann sich ab 12:30 bereits von IN DUBIO beschallen lassen. Die Zwieseler unweit der Tschechischen Grenze zocken eine lockere Mischung aus schnellem Metal und Punk, textlich gerne mal mit Humor und Augenzwinkern versehen. Garage-Metal geht einfach gut ins Blut und lässige Tracks wie 'Metal, Beer, Boobs & Satan' bringen das Konzept der Combo gut auf den Punkt. Statt Blind Mess dürfen dann als Ersatz LEVIATHAN RISING ran. Deren Show erweist sich als ein mehr als würdiger Ersatz. Denn die Passauer servieren uns einen sehr intensiven Cocktail aus klassischem Doom, Sludge und Stoner-Elementen. Voll und ganz überzeugendes Songwriting und eine leidenschaftliche, authentische Performance mit viel Spirit entzücken zu noch relativ früher Stunde nicht wenige, was sich nach Showende auch in zahlreichen Merch-Käufern zeigt. Top!

LEVIATHAN RISING 3

LEVIATHAN RISING

Während RIVERS COLLIDE aus erneut Passau Augen- und Ohrenzeugen zufolge soliden Metalcore zum Besten geben, nimmt sich die LEGACY-Delegation eine kurze Auszeit zur Nahrungsaufnahme. Die Nürnberger TEETH OF LAMB wurden ursprünglich als Instrumental-Projekt gestartet und entwickelten sich dann in eine völlig andere Richtung. Im Groben sprechen wir von Speed-/Thrash-Metal, wobei die Franken immer wieder etwas vertrackt und verschachtelt agieren und sich auch im Midtempo sowie bei lang ausgespielten, monotonen Riffs wohl fühlen. Live funktioniert dieses Gebräu hervorragend. Klampfer Martin hat heute seinen ersten Auftritt mit der Band und liefert hervorragend ab. Kurzweilig und gut!

TEETH OF LAMB 4

TEETH OF LAMB

Zurück zu Melodic-Death geht es dann mit den Münchnern FLAME OF REDEMPTION. Diese haben mit Sängerin Isabelle eine charismatische Frontfrau am Start, deren Organ für so manche heruntergelassene Kinnlade sorgt. Guter Auftritt, der bei fast allen Anwesenden klasse ankommt. Angeschwärzten Death-Doom zocken die anschließend folgenden FUNERAL PILE, welche sich als eines der größten Highlights des diesjährigen FestEvil entpuppen. Was schon auf Platte (das Debüt „Evoked in Flames“) zu gefallen wusste, entfaltet live heute eine fast magische Wirkung. Die Oberbayern wirken entschlossen, bis auf die Zehenspitzen motiviert und sind perfekt eingespielt. Der Mischer meint es ebenfalls sehr gut mit dem Fünfer, wodurch die Songs in vollem Glanz erstrahlen können. Zum nagelneuen Stück ‚Hope Is A Lie‘ wird heute für ein Video gefilmt. Der achtminütige Track ist der absolute Hammer und klares Highlight der heutigen Show. Sollte dies ein Hinweis auf die Qualität des folgenden Albums sein, steht uns hier Großes bevor. Schlagzeugerin Alina ist aus der Ukraine, weswegen FUNERAL PILE sich auch eine entsprechende Ansage und das Sammeln von Spenden für das ukrainische Militär nicht nehmen lassen. Das Ehepaar Annike und Martin am Bass bilden auch auf der Bühne eine tolle Einheit. Ebenso aufhorchen lässt es, wenn Sänger Matthias mit Tieftöner Martin fette Doppel-Growls auffährt. Ganz starke Show!

 FUNERAL PILE 4

 FUNERAL PILE

Die Freisinger MORNIR servieren anschließend urtypischen, von Violine getragenen Folk-/Pagan-Metal, den man einfach nur lieben oder hassen kann. Der Zielgruppe gefällt es – andere holen sich dann doch lieber mal eben eine Bratwurst. HAILSTONE sind stets ein Garant für schweißtreibende Live-Shows, was auch heute wieder bestätigt wird. Der originelle Death/Black-Metal-Mix kann sich sehen und hören lassen. Besonders auffällig ist die Performance des Asiaten Daniel Zhu, der so manche positive Blicke auf sich zieht.

HAILSTONE 3

HAILSTONE

Sehr atmosphärischen Black Metal der Marke Mgla, Uada & Co. zelebrieren GROZA anschließend eindrucksvoll. Stimmungsvolle Lightshow, perfekt gemischter Sound und eine völlig tight als Einheit aufspielende Band machen absolut keine Gefangenen. Laberweinting frisst der Combo aus Mühldorf am Inn förmlich aus der Hand. Die Zeit vergeht wie im Flug und irgendwie hätte man gerne noch ein bis zwei Songs mehr hören wollen. Viel besser kann man diese Art von Musik live nicht performen. Respekt! Rückblickend bleibt noch zu erwähnen, dass die heutige Show die letzte mit Bassist Mike war, der im Oktober 2023 bedauerlicherweise verstarb. R.I.P! HIRAES, rund um Britta Görtz (Ex-Cripper), sind auf dem FestEvil. Schließlich war Brittas vorherige Band auf der ersten Auflage des Festivals präsent. Der Niedersachsen-Fünfer bietet eine professionelle, makellose Show mit viel Posing, Bewegung und fliegenden Haaren und hat definitiv Headliner-Qualitäten. Lediglich der ein oder andere magische Moment fehlt heute Abend. Dies ändert aber nichts daran, dass der Waldgasthof fast gänzlich Kopf steht und amtlich Gas gibt.

GROZA 4

GROZA

Als letzte Band des Abends wird niemand Geringeres als die mächtigen DÉCEMBRE NOIR auf die Bühnenbretter geschickt. Die Thüringer haben sich seit Anfang an beseeltem, melodischem Death-Doom verschrieben, welcher in manchen Momenten auch gerne mal an ganz alte Paradise Lost, Anathema, Solstice oder Cathedral erinnert. Die britische Schule hat definitiv ihre Spuren hinterlassen, aber dennoch schafft die Combo mit clever eingestreuter Aggro-Kante und spannenden Wechseln innerhalb eines längeren Songs eine eigene Duftnote zu setzen. Außer CONTRADICTION, GROZA, FUNERAL PILE und ENDOMONOS bekommt dieses Wochenende keine andere Band eine solche euphorische, enthusiastische Publikumsreaktion. Dies freut DÉCEMBRE NOIR sichtlich, was damit quittiert wird, dass man das Gefühl hat, dass hier wirklich jeder Musiker alles, was er hat, in die Show legt.

DECEMBRE NOIR 5

DÉCEMBRE NOIR

Damit geht ein weiteres wunderbares FestEvil-Wochenende live zu Ende. Allerdings haben sich alle, die noch trinken, zur Mission gemacht, dass die letzten Bierreserven weiter dezimiert werden sollten. Und daher ist der Durst am Tresen nach diesen zwei Tagen Vollbedienung zur späteren Stunde wirklich bemerkenswert. Es wird auch über das Line-up des kommenden Jahres diskutiert. Mit Deserted Fear, Carnation und Graceless sind bereits geile Hochkaräter bestätigt. Dazu gesellen sich weitere Schmankerl wie Anderwelt, Undertow, Pequod und Macabre Demise. Schon jetzt ist klar, dass auch das Pure Fucking Metal FestEvil 2024 eine Pflichtveranstaltung für die Legacy-Crew werden wird. Horns up und besten Dank an Diana und Harald Sausenthaler für die Einladung sowie das Rundum-Wohlfühl-Paket, welches sie auf die Beine gestellt haben.

Text: Markus Wiesmüller
Fotos: Danny "Trabi" Jakesch