Zunehmender Rip-Off der Vinylindustrie

Wir erinnern uns, als damals, Ende der 80er Jahre, die CD auf den Markt gekommen ist, pro Stück immerhin gut 10 Mark teurer als die entsprechende LP, wurde uns Konsumenten weisgemacht, dass dieser überhöhte Preis lediglich zu Beginn des neuen Mediums so überzogen sein würde und mit zunehmenden Stückzahlen würden die Preise an das Niveau einer LP angeglichen. Die LP wurde daraufhin kurzerhand von so ziemlich allen Labels für tot erklärt und verschwand nach und nach aus den Regalen - der CD-Preis jedoch blieb unverändert bei gut 30 Mark/15 Euro stehen - trotz geradezu lächerlicher Herstellungskosten bei den inzwischen gefahrenen Auflagen. 

Das Ende vom Lied ist hinreichend bekannt - die Kunden suchten sich andere Wege, um an die Musik zu kommen und den immer zahlreicher auf den Markt geprügelten Veröffentlichungen gerecht zu werden. Napster & Co. waren nur der Anfang eines vor allem für die kleineren Bands katastrophalen Trends, der ein beispielloses Labelsterben nach sich gezogen hat. 

Diesen Trend in den Griff zu bekommen und zumindest ansatzweise wieder steigende physikalische Verkäufe anzukurbeln, dauerte es zig Jahre. Inzwischen ist eine Generation von Musikliebhabern nachgewachsen, die ihr hart verdientes Kleingeld tatsächlich wieder in hochwertige Anlagen und gut produzierte Vinyls investiert. 

Doch kaum hat sich hier ein Trend herauskristallisiert, schon springen alle Labels gierig auf den Zug auf und überfluten den Markt regelrecht mit ihren Re-Releases alter Klassiker und zig verschiedenenfarbigen Versionen von aktuellen Releases. Dem wäre eigentlich nichts Negatives abzugewinnen, würde die Qualität nicht merklich unter der erhöhten Schlagzahl leiden. Da muss dann krampfhaft innerhalb kürzester Zeit der komplette Backkatalog von Pink Floyd zur Zwölftverwertung mehr oder weniger zeitgleich in den Markt gepresst werden, und am Ende hat man dann als Fan die Neuauflage von "A Momentary Lapse Of Reason" vorliegen, die völlig verdreckt ins Cover gequetscht wurde, sodass man diese wohlgemerkt neue (!) LP erst einmal grundreinigen muss, um seine empfindliche Abhöre nicht direkt zu ruinieren. Dazu gesellt sich dann eine grottenschlechte Pressqualität, gegen die sich die Hairlines meiner 30 Jahre alten Originalfassung im Vergleich quasi nicht hörbar darstellen. Was man mit der VÖ eines derartigen Schunds labelseitig bezwecken will ist unklar - außer dass man völlig frustrierte Kunden hinterlässt. 

Bei dem ganzen Vinyloverkill bekommen fast nur noch die großen Labels, die diesem Medium fast drei Jahrzehnte lang nicht die geringste Beachtung zukommen lassen haben, LPs bei den völlig überlasteten Presswerken unter, während die kleinen Labels, die mit ihren Liebhabereditionen das Überleben der Presswerke in dieser Durststrecke überhaupt erst ermöglicht hatten, auf der Strecke bleiben. Doch das wurde ja bereits von vielen Kollegen thematisiert. 

Ein neuer Gipfel der Gier ist nun mit der brandneuen Scheibe der US-Rocker Stone Sour "Hydrograd" erreicht, die via Roadrunner veröffentlicht wird: Die angeblich limitierte 2-LP, der eine gratis CD, aber keine Downloadcodes beiliegen, kommt im Standard Gatefold mit einer sehr hübschen, halbtransparenten Marmorierung daher. Die beiden Scheiben stecken nicht in den aktuell leider zu oft verwendeten nackten Papierschubern, sondern in hochwertigeren Antistatiktaschen. Das ist soweit ganz okay, gehört bei ernstzunehmenden Labels aber durchaus zum ganz normalen Standard. Warum diese in zig tausendfacher Auflage (eine Nummerierung oder auch nur die Angabe der tatsächlichen Limitierung sucht man lange und vergeblich) gepresste Doppel-LP nun zwischen 40 und 50 Euro (!!!) wert sein soll, dürfte nicht nur dem Schreiber dieser Zeilen ein Rätsel sein. Wenn man nun zum Beispiel die in der Ausstattung identischen VÖs von SPV/Steamhammer hernimmt, dann legt man für die 2-LP plus CD bei Amazon im Schnitt 19,99 Euro auf den Tisch. 

Bei ähnlichen VÖs der etablierten Labels Nuclear Blast oder Napalm Records bekommt man für im Schnitt 22 Euro die normale schwarze 2-LP und für ein, zwei Euro Aufpreis die zum Teil auf 200 Stück limitierten Doppel-LPs. Aktuell kann man zum Beispiel das kommende Arch-Enemy-Album als auf 300 Stück limitierte goldene 2-LP plus CD im Gatefold für 21,99 Euro bei NB ordern. 

Warum Roadrunner Records hier einen derartigen Mondpreis aufrufen, ist bislang völlig rätselhaft - interessanterweise mussten die Kunden in den US of A als Vorbesteller gerade einmal 20 Dollar für das selbe Package ausgeben...

Dieser Geschichte haftet der fade Geruch des Fan-Rip-Offs extrem an, und es bleibt zu hoffen, dass sich hieraus keine neue Tendenz von vor Gier zerfressenen Labelstrategen entwickelt - denn wohin das führen kann, haben wir ja mehr als eindrucksvoll erfahren können, und am Ende sind de Gelackmeierten wieder die Fans und kleinere Bands, die keine 100 Euro für eine Konzertkarte verlangen können.