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Dark Millennium

Noch vor Tochure, Blood und Sacrosanct nahmen die Sauerländer Teenager „The Apocryphal Wisdom“ im geographisch günstig gelegenen Dust Studio von S.L. Coe, u.a. ex Scanner-Sänger, auf. „Wir erinnern uns gern an die durchweg amüsanten ersten Demo Aufnahmen, die wir zum Teil auch gefilmt haben. Christoph hat beispielsweise im Studio kurz vor den Aufnahmen zum ersten Mal Double Bassdrum gespielt. Michael war ein geduldiger Engineer, der uns durch die ersten Unwegsamkeiten einer Aufnahme schiffte, allerdings stellte ich damals fest, das zeitliche Begrenzung bei Studioarbeit als größter Gegner der Kreativität und Akribie zu sehen ist. So habe ich die "Überminuten" beim ‚Bringer Of Plague‘ Solo bei jedem extra Take mit einer Capri Sonne an Micha bezahlen müssen“, muss Hilton schmunzeln.

Seine Kreationen auf dem Folge-Tape „…Of Sceptre Their Ashes May Be“ von jemand anderem einsingen zu lassen, muss für Christian der Horror gewesen sein. Doch mitnichten: „Zum Zeitpunkt des zweiten Demos hatte ich andere private und berufliche Prioritäten, die mich für eine kurze Zeit von der aktiven Musik abhielten. Ich hatte aber überhaupt kein Problem damit, dass Torsten das Demo eingesungen hat, und ich finde seine dunklen Growls passten gut zur Musik. Letztendlich sind wir dann aber wieder zusammengekommen, und natürlich macht es mehr Spaß, die eigenen Texte auch selbst zu interpretieren. Torsten Gilsbach ist nach wie vor ein enger Freund von mir. Er arbeitet als Grafiker und spielt Drums in einer Rockband aus Düsseldorf.“

Hier gab es ebenso wenig Differenzen wie mit Morgoth, zu denen DARK MILLENNIUM-Gitarrist Sebastian Swart als Bassist wechselte. Die genannten Kollegen haben ihre Heimat Meschede immer als Standortnachteil begriffen. Hilton sieht das entspannt. „Standorte haben für uns nie wirklich eine Rolle gespielt, zwei von uns blieben im Sauerland, einer ist verschollen, und zwei machten sich in Großstädte auf. Man kann lange über Vor-und Nachteile von ländlichen und städtischen Habitaten diskutieren, aber es ist schön, zurückgezogen arbeiten zu können, und für Konzerte, Meetings oder Partys durch die Weltgeschichte zu reisen. Die Mischung macht‘s.“

Als Band aus einer Metropole wären sie womöglich nie auf ihr eigenwilligstes Stilmittel gestoßen. „Es handelt sich um die circa 160 Jahre alte Wald-Zither meines Großonkels aus Berlin, der laut Überlieferung Sänger und Multi Instrumentalist war“, deckt Hilton auf. „Wir standen auf den signifikanten Klang und machten Sie zu einem unserer Markenzeichen innerhalb unserer ohnehin schon sehr offenen und experimentellen Instrumentierungen.“ Großvater wie Zither sind wohlauf, letztere kam auch auf dem neuen Album mehrfach zum Einsatz. „Ich habe sie unter enormer Konzentration gespielt, da mir das als Gitarrist irgendwie zufiel. Live haben wir sie nie mitgenommen, was aber für die Zukunft noch offen steht.“

Unterschrieben hatte man für drei Alben damals bei Massacre. „Wir hatten drei oder vier Label-Vertragsangebote. Century Media und Nuclear Blast waren damals noch nicht die Label, die sie heute sind und wir unterschrieben damals das beste Angebot. Wir haben auf Label-Festivals mit den meisten der obengenannten Bands gespielt und Torsten von Massacre und Baphomet war stets mit Rat und Tat an unserer Seite, doch auch Leute wie der sympathische Waldemar und die großartigen Despair, die uns zeitweilig ihren Proberaum und nach Auflösung ihren Bassisten Klaus überließen, waren für unsere Entwicklung eine Bereicherung.“ Besagter Waldemar Sorychta produzierte das finale Demo-Tape. Such danach wechselten DARK MILLENNIUM munter die Studios.“ Gerhard Magin war ein fantastischer Engineer, von dem wir viel lernen konnten und der jedes unserer Sound Experimente unterstützt hat. Er war lediglich am Anfang etwas irritiert, dass Songs wie ‚The Atmosphere‘ und ‚Father Legatus‘ bis dato konzeptionell nur in den Köpfen existierten und erst im Studio "zu Papier" gebracht wurden. Torsten war beim Mix anwesend und äußerte gelegentlich Ideen, was ich nie wirklich mochte. Aber letztlich hat er die Rechnung bezahlt“, bemerkt Hilton zum Status des Labelchefs als Mitproduzent von „Ashore The Celestial Burden“.

Das epische Debüt wurde trotz seiner extravaganten Art gefeiert, bei „Diana Read Peace“ wurde 1993 die Fantasie vieler Death Metal-Hörer sehr strapaziert, wie damals auch in verschiedenen Ausprägungen von Pestilence, Gorefest, Massacra , Morgoth und viele anderen. Christian erläutert den Stilwandel. „„Diana Read Peace“ war das Resultat veränderter Hörgewohnheiten und grenzenlosem Experimentieren mit den Möglichkeiten des Songwritings. Wir haben uns dabei nicht von anderen Bands beeinflussen lassen, sondern wollten unserem Stil neue Facetten hinzufügen. Das war kein Kalkül, sondern ist frei heraus entstanden. Natürlich war uns klar, dass wir den alten Fans einiges zumuten würden, aber die ganze Kreativität musste einfach raus. Sicherlich kann man die Scheibe im Nachhinein teilweise kritisch betrachten, aber letztendlich wird DARK MILLENNIUM immer eine Band bleiben, die offen für alles ist und sich selbst keine Grenzen setzt.“

Auch Hilton war bewusst, dass der Bruch provozieren würde. „Wir hatten bereits während der Produktion einen Journalisten des Musik Express (?) zu Besuch, der uns mit Namen wie Arnold Schönberg (1874 bis 1951, zentraler Komponist der „Zweiten Wiener Schule“ – Anm. d. Verf.) und King Crimson bewarf, aber wir waren mit unseren Köpfen ganz woanders. Die Studiowahl kam nicht von uns, und sollte vermutlich regional klug ausgesucht sein, das war jedoch nicht der Fall. Ingo Vieten (heute Basser bei den Sauerland-Proggern Soul Cages – Anm. d. Verf.), der sich gelegentlich mit dem Studiobesitzer abwechselte, war heillos von unserem Anspruch und Experimentaldenken überfordert, wobei die Zusammenarbeit wunderbar klappte. Wir konnten uns auch mehr in die Produktion einbringen. So habe ich zum ersten Mal ein paar Tracks recorden dürfen und wir gingen zur Hand bei der Abmischung, da wir keine Automation zur Verfügung hatten.“

Die beiden Bonus Tracks der neu aufgelegten "Diana Read Peace"-Pressung – darunter paradoxerweise das Titelstück - wurden erst nach dem Album geschrieben und wieder bei Gerhard Magin aufgenommen, „um für etwas abzurunden und abzuschließen. Sie waren als Abschiedssongs für die Fans gedacht“, betont Theissen. Mertens konkretisiert, dass die Musiker danach keinen Konsens mehr fanden. „Ich halte nichts davon, krampfhaft unter solchen Umständen ein weiteres Album aufzunehmen. Nichtsdestotrotz sollte man jeder Band, die sich stilistisch verändert und entwickelt, eine faire Chance geben, auch wenn man nicht alles nachvollziehen kann.“

Mit dem einzigen Cherub-Album „Sarc Art“ versuchten Hilton und Drummer Christoph Hesse 1994, den Vertrag mit Massacre abzugelten. Weitere musikalische Betätigungsfelder der Protagonisten führten noch weiter von DARK MILLENIUM weg – aber mit „Mindight In The Void“ schließt sich der Kreis wieder. 

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