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BITTERFELDT

Matze war bei Crematory in deren erfolgreichster Phase nicht nur Gitarrist, sondern auch der bessere Sänger – kommt er in dieser Rolle auch bei BITTERFELDT zum Zug?

Michael: Matze übernimmt live einige Backingvocals, vor allem Schreie im Hintergrund und ähnliches, was ich auf der Bühne nicht alles gleichzeitig machen kann. Er kann nämlich nicht nur sehr gut clean singen, sondern ist auch für harte Vocals eine Bank. Matze ist ein echter Vollblutmusiker und hat eine unglaubliche musikalische Kreativität. Als Sascha und ich ihm bei den Vorbereitungen zur Produktion die Songs vorspielten, hatte er sofort unzählige Ideen zur Ergänzung und hat super mit Sascha als Gitarrenduo harmoniert. Oft wurden spezielle Sounds generiert und die Siebensaiter verwendet, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Insofern ist er schon ein Studiotüftler, aber aus meiner Sicht ist er sogar noch mehr eine Rampensau, die einfach gerne spielt - egal ob im Proberaum oder live. Technisch gehört er zu den absolut besten Gitarristen, mit denen ich bisher gespielt habe, aber das wusste ich schon vorher von gemeinsamen Jams beim Soundcheck auf früheren Crematory/EverEve-Touren. Er spielt auch schon seit Urzeiten bei Shit for Brains, einer sehr geilen, abgefahrenen Death-Metal-Truppe, da kann man die Spielfreude auch ausgiebig bewundern.

Jede Generation glaubt, in apokalyptischen Zeiten zu leben – das war schon bei den alten Griechen so und bei Asterix fürchtet man auch, das der Himmels einstürzt. Ist das neben der Liebe der dominante Einfluss auf Künstler schlechthin? Geben euch Entwicklungen wie Pegida und AFD hier, Front National in Frankreich, Brexit und nun als Körnung Trump recht – bezieht sich darauf euer lateinischen Orakeln: Nichts ist wahr. Der Schmerz besiegt alles?

Michael: Ich sehe tatsächlich manche Entwicklungen, unter anderem die von Dir angesprochenen rechtspopulistischen Strömungen, mit Sorge. Das Leben und die Welt werden immer komplexer, der Mensch ist komplex. Da entsteht offenbar der Wunsch nach einfachen Antworten und Orientierung - und damit kommen solche Tendenzen auf. BITTERFELDT ist jedoch keine politische Band, das war von Anfang an klar. Es geht bei uns mehr um das Individuum als um die Gesellschaft oder das System – das heißt sozusagen um die eigene psychologische „Endzeitstimmung“ und Endlichkeit. Es ist nun mal so, dass wir mit jedem Tag näher an das eigene Ende kommen. Da ergeben sich im Laufe der Zeit jede Menge existenzielle und auch banale Fragen. Aber natürlich gibt es wohl auch eine Verbindung zwischen der persönlichen „Endzeit“ und dem Gefühl, dass wir – vielleicht aktuell sogar noch mehr als früher – auch in einer allgemeinen Endzeit leben. Ich bin eigentlich ein durchaus lebensbejahender Mensch, aber musikalisch haben mich als Hörer, Musiker und Texter immer die düsteren Seiten mehr berührt. Liebe und Freude sind intensive Gefühle, aber die stärksten Emotionen sind Schuld, Scham, Wut und Angst – das geht noch tiefer. Es ist paradox, aber durch den Schmerz - psychisch und physisch - spürst Du erst richtig, dass Du am Leben bist und fühlst Dich lebendig. Darauf bezieht sich unser Bandmotto „Dolor vincit omnia“, was natürlich gleichzeitig eine sarkastische Version des christlichen „Amor vincit omnia“ (Liebe besiegt alles) ist. Der Spruch „Nihil est verum“ (Nichts ist wahr) steht im Zusammenhang mit dem Albumtitel. Götzendämmerung ist ein Werk von Friedrich Nietzsche, von dem wir auch einige Zitate auf dem Album verwendet haben. Nietzsche hat bei allen diskussionswürdigen Beiträgen aus meiner Sicht das große Verdienst, das er auf sehr klare, drastische Weise die Selbstbestimmung und den kritischen Geist gegenüber „Wahrheiten“ (= Götzen) gefordert hat. Es geht darum, das zu sein, was in Frankreich „Libertin“ genannt wird, ein Freigeist zu sein, sich Gedanken zu machen, um religiöse, gesellschaftliche und sexuelle Moralvorstellungen kritisch zu reflektieren und sich gegebenenfalls davon zu befreien. Unsere Botschaft ist dementsprechend: Hinterfrage immer mal wieder Deine Götzen- die äußeren Dogmen genauso wie Deine eigenen Einstellungen und Glaubenssätze. Sei kein Egomane, aber ein Freigeist, und bilde Dir Deine eigenen Meinungen, befreie Dich von Heuchelei, Selbstbetrug und pseudo-moralischen Vorstellungen. Und wenn Du dazu zu doof bist, oder es Dir zu anstrengend ist, dann bleibe in Deiner Oberflächlichkeit und friss, sauf und vögel Dich durch Dein Leben – ist ja auch nicht die schlechteste Variante. Arsch lecken, frohes Fest!

Genießt man insgeheim den Schauder, dieses „es wird knapp für uns alle“ – oder würdet ihr lieber in einer friedlich-harmlosen Biedermeierzeit leben, die dafür künstlerisch wenig stimuliert?

Michael: Also, wenn dann wäre ich wohl eher in einer dekadenten Gesellschaftsform, so Fin de siècle, an einem Königshof, wo die ganze Zeit nur Orgien stattfinden. Zumindest ich habe eine gewisse Schwäche für hedonistische Ausschweifungen und den Hang zum Exzess. Aber Sascha wäre da sicher auch mit dabei, wie ich ihn kenne. Wie schon ausgeführt, ist der Gedanke, „es wird/ist knapp für uns/mich“ natürlich grundsätzlich eine Triebfeder, um aus der Komfortzone zu kommen, und sich unangenehmen Themen zu stellen, nicht zuletzt auch der Frage „Wofür stehe ich eigentlich? Was sind meine Werte und Überzeugungen, für die ich eintrete? Wo liegt überhaupt der Sinn meines Daseins? Wie gehe ich eigentlich mit meiner Lebenszeit um, verschwende ich meine Zeit?“ und so weiter. Ein Großteil der Texte auf dem Album ist autobiografisch und beschreibt irgendwelche seltsamen Visionen aus (Tag-)Träumen, die wiederum oft mit wichtigen Ereignissen verbunden sind – meist negative Erlebnisse wie Verlusterfahrungen. Da ich aber keinen kompletten Seelenstriptease machen möchte, verpacke ich das Ganze in surreale Bilder und Metaphern – das wiederum ermöglicht vielen Menschen, etwas für sich in den Texten zu „erspüren“, was sie berührt, wo sie sich wiederfinden. So war es jedenfalls bei EverEve, wo ich von vielen Fans sehr interessante Interpretationen und persönliche Bezugspunkte im Hinblick auf die Texte rückgemeldet bekommen habe – und ich hoffe, es wird bei BITTERFELDT ähnlich.

Gerhard Magin war am Anfang der Massacre-Stammproduzent auch von der Hausband Baphomet und den ersten (US) Power Metal-Signings, hat sich aber vor allem über Crematory und eben auch Evereve plus Heavenwood, Theatre Of Tragedy, Dark,Cryptic Carnage, Casket und anderen einen Namen als der deutsche Dark/GothicMetal Produzent schlechthin gemacht – wobei es eine „lieben oder hassen“-Geschichte war. Ist er ein wichtiger Teil dieses nostalgischen Gefühls jetzt?

Michael: Dieses „lieben oder hassen“ entstand sicher auch dadurch, dass er gnadenlos umsetzt, was Du möchtest und das war bei manchen Künstlern vielleicht nicht die beste Idee. Man unterschätzt daher seine Fähigkeiten leicht, auch mir ging es früher so. Bevor wir 1999 mit EverEve das erste Mal mit Gerhard zusammengearbeitet haben, musste uns – vor allem mich - das damalige Management vehement überreden, denn ich war nicht wirklich ein Fan von ihm. Das hat sich sofort geändert, als ich gesehen habe, wie er tatsächlich arbeitet. Mittlerweile ziehe ich tief den Hut vor Gerhard und seiner Arbeit, denn ich weiß jetzt, unter welchen Umständen manche Produktionen bei ihm gemacht wurden. Mit welchen low-budgets, komischen Ideen und – sorry, aber man muss es so sagen - Dilettanten er sich rumschlagen musste. Im Endeffekt ist ihm dann aber auch in diesen Fällen vollkommen egal, was in Kritiken oder von Fachleuten an Rückmeldung kommt. Er zieht dann sein Ding durch und fertig.

Hat Gerhard massiv in die Arrangements eingegriffen, Parts verändern lassen oder gestrichen – oder war er reiner Tontechniker und Motivator?

Michael: Irgendwas dazwischen. Es war sein Wunsch, dass ich bei der Produktion mitwirke, weil wir sehr gut zusammen arbeiten können - ist ja schon der vierte gemeinsame Longplayer. Und dann gilt zunächst, er lässt der Band freie Hand. Ich wiederum habe ihn ausdrücklich aufgefordert, seinen Input einfließen zu lassen. Da kamen dann auch einige sehr geile Ideen, aber die Grund-Arrangements fand er schon so gut, dass er keine massiven Änderungen vorgenommen hat. Für Gerhard ist es wichtig, dass er „den Film“ eines Albums erfasst und akustisch umsetzt. Bei uns war er recht schnell im richtigen Film und hat solange getüftelt, bis es so klang, dass es seiner Meinung nach die optimale Umsetzung ist. Da gab es dann auch mal locker 35 verschiedenen Versionen eines Songs - nicht auf das Arrangement bezogen, sondern auf den Sound. Gerhard ist mittlerweile durch seine Live-Tontechnik und andere musikalische Aufträge finanziell so abgesichert, dass er die Studiojobs nur noch macht, wenn er wirklich Bock drauf hat. Das war bei uns glücklicherweise der Fall. Und dann gibt er 150% Gas. Na ja, sagen wir 120% - ist ja auch nicht mehr der Jüngste, hähähä.

Deutsche Texte waren bei Evereve weit mehr noch als bei Crematory die absolute Ausnahme – warum jetzt die komplette Dichtung in der eigenen Sprache: Ist das euer Rammstein-Element, zusammen mit den harten, klobigen Riffs?

Michael: Ich mag Rammstein sehr und betrachte die Band nach wie vor als eine der wichtigsten Bands im Bereich der harten Musik. Durch die Popularität der Band entsteht aber natürlich leicht der Reflex, jede deutschsprachige Gruppe mit harten Riffs irgendwie damit zu vergleichen. Ich sehe wenig Verbindungen zwischen BITTERFELDT und Rammstein. Tatsächlich wurde es aber immer mal wieder aus unserem Umfeld angesprochen, was mich sehr überrascht hat. Vielleicht ist da unbewusst irgendwas beim Songwriting eingeflossen, aber BITTERFELDT ist düsterer, viel sperriger und auch vom Gesang her anders. Gemeinsamkeiten sind höchstens ein gewisser dunkler Pathos, die Bedeutung des visuellen Elements und die Kompromisslosigkeit in der Umsetzung des Konzepts.

Was die Texte anging: Ich hatte einfach Lust, auf Deutsch zu singen. Wir hatten das bei EverEve nur sehr sporadisch gemacht, aber in den letzten Jahren habe ich mal wieder bei anderen Künstlern und Produktionen mitgewirkt, wo ich deutsch gesungen habe. Zu unserem Endzeit-Sound passt das aber auch sehr gut, und textlich sind natürlich ohnehin die Lyriker der deutschen Romantik wie Trakl, Benn oder Rilke ein großer Einfluss. Ja, ich weiß, Klischee hoch sieben – das gehört natürlich ins textliche Repertoire jeder vernünftigen Düster-Band - aber ich finde diese Persönlichkeiten und ihr Werk nach wie vor sehr inspirierend. Dazu noch eine Prise Baudelaire sowie einen sehr großen Schuss eigene Morbidität, und der BITTERFELDT-Text-Cocktail ist perfekt.

Basiert ‚Zauberland‘ auf ‚Maikäfer flieg‘ in einer zynischen Abwandlung?

Michael: Was hast Du denn geraucht? Hahaha.... Aber ist eine abgefahrene Idee für das nächste Album. Nein, Zauberland ist eine Coverversion des gleichnamigen Liedes von Rio Reiser. Dass man das im kurzen Ausschnitt nicht erkannt hat, freut mich ehrlich gesagt. Im Komplettsong wird es schon erkennbar. Aber mein Weg für Coverversionen ist tatsächlich eine komplette Zerstörung der ursprünglichen Fassung. Die Originalversion ist so intensiv (zieh Dir mal die Live-Version der Berliner Show rein, ein heroingeschwängertes Meisterwerk zwischen Genie und Wahnsinn), das kann man nicht toppen. Also haben wir uns als Hommage entschieden, eine neue Interpretation zu erschaffen, Tonart und Takt wurden verändert, andere Parts integriert – und am Ende kam offenbar noch die abartige Maikäfer-Vibe dazu...

Rein vom Doom-Faktor und dem grollenden Gesang geht das eher in Richtung Parracide als Evereve, oder? Hörst du wieder viel die alten Peaceville drei, oder sind es neue Bands mit Sludge/Doom/Doom Death-Bezügen, die dich fesseln?

Michael: Im Moment ist ja wieder typisches My-Dying-Bride-Wetter, und ich höre die Band nach wie vor sehr gerne. Da gibt es einige Songs, die ich für immer mit sehr tiefen Gefühlen verbinden werde, und darüber hinaus sind wir seit EverEve-Zeiten mit einigen der Jungs gut bekannt. Bei Paradise Lost und Anathema höre ich eher das alte Zeug, wobei auf der letzten Paradise Lost auch ein doomiger Song ist, der mir gut gefällt. Ähnlich wie bei den deutschen Texten hatte ich einfach Lust auf harten Gesang. Und das war auch genau auf Saschas Wellenlänge. Es gibt aber in den Songs auch Parts mit clean Gesang und Sprechgesang. Musikalisch sehe ich aber wenig Bezug zu den Doom-Death-Bands. Dann schon eher zu Stoff wie Neurosis, die ich sehr schätze, oder Shrinebuilder und ähnliches. Die haben ja oft auch so einen Trance-Faktor in den Songs, um dann die volle Dynamik auszunutzen und mit unbarmherziger Härte in den nächsten Teil zu gehen. Die hypnotischen Teile bei BITTERFELDT haben in der Tat ebenfalls so eine Trance-Wirkung. Es ist sehr reizvoll, ein Riff mal so oft durchspielen, bis es seine Wirkung entfaltet, aber ohne das es langweilig wird. Das trifft dann durch den Hypnosefaktor in die tieferen Hirnschichten, noch mehr in unser „Gefühlshirn“ als es Musik im allgemeinen ohnehin schon tut. Wir haben auch einen längeren abgefahrenen Didgeridoo-Part auf dem Album, von Sascha gespielt, der hat eine ähnliche Wirkung.

Ist das Visuelle als persönliches Steckenpferd von besonderer Bedeutung für dich/euch, oder sind diese professionellen Teamstrukturen in Bezug auf Videos ein Hinweis darauf, dass ihr mit der Band nochmal mehr bewegen wollt, als ein Hobby zu sein?

Michael: Sowohl als auch. Uns ist es wichtig, dass wir verschiedene Sinneskanäle ansprechen, und da gehört ein gutes visuelles Konzept auch dazu. Ich finde das bei Konzerten immer toll, wenn man nicht „nur“ die Band hat, die sich den Arsch abspielt, sondern auch optische Elemente wie das unter anderem bei Pink Floyd, Massive Attack oder eben auch Rammstein der Fall ist. Damit können wir bei BITTERFELDT momentan aus Budgetgründen zwar (noch) nicht ganz mithalten (grins), aber zumindest das Artwork, Fotos, Video sind mit viel Hingabe, Aufwand und Professionalität entstanden. Das geht dann schon deutlich über „Hobby“ hinaus.Als ich vor zwei, drei Jahren Sascha ansprach, ob er Bock auf gemeinsames Musizieren hat, war für mich die klare Absicht da, wir machen das als Hobby. Ich hatte keine Lust mehr auf das ganze Musik-Business, Labels, Verträge. Witzigerweise haben von vornherein einige Menschen, die mich sehr gut kennen, gesagt, das wird nicht beim Hobby bleiben. Irgendwie hatten sie recht, scheinbar geht das bei mir nicht anders. Wenn ich es mache, mache ich es richtig, Und das zieht sich spannenderweise wie ein roter Faden bei allen Beteiligten bei BITTERFELDT. Wir lassen es entspannt und unverbissen angehen, aber alle sind absolut fokussiert und haben einen hohen Anspruch an sich selbst – egal ob es die einzelnen Musiker sind, der Produzent oder eben die Jungs aus dem visuellen Bereich. Bei den Außenaufnahmen beim Videodreh hatte der Regisseur fast 40 Grad Fieber, der Kameramann musste von uns nach zwölf Stunden quasi gezwungen werden, eine Pause einzulegen, und der Hauptdarsteller lag für eine Einstellung zwei Stunden regungslos auf kaltem Steinboden. Irgendwie sind wir wohl ein Haufen voller Gestörter und Besessener, die für die Kunst - und ich verwende jetzt extra mal dieses hochtrabende Wort - jedes Opfer bringen. Ich frage mich nur noch, wo die Steigerung ist. Wahrscheinlich entstehen nächstes Mal rituelle Selbstentzündungen oder ähnliches. Damit hätten wir dann nicht nur das Temperaturproblem gelöst, sondern auch wieder eine visuelle Komponente geschaffen, hahaha.

P.S.: Gerade hat ein russisches Label (GSP) die alten EverEve-Demos (inkl. Split-CD) als Doppel-CD neu gemastert und aufgemotzt veröffentlicht.

 

Text: BTJ

Fotos: Markus Richter – www.stahlwerk-studio.de