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RAZZMATTAZZ

Beim letzten interview hast du von 200 zu 75% fertigen Demo-Songs für die nächsten Alben gesprochen – seither sind doch sicherlich viele weitere dazugekommen. Fußen alle der neuen Songs auf diesem Repertoire und mussten nur noch zurechtgefeilt werden?

Der Ideenpool wächst unaufhörlich. Der Feinschliff erfolgt situationsbedingt. Ganz spontan reingerotzt haben wir aber ‚Older Than Dirt‘ und ‚All Lights On Me‘. Das sprudelte irgendwann kurzfristig einfach so raus.

Spielt ihr aus diesem Fundus an Unveröffentlichtem auch immer wieder Songs live, um sie zu testen – ohne dass sie automatisch spätestens auf der nächsten CD landen?

Nein. Wir liefern in Clubshows zwar regelmäßig knapp zweieinhalb Stunden ab, aber da experimentieren wir nicht rum. Voll auf die zwölf ist das Motto. Und da wir nun vermehrt auch Festivals oder Supportslots im Auge haben, haben wir dort in der Regel ohnehin nur ein Zeitfenster zwischen 40 und 70 Minuten Spielzeit. Dort setzen wir auf die bewährte RAZZMATTAZZ-Power aus unseren drei Alben. Da ist viel guter Stoff dabei.

Habt ihr schon überlegt, als externe Songwriter andere Bands/Interpreten zu beliefern und über einen Musikverlag Songs anzubieten? Oder wollt ihr am Ende eurer Karriere alle selbstgeschriebenen Songs komplett aufgenommen und selbst veröffentlicht haben?

Überlegt haben wir. Aber es ist auch eine Zeitfrage. Wir müssen arbeiten, damit wir RAZZMATTAZZ sein können. Da brauchen wir nicht drum herum reden. Schön für alle Kollegen, bei denen das anders ist. Irgendwann ist der Tag einfach rum. Aber wer weiß, was noch kommt. Wir sehen uns die nächsten zehn Jahre auf jeden Fall im RAZZMATTAZZ-Business. Hoffentlich auch weiterhin mit zunehmendem Erfolg. Aber wir sind zähe Hunde. Ich bin zuversichtlich. Wir wollen Fans gewinnen und Hintern treten. Halligalli eben.

Ihr habt Ende 2014 von vier Alben in den nächsten zehn Jahren gesprochen und von voller Konzentration auf RAZZMATTAZZ, für jeden der vier Musiker die einzige Band sein soll. So gesehen seid ihr voll im Zeitplan. Greifen da deutsche Tugenden wie Fleiß, Organisationstalent und Beharrlichkeit?

Haha! Ja, ich glaube das hilft auch. Aber wir haben eine ganz starke Motivation: Jeder von uns ist über vierzig, und wir wollen unsere Zeit nicht vertrödeln. Also: RAZZMATTAZZ folgen weiterhin dem Masterplan. Und wir freuen uns über den immer größer werdenden Zuspruch – denn ohne Fans, die dich gut finden, geht nichts. Und ohne Veranstalter, die dich buchen, erst recht nicht. An beidem arbeiten wir mit Hochdruck.

Wie schwer ist es, als Band in diesen Zeiten und in eurer Lebenssituation auf Kurs zu bleiben?

Brutal schwer. Wir haben ohnehin das Allerschwerste gemacht, was meiner Meinung nach überhaupt möglich ist. Als Mittvierziger ohne Kontakte im Business mit eigenem Hard Rock an den Start zu gehen. Eigentlich kannst du da gleich wieder einpacken. Ganz ehrlich: Wer gibt dir Gigs, wenn er dich nicht kennt? Wer kommt zum Gig, wenn er dich nicht kennt? Und wer soll das alles bezahlen? Und wie bringt man ohne Kontakte ein Album raus? Ernest Shakleton ist in dieser Hinsicht der Urvater. Er hatte die Idee, den Pool zu erkunden und hat seine Mitstreiter per Inserat sinngemäß mit folgenden Worten gesucht: Unmögliche Mission, Gefahr dabei zu sterben, Aussicht auf Erfolg fragwürdig, große Entbehrungen, so gut wie keine Bezahlung – wer macht mit? Und so war’s auch bei RAZZMATTAZZ. Ich bin froh so wunderbare Mitstreiter in Wolle, Tommy und Mike gefunden zu haben.

Probt ihr immer noch regelmäßig, auch zum Entwickeln neuer Songideen? Oder verlasst ihr euch da auch wegen der Entfernungen zunehmend auf die moderne Technik, nehmt Songideen daheim auf und haltet euch mit Soundfiles auf dem Laufenden?

Ideen recorden, das geht überall. Ausarbeiten kann ich persönlich nur in gewohnter Umgebung. Das ist entweder gemeinsam im Proberaum oder bei mir zu Hause im Studio. Tür zu, Telefon aus und feilen.

Ihr peppt eure Sets gerne mit „ge-razzmattazz-ten“ Covern auf. Was hältst du von Cover-Alben wie gerade jetzt dem von Krokus – kaufst du dir solche Teile, oder sind die Originale in der eigenen Stereoanlage oder im Auto/auf der Harley ohnehin unschlagbar?

Ich höre sehr viel unterschiedliche Musik vieler Genres. Das inspiriert mich. Ich kaufe mir gern die Neuerscheinungen von anderen Bands in unserer Liga und alle neuen Alben der vier bis sechs großen Bands, auf die ich schon viele Jahre stehe. Cover-Versionen können extrem gut sein oder auch nicht. Ich hab auch eine Liste von Songs, die ich mal auf ein RAZZMATTAZZ-Album mit Cover-Versionen bringen würde. Aber die klingen dann immer nach RAZZMATTAZZ. Ob es so weit kommt, werden wir sehen. Wir haben im Moment zu viel eigenen Shit im Kopf, der erstmal raus muss.

Sind Krokus nach eurer überreichten signierten Platte eigentlich nunmehr Kumpels von euch? Konntet ihr Marc Storace schon für einen Gastsängerjob gewinnen?

Ich hoffe, dieses Interview kann es ändern. Es wäre ein großer Wunsch meinerseits, Marc auf einem Song zu haben. Er ist mein persönlicher Mikrofon-Held. Der andere war übrigens Bon Scott. Marc aber weiß glaube ich noch nichts davon, haha! Man müsste jemanden kennen, der jemanden kennt, der einen kennt, der Marc kennt. Nur so läuft’s. Kennt einer von Euch jemanden? Please tell me.

Hast du die Bücher von Chris von Rohr gelesen, vor allem „Hunde, wollt ihr ewig rocken“?

Scheint eine gute Urlaubslektüre zu sein – den Titel find ich geil. Ich werde es mal anschauen.

Aber um auf den Titel einzugehen: Ja, das wollen wir.

Mit eurem neuen Booker EAM wolltet ihr die Festivals ins Visier nehmen – hat sich diesbezüglich für 2017 etwas getan, wird man euch auf großen Bühnen sehen, so wie 2016 beim Mäxival?

Aua. Finger in zwei große, offene Wunden. Das Mäxival wurde wegen Insolvenz abgesagt und EAM hat sich leider als komplett unproduktiv für uns erwiesen. Unser Booker ist seit ein paar Monaten LuckyBob. Es lässt sich gut an. Wir verstehen uns gut. Die sind sehr wichtig für uns, denn wir brauchen jetzt professionellen Support von gut vernetzten Leuten um in die nächste Stufe zu kommen.

Um welche Art von Goldgräberstimmung geht es bei dem Album – dem Schürfen von kernigen Riffs und zwingenden Grooves? Wie verteidigt ihr euer Claim gegen die Konkurrenz?

Wir wollen jetzt durchbrechen und erreichen, dass uns die Leute kennen. Unser Ziel ist 15 bis 20 Festivals und Supportshows jährlich zu spielen. Dadurch wollen wir 12.000 bis 20.000 Besucher jährlich erreichen, die uns hören. Es gibt ja sehr viele Festivals im Bereich von 700 bis 3.000 Leuten. Allerdings bisher überwiegend ohne RAZZMATTAZZ. Das wollen wir ändern. Wir würden uns freuen, wenn der eine oder andere Veranstalter dies liest und sich motiviert fühlt, uns zu kontaktieren. We are armed and ready.

Ihr habt zum dritten Mal den Preis für das beste Hard Rock-Album beim selben Wettbewerb (Rock und Pop-Preis) eingeheimst – welche Konkurrenz habt ihr dieses Mal geschlagen? Wie kam das Album noch vor der Veröffentlichung in den Contest? Gibt es viele, die da „Schiebung“ schreien? Bringt euch das Renommee der Veranstaltung etwas in Bezug auf Konzertangebote oder gar Airplay im Radio? Wir werdet ihr euch fühlen, wenn beim vierten Album jemand anderes auf dem Siegertreppchen oben steht – geht das ans Ego?

Wir haben einerseits beim Verband als Newcomer drei prima Alben abgeliefert und sind vom Verband ausgezeichnet und anerkannt worden. Da sitzen übrigens Leute wie Jule Neigel, Rudolf Schenker, Steffi Stephan und so weiter im Rock- und Pop-Rat. Da musst du Qualität liefern, sonst wird das nichts mit dem Nachbarn. Andererseits waren die Kritiken der Journalisten bei den Reviews ebenfalls gut. Und das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Es sieht also so aus, als haben wir einfach drei klasse Alben rausgehauen. Punkt. Ich kann mir vorstellen, dass das aber unser letzter Contest war, an dem wir teilgenommen haben. Wir sind über die Phase raus. Ein Hattrick hat in der Sparte in den ganzen 34 Jahren dieses Contests noch keiner erreicht. Wir müssen künftig nur noch die Herzen und Hintern der Fans und der Veranstalter erreichen. Dazu haben wir mit den Preisen zwar eine gute Plattform, aber wir müssen das leider selbst und ohne Hilfe des Verbandes, den ich da als passiv erlebe, selber vermarkten – sonst bleibt’s nur eine Urkunde an der Wand. Schade für den Künstler, denn die könnten da sicher mehr machen, wenn sie wollten und den Gewinnern besser oder überhaupt unter die Arme greifen. Das wäre mein Wunsch an den Verband. Ihr habt die Kontakte, helft den Künstlern.

Stimmst du zu, dass der Metal-Anteil auf dem Album geringer ist, es noch rockiger und bluesiger als die Vorgänger klingt? Was hat euch ermutigt, nun auch das Balladen-Terrain zu betreten?

,Diggin´ For Gold‘ ist ein Arschtreter, sagt mein Neffe. Und der muss es wissen, denn er ist ja mein Neffe. Im Ernst: energiegeladen und kraftvoll. NWoBHM, Hard Rock, Südstaaten-Groove, und von mir aus auch Power-Blues-Anteile. Unser bestes Album bisher. Get it and tell me.

In der Facebook-Biographie steht, dass Bandmitglieder auch an Workshops/am Unterricht von Status Quo-Legende Rick Parfitt teilgenommen haben. Bestand darüber hinaus ein persönlicher Kontakt? Nehmt ihr live ihm zu Ehren nun einen seiner zahlreichen Klassiker in das Set auf?

Als ich im Weihnachtsurlaub in Italien davon hörte, war ich erstmal eine Stunde traurig – mein zweiter Rythmusgitarren-Held. Mein erster war Malcolm Young. Traurig. Aber das ist das Leben. Neben ein paar Hammersongs für die Ewigkeit die Status machten, gab es unter anderem auch mal ,Living On An Island‘. Das mag ich heute noch gerne hören.

Viele eurer Songs haben einen starken Blues-Drall, besonders ‚Holy Molly‘. Ist das euren Hard Rock-Lieblingsbands geschuldet, so wie AC/DC – oder habt ihr auch darüber hinaus eins starkes Interesse an „echten“ Blues-Spielarten? Wer sind eure diesbezüglichen Faves?

Für mich ist der Blues ein Gefühl. Es gibt unfassbar gute Blues-Gitarristen. Da ist dann Blues auch schon mal eine komplizierte, teils hochkomplizierte Kunstform. Wir gehen das eher vom Gefühl her an. Es muss rumpeln. Bei Blues-Songs nehme ich überwiegend den Sänger wahr, ich hänge mehr an der Gesangsstimme als am Gitarrenspiel. Ich denke, das ist aber individuell unterschiedlich. Lieblings-Blues-Alben habe ich nicht. Auch weil mich das oft eher in der Stimmung runterbremst. Ich hab aber alles von AC/DC und Konsorten. Und ,Holy Molly‘ rumpelt gut, nicht wahr? Ich mag es sehr.

Wer oder was ist ‚Older Than Dirt‘? Obwohl es sicherlich nicht darum geht: Hast du „The Dirt“ verschlungen und bist auf eine Verfilmung gespannt – oder lassen dich derlei Rockstar-Biographien kalt? Wie exzessiv ist euer Bandleben – abgesehen vom Feierabendbierchen? Gilt der Dreiklang von Sex, Drugs und Rock’n’Roll bei euch, oder sind die Zeiten einfach seit den 90ern vorbei und nur noch ein Klischee aus dem Geschichtsbuch des Rock?

We are gonna do that Rock’n’Roll-thing until we’re older than dirt. Wir lieben es, Rock’n‘Roll zu machen – bis zum Sankt Nimmerleinstag. Ich hoffe, das ist noch sehr lange. Da musste mit Sex und Drugs schon ein bisschen aufpassen – sonst ist früher Schluss als es einem lieb ist.

Seid ihr alle die geborenen Alphatierchen und „attention whores“, ist ‚All Lights On Me‘ euer aller Motto –oder gibt es auch bei euch in der Band eher ruhige, reservierte Charaktere, so wie bei Judas Priest der stoische Ian Hill?

Unser Ian Hill ist Tommy Wiegand. Durch und durch. Der redet nur, wenn ihm ein Arm abgeschnitten wird. Aber er rockt wie Sau. Das zählt. Und wer liebt das Rampenlicht nicht, wenn er Rock’n’Roller ist? Wolle und ich sind da keine Ausnahme.

Eure Produktionen sind sehr erdig, abgesehen von der Leadgitarre sehr trocken. Würdet ihr gerne wie AC/DC damals in den späten Bon Scott-Tagen und dem Übergang zu Brian Johnson mit einem Mutt Lange arbeiten, der zum Beispiel die Backings von ‚Like A Shot Of A Gun‘ aufgeblasen hätte? Oder einem Dieter Dierks oder Michael Wagener?

Ja, gerne. Mach mir einen Kontakt bitte. Eroc würde uns das nachsehen.