LEGACY - The Voice from the Darkside

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FREI.WILD

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Wenn die absoluten Throninhaber des deutschen Rock ins Studio abmarschieren, darf mit Spannung das Ergebnis erwartet werden. Zumal sich der Interessentenkreis nicht mehr nur auf das muttersprachlich erschlossene Gebiet bezieht - was die kürzlich erfolgreich absolvierte Clubtour durch England beweist. Aber keine Angst, auch auf dem aktuellen Album “Feinde Deiner Feinde“ wird ausschließlich Deutsch gesungen. Davon konnten wir uns auf der Listening Session im hauseigenen Studio Mahr persönlich überzeugen. Die komplette Band und Produzent Alex Lysjakow begleiteten uns Track by Track durch das Album und beantworteten geduldig unsere Fragen.

“Feinde Deiner Feinde“ sollte ja eigentlich schon am Januar diesen Jahres erscheinen, was sich schlussendlich aber zeitlich als unmöglich herausstellte. Die vielen gleichzeitigen Baustellen, gepaart mit den riesigen Tourproduktionen zwangen FREI.WILD, auf den Herbst auszuweichen. Viel interessanter ist aber, ob die Band es schafft, die Erwartungshaltung der riesigen Fangemeinde zu erfüllen und trotzdem die musikalische Weiterentwicklung nicht aus den Augen zu verliert. Dieser Spagat hat schon so manche Band zerrissen, gibt es doch sowohl in dem einen als auch dem anderen Lager immer wieder laute Stimmen. So entspannt wie uns die Jungs gegenübertreten, dürfte diese Gedankenwelt bei der Entstehung der Scheibe aber keine große Rolle gespielt haben. Produktionstechnisch hat sich auf “Feinde Deiner Feinde“ einiges getan. So bekam Alex Lysjakow bei den beiden Songs 'Aus Traum wird Wirklichkeit' und 'Unendliches Leben' die Arbeit von Henning Verlage (Unheilig) abgenommen. Gemastert wurde “Feinde Deiner Feinde“ von Sascha “Busy“ Bühren in Berlin. Sascha dürfte aktuell einer der erfolgreichsten Mastering-Engineers in Deutschland sein. Kein Geheimnis mehr ist die Bereitschaft der Band, mit Gastmusikern zu arbeiten, man erinnert sich z.B. an die Christmas Tour, die in Stuttgart in einem großen Allstar Jam endete. Einige der Beteiligten sind auch auf “Feinde Deiner Feinde“ wieder zu hören. Um eines vorweg zu nehmen, der Aufwand hat sich gelohnt, was wir zu hören bekommen, kann man getrost als das konsequent nächste FREI.WIlD-Album bezeichnen. Kein Stillstand, kein Rückschritt - einfach FREI.WILD 2012.

So weit zu den Keyfacts der Produktion und den generellen Infos. Bleiben noch die einzelnen Songs, die wie immer in zahlreicher Anzahl vertreten sind. “Feinde Deiner Feinde“ erscheint in zwei verschiedenen Varianten. Einmal als normales Album mit 16 Tracks und als limitierte Version mit insgesamt 21 Songs. Selbst wenn eingefleischte Fans mit dem einen oder anderen neuen Sound nicht zufrieden sind, bleibt genügend gewohntes FREI.WILD-Material. Und wer weiß, wie sich bei diesem Klientel der eine oder andere Track entwickelt. Der Opener 'Wir reiten in den Untergang' macht gleich alles richtig. Ein langsamer, fast Doom-lastiger Anfang geht in einen typischen, Stakkato-artigen FREI.WILD-Song über. Titel zwei, 'Wer nichts weiß, wird alles glauben' geht als Hymne durch, idealer Mitgröler mit einfachen textlichen Parts (Oh, oh, oh) und gutem Solo. Auch der Titelsong 'Feinde Deiner Feinde' geht gut nach vorne, etwas Bass und Schlagzeug-lastig, was aber absolut passt. Textlich sehr tiefgründig: Schlagworte wie Angst, Eifersucht und Übermut passen sehr gut. Im Wesentlichen geht es auch um die eigenen Freunde, die sich als Feinde entpuppen können. So Leute, jetzt wird es interessant, waren die ersten drei zwar sehr gute, aber zu erwartende Lieder, kommt mit 'Zwischen Trauer, Liebe und Schmerz' die erste faustdicke Überraschung. Sie beginnt als völlig untypischer, irgendwie neuer Sound, aus dem man trotzdem FREI.WILD raushört. Und haltet Euch fest, der erste Song mit Bläsern! Philipps Stimme kommt auch ein wenig anders rüber, fast cleaner. Wenn Experimente so enden, dann bitte mehr davon.

Der vielleicht persönlichste Song des Albums ist 'Aus Traum wird Wirklichkeit'. Eigentlich sollte diese Ballade es gar nicht aufs Album schaffen, da die Band der Meinung ist, dass Kinder und Schwangerschaft kein Thema für ein Rock-Album sind. Schöner (persönlicher) Text, den jeder, der Kinder hat, nachvollziehen kann und wie erwähnt, einer der beiden von Henning produzierten Songs. Aufgrund von eigener Betroffenheit des Schreibers ist 'Wer weniger schläft, ist länger wach' ein kleines Highlight, Wurde hier doch ein ernstes Thema sehr locker verpackt. Ein weiterer Stampfer mit Ska-Einflüssen und natürlich Bläsern. Ohne Kristallkugel kann man vorhersagen, dass dies live der Pogo-Song überhaupt werden wird. 'Nur Dumme sagen Ja und Amen' ist dann wieder ein zu erwartender Song, musikalisch und textlich. Textprobe gefällig? „Ich werde die Scheiße nicht fressen...“. Gute Midtempo-Nummer mit einem Gonzo-Solo am Ende. FREI.WILD waren schon immer eine Band, die auch schwierige Themen musikalisch thematisiert hat, in 'Der Staat vergibt, Dein Gewissen nicht' geht es um Leute, die Zivilcourage gezeigt und letztendlich draufgezahlt haben, weil sie für ihr beherztes und mutiges Eingreifen bestraft wurden. Jeder kennt sicher solche Vorfälle, wo man sich fragt, wo die Gerechtigkeit bleibt. Rockige Nummer mit dominierenden Gitarren. 'Mach Dich auf' wird nach 'Feinde Deiner Feinde' die zweite Single werden. Thematisiert die Tatsache, dass viele Menschen immer die Schuld nur bei den anderen sehen und nicht bei sich selbst. Guter Bass und Gitarrensound. Man kann den nächsten Song als den Weg der Band nach vorne interpretieren, aber auch als generelle Mutmach-Hymne. Wie auch immer, 'Vorne, da liegt der Horizont' glänzt mit einem hervorragend mitsingbaren Refrain, da stimmen die Fans sicher gerne live mit ein.

Viel mussten FREI.WILD in der Vergangenheit über sich ergehen lassen, davon einiges überraschenderweise von anderen Bands: Kollegen wie Die Ärzte, Broilers oder auch Kraftklub. Darauf haben die vier Südtiroler nun mit 'Wir gehen wie Bomben auf euch nieder' eine musikalische Antwort parat. Da Gonzo mit den Onkelz auf diesem Themengebiet ebenfalls sehr viel Erfahrung sammeln durfte, war es ihm eine Herzensangelegenheit, hier mit Gitarrenarbeit zu unterstützen. Ein harter Song, wohl der härteste überhaupt auf dem Album. Man merkt förmlich, wie die Giftpfeile in positive Energie umgewandelt wurden. 'Zieh mit den Göttern' ist Stefan Innerbichler gewidmet, einem sehr guten Freund der Band, der leider 2010 bei einem Motorradunfall ums Leben kam. Erfreulicherweise nicht als Ballade konzipiert, zwar mit einem melancholischen Anfang, aber eben doch eine Rocknummer. Gut melodisch übernimmt 'Oft bekriegt, nie besiegt', ein typischer FREI.WILD-Sound trifft Bläser. Wohl als Türöffner gedacht für das nächste, ungewöhnlichste Lied auf “Feinde Deiner Feinde“ schlechthin. 'Gutmenschen und Moralapostel' wird die Nation spalten wie kein anderer FREI.WILD-Song zuvor. World Music trifft Phillips Sprechgesang - ein gelungenes Wagnis, das bei einigen sicher reifen muss. Nach so viel FREI.WILD 2.0 ist es eine gute Entscheidung, eine Punk-Nummer in Reinkultur folgen zu lassen. 'Dafür sind Freunde da' bietet alles, was ein guter Punk-Song haben sollte: rotzige Stimme, Mitgröl-Passagen und den entsprechenden Sound. Alle, die der Band immer und immer wieder die Kommerzvorwürfe entgegen bringen, sind hier mal gefragt: Warum ist der Mainstream-Song Nummer eins am Ende Platte platziert? Denkt mal drüber nach. 'Unendliches Leben' wurde ebenfalls von Henning produziert und ist mit Sicherheit der Radio-tauglichste Track des ganzen Albums.

Fazit: Unser Eindruck ist, dass FREI.WILD einfach auf alle Erwartungshaltungen geschissen haben und i-h-r eigenes Album machten. Und genau das hört man in jeder Zeile und in allen Noten. Sie können und wollen ihre Wurzeln nicht verleugnen, aber beweisen allen Kritikern, dass sie mehr drauf haben als die immer angedichteten 2,5 Akkorde. "Feinde Deiner Feinde" wird wie ein Trampolin zu den Sternen wirken. Fragt sich nur, wo soll das enden? Werden doch schon jetzt mühelos die größten Arenen der Republik gefüllt! Sind noch ein paar Stadien frei?

Album Titel: "Feinde Deiner Feinde"

Label: Rookies & Kings

Veröffentlichung: 5. Oktober

 

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