LEGACY - The Voice from the Darkside

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28 Oct

Umbra Et Imago & Frei.Wild

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Zwei Stühle, eine Meinung?

Bei UMBRA ET IMAGO und FREI.WILD vermutet man wenig mehr Gemeinsamkeiten als deutschsprachige Texte. Auf der einen Seite die 1991 aus der Taufe gehobene Karlsruher Gothic (Metal)- und NDH-Institution, auf der anderen die als Band halb so alten, derzeitigen kommerziellen Überflieger aus Südtirol, die für sich reklamieren, den Deutschrock vom Westernhagen- und Bap-Muff befreit zu haben.

Dass es neben den deutlichen stilistischen Unterschieden und den unterschiedlichen Szenezugehörigkeiten viele weitere Gemeinsamkeiten gibt, zeigt das Gespräch mit den beiden Frontmännern Mozart (UMBRA ET IMAGO) und Philipp Burger (FREI.WILD), die sich bislang nicht persönlich kannten, am Ende des Gesprächs aber eine gemeinsame Show ins Auge fassen.

Hallo Mozart und Philipp. Glaubt ihr, dass sich eure Fankreise überschneiden?

MOZART: Wir haben mit Megaherz zusammen eine Single gemacht, und da gibt es enorme Schnittmengen. Die Schubladen sind ohnehin nicht von uns gemacht. Neue Deutsche Härte – da ist UMBRA ET IMAGO dabei, FREI.WILD sicher auch. Dann die Nähe zu Rammstein, dieses ewige leidige Thema. Wir vertreten beide eine deutsche Musikform, die sich wieder von den typischen Chart-Themen wie Ich & Ich, Rosenstolz und dem ganzen Zeug absetzt. Ich durfte mich mal mit Frank Farian treffen, der mir dann kurz und bündig erklärt hat, ich hätte überhaupt nichts zu melden. Er wolle nur mein Image nutzen, und irgendwann später könnte ich meine eigene Musik machen. Das habe ich abgelehnt. Insofern finde ich es klasse, zusammen dieses Interview zu geben.

PHILIPP: Ich sehe es ähnlich, wenn nicht gleich. Wenn wir auf dem Wacken oder Summer Breeze sind, gibt es irrsinnig viele, die meinen, Metal muss unbedingt auf Englisch gesungen sein. Das sind Leute, die Bands Engstirnigkeit und Provokation vorwerfen, nur weil man die Sprache spricht, die einem von den Eltern übermittelt wurde. Genau solche Leute sind die Engstirnigkeit in Person.

M: Wir arbeiten international und sind in Südamerika und Russland populär. Gerade weil wir Deutsch singen, sind wir dort Kult. Wenn wir in Russland spielen und die Fans die Texte dort besser kennen als ich, frage ich mich: Wo ist die Presse da eigentlich? Gerade wenn du in Südamerika die deutsche Musikszene vertrittst, habe ich das Gefühl, dass die Leute mal nicht an Nazis und Hitler denken.

Philipp, in ‚Die Zeit vergeht’ heißt es: „Ich nehme die Scheuklappen weg, die ich so lange an mir trug“. Welchen Bands seid ihr als Teenager so gefolgt, wie euch heute die FREI.WILD-Die-Hard-Fans? Inwieweit hat sich euer musikalischer Horizont in den letzten Jahren geöffnet?

P: Die in diesem Lied besungenen Scheuklappen betreffen nicht alleine Musik. Es gab Scheuklappen, die ich als Songwriter hatte. In der Grundschule waren wir früher die Leute, die nachmittags auf dem Fußballfeld unterwegs waren. Jene, die mit den Gitarren auf dem Rücken zum Musikunterricht gefahren sind, haben wir als Weicheier bezeichnet. Heute muss ich sagen: Scheiße, wären wir damals dabei gewesen, würde es mit dem Gitarrespielen auch ein bisschen besser klappen. Wenn man den Satz auf Bands bezieht, dann waren das ganz klar die Onkelz, kurzfristig auch die Hosen und sonst Bands aus dem Oi-Bereich, die mich und die anderen geprägt haben. Das ist ähnlich wie bei denen, die heute FREI.WILD hören, weil sie eine Band suchen, die kein Blatt vor den Mund nimmt.

M: Sag mal Philipp, bist du gebürtiger Münchener?

P: Nein, aber ich bin oft in München.

M: Aber du bist Bayer?

P: Nein, Südtiroler.

M: Ich höre da diesen Slang raus und bin selbst Bayer.

P: Die Bayern sind ja früher auch bei uns über das Land hergefallen, und wir haben da den Spruch: Früher Feinde, heute Freunde. So werden Schützenfeste organisiert. Aber wir haben mit den Bayern wahnsinnig viel gemeinsam. Die Sprache mehr als mit den Österreichern.

M: Die Südtiroler sind ja zäh...

P: Sowieso.

M: ...und die Bayern auch. Meine Wurzeln liegen bei den Doors und Pink Floyd, mit denen bin ich aufgewachsen. Dann hat mich die 80er-Welle stark geprägt. Ich sehe mich auch im Independent-Bereich und arbeite da sehr gerne. Ich habe mich von Popstar-Träumen verabschiedet. Wir haben die Möglichkeit, eigene Songs zu schreiben, was die anderen nicht dürfen, können oder wollen. Insofern haben wir eine immense Freiheit, eigenes Gedankengut rauszuhauen, und ich glaube, dass das der vernünftigere Weg ist, weil ich als Künstler genau das machen kann, was ich will: Ein Spiegel der Gesellschaft sein.

P: Wir haben als Zweitsprache Italienisch und kein Englisch in der Schule. Ein großer Nachteil im Vergleich zu den Bundesdeutschen und Österreichern. Bei uns sprechen die wenigsten Englisch, es sei denn, man eignet es sich in der höheren Schule an, die ich nicht besucht habe. Ich habe die Pflichtschule absolviert und dann Meisterkurse. Was ich aber kapiert habe, ist, wie katastrophal teilweise Englisch gesprochen, gereimt, gesungen und gesprochen wird. Das ist so beschämend, dass ich mich frage: Warum zum Teufel sprecht ihr nicht einfach so, wie euch der Schnabel gewachsen ist? Ich habe nie einen Engländer gehört, der versucht hat, Deutsch zu singen.

M: Doch, der Elvis (lacht). Ich singe manchmal auf Englisch, weil der Wortfluss dann besser ist und es so schöne Schlagwörter gibt. Aber natürlich kann ich nicht in die Tiefe gehen. Das ist so schon schwierig genug bei einer normalen Textlänge, da muss ich fast poetisch schreiben und komprimieren – und das kann ich nur in meiner Muttersprache. Wenn ich keine Inhalte vermitteln will, kann ich auch arabisch singen.

P: Ich höre auch ganz viel englischsprachige Musik, Social Distortion zum Beispiel. Uns hat man immer in eine rechte Ecke drängen wollen, weil wir deutsch singen. Was hat das damit zu tun? Hör mal zu, was die anderen für einen Scheiß singen...

Wusstet ihr schon in eurer Kindheit, dass ihr auf einer Bühne stehen wollt und Gesangstalent habt?

M: Ich wollte immer genau das tun, was ich jetzt mache, und hatte nie wie andere Kinder Probleme, Berufswünsche zu entwickeln. In der Grundschule wollte der eine Pilot werden, der andere Lokführer, der nächste Feuerwehrmann und ich Sänger. Fanden immer alle lächerlich, das hab ich nie verstanden und mich auch gekränkt gefühlt. Aber letztlich weiß ich, wer von denen Feuerwehrmann geworden ist.

P: Bei mir war es komplett anders. Ich habe mit sechs Jahren steierische Harmonika gespielt. Damit man das in der Musikschule erlernen darf, muss man auch Gesangsunterricht nehmen. Das habe ich gern gemacht, weil ich eine laute Stimme hatte. In der Schule haben mich die Lehrer bei Aufführungen oft die Hauptstimmen singen lassen. Das hat sich aber nie darauf ausgewirkt, dass ich eine Band gründen wollte. Ich war weiterhin der Meinung, dass ich Bauer oder Zimmermann werde. Zimmermann bin ich schließlich geworden und hatte auch meine Firma. Parallel zu meiner Lehre ab 1996 wollte ich in einer Oi-Band nicht unbedingt singen, aber denen, die als Sänger vorgeschlagen wurden, musste ich immer alles vormachen.

Welche Musik wurde bei euch daheim gehört? Waren eure ersten Gehversuche als Musiker ein Akt der Rebellion, oder wurdet ihr von euren Eltern immer unterstützt?

M: Meine Mutter war Opernsängerin. Dank täglicher Koloraturübungen habe ich die Lust an der Klassik komplett verloren. Zudem waren meine Eltern ziemlich strange, so wie viele, die in den 1970ern behauptet haben, der Rock’n’Roll käme direkt aus der Hölle, von Satan persönlich. Insofern hatte ich keine Unterstützung. Heute beobachte ich, dass die Eltern ziemlich tolerant sind – und die Kinder werden wieder spießig. Mit zunehmenden Alter habe ich meine Liebe zur Klassik wieder entdeckt und gemerkt, dass viele Strukturen, die wir in der abendländischen Musik haben, sehr von ihr geprägt sind. Auf Jamaika würde ich wahrscheinlich Reggae machen. Nietzsche sagte: Die Musik ist immer so, wie das Wetter ist. Den Beweis haben wir mit den skandinavischen Bands – da muss es ständig regnen.

P: Die Ziehharmonika habe ich damals von meinen Eltern bekommen, die kosten auch heute noch drei- bis viertausend Euro. Als ich später gefragt habe, ob ich eine Gitarre bekomme, hat es geheißen: A) verdienst du selber, und B) hast du mit der Ziehharmonika aufgehört und könntest ja da weitermachen. Als ich mit 16 meine erste Gitarre mit nach Hause gebracht habe, hieß es dann auch: Bring die zurück, das wird ein Staubfänger wie viele andere Sachen, die du angefangen hast. Irgendwann haben sie sich aber gedacht: Das macht ihm und seinen Kumpels Spaß und ist besser, als wenn sie in der Kneipe abhängen. Der Geburtshof meiner Mutter wurde später unser Proberaum. Je mehr Möglichkeiten man Kindern und Jugendlichen gibt, um so weniger nehmen sie diese an. Es werden hier so viele Kinder dazu gezwungen, professionelle Skifahrer zu werden, dass sie mit zwölf, 13 das letzte Mal fahren und einen Gräuel davor haben, auf die Piste zu gehen. Zu viel fördern bringt überhaupt nichts.

Man kann nicht ernsthaft behaupten, dass UMBRA ET IMAGO nach Großstadt klingen und FREI.WILD die idyllische Provinz repräsentieren.

M: Wenn jemand heute in der Provinz lebt, dann meist, weil die Mieten da günstiger sind. Wir sind so vernetzt und verdrahtet. Ich habe mich beinahe komplett vom Radiohören verabschiedet. Wenn, dann schalte ich den Deutschlandfunk ein, um Informationen zu bekommen. Ich finde das so flach, was da geboten wird. Ich sehe Musik vor dem geistigen Auge in Bildern und habe zum Glück Kollegen, die diese Bilder auffangen können. Insofern ist das abgekoppelt von Großstadt oder Provinz.

FREI.WILD betonen gerne ihren Arbeiterhintergrund, während du aus dem Bildungsbürgertum stammst, Mozart. Inwieweit bestimmt also die Klassenzugehörigkeit, um das böse Wort zu benutzen, die Musik einer Band?

P: Die Rolling Stones werden immer als die böse Rock-Band dargestellt und die Beatles als die Braven. Es ist aber komplett anders, die harten Jungs waren die Beatles und die Stones...

...waren Studentenbubis.

P: Bei FREI.WILD spielen drei Musiker, die einen Beruf erlernt, ihre Lehre abgeschlossen haben und teilweise einen Meistertitel tragen. Einer hat Abitur und auch weiter studiert. Heute gibt es Freundeskreise mit Akademikern und Handwerkern. Dieses Konstrukt finde ich sehr interessant, dass man sich da öffnet und das gemeinsam Erlebte auch besingt. 

M: Bildung kann nicht schaden, wenn man Texte schreiben muss. Als Musiker muss ich die Herzen der Menschen erreichen können und Talent haben. Das alleine reicht heute nicht mehr aus, dazu gehört noch Fleiß und Durchsetzungsvermögen. Bei Texten achte ich darauf, ob was dahinter steckt oder sie mit einer zweiten Ebene geschrieben sind, dass man dialektisch und rhetorisch gut drauf ist. Es gibt doch heute gar keine Klassenunterschiede mehr wie im 19. Jahrhundert, wo der Arbeiter sich tot malocht hat und keine Möglichkeit hatte, sich zu bilden. Jeder kann sich bilden, und es kommt bei jedem Einzelnen darauf an, wie er seine Akzente setzt. Wenn du Texte schreibst, musst du Zusammenhänge erfassen und in wenigen Zeilen umsetzen können.

Philipp, ihr arbeitet teilweise in München – ist es mit dem Lokalpatriotismus doch gar nicht so weit her?

P: Uns fehlen leider sofort die Berge. Unser Tontechniker kommt aus Dessau, und er fühlt sich bei uns daheim total eingeengt. Die Musik verschlägt einen schon mal über hunderte oder gar tausende Kilometer. Ich finde das schön, weil man dadurch auch neue Menschen, Länder, Kulinarisches und Kulturelles kennen lernt, was man später nicht missen möchte. Ich kenne das von meiner Arbeit, weil ich da schon viel auf Montage war.

Wie ist Heimatliebe bei dir besetzt, Mozart – ist Deutschland dein Leben?

M: Ich bin in München aufgewachsen und habe mich dort sehr wohl gefühlt, musste dann aber umziehen, weil mein Vater bei der Deutschen Bahn gearbeitet hat. Ich bin nach Baden verschlagen worden, und es ist nicht meine Wahlheimat, aber ich fühle mich hier wohl, weil ich naturverbunden bin. In Berlin, wo mein Verlag ist, habe ich mich nie wohl gefühlt, das war mir zu Moloch-artig. Ich kann mich nicht ständig zukoksen, nur um den Druck auszuhalten, jeden Tag Party machen zu können. Ich habe es gerne mal ruhig. Insofern bin ich nicht auf Deutschland angewiesen. Aber ich lebe natürlich von der Sprache, und ich habe meine Infrastruktur hier. Grundsätzlich fühle ich mich als Weltbürger.

P: Wenn mir Leute einen Strick daraus drehen wollen, gebe ich ihnen natürlich Munition, wenn ich sage: Ich in stolz auf mein Land. Deutschland hat ein riesiges Problem mit der eigenen Vergangenheit, die mit Arschloch-Hitler an den Tag gelegt wurde. Wenn man hier sagt „Ich bin stolz, Deutscher zu sein“, dann zeigen sie mit dem Finger auf einen. Wenn du in Südtirol meinst, „Ich scheiße aufs Land“, dann ist es genau so. Wer hierhin fährt, sieht, dass das Land enorm gepflegt wird. Es ist sauber, die Wiesen sind gemäht, die Wälder top in Schuss. Wenn du auf nichts stolz bist und dir alles wurscht ist, wie um Gottes willen will man das pflegen? Das ist wie in einer Beziehung. Wenn man einen Menschen liebt, wird es auch funktionieren, und umso schöner gestaltet sich das Leben. Dieser Nationalisten-Scheiß oder Nazi-Scheißdreck ist mir komplett egal. 

M: Wir leben in einem ehemaligen Nazi-Reich, und ich habe damit eigentlich nichts zu tun, Aber mich ärgern diese Deppen, die meinen, sie müssen das rauskehren. Genau die, die heute nationalistisch denken, wären damals im KZ geendet. Wenn ich mir anhöre und ansehe, was das für ein Pöbel ist. Wir haben oft im Ausland gespielt und den Leuten zum Glück zeigen können, dass wir keine Nazis sind und Deutschland auch noch anderes hervorbringen kann als Rechtsextremismus. Ich kann nicht stolz drauf sein, Deutscher zu sein – das ist Zufall. Ich könnte auch in Wien oder Japan geboren sein.

P: Das mag sein, aber du bewegst doch auch etwas und bist ein Deutscher. Es gibt auch viel Armut, aber im Vergleich zu anderen Ländern geht es uns allen richtig gut. Ich habe auch dafür gearbeitet, bringe jeden Tag meinen Arsch hoch und zahle meine Steuern.

M: Finde ich richtig. Wir sollten mal zusammen ein Konzert geben.

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