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Disharmonic Orchestra

Seht ihr zwischen euren nunmehr fünf Alben eine lineare Weiterentwicklung, schätzt ihr sie auch in der Reihenfolge selbst am meisten Wert? Versteht ihr, dass vielen besonders die räudigen Songs der Split oder des Debüts am Herzen liegen? Oder verzweifelt man als Künstler daran?
Patrick: Ich sehe das schon so. Ich verstehe natürlich auch, dass sehr viele unserer Fans aus unseren Anfangstagen stammen. Also aus der Zeit von Split-LP, „Exporsitionsprophylaxe“ und „Not To Be Undimensional Conscious“ Dann gibt es wieder ein Gruppe von Fans, die erst mit „Pleasuredome“ eingestiegen sind und die alten Alben nicht so kennen. Als Fan von Slayer oder Voivod wünsche ich mir natürlich bei Gigs auch Songs aus früheren Tagen, mit denen ich quasi aufgewachsen bin. Da hat man eine emotionale Bindung zu der Zeit und Musik. Deshalb gibt es auch noch so viele „alte“ Bands, die die alten Kracher spielen. Das machen wir auch live, wobei wir jetzt grad mal die neuen Sachen auch live pushen wollen.
Martin: Würde man da eine Kurve bezüglich Weiterentwicklung zeichnen, dann fällt die gerade in den ersten Jahren sehr steil aus. Da haben wir viel getan, viel gelernt, und wir haben ständig neues ausprobiert. Naturgemäß wird diese Kurve mit der Zeit etwas flacher, es war nicht unsere Hauptintention, uns ständig neu zu erfinden. Eher war es so, dass wir neu entdecktes, das interessant genug für uns war, großzügig einfließen ließen. Da wir tatsächlich sehr unterschiedliche Alben veröffentlicht haben, ist es uns auch klar, dass da nicht jeder mit gehen will, und das ist auch ok so. Live spielen wir gerne auch sehr alte Sachen, und das, weil wir wirklich Spaß daran haben. Wenn es Leute gibt, die den einen oder anderen Song sehr gut finden, dann nicht, weil wir den identischen Musikgeschmack haben, sondern, weil da wohl eine gemeinsame 'Schnittmenge' haben. Und bei uns gibt es relativ viele unterschiedliche Schnittmengen, auch bandintern. So viel zur DISHARMONIC ORCHESTRA-Mathematik.

Ihr gehört zu den Bands, deren erste Veröffentlichungen unglaublich radikal, brutal und archaisch waren – und die sich in Siebenmeilenstiefeln von den Regelwerken entfernten, die damals für Grind/Death Metal in Stein gemeißelt wurden.

Patrick: Ja, das war die Gunst der Stunde. Wir wollten einfach eine brutale Musik machen. Leider hatten wir damals keine Studioerfahrung und wussten nicht, wie optimal aufgenommen wird. Wir waren mit dem Sound von der Split-LP und „Expositionsprohylaxe“ nicht so zufrieden. Musikalisch waren und sind wir immer offen für Neues. Es muss nicht unbedingt gleich nach Metal klingen. So lassen wir eben verschiedene Musikstile einfließen und bearbeiten sie im Disharmonic-Style. Abwechslung im Song ist und war uns wichtig. Mit „Pleasuredome“ 1993 hatten wir uns schon stärker vom damaligen Death/Grind entfernt. Manche meinten das wäre „Grunge“ gewesen. Ein paar Songs hatten vielleicht grungige Teile, aber ich empfinde das Album immer sehr als Metal Album.

Martin: Der Wandel, den du selbst ja gar nicht so wahrnimmst, war sicher ein spontaner. Vielleicht waren wir sehr bald auch von dem, was wir selber taten, etwas gelangweilt. Und wir entwickelten uns möglicherweise etwas unkonventionell weiter, indem wir gerade als Autodidakten viel experimentierten.

Was macht euer Ex-„Elektriker“ Martin Sovinz, ist er noch musikalisch aktiv? Warum hat seine Integration damals nach der Jahrtausendwende nicht funktioniert – was hattet ihr für künstlerische Vorstellungen, die offenbar enttäuscht wurden?

Martin: Wir haben uns lange nicht gesehen, weil er schon seit einer Weile in Wien lebt. Aber wir sind natürlich nach wie vor gut befreundet. Und da wir uns damals bereits gut kannten, wussten wir, dass die Zusammenarbeit mit ihm eine angenehme/problemlose sein würde. Wir wollten ihm damals nicht viele Vorgaben geben, in meiner Erinnerung war er sehr selbstkritisch und hatte ein bisschen zu viel Respekt vor dem, was wir taten. Außerdem hatte er nicht viel Zeit, sich in Ruhe mit unserem Material auseinander zu setzen. Seine Arbeit hat begonnen, als wir bereits im Studio waren. Und zu dem Zeitpunkt hatten wir auch nicht wirklich überlegt, wie wir das live umsetzen würden, gemeinsame Sessions hatte es nie gegeben. Wir sind also, wie schon öfters, einfach gemeinsam in dieses Experiment rein gestolpert. Dass sich daraus nicht mehr entwickelt hat, hat jetzt keine Seite großartig betroffen gemacht. Wir stehen aber nach wie vor zum Ergebnis dieses kleinen musikalischen Ausflugs. So, und jetzt hab ich ihn gleich mal angerufen, für Infos aus erster Hand. Martin ist heute musikalisch noch aktiver als damals, war an einer Label-Gründung beteiligt (Phlox-Records) und hat für 2017 Pläne für ein neues Label...

Hier ein paar Links:

https://soundcloud.com/dibek

https://www.discogs.com/artist/5234698-DLMS

https://www.discogs.com/artist/1942172-Dibek

Wie darf man sich die Phase zwischen „Ahead“ und dem Gig mit Pungent Stench und Disastrous Murmur samt Herrn Bezdek vor zwei Jahren vorstellen, wie aktiv seid ihr zumindest im Proberaum gewesen?

Martin: Nach 'Ahead' spielten wir noch einige Konzerte und eine Niederlande-Tour. Das war‘s dann aber. Unser kleiner Proberaum ist bei mir im Keller, wo ich seit damals eher unregelmäßig mit Patrick geprobt habe.

Ihr hattet nach den 1988er-Demos nie mehr in Betracht gezogen, einen zweiten Gitarristen aufzunehmen, oder? Welche Powertrios waren, welche sind heute eure Vorbilder?

Patrick: Es ergab sich nicht, dass wir einen zweiten Gitarristen aufnahmen. Nachdem Harald weg war und Disastrous Murmur gegründet hatte, war es für uns dann ganz normal, als Trio weiterzumachen. Manchmal wäre ein zweiter Gitarrist schon gut, vor allem bei den zweistimmigen Melodien, das hat dann aber auch sehr viel der Bass übernommen. Der Bass war bei DISHARMONIC ORCHESTRA oft wie Gitarre gespielt.
Martin: Das Dreier-Gespann hat sich für uns als sehr praktikabel erwiesen. Es gibt einige Trios, die wir durchaus verehren - in meinem Fall zum Beispiel NoMeansNo - aber die hatten keine Vorbild-Funktion.

Fühlt ihr euch der Todesblei-Szene nur noch aus nostalgischen Gründen verbunden? Selbst der Gesang ist kein aggressives Macho-Growlen, sondern eher verhalten und nicht sonderlich weit nach vorne gerückt. Dann wieder tauchen wie in ‚The Venus Between Us‘ Gitarrenläufe auf, die sich doch stark am Genre orientieren. Ist es eine Hassliebe? Bei den wunderschönen Maiden-Harmonien in `Rascal In Me` bekommt doch jeder Metaller Freudentränenausbrüche…

Martin: Das mit der Nostalgie hat schon was. Aber vielleicht war es bei uns so eine Art Kindesweglegung, das Kind ist ohne uns ganz gesund erwachsen geworden. Wir hassen es aber nicht - wir haben es nur etwas nachlässig behandelt.

Patrick: Ja, bei ‚Rascal In Me‘ ist im Mittelteil schon eine gute Portion “Maiden für jeden” drin. Den Song hatten wir im Juni bei unserem Gig mit (Schirenc plays) Pungent Stench und Belphegor live zum ersten Mal gespielt und bei diesem Mittelteil gab im Publikum hör- und spürbar ein freudiges “Aufraunen”. Ich konnte klar eine positive Stimmung wahrnehmen.

Apropos Stimme: Eine leichte Verwandtschaft zu Tom Warrior erkennt man beispielsweise in ‚Down To Earth‘. Waren Celtic Frost ein wichtiger Impulsgeber für euch, dass man als ultraextreme Band mehr kann als nur aggressiv sein? Hat Tom deinen Gesangsstil zumindest damals geprägt? Wie habt ihr „Cold Lake“ aufgenommen – als Katastrophe für Fans, oder als interessantes Experiment?

Patrick: Celtic Frost fand und finde ich großartig und das hatte im Unterbewussten sicher einen Einfluss. “Into The Pandemonium” ist einfach Kult, die Stimme von Tom Warrior sowieso.

Martin: Ha, „Cold Lake“... das Album hatte ich bereits verdrängt. Ich kann mich erinnern, dass ich damals nicht mehr viel damit anfangen konnte - auf „Into The Pandemonium“ fand ich die Experimente noch sehr spannend - von ‚Mexican Radio‘ hatte ich damals das Original gar nicht gekannt). Die „neue“ optische Präsenz der Band hat mich dann eher abgeschreckt, so open-minded war ich dann wohl doch nicht.

Überhaupt ist die Schweiz ein gutes Stichwort: man müsste das neue Album weniger unter Death Metal einsortieren, sondern eine Verwandtschaft zu dem technisch komplexen Stil der späten Coroner berücksichtigen. Dazu mehr als eine Prise Voivod. Hat auch der Crossover der mittleren 1990er seine Spuren hinterlassen? Mit „Pleasuredome“ seid ihr doch in das Umfeld vorgedrungen, auch was die Bands im Umfeld betraf, oder?

Patrick: Wenn du das so siehst, kann ich gut damit leben. Coroner und vor allem Voivod hatten immer einen großen Einfluss auf uns. Und Bands aus dem Hardcore haben natürlich in unserer Musik auch Spuren hinterlassen und ja in den 90ern kam dann Grunge und manche meinten auch, dass “Pleasuredome” Grunge-Elemente enthielt. ‚Fall Colours Fall‘ und ‚Stuck In Something‘ hatten wohl auch was davon. Coroner gehörte schon auch zu den Bands, die wir uns anhörten, bevor es uns als Band überhaupt gab. Von Voivod waren wir echte Fans. Die Energie von 'Thrashing Rage' hebt heute noch meinen Adrenalinspiegel. Und trotzdem konnte ich den musikalischen Wandel der Band, jedenfalls bis „The Outer Limits“, immer gut nachvollziehen.

Martin sprach im Rounddtable der letzten Ausgabe an, dass der frühe Death Metal mit einem Bein im Hardcore stand. War Disharmonic Orchestra als Name auch ein Kniefall vor Discharge, wie so viele Bandnamen mit Dis… am Anfang?

Patrick: Unser Bandname selbst, obwohl der mit Dis- beginnt, war kein Kniefall vor den Hardcore-Bands, es war eher so, dass wir zu Beginn unserer musikalischen Karriere tatsächlich sehr disharmonisch klangen. 
Martin: Noch bevor wir die Instrumente hatten, machten wir uns Gedanken über einen Bandnamen. Patrick hat mir dann am Telefon eine ganze Liste vorgeschlagen, da war DISHARMONIC ORCHESTRA dabei. Ich hab am selben Tag noch das Logo gezeichnet, und die Sache war besiegelt.

Mit diesen Bands werdet ihr auf Metal-Archives verglichen:Atheist, Carbonized, Phlebotomized, Pan Thy Monium, Diskord, Afflicted, Acrostichon, Gorguts, Korpse.
Patrick: Vergleiche passen meistens ja nie ganz so gut, aber sicher hatten wir von den genannten Bands vor allem zu Afflicted, Atheist und Xysma aus Finnland damals mehr Bezug gehabt. Mit Afflicted und Xysma hatten wir auch gemeinsame Gigs und auch musikalisch selbe Interessen.

Wie zur Hölle habt ihr es 1990 als Nobodies außerhalb des Tapetrading-Undergrounds in die USA geschafft – Blast hatten 1989 doch sicher keinen US-Vertrieb für die Split-LP. Waren da Immolation federführend, die später auch Unleashed rüberholten? 
Patrick: Damals hatte ich noch jede Menge Briefe geschrieben und war mit einigen US Bands befreundet. Demos, Platten und Shirts tauschen. Netzwerken würde man heute dazu sagen (lacht). Wir sind 1990 einfach auf gut Glück nach New York City rübergeflogen. Da kannte ich vom Briefeschreiben jemanden. Den hab ich dann vom Flughafen aus angerufen, dass wir jetzt in den USA sind. Der hat uns dann zu einem Freund nach Brooklyn gebracht, wo wir dann einige Zeit bleiben konnten. Von dort aus hab ich dann ein paar Leute angerufen und es sprach sich auch innerhalb der Szene rum, dass DISHARMONIC ORCHESTRA “in tha house” ist. Wir spielten dann ein paar Shows von der Ostküste bis nach Texa, unter anderem mit Immolation, Dead Horse, Mortician, Incantation, Suffocation, Cannibal Corpse, Repulsion und Autopsy. War eine echt geile Zeit. Wir waren von den Nuclear Blast Bands aus Europa die ersten die in den USA spielten.

Martin: Die Club-Gagen waren zwar lächerlich niedrig aber für uns eh nicht relevant - finanziert haben wir einen Teil mit Merchandise. Shirts ließen wir vorab dort drucken, und das „Expositionsprophylaxe“-Album hatten wir im Gepäck. Wir blieben viel länger dort, als nur zu den Gigs, und das war eine feine Zeit.

Leptosome war eine ganz frühe Freizeitbeschäftigung, oder? Gab es davon jemals aufnahmen oder Gigs? Was hatte es mit den Peitscherlbuam vom Beserlpark auf sich, die offenbar von 1992 bis 1996 parallel zum Orchester etwas länger bestanden? Habt ihr da Volkstümliche Musik durch den Grindwolf gehackt? Gibt es in Klagenfurt viele Hinterhofzuhälter, die sich da angesprochen fühlten?

Martin: Es gab eine Leptosome-Aufnahme. Leider nicht (mehr) auffindbar. Und es war ein Scherz. Ein kleiner Drumcomputer fiel uns in die Hände. Wir, Pat und ich, haben einige schnelle Knüppel-Beats programmiert und das Ganze mit Gitarre und Stimme gewürzt. Das ist an einem Nachmittag entstanden. Dann haben wir es Harald vorgespielt und gesagt, es wäre eine neue US-Band und das derbste/brutalste/härteste, das seit langem als Demo-Tape aufgetaucht ist. Er hat es geschluckt, war begeistert, und wir hatten unseren Spaß. Ich hab dann bald mal versucht, Teile davon mit natürlichem Schlagzeug zu spielen, und wir verwendeten manches davon dann weiter für Disharmonic-Songs. Mit den Peitscherlbuam waren wir zwei Gitarren und Schlagzeug - Werner, Patrick, ich. Die Ausdrücke Peitscherlbuam und Beserlpark sind sehr wienerisch und hatten deshalb für uns Kärntner etwas exotisch Derbes. Wir haben aus Songs von Motörhead, John Zorn, Mr Bungle, Helmet, Misfits, Autopsy und vielen mehr griffige Passagen entnommen und diese zu neuen Songs 'verwurstet'. Volkstümliches war definitiv nicht dabei. Allerdings schon zum Beispiel das Thema der Serie 'The Waltons'... Da gibt es bestimmt noch auffindbares Proberaum-Audiomaterial. Es gab ein paar Auftritte in Österreich. Live spielten wir maskiert. Eine Plattenaufnahme scheiterte damals im Studio am Streit mit dem Boss eines kleinen Labels. Volksmusik und volkstümliche Musik sind zwei Paar Schuhe. Wir ziehen allerdings keines davon an. Bei manchen M-Ta-Ta-Liedern hör ich oft so Ansätze von Marschmusik heraus, vielleicht kann ich deshalb nichts damit anfangen. Es fehlen einfach die ungeraden Rhythmen. Möglicherweise ist das ein Grund, warum 'exotische' Folklore einfach spannender ist.

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