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I.M.Nail

Bei eurem Bandnamen hab ich zuerst an IM im Stasi-Sinne, also „Inoffizieller Mitarbeiter“ gedacht – welche obskuren Deutungen eures Namens bekommt ihr sonst so mit? Und wie kam es zu diesem doch sehr spezifischen medizinischen Begriff: hat jemand von euch einen Küntscher Nagel in sich „verbaut“ – oder ist jemand von euch Medizinstudent?

Nein, Arzt oder Krankenschwester ist keiner von uns und die Knochen sind auch alle noch heil. Wir wollten „einfach“ einen Namen der fett klingt, Interesse weckt, einprägsam ist und im besten Fall noch mit unserer Musik in Einklang gebracht werden kann. I.M.NAIL erfüllt all dies für uns und die Reaktionen hierauf bestätigen dies auch immer wieder. Die Idee zu dem Namen, beziehungsweise mein erster Kontakt zu einem Marknagel, war vor langer Zeit im Wartezimmer einer Ambulanz: Ich hatte mir einen Bänderriss zugezogen und entdeckte in einer Vitrine des Wartezimmers neben weiteren medizinischen Produkten auch einen Marknagel. Ich fand den Begriff und das Teil an sich damals schon so fett, dass ich es in meinem Hirnkasten direkt unter „Besonderes“ abgespeichert hatte. Eigentlich wollte ich mal einen Song so nennen, da ein deutscher Name für eine meiner Bands nie zur Debatte stand und die englische Übersetzung Intramedullery Nail einfach zu kompliziert erschien. Bei den Aufnahmen zu „Hyena Sunrise“ war dann auch die Bandnamensfindungsphase wieder im vollen Gange. Hier bin ich irgendwann auf die englische Kurzform für Marknagel„I.M.NAIL“gestoßen, welche in Intensität und Power dem deutschen Wort ebenbürtig erschien und zudem noch ein aussprachebedingt geniales Wortspiel beinhaltet, welches von Vielermann bei Erstkontakt auch so wahrgenommen wird, aber bisher auch so ziemlich die einzige (Fehl)Deutung unseres Namens ist. Mit der Vermutung eines Zusammenhangs mit der Stasi bist Du definitiv der Erste.

Ausgehend von diesem Begriff nennt ihr eure Musik Titanium. Titan ist sehr hitzebeständig und leicht – welche Eigenschaften des Materials waren für euch ausschlaggebend?

Keine! Es liegt doch auf der Hand. Titanium – That´s what Intramedullary Nails are made of! Im Grunde bezeichneten wir unsere Mucke bisher immer als eine alternative Form des Metal. Daraus machten viele allerdings immer wieder Alternative Metal oder nur Alternative, was wir so direkt nicht sind. In die üblichen Schubladen passen wir nicht rein, aber die Nachfrage, welches Genre wir denn bedienen, kam immer wieder. Demnach machten wir kurzerhand für alle Kategoriefanatiker eine neue Schublade auf und nichts lag da näher, als das Metall, aus dem wir unserem Namen nach gemacht sind: Titan (Titanium) – Metal up your Bones!

Koblenz identifiziert man mit Bands wie Desaster, Metal Inquisitor, Midnight Rider – also sehr traditionellen Metal-Acts, die nach euren Worten sicher eher in rostigen Ketten hängen. Habt ihr da Kontakt zu, vor allem beim Bierchen im Florinsmarkt?

Nur weil man uns nicht einfach mit den üblichen Etiketten brandmarken kann, kann es doch trotzdem Metal sein, oder? Ja, wir sind definitiv eine Metal-Band. Nur eben kein 08/15 Einheitsbrei oder das x-te Oldschool Plagiat. Wir zwängen uns nicht in ein bestimmtes Genre, noch unterwerfen wir uns dessen stilistischen Merkmalen.Dass wir auch außermetallische Einflüsse verarbeiten, lässt sich nicht leugnen; wollen wir auch nicht. Weshalb auch? Nur durch Fusion können neue Kreationen entstehen und deshalb driftet unsere Mucke auch immer mal wieder nach rechts und links, anstatt nur monoton und engstirnig einen Weg zu verfolgen. Wichtig dabei ist nur, den roten Faden zu behalten und der Band mit derMusik eine Identität und ein Gesicht zu geben. Das erreichst Du allerdings nicht durch Bedienen von Genreklischees und Imitation von bereits Bestehendem, sondern nur durch einen kreativen Geist und einen eigenständigen Stil des Musikers selbst. Und davon haben wir gleich vier im Gepäck und deren Zusammenspiel ergibt I.M.NAIL. Dark – Dirty – Deviant. Mit den genannten Koblenzer Acts verbindet uns musikalisch somit recht wenig und vielleicht kreuzen sich unsere Wege auch daher recht selten. Ich will die Truppen keineswegs als rostigen Metal abtun. Sie bedienen jeweils ihre Sparte und Fangemeinde. Wie Du richtig schreibst, eben sehr traditionell und das ist auch ok, aber eben weit entfernt von unserer Philosophie. Als Musiker und Künstler gibt es für mich nichts langweiligeres, als musikalische Stagnation oder gar Imitation. Seine Wurzeln kennen und ehren, ja, aber warum will man genauso so klingen wollen wie zum Beispiel Slayer oder Priest? Beide Bands gibt es doch noch, also warum zur Kopie greifen, wenn ich auch das Original haben kann?

Probt ihr in einem Proberaumkomplex mit vielen anderen Bands, oder daheim?

Zu unseren Anfängen haben wir noch in einem ehemaligen Luftschutzbunker geprobt. Der Koblenzer Music Live e.V. verwaltet diese Gebäude und stellt die Räumlichkeiten Bands als Proberäume zur Verfügung. Geniale Sache, aber es proben eben sehr viel Bands dort und trotz der dicken Wände bekommst man über das Lüftungssystem sehr viel von den anderen Combos mit. Das nervte uns auf Dauer und wir begaben uns während der Aufnahmen zu „Hyena Sunrise“ auf die Suche nach einer neuen Räumlichkeit, da eine vernünftige DIY-Produktion in den Bunkerräumen fast unmöglich war; es sei denn, man hätte Bock gehabt, nachts um drei bis vier Uhr einzuspielen, um ein sauberes Signal ohne Störgeräusche zu bekommen. Außer den Bunkerräumen sind Proberäume in Koblenz allerdings ein rares Gut. Aber wir hatten Glück und fanden relativ schnell eine bombastisch geile Location zu einem vernünftigen Kurs. Hier konnten wir neben unserem Recording- & Proberaum einen weiteren Raum als kleines Studio umbauen. Darüber hinaus gibt es noch einen großen Gemeinschaftsraum und noch einen weiteren Proberaum. Unsere räumliche Situation ist somit perfekt und könnte nicht besser sein.

Wie wichtig ist eure Rhythmusmannschaft – seid ihr eine gleichberechtigte Band?

Als Hauptsongwriter geben Danny und ich natürlich die Richtung an, in die es gehen soll. Oft zusammen, aber manchmal auch im Alleingang liefern wir die musikalische Basis mit meist einem Grundgerüst und Konzept für einen Song. Das finale Arrangement wird dann jedoch im kompletten Bandgefüge erspielt und erarbeitet. Erst hier zeigt sich, ob ein Song wirklich so funktioniert, wie zuvor erdacht; ob er groovt, rockt und rollt. Hier kann jeder seinen Senf abgeben und alle Ideen, Meinungen und auch Kritik finden Beachtung. Soll ja jeder seinen Spaß an der Sache haben. Aber der Stil und das Zusammenspiel von Danny und mir sind der Kern von I.M.NAIL und definieren ganz klar unsere Musik, damit muss der Rest der Combo schon irgendwie klar kommen .In der Regel funzt die Nummer aber, denn letztlich hat das Ganze schon seit mehreren Jahren Bestand. Unser Drummer Ralf ist neben mir für die Lyrics verantwortlich, welche bei I.M.NAIL Hand in Hand mit der Musik gehen und somit einen gleichberechtigten Stellenwert einnehmen. I.M.NAIL ist durch die Bruderschaft von Danny und mir schon zwangsläufig so etwas wie ein Familienunternehmen, aber durch die langjährige Freundschaft zu Ralf und die gute Eingliederung von Eric, doch eher zu einer größeren Familiengemeinschaft gewachsen, in der jeder seine speziellen Fähigkeiten einbringt und ein Teil des Ganzen ist.

Statt wie andere Bands den Markt direkt mit kompletten „Alben“ zu überschwemmen, am besten noch vor den ersten Konzerten, lasst ihr euch Zeit und bringt eine zweite Eigenproduktion im EP-Format heraus. Früher nannte man das Demo.

Um bei der Vielzahl an Releases nicht unterzugehen, finde ich bei einer frischen Combo die Formate MCD oder EP für den Anfang der bessere Weg, um in der Branche Beachtung zu finden. Zeit ist rar und der geschätzte Hörer, egal ob Endkonsument, Kritiker oder Labelchef, greift oft doch lieber zu der neuen Platte einer etablierten Combo, als sich mit 50-70 Minuten unbekanntem Underground zu befassen. Aber 15-20 Minuten unbekanntes Terrain kann man sich durchaus mal eben schnell geben und die sollten ausreichen, um einen Eindruck zu hinterlassen. Allerdings ist es bei kürzerer Spielzeit umso schwerer, seine Bandbreite und Qualitäten zu präsentieren. Demnach gilt hier mehr denn je: „No Fille! Just Killer!“ Wir spielten dennoch mit dem Gedanken, direkt auf Albumformat zu gehen. Material und Ideen dafür waren genügend vorhanden, auch weil die Zeitspanne zu „Hyena Sunrise“ schon enorm war. Allerdings war „Darkness For Rent“ durch das lyrische Konzept, genauso mit der Anzahl und Reihenfolge der fünf Songs, eine runde Sache. Als nächstes folgt allerdings dann das volle Album und das Songwriting hierfür ist bereits im vollen Gange. Ob wieder über unser eigenes Label Bladebeat Records oder in Zusammenarbeit mit einem externen Label/Management, wissen wir derzeit noch nicht. Falls es zu Letzterem kommen sollte, muss es eben passen und wenn nicht, kein Problem. Machen wir eben weiter unser eigenes Ding. Machen wir ja ohnehin schon immer.

Der Titelsong hat dieses coole Barpiano, bei ‚A Bitter Pill’ wird ein eher sphärischer Keyboard-Sound genutzt. Fallen solche Gimmicks live weg, nutzt ihr auf der Bühne Samples, oder wäre langfristig ein fünftes Bandmitglied an den Tasten denkbar?

Bisher haben diese Elemente unserer Songs leider nicht den Weg in das Live-Set gefunden. Da sie aber teilweise essenziell für das Feeling einiger Passagen sind, arbeiten wir derzeit an einer Lösung für die Liveintegration. Wahrscheinlich wird es auf einen Backingtrack-Variante hinaus laufen, was allerdings das Spielen auf Klick unumgänglich macht, von dem wir bisher abgesehen haben, um Live dynamisch agieren zu können. Bedarf für einen festen Keyboarder seheich derzeit nicht, da der Einsatz von Keys und Samples in unserer Musik sich doch eher im Rahmen hält. Wir sehen uns eher als Riff-basierte Gitarren-Band mit partiellen Keys oder FX Passagen und das soll vorrangig auch so bleiben. Darüber hinaus finde ich persönlich, dass eine Viererkonstellation die geilste Besetzungsform einer Metal-Band ist.

‚New Born‘ hat wie ‚Hell‘ auch etwas Thrashiges, aber eher im Groove Metal Sinn. Habt ihr beide mittlerweile einen recht identischen Musikgeschmack?

Es gibt vieles, was ich gerne höre, mit dem Danny nicht sonderlich viel anfangen kann und auch umgekehrt. Wir sind aber beide sehr breit gefächert und haben so manche Epochen mit-, durch- und überlebt. Danny hat seine Faves im Stoner, Alternative und modern Rock, während ich auch gern mal in Thrash/Death/Black Gefilde abschweife. Dabei greife ich aber mit Vorliebe immer wieder auf Klassiker und Ikonen der 1990er zurück. Mit Metal und der Rockmusik der Achtziger sind wir aufgewachsen, der Metal der 90er hat uns geprägt und im neuen Jahrtausend weiß man zu werten. Und bei der Wertung von Musik sind wir uns meist einig.

Das Artwork erinnert in Farbgebung und Machart an die Scherenschnitte, mit denen Pierre Laube bei Doomed (genialer Doom Death) arbeitet. Wie habt ihr das Motiv entworfen – existiert es physisch, oder nur am Rechner?

Hat in der Tat Parallelen zu dem Artwork der von dir genannten Band. Die kannte ich bisweilen noch nicht. Das Motiv der Schattenfigur oder des Boogeyman auf unserem Cover gibt es in der Tat wirklich. Ich hab es beim Warten an einer Ampel aus dem Auto heraus als Graffiti auf einem städtischen Stromkasten erblickt. Ich sah es und wusste sofort, dass ist das Cover für „Darkness For Rent“. Es kostete mich allerdings einiges an Überzeugungskraft, den Rest der Band von dem Motiv zu überzeugen, da sie nicht auf Anhieb die bedrohliche Finsternis empfanden, die das Motiv für mich ausstrahlte. Es war auch nur ein einfaches Graffiti in schwarz auf grauem Kasten. Aber was Danny letztlich daraus gemacht hat, überzeugte letztlich alle und passt zur Musik und den Lyrics der EP wie die Faust aufs Auge.

Zum Schluss noch die sehr geschmackvolle derzeitige Album-Playlist von Mike:

  1. SENTENCED „Amok“

  2. EDGE OF SANITY “Purgatory Afterglow”

  3. BLACK SABBATH “The Eternal Idol”

  4. EMPEROR „IX Equilibrium“

  5. I.M.NAIL “Darkness For Rent”