…kennt Ihr vielleicht auch solche Typen, die immer nur über Old School labern und sich dann fragen, wieso ihre Musikerkarriere beschissen läuft? Tja, genau so einer war ich auch. Immer, wenn mir mal was Gutes in der Metal-Szene passiert ist, ließ das böse Ende nicht lange auf sich warten: Karma! Da wurde mir klar, dass ich mich ändern musste. Also hab ich 'ne Liste mit all meinen üblen Lästereien gemacht, um sie dann, eine nach der anderen, wieder gut zu machen.
Ich versuche nur, 'n besserer Mensch zu sein. Mein Name ist Lee!'
Nummer 666 meiner Liste: Habe von Zeit zu Zeit den Glauben an den Underground verloren
Sicher habe ich schon oft darüber philosophiert, dass es nicht in meinen Kopf will...
…wieso Bands wie Volbeat, die für mich auch nicht mehr oder weniger heavy als Coldplay sind, das Cover der Fachpresse zieren.
…warum böse Leute, die sich mit Blut besudeln und Corpsepaints tragen, mittlerweile Hollywood-Schauspielerinnen nageln und Wein anbauen.
…warum Mitglieder von Death Metal-Bands ungestraft sagen dürfen, dass sie froh sind, dass ihre Kinder noch zu klein sind, um mitzubekommen, wie Papa seine Brötchen verdient.
…wieso sich keiner dafür verantwortlich fühlt, dass Lieblingsbands ohne ihren Sänger touren müssen.
…warum Idole der harten Musik plötzlich in ihrer Bio schreiben, dass ihre Lieblingsband die Beatles sind und ihr Lieblingsgetränk Waldmeisterlimo ist.
Da fragt man sich doch oft, was da los ist! Oder? Aber vielleicht sehe ich das ja ganz alleine so?! Oder ich habe, wie man mir auf Facebook schon mal sagte, einfach nur 'ne große Fresse?!
Wer weiß das schon...
Am Wochenende war ich auf jeden Fall erst einmal wieder in einer Glaubenskrise! Viele wissen es nicht, aber wir (meine Band und ich) organisieren jedes Jahr ein Minifestival, welches sich „Noise gegen Armut“ nennt. Die Idee ist uns 2008 gekommen, als uns drei Dinge aufgefallen sind. 1.) Mit extremer Musik kann man selten was Zählbares verdienen. 2.) Wir spielen alle super gerne live. 3.) Manche Leute wissen nicht, wie sie an eine warme Mahlzeit kommen sollen. Gesagt, getan!
Die Begünstigte stand schnell fest… Es handelt sich dabei um Frau Andrea, die mit ihren fast 80 Lenzen jeden Tag in der Gelsenkirchener Armenspeisung Rappelkiste Menschen kostenlos bewirtet.
Also ging die Planung los! Für uns war schnell klar, dass wir alle zufrieden stellen wollen. Die Bands, die Fans und Rappelkiste! Also legten wir los und bewirteten unsere Bands und sorgten für Zuschauer! Die Zuschauer beglückten wir mit einem guten Ticket-Preis, tollen Bands und einem gratis Merchartikel für schlappe 9,- Euro! Die 9,- Euro sorgten für den Überschuss, der an Rappelkiste geflossen ist. Eine himmlisch runde Sache, wie wir meinten!
Die passende Location mit einem „Gott sei Dank“ idealistischen Inhaber, dem das Gelingen der Veranstaltung weit über den Profit geht, war auch bald gefunden, ebenso drei Bands, und schon ging 2009 die erste Sause mit Eat My Body, One Bullet Left und Yuppie-Club ab. Das Konzert war eine tolle Party, und es kam einiges für den guten Zweck zusammen.
Wir waren so motiviert von der tollen Stimmung, aber auch der Opferbereitschaft der Metaller und Punker, von denen manche selbst nicht immer genug für sich haben, dass wir uns sagten, dass diese Sache was ganz Großes werden muss. Und es schlug wunderbar ein! Ein Fest, an dem über 200 Leute Spaß hatten!
Die Sache hat sich schnell rumgesprochen, und wir konnten im Jahr darauf, 2010, das erste Mal mit 350 Leuten das Schild „ausverkauft“ draußen aufhängen.
Es hätte immer so weitergehen können, aber so ist es halt nur im Paradies. Im folgenden Jahr waren es nur noch 230 Fans, und vor wenigen Wochen wurde der historische Tiefstand mit gut 100 Besuchern erreicht.
Unsere Wut und Verzweiflung waren groß, und wir zermarterten uns den Kopf, woran das Ganze gescheitert ist. Falsche Bands? Zu wenig Promo? Schlechter Tag? Zu Viele Gegenveranstaltungen?
Woran liegt es wirklich, dass ein Death Feast nicht mehr stattfindet? Jeder, den ich kenne, der harte Musik mag, hat das Death Feast geliebt und geschätzt! Also warum mussten die Organisatoren aufgeben? Gottes Wille?
Liegt es an dem unsagbaren Überangebot oder daran, dass der Fan heutzutage genauso wie bei illegalen Downloads nur noch gierig seine Pranke nach allem, was umsonst oder fast geschenkt ist, aufreißt? Gibt es wirklich keine echten Fans und Idealisten mehr? Ist die Szene wirklich mausetot??
NEIN!!!!!
Und ich kann auch sagen, warum nicht!
Als wir beim letzten „Noise gegen Armut“ vor wenigen Wochen mit hängenden Köpfen die verkauften Tickets durchzählten, um das Ausmaß des Desasters zu ermitteln, und danach den Backstage-Bereich betraten, ging die Sonne auf. Da war eine Band mit jungen Burschen die nicht aufhörten, sich dafür zu bedanken, dass sie beim Noise gegen Armut spielen durften. Da waren Musiker, die viele Kilometer gefahren sind, um für 'nen Appel und ein Ei vor einer Handvoll Leute zu spielen. Da waren Männer, die sich an einem Samstagabend um Frau und Kind hätten kümmern können, anstatt nach Oberhausen zu fahren. Alle haben viel auf sich genommen, um dabei zu sein. Und das alles nur für die Musik und den guten Zweck! Nicht für den Erfolg, nicht für einen Plattendeal, nicht für Kohle… sondern für die Musik!
Alle tratschten, feierten, tranken Bier und tauschten sich aus! Selbst Prominente waren dabei! Keiner beschwerte sich bei uns, weil so wenig Leute da waren oder es keinen Schnaps gab! Und auch in der Halle unterhielten sich die Menschen noch bis in den späten Abend über die Shows der vier Bands und wie schön das doch alles war! Alles war harmonisch, und alle waren rundum zufrieden!
Wenn also so etwas möglich ist, dann lebt die Szene! Ich weiß nicht, wie groß sie ist… aber sie lebt! Und sie wird weiterleben…
…solange es noch ein Magazin gibt, das für solche Veranstaltungen Anzeigen zum Selbstkostenpreis raushaut.
…solange es noch eine Bands gibt, die für solche Veranstaltungen vom Arsch der Welt anreisen.
…solange es noch einen Menschen gibt, der seine Halle für Lulu zur Verfügung stellt.
…solange es noch einen Musiker gibt, der den halben Tag im Auto sitzt, um für 'nen kranken Kumpel einzuspringen.
…solange es noch einen Menschen gibt, der so etwas zu schätzen weiß.
…solange werde ich an die Szene glauben!
Bekomme ich von Euch ein Amen?
Jeder weiß, dass ich diese Kolumne schreibe, um mich zu entschuldigen. Und heute ich bin hier, um mich für meinen Frevel zu entschuldigen! Ich will verflucht sein, wenn ich noch einmal auf die Idee komme, dass die Szene tot sein könnte! Ihr wart die ganze Zeit da draußen, und jetzt konnte ich es endlich sehen! Danke!
P.S.: Und Gott ist mein Zeuge… mit Szene meine ich nicht den Wacken- und Rock am Ring-Campingurlauber!
Nächstes Mal: Nummer 112 meiner Liste: Habe Heinos Idee, Rammstein zu covern, für witzig gehalten!
…kennt Ihr vielleicht auch solche Typen, die immer nur über Old School labern und sich dann fragen, wieso ihre Musikerkarriere beschissen läuft? Tja, genau so einer war ich auch. Immer wenn mir mal was Gutes in der Metal-Szene passiert ist, ließ das böse Ende nicht lange auf sich warten: Karma! Da wurde mir klar, dass ich mich ändern musste. Also hab ich 'ne Liste mit all meinen üblen Lästereien gemacht, um sie dann, eine nach der anderen, wieder gut zu machen. Ich versuche nur, 'n besserer Mensch zu sein. Mein Name ist Lee!
Ich habe letztens in einem Fachmagazin für Heavy Metal einen Leserbrief bezüglich des so genannten „Pay-to-Play-Problems“ gelesen. Da hat sich jemand aufgeregt, dass er, wenn er mit seiner absolut unbekannten Band auf irgendeinem Festival spielen will, dem Veranstalter einige Tickets abnehmen muss, um diese zu verkaufen. Natürlich sind in diesen Jammerchor sofort 83.000 Leute eingestiegen und riefen wie aus einer Kehle „Ja, die kennen wir, die Konzerveranstalter-Penner-Kapitalistensäue, die nur ihre Kohle und Villa im Kopf haben!!!“
Wenn ich ehrlich sein will, habe ich mich in diesem Augenblick gefragt, wieso die sich eigentlich alle so aufregen. Mal abgesehen davon, dass es PAYFORPLAY schon immer gegeben hat, müssten sich doch eigentlich alle darüber im Klaren sein, warum das Ganze so überhand genommen hat. Jeder kann mal einen Blick auf sein CD-Regal werfen oder die Festplatte seines PCs checken, um sofort zu wissen, was läuft. Wenn man dort Musik findet, die man für lau geschossen hat, sollte man seinen achtseitigen Anschlussleserbrief zum Thema „Pay-to-Play“, in dem man mindestens 16 Veranstalter als Arschloch bezeichnet, als Backpapier nehmen und nie wieder jemanden mit dem Scheiß auf die Nüsse gehen .
Es scheint immer noch vielen Leuten wirklich nicht klar zu sein, in was für einem Teufelskreis sich die Szene befindet. „Fans“ brennen ihre CDs, anstatt sie zu kaufen. Bands können durch diesen Umstand ihren Lebensunterhalt nicht über CD-Verkäufe bestreiten. Musiker müssen sich entweder einen Nebenjob suchen oder nun öfter auf der Bühne stehen als sonst! Da diese CD-Lauschepper nicht nur einer Band, sondern unglaublich vielen Bands diese finanzielle Misere eingebrockt haben, spielen halt diese unglaublich vielen Bands unglaublich oft live. Die Folge ist ein Überangebot an Konzerten bei dennoch steigenden Gagen!
Und jetzt fragt sich zu allem Überfluss trotzdem noch Evil Thilo, (Frontmann einer beschränkt hoffnungsvollen Death Metal-Kapelle aus Heimbuchental) warum er nur vor sieben Leuten im Jugendzentrum um die Ecke spielt. Eigentlich gibt es da mit logischem Menschenverstand nur zwei Möglichkeiten! Entweder ist Evil Thilos Band totale Kacke, oder am gleichen Tag finden ungefähr 20 Konzerte mit gleicher Zielgruppe in einem Umkreis von 50km statt.
Vor zehn Leuten will Evil Thilo aber trotzdem nicht mehr spielen, denn immerhin hat er sein Demo an 30 Magazine geschickt, und zwei haben es sogar besprochen!!! Also schreibt er den Konzertveranstalter Rocking Ralf am ganz anderen Ende der Republik an! Das gut aufbereitete Promopaket wird eröffnet mit dem Satz „Alter, können wir nicht mit unserer brettharten Combo auch auf Eurem Konzert spielen?“
Rocking Ralf hat irgendwie das gleiche Problem wie alle anderen auch! Er muss den Laden voll machen, obwohl am gleichen Tag an jeder zweiten Steckdose 'ne Band spielt. Allerdings ist es nicht wie bei Thilo ein Egoproblem, wenn neben der Putzfrau nur noch zwei andere Leute da sind. Nein… er muss den ganzen Scheiß auch noch aus eigener Tasche zahlen, wenn es ein Misserfolg wird. Doch da bekommt er auch schon, während er voll in der Planung seines Events steckt, Evil Thilos in ein DIN-lang-Kuvert gefriemelte Unterlagen.
Der Veranstalter sagt sich (nachdem er zwei Stunden gegoogelt und keine nennenswerten Erfolge von von Evil Thilo und seiner Combo gefunden hat): „Na gut! Wenn die bei uns wirklich spielen wollen und vermutlich sowieso keine Sau für diese Band ein Ticket kauft, dann sollten die doch zumindest zehn Leute mitbringen. Wenn die am anderen Ende der Republik spielen wollen, werden die doch sicher zumindest so erfolgreich sein, dass es kein Problem ist, zehn Leute mitzubringen, oder!?!?“
So weit nachvollziehbar, denke ich mir! Wenn Rocking Ralf denen nämlich einen wertvollen Slot gibt und sich keiner für diese Band interessiert, dann kommen keine Leute zu seinem Konzert, und er geht pleite. Das versteht Thilo aber einfach nicht und bezeichnet diesen Konzertorganisator als einen Zerstörer der Musikkultur, dem es nur um die verdammte Kohle geht, und schreibt darüber einen Leserbrief. Ob Rocking Ralf, nachdem er fünf bis zehn solcher Konzertflops veranstaltet hat, Rocking Ralf Junior aus der Kita nehmen muss, weil er keine Kohle mehr hat, interessiert Thilo nicht so sehr!
Aber noch einmal zum Ursprung: Alle brennen CDs, Bands spielen mehr Konzerte, und Konzertveranstalter sind unter Druck! Nachvollziehbar? Dachte ich!
Aber ich glaube, ich mache mir das manchmal zu einfach und gucke nicht weit genug hinter die Kulissen. Wieso sollte denn nicht jeder überall spielen können? Warum spielt Kohle in der Musik überhaupt 'ne Rolle? Wie soll Thilo zum Weltstar reifen, wenn er nicht die Chancen bekommt, überall zu spielen wo er möchte? Wieso gibt es nicht in allen Schulen Gratiskakao?
Also Thilo und Band… wenn ihr das hier lest: Geht doch bitte weiterhin den Konzertveranstaltern, die oftmals aus reinem Idealismus ihre private Kohle ins Risiko bringen, damit auf den Sack, dass ihr dort spielen wollt, ohne was dafür zu tun! Warum solltet ihr auch dem geldgeilen Clubbesitzer oder Veranstalter irgendwelche Karten abnehmen? Damit die sich noch ein Boot und noch 'ne Rolex kaufen? Never! Nicht mit eurer Kohle! Wie soll man auch Karten verkaufen, wenn man aus Heimbuchental kommt und in Berlin spielen möchte? Übers Internet etwa? Ne, ne! Das Internet ist für kostenfreie Musik/Filme, Facebook-Gelabere und Pornos da und nicht für irgendwelche mühseligen Ticketverkäufe! Es ist euer gutes Recht, mindestens einen Kasten Bier, frei fressen, frei pennen, die Anfahrtskosten und 25,- Euro pro Bandmitglied zu verlangen! Denn wenn euch auch bisher keiner in Berlin kennt, wird euch nach dieser geilen Show, die ihr abgeliefert habt, die ganze Welt kennen!
Ich sehe es mittlerweile ein!
Es wäre Schwachsinn, wenn es heutzutage noch erforderlich wäre, eine eigene Fanbase zu haben und/oder vorher die lokale Clubszene unsicher zu machen. Das kostet nur Zeit, und ihr seid gut genug für die ganz großen Bühnen. Ich hoffe, Ihr nehmt meine Entschuldigung an, und ich kann Euch von meiner Liste streichen!?
Nächstes Mal:
Nummer 112 meiner Liste: Habe Heinos Idee, Rammstein zu covern, für witzig gehalten!
…kennt Ihr vielleicht auch solche Typen, die immer nur über Old School labern und sich dann fragen, wieso ihre Musikerkarriere beschissen läuft? Tja, genau so einer war ich auch. Immer wenn mir mal was Gutes in der Metal-Szene passiert ist, ließ das böse Ende nicht lange auf sich warten: Karma! Da wurde mir klar, dass ich mich ändern musste. Also hab ich 'ne Liste mit all meinen üblen Lästereien gemacht, um sie dann, eine nach der anderen, wieder gut zu machen.
Ich versuche nur, 'n besserer Mensch zu sein. Mein Name ist Lee!
Nummer 17 meiner Liste: Habe mich über den Growl-Workshop von Frau G. lustig gemacht!!!
Vor nicht allzu langer Zeit gab es mal wieder eine DVD-Beilage in der aktuellen Ausgabe eines Fachmagazins für Heavy Metal. Lesen ist eh nicht mein Ding, also das Teil abgerissen, und rein mit der DVD in den Player.
Start… Interview mit Rob Zombie… Skip, Tourbericht Heaven Shall Burn… Skip, neues Video Hammerfall …Skip, uhhh, was ist das??? Eine hübsche Frau in einem Hörsaal???
Da ist also diese bildhübsche Blondine mit Pferdeschwanz, Nerd-Brille und Wohlfühlhoody im Bild, wie sie einigen Menschen in einem Hörsaal einer Uni etwas erläutert… und das auf einer Metal-DVD!!!!!
Das schaue ich mir mal näher an! Ton an und los geht es!
Man glaubt es kaum, aber diese Frau ist Sängerin einer Death Metal-Band (nennen wir sie mal Frau G.) und hält einen Growl-Workshop vor interessierten Musikstudenten, grünen Landtagsabgeordneten und Leuten mit einen Fetisch für Frauen, von denen man auch mal unverhofft was auf die Fresse kriegen kann.
Charmant führt sie durch das Programm und erläutert den Wissbegierigen, wie man mal so richtig sauer losbrüllen kann! Starten tut das Ganze mit einem Videoeinspieler von ihrer Death Metal-Band (nennen wir die Band der Einfachheit halber mal A.) mit einer so „bösen“ gekrächzten Ansage, dass nur Asiaten drauf abfeiern können. Weiter geht es dann mit der Erläuterung, dass man nur ordentlich rumschreien kann, wenn man dieses gewisse innere Feuer hat. Ein medizinischer Schnitt durch den menschlichen Rachen und durch die Lunge darf natürlich auch nicht fehlen, um zu erklären, wo die Nummer eigentlich anatomisch stattfindet.
Danach kommt das Atemübungsprogramm, und garniert wird die Veranstaltung mit plötzlichem Schreien und Brüllen der Dozentin. Das letzte Mal war ich so gefesselt, als die Wollnys ein verlängertes Wochenende in London gemacht haben! Aber das ging ja alles viel zu schnell… Also ein Bier holen und das Ganze noch einmal schauen.
Beim wiederholten Gucken habe ich dann wirklich alle Gefühlslagen durchlaufen! Stolz, Scham, Ekel… Es war wirklich alles dabei - doch am Ende blieb neben der zwei Tage andauernden Gänsehaut nur noch eine Frage im Raum stehen: „Was war das denn bitteschön?“ Für jemanden, der mit Napalm Death, Extreme Noise Terror, Kreator und Konsorten aufgewachsen ist, war das ein neuer Tiefpunkt in der Extrem-Metal-Welt. So eine Veranstaltung spielt in der gleichen Liga wie die verbalen Rechtfertigungsorgien vieler Pseudometaller gegenüber Nachbarschaft, Arbeitskollegen und Familie.
Einige Beispiel gefällig? „Das hört sich zwar nach Lärm an, aber der Typ an der Gitarre ist einer der Besten der Welt“ oder „Gute Musiker enden über kurz oder lang immer beim Jazz oder Metal! Das ist 'ne echte Herausforderung für jeden Könner“ oder „Die Band könnte eigentlich viel besser spielen, aber will nicht“ oder „Wusstest Du eigentlich, dass 27,3% der Wacken-Besucher einen akademischen Abschluss haben?“ NEIN NEIN NEIN! Metal, Punk & Grindcore ist in allererster Linie HERZ!
Ob dumm oder schlau, aus gutem oder schlechtem Hause, Australien oder Europa, Frau oder Mann. Aber gerade die extremsten Musikformen diese Genres sind aus Verzweiflung und Wut geboren und nicht aus Musikalität! Nichts, was einen musikalischen Anspruch hat oder hatte. Oder glaubt irgendwer, dass Napalm Death gehofft haben, mit „Scum“, einen Meilenstein im puncto musikalischer Anspruch zu setzen?
Schreien und Brüllen oder von mir aus auch Growlen ist kein Lehrberuf, sondern ein Gefühl! Wenn es, um diesen Gesang zu erklären, eines anatomischen Querschnitts bedarf, dann wäre es maximal der Querschnitt durch Gehirn oder Herz. Denn da spielt sich die Musik ab. Ich hoffe nicht, dass Lemmy demnächst noch ein Seminar darüber hält, wie man Metal atmet. Nachdem ich das alles verkraftet habe, konnte ich nicht anders, als allen Menschen, die ich kenne, zwei Wochen lang permanent mit meinen Witzen über diese Veranstaltung auf den Sender zu gehen!
Und genau das tut mir jetzt sehr leid, denn es war oberflächlich, unmodern, pubertär und engstirnig, sich für so ein fortschrittliches Projekt zu schämen oder sich sogar darüber lustig zu machen! Was soll daran schlimm sein, dem „Normalverbraucher“, der regelmäßig mit der Einstellung „das sind ja endlich mal richtige tolle Musiker, nicht so wie bei DSDS!“ auf seinem Sofa „The Voice Of Germany“ fachmännisch zelebriert und selbst Bands wie Judas Priest für unkontrollierten Lärm hält, das Growlen etwas näher zu bringen?
Haben wir nicht irgendwie alle was davon, wenn die gesamte deutsche Bevölkerung respektvoll vor einem den Hut zieht und sagt „Mein lieber Herr Scholli, da hat Ihr Sohnemann aber einige Schrei- und Growlstunden gehabt, dass er jetzt als Sänger so schön wütend klingt“!?
Was soll daran schlimm sein, wenn neben dem Iro-Hairstylisten und der Kutten-Änderungsschneiderei auch noch 'ne Growl-Gesangsschule aufmacht? Ist nicht der Respekt, den uns alle Menschen vom Postboten bis zur Bankangestellten für unsere Gesangsleistung entgegenbringen, der Treibstoff für unseren Einsatz?
Mittlerweile denke ich schon!!!
Liebe Frau G.! Ich hoffe, ich kann Sie von meiner Liste streichen!?
Nächstes Mal:
Nummer 25 meiner Liste: Habe „Pay To Play“ befürwortet.
…kennt Ihr vielleicht auch solche Typen, die immer nur über Old School labern und sich dann fragen, wieso ihre Musikerkarriere beschissen läuft? Tja, genau so einer war ich auch. Immer, wenn mir mal was Gutes in der Metal-Szene passiert ist, ließ das böse Ende nicht lange auf sich warten: Karma! Da wurde mir klar, dass ich mich ändern musste. Also hab ich 'ne Liste mit all meinen üblen Lästereien gemacht, um sie dann, eine nach der anderen, wieder gut zu machen.
Ich versuche nur, 'n besserer Mensch zu sein. Mein Name ist Lee!
Ich weiß nicht, ob jeder von Euch schon mal im Backstagebereich einer Konzerthalle war!?!?!
Eins ist sicher…90% der Locations unter 1.000 Besucher haben den Charme der Kellerbar eines 85-Parteien-Hauses nach der Silvesterfeier! Verwanzte Sofas, volle Mülleimer, vollgekotzter Böden etc…!
Mich persönlich stört das nicht sonderlich! Rock'n'Roll!!! Aber das Drumherum, das sich mittlerweile in den Backstage-Areas abspielt, ist viel befremdlicher als die 123 Jahre alte Möblierung.
Fünf Stunden Autofahrt und endlich angekommen.
Du kommst rein und bist voller Adrenalin, weil du auf die Bühne darfst.
Schmeißt dein Zeugs in die Ecke, und knallst dich auf das Sofa. Nachdem der Nebel (der durchs Setzen aufs Sofa aufgewirbelt wurde) sich einigermaßen gelichtet hat, schnappst du dir deine erste kalte Flasche Entspannungsbier und zündest dir dabei ein Zigarettchen an. Ein erster tiefer Zug, und plötzlich tritt ein tättowierter, langhaariger Kerl aus dem Nebel hervor und sagt: „Eh Alter! Mach die Kippe aus! Hier is Rauchverbot!!!" Noch denkst du, er macht einen Scherz… Doch er sieht dich weiter ernst an und sagt „Echt Alter! Mit so vielen Leuten auf so engem Raum, da muss man auch mal Rücksicht nehmen können!“
Okay, denkst du dir… Doch das war erst der Anfang des 15-seitigen Regelkatalogs, den du danach verbal überreicht bekommst.
Neben „hier ist Rauchverbot“ gibt es beispielweise auch noch „sorry, das vegetarische Catering ist nur für die Jungs mit den bunten Shirts“, „kann mal jemand die Musik leiser machen“, „müsst ihr euch jetzt schon vor dem Gig den Arsch zulaufen lassen?“ und „kann mal jemand den besoffenen Typen, der auf dem Tisch tanzt, vor die Tür setzten??? Ich kann mich gar nicht konzentrieren!“
So oder so ähnlich werden einige Musikerkollegen es auch schon erlebt haben, und so oder so ähnlich wird es sicher auch bei der letzten Andrea Berg-Tour zugegangen sein! Nach dem Motto „Pssst! Noch 10 Minuten bis zum Auftritt! Die Künstlerin muss sich konzentrieren!“ geht der Stimmungszug im Backstage ab wie eine Polonaise bei der Jahreshauptversammlung der grauen Panther!!!!
Mal davon abgesehen, dass die Stimmung zum Kotzen ist, entwickelt sich auch gar kein Gefühl mehr dafür, dass es sich hier um ein Metal- oder Punk-Konzert handelt (außer der Tatsache, dass man in irgendeinem Keller sitzt, der an den letzten "Hostel"-Film erinnert). Heutzutage sind alle Musiker „Profis“!!!! Früher biste besoffen angereist und besoffen gefahren! Heute müssen die Growler ihre Stimme schonen und die Musiker etwas Ruhe vor dem Auftritt haben!
Da ist mir doch ein Martin van Drunen (wie ja viele wissen, ein echter Profi) beispielsweise 1.000.000 mal lieber!! Der reist mit seiner Band an, liefert 'ne Hammer-Show ab, und das, obwohl Hail Of Bullets im Backstage vorher und nachher gefeiert haben wie eine Horde Wikiniger!
Aber vielleicht machen Hail Of Bullets das genauso falsch und sollten sich auch mal in aller Professionalität an die „neuen“ Backstageregeln halten!?!??!
Wie auch immer… ich habe das jetzt verstanden und möchte mich für meine verständnislosen „geh mir doch bitte nicht auf den Sack“ Reaktionen auf die letzten 15 Zurechtweisungen im Backstage entschuldigen!
Ich weiß jetzt, dass auch jede noch so kleine Grindcore- und Death Metal-Band ihr Bestes geben will! Immerhin haben die 37 Konzertbesucher 6,- Euro berappen müssen, der Konzertveranstalter fünf Dosen Bier + Chilli con Carne rausgetan, und daher können auch alle 'ne professionelle Show erwarten.
Ich habe jetzt verstanden, dass Zigarettenrauch im Backstage nicht nur die Stimme angreift, sondern auch nervt und tötet.
Mir ist jetzt klar geworden, dass keiner Ramba Zamba im Backstagebereich braucht, denn wenn man Party machen will, kann man auch in die Düsseldorfer Altstadt gehen.
Zukünftig nehme ich einfach mehr Rücksicht, werde eine Duftkerze, die meine Fürze absorbiert, neben meinem Platz anzünden, vor der Tür rauchen, meine Bier auf dem Lokus trinken, Musik im Auto hören und bevor ich abhaue, nochmal kurz feucht durchwischen!
Es war niemals mein Anliegen, eure Professionalität einzuschränken und damit möglicherweise Eure Karriere zu gefährden.
Grindcore, Punk und Death Metal muss ja kein Spaß machen, sondern ist ein Job wie jeder andere auch!
Also… SORRY!
Nächstes Mal:
Nummer 17 meiner Liste:
Habe mich über den Growl-Workshop von Angela Gossow lustig gemacht
„Ach du liebe Güte“, werden jetzt einige rufen! Schon wieder 'ne Kolumne!
Als würde es nicht reichen, dass Fenriz oder Scott Ian neben zwei, drei Redakteuren Eurer Lieblingsmagazine Platz mit ihren persönlichen Meinungen und Werbebotschaften verseuchen. Fängt der jetzt auch noch damit an???
GENAU SO IST ES!
Ich werde mich jetzt Monat für Monat an dieser Stelle zur extremen Metal-Szene äußern! Und zwar über die „Szene“ von heute und über die Szene der Vergangenheit! Keine Angst, ich stimme nicht das alberne Lied „früher war alles besser“ an. Doch man kann auf jeden Fall sagen, dass alles etwas anders war.
Viele wissen es vielleicht nicht (weil sie einfach zu jung sind), aber extremer Metal oder Grindcore war damals noch nichts für RTL Exklusiv und Taff. Es wurde nicht im Frühstücksfernseher über Wacken berichtet, und mein Oberstudienrat hat auch keinen Metal gehört, geschweige denn, sich dazu bekannt! Metal war damals tatsächlich etwas, das die Gesellschaft abgelehnt hat, und wer Metal oder Punk gehört hat, galt als asozial. Die Menschen haben die Straßenseite gewechselt, wenn sie so einen Typen gesehen haben, und Väter haben (so lange sie noch stärker als ihre Kinder waren) versucht, sich mit aller Kraft dagegen zu stemmen, dass ihre Kids in diesen Sumpf abdriften.
Es war eine Randgruppe! Eine echte Randgruppe, die etwas ausdrücken wollte, die gerne ungeliebt war und niemals eine Wochenendbewegung, wie es heute vielfach der Fall ist.
Heute ist ja alles deutlich liberaler geworden. Metal, Grindcore und Co. haben volle Akzeptanz in jeder Bildungsschicht/Einkommensschicht erreicht und werden auch schon mal beizeiten in den Gymnasien der Republik von Schülern als Kunstform im Unterricht präsentiert. Ein Tattoo hat heute sowieso jeder, und es gehört zum guten Ton der Gesellschaft, dass jeder Teenie in der Pubertät auch mal eine Punk- oder Metal-Phase durchlebt, um seine Eltern zu schocken!
Ist es das, was alle wollten???
Ist es das, was Sid Vicious oder Tez Roberts wollten?
Ich kann mir das beim besten Willen nicht vorstellen!
Ich glaube nicht, dass Tom Angelripper sich damals erhofft hat, dass „Obsessed By Cruelty“ von irgendeinem sackhaarlosen Teenie als Schulprojekt im Musikunterricht besprochen wird. Na sicher ist das heute super, dass bei jedem Radiosender Metal läuft und Frauke Ludowig über wilde Festivals berichtet!
Aber machen wir uns doch alle nichts vor, im Ergebnis wird man heutzutage mit Metal genauso zugeschissen wie mit Schlagermusik! Das bittere Ende dieser Kommerzialisierung sieht man dann hinterher… denn dann wird der schlimmste Alptraum eines jeden „alten“ Fans wahr, und eine Band wie Volbeat wird Headliner auf dem Wacken Open Air. Und wisst Ihr, auf welcher Bühne Volbeat dann spielen werden??? Auf der TRUE METAL STAGE!!!!!
Glücklicher Weise nur ein schrecklicher Alptraum… oder doch nicht??
Schöne neue Welt!
Aber eigentlich ist der Zweck dieser Kolumne gar nicht, die ganze „Szene“ von heute in den Dreck zu ziehen! Ganz im Gegenteil! Ich habe mich viel zu oft und zu lange darüber beschwert, dass aus dem kleinen, extrem geilen Haufen der 80er/90er eine riesige Bewegung wurde, in der jeder Zweite nur deswegen dabei ist, weil er das Festival-Feeling so unbeschreiblich findet, oder nix anderes da war, als die Techno-Szene sich langsam aufgelöst hatte...
Und darum mache ich es jetzt wie Earl J. Hickey:
…kennt Ihr vielleicht auch solche Typen, die immer nur über Old School labern und sich dann fragen, wieso ihre Musikerkarriere beschissen läuft? Tja, genau so einer war ich auch. Immer, wenn mir mal was Gutes in der Metal-Szene passiert ist, ließ das böse Ende nicht lange auf sich warten: Karma! Da wurde mir klar, dass ich mich ändern musste. Also hab ich 'ne Liste mit all meinen üblen Lästereien und Gräueltaten gemacht, um sie dann, eine nach der anderen, wieder gut zu machen.
Ich versuche nur, ein besserer Mensch zu sein. Mein Name ist Lee!
Nächstes Mal:
Nummer 87 meiner Liste: Habe im Backstage-Bereich geraucht!!!!