LEGACY - The Voice from the Darkside

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Dominik Irtenkauf (DOI)

Dominik Irtenkauf (DOI)

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DECLINE OF THE I „Inhibition“

Wednesday, 12 September 2012 00:00 Published in A-Z

Was ist nur aus dem Black Metal geworden? Einst zogen Ein-Mann-Projekte die orthodoxe Linie des schnellen räudigen Schwarzmetalls durch, stellenweise wagten sie auch einen Ausflug in Ambient-Kerker. Häufig waren die Kompositionen nicht unbedingt perfekt gespielt, Kollateralschäden in Sachen Tightness wurden gerne in Kauf genommen. Ein-Mann-Projekte hatten jedoch den Vorteil, nie zu sehr in den Kommerz-Zirkus des Black Metal gezogen werden zu können. In einem britischen Verlag veröffentlichte bereits ein Autor ein ganzes Buch zur Faszination der One-Man-Unternehmen. DECLINE OF THE I lebt vor allem von A.K.s Vision, der bei Merrimack und Vorkreist seine Lorbeeren verdiente. Bereits der erste reguläre Titel der Scheibe auf Agonia Records – ein Elf-Minuten-Koloss namens ‚The End Of A Sub-Elitist Addiction‘ – präsentiert elektronische Beats neben französischen Sprachsamples und rockig-räudigen Black Metal-Riffs. DECLINE OF THE I scheren sich keinen Deut um Genregrenzen. ‚Art Or Cancer‘ hingegen führt die französische Klasse von Bands wie Merrimack und mehr noch Glorior Belli fort, doch verkörpern DECLINE OF THE I die Symbiose aus metallischen Ecken und Kanten und einem unverkrampften Interesse an Klang. So ertönt in ‚The Other Rat‘ Glockenspiel-Klingeln, was sich sehr gut zu dem eingängigen Riff macht. Zudem schafft es Herr A.K., die Räudigkeit des Black Metal zu wahren, ohne jedoch in lächerlichen Bombast abdriften zu müssen. Vom Konzept spielt Philosophie, vor allem auch des Herrn Nietzsche, eine bedeutende Rolle. Musikalisch wird die Platte diejenigen ansprechen, die sich erst nach dem fünften Durchlauf für oder gegen eine Anschaffung entscheiden. Also eine Scheibe gegen Konformität, ähnlich wie das aktuelle Album der Berliner Essenz ein Statement zum Black Metal mit einem offenen Ohr für externe Einflüsse. Wer möchte angesichts der Platte „Inhibition“ noch behaupten, ein Interesse des Black Metal für Kultur sei aufgesetzt? DECLINE OF THE I beweisen ja, dass mit den Mitteln des Black Metal überzeugende Konzepte erarbeitet werden können, die auch die Nicht-Hörer ansprechen.

 

 

 

 

TESTAMENT „Dark Roots Of Earth“

Wednesday, 12 September 2012 00:00 Published in A-Z

Die kalifornische Bastion des Bay Area-Thrash meldet sich zurück – und wie! TESTAMENT hatten in ihrer Karriere immer wieder mal in Richtung Alternative Rock geschielt, und auch auf der neuesten Scheibe gehen sie diesem Weg zumindest gitarrentechnisch gerne mal nach, so in etwa bei ‚Cold Embrace‘, das als Powerballade beginnt und nach gut anderthalb Minuten das Tempo ein wenig anzieht. Auf „Dark Roots Of Earth“ finden sich überraschend lange Tracks wie das eben genannte ‚Cold Embrace‘. Es schließt mühelos an Klassiker wie ‚The Return To Serenity‘ an. Mit diesem Acht-Minuten-Stück bieten TESTAMENT eine sehr gelungene Verbindung aus klassischem, US-amerikanischem Thrash und Alternative Rock-Einflüssen. Der direkte Nachfolger, ‚Man Kills Mankind‘, haut dann ganz im Gegensatz wieder stärker in die Thrash-Kerbe. Ja, das ist ein schmissiger Thrash-Song, der mit dem einprägsamen Singalong-Chorus die Qualitäten jeder guten Thrash Metal-Scheibe zum Vorschein bringt. Was an TESTAMENT gefällt, ist die Virtuosität der Gitarristen (kein Wunder, wenn Alex Skolnick sonst in Jazz-Bands spielt) und auch selbstverständlich des Drum-Monsters Gene Hoglan (kein weiterer Kommentar nötig). Die Blastbeats in ‚Native Blood‘ zu einer eher melodischen Gesangslinie und die Gitarren-Licks in der zweiten Hälfte des Songs zeugen von einer mehr als starken Rückkehr. ‚A Day In The Death‘ beginnt mit einem fetten Basslauf, und steigert sich zu einem zündenden Midtempo-Stampfer. Generell kann man sagen, dass das Album mit eindrücklichen Statements in Richtung Thrash-Revival glänzt: ‚Throne Of Thrones‘ (ganze sieben Minuten lang), der Opener ‚Rise Up‘ und ‚Native Blood‘. TESTAMENT klingen tight wie Arsch – und Chuck Billy shoutet dieses Mal wieder, hat die früheren Death Metal-Ausflüge bis auf ganz wenige Ausnahmen stark zurückgeschraubt. Mit jedem neuen Hördurchgang erschließen sich bislang unbemerkte Facetten. Das spricht doch eindeutig für eine Platte, wenn sie auch nach dem vierten oder fünften Mal nicht langweilig wird. Veteranen können altern und sich irgendwann auf die alten Trademarks verlassen, da dies eine sichere Rechnung wäre, die aufgeht (so hoffen dann die Musikrentner). TESTAMENT begnügen sich damit nicht, sondern suchen die Herausforderung. So eben auch auf der aktuellen Scheibe „Dark Roots Of Earth“. An der instrumentalen Arbeit kann man nichts aussetzen, am Abwechslungsfaktor auch nicht, zudem wird der Blick über den Tellerrand nicht gescheut. Starkes Statement.

 

 

 

Testament

Tuesday, 28 August 2012 19:48 Published in Aktuelle Interviews

Härter als das Leben

Auf TESTAMENT kann der Fan sich verlassen. Nach der Genesung Chuck Billys haben sich die Thrasher wieder gefangen. Mit einem Donnerschlag melden sie sich nun mehr als mächtig zurück. „Dark Roots Of Earth“ beeindruckt Mitte Mai die versammelte Journalistenmeute bei der Listening-Session in Donzdorf.

TESTAMENT durchschritten in ihrer Geschichte bekanntlich auch dunkle Täler, so zum Beispiel die Krebserkrankung ihres Sängers Chuck Billy. Doch dieser ist längst wieder genesen und für die Lyrics des neuen Opus zuständig. Ein Blick auf das verteilte Lyricsheet verrät, dass TESTAMENT dem Thrash nach wie vor (auch textlich) verschrieben sind. Direkt und auf den Punkt gebracht: „When I say rise up, when I say war, that means the time is now, to even up the score. The leader speaks, his plan has failed before, enlisted soldiers, awaiting orders.“ (aus dem Opener 'Rise Up'). Die Musik spannt sich von alten „Legacy“-Zeiten bis hin zur alternativeren Phase mit Alben wie „The Ritual“ (1992). ‚Rise Up‘ setzt den Titel und Text entsprechend smashend um: das Tempo wird nach circa zwei Minuten gedrosselt und macht Midtempo Platz. Chuck Billy bellt einen eindringlichen Refrain raus, und als Hörer kann man sich nur schwer diesem Sog entziehen. Die Einschlagskraft wird gehalten, denn gleich im Anschluss setzen TESTAMENT erneut auf ein treibendes Riff. ‚Native Blood‘ erstaunt mit Double-Bassdrum-Läufen und mischt beeindruckende Soloarbeit der Gitarristen mit druckvollem Schlagzeug. Der Titeltrack, der folgt, setzt andere Akzente, denn hier drängt durchaus etwas Grunge durch, wenn man auch im Thrash Metal vorsichtig mit diesem Tabuwort umgehen muss. Jedoch bringt später im Interview Gitarrist Eric Peterson selbst den Namen Alice In Chains ins Spiel, wenn es um abgeklemmte Saiten geht. Das führt recht schnell zu dem typischen Alice In Chains-Sound. ‚True American Hate‘ lädt aufgrund des Titels zu etwas brutaleren Vocals ein.

Im Gegensatz zu den Vorgängerscheiben besinnt sich Billy vorwiegend eines anderen Gesangstils und hat den Death Metal-Einfluss größtenteils verdrängt. In ‚True American Hate‘ jedoch bedient er sich dieses Stilmittels erneut. Dabei fängt der Song zunächst mit einem Rock-Riff an, doch die Thrash-Keule lässt nicht lange auf sich warten. Im Refrain tauchen die Death-Grunts auf. Irgendwie erinnert das Solo stark an einen anderen Song, doch dem Legacy-Abgesandten will partout nicht einfallen, wie das Original wohl heißen mag. Generell muss man „Dark Roots Of Earth“ attestieren, dass jedem Instrument ausreichend Platz eingeräumt wird: Das wird besonders im fünften Track ‚A Day In The Death‘ deutlich, denn zu Anfang erklingt ein fetter Bass, der dann von einem groovigen Rhythmus durch den ganzen Song begleitet wird, und die Gitarren brillieren mit eher untypischen Ideen für eine Thrash-Combo. Dies wird, so ist zu vermuten, mit der amerikanischen Herkunft zu erklären sein, zu einem gewissen Grad. Denn anders als die deutschen und auch lateinamerikanischen Genossen setzen die US-Thrasher auf verschiedene Einflüsse und scheuen sich nicht, auch rockigere Töne anzuschlagen. So geschehen im nächsten Track ‚Cold Embrace‘, der 70er-Hard-Rock-Licks in den Groove einbaut. Durch den leicht psychedelischen Einschlag könnte man ‚Cold Embrace‘ als Power-Ballade bezeichnen.

TESTAMENT hatten schon immer ein breiteres Spektrum als die üblichen Verdächtigen, was Gitarrist Eric Peterson, der an diesem Samstag im Mai in der Label-Zentrale anwesend ist, im Interview auch einräumt. Jedoch werden durch diese Offenheit die Bay Area-Musiker längst noch zu keinen Akustik-Schmalzlocken-Trägern. ‚Man Kills Mankind‘ zieht wiederum das Tempo an und verteilt Kopfnüsse, denn in den Lyrics hält Chuck Billy nicht zurück: „Some people live the lie, Some people don‘t, Some people are born to die, Some people won‘t, Some people are well-to-do, Some people ain‘t, Some people turn their cheek, while others hate!“ TESTAMENT verlieren nichts von ihrer Bissigkeit. Musikalisch präsentieren sie sich gereift (kein Wunder nach der langen Zeit) und vielfältig. Peterson bekräftigt dies auch im Interview: „Inzwischen können wir bei TESTAMENT auf die verschiedensten Stile zurückgreifen. Ein gutes Beispiel ist der Titeltrack: Er besitzt melodische Passagen, dann wird die Tonart gewechselt. Man hört auch Akustikgitarren, aber dennoch wirkt der gesamte Song recht brutal. Bei diesem Stück wurde ich stark von Tony Iommis Stil beeinflusst. Viel Black Sabbath floss in den Track. Auf der neuen Scheibe hört man ein wenig Blues-Einfluss, was damit zu tun hat, dass wir uns stark vom 70er-Jahre-Hard-Rock beeinflussen ließen.“

Auch der Nachfolge-Song ‚Throne Of Thorns‘ beginnt ruhig und steigert sich dann allmählich in ein Thrash-Gewitter. Chuck versucht sich auch erfolgreich an einer Spoken-Word-Passage. Den krönenden Abschluss bietet dann ‚Last Stand For Independence‘, das vor dem Ende des Albums nochmals Gas gibt. Bay Area-Thrash, wie man ihn liebt und schätzt. Es fällt auf, dass die beiden Gitarristen Peterson und Skolnick viel Mühe in ihre Riffs gesteckt haben – nach den Death/Thrash Metal-Scheiben der vergangenen Jahre dringt der Rock-Einfluss stärker hervor, was jedoch der Dynamik des Thrash-Bretts keineswegs schadet. Peterson führt hierzu aus: „Wir versuchen, Verschiedenstes in unserer Musik zu integrieren. Der Albumtitel drückt unsere Absichten schon recht deutlich aus: „Dark Roots Of Earth“ – einerseits hört sich unsere Musik dunkel an, er bezieht sich zudem auf unsere Wurzeln, aber er entstammt auch der Erde. Wir beschäftigen uns auf dem neuen Album mit der Klimaerwärmung, dem Zyklus der Wiederverwertung. Wir predigen das Thema jedoch nicht und wollen auch nicht das Etikett der Umweltschützer angeklebt bekommen. Bei uns geht es nicht um die Ideologie, sondern um die Realität.“

Nie ganz abgeschrieben!

Im erbarmungslosen Biz können ein paar Jahre Pause gefährlich werden, jedoch manch angestaubtem Sound eine Frischzellenkur verpassen. Doch allzu große Experimente werden nicht gemacht, denn wie Eric Peterson weiß: „Auf dem aktuellen Album haben wir unsere Grenzen ein wenig mehr als sonst ausgereizt. Andererseits – wenn du 25 Jahre Musik spielst, erwarten die Fans einen bestimmten Sound von dir, dann kannst du nicht einfach alles über Nacht über Bord werfen. Wenn du als Musiker merkst, dass du nicht mehr hinter dem eigenen Sound stehst und es nur aufgrund der Erwartungen spielst, solltest du die Band besser an den Nagel hängen. Das neue Album hört sich sehr gut an, denn darum geht es bei TESTAMENT. Wir mögen, was wir spielen. Die Mitglieder haben alle verschiedene Interessen. Ich bin zum Beispiel mehr der Metal-Typ. Ich bin eher der Musiker, der sich für die dunklen Klänge interessiert. Ich habe neben TESTAMENT noch ein Seitenprojekt namens Dragonlord, das Black Metal spielt. Da ich noch dieses Projekt betreibe, brauche ich die dunkleren Ideen von mir nicht bei TESTAMENT einbringen. Alex spielt neben unserer Band noch Jazz, was ihm auch eine zweite Schiene einräumt. Kompromisse sind wichtig, aber sie halten dich auch davon ab, wirklich das zu realisieren, was dir im Kopf vorschwebt. Wenn ich das neue Album höre, kann ich nur sagen: Es klingt cool. Es ist nicht so, dass ich mir überlege, hätte ich doch einen anderen Akkord oder Technik gewählt, um mich auszudrücken.“

Durch die verschiedenen Interessen der Mitglieder gibt sich die Band im Kompositionsprozess sehr selbstbewusst. Das spiegelt sich auch im Sound TESTAMENTs wider, denn die Truppe spielt ganz klar Thrash Metal, lockert ihn jedoch mit klassischen Hard Rock-Gitarren auf. An den Drums des Albums sitzt kein Geringerer als Gene Hoglan, der bereits mit Death, Strapping Young Lad und Sadus seine Meriten verdiente. Man kann also durchaus davon ausgehen, dass sich die Band auf der Höhe ihrer Fähigkeiten und Ideen befindet.

Aufstieg und Niedergang des Thrash

Die kalifornische Band hat den Thrash Metal amerikanischer Prägung über Jahrzehnte mitgestaltet, so dass sich die Frage stellt, wie denn TESTAMENT den ganzen Thrash-Boom der letzten Jahre erleben. „Musik hängt vom Ohr des Rezipienten ab. Es hängt davon ab, welche Musik dich persönlich bewegt und wohin sie dich bringen wird. Musiker verarbeiten die Dinge, die sie selbst hören. Wenn ein Genre wie Thrash Metal oder Hard Rock an kreativer Kraft verliert, dann heißt das, dass zu viele Bands dieses Genre ausgereizt haben. An diesem Punkt muss ein junger Mensch dieses Genre wieder für sich neu entdecken. Man hört Led Zeppelin und denkt: Wow! Sie sind noch nicht von der Routine des Genres verzogen, und sie werden etwas sehr Beachtliches und Unverfälschtes aus diesem Höreindruck gestalten können. Das hört sich wirklich neu an, wobei es sich um einen alten Sound handelt, der wieder verehrt und neugeboren wird.“ Und haben denn TESTAMENT genug vom Kuchen des Thrash Metal abbekommen? Man kann zwar behaupten, dass die Band auch mal Ausflüge in alternativere Gewässer gewagt hat, doch nie ihre Wurzeln im Metal verleugnete. „Wir sind stark von den frühen Bands beeinflusst, bevor es noch einen Namen für das Genre gab, wie Black Sabbath oder Judas Priest. Ich denke, mit Judas Priest kam dann auch der Begriff Metal auf: als sich die Musik von diesem warmen Sound der 1960er Jahre hin zu einem kälteren Sound bewegte. Die europäischen Bands konzentrieren sich mehr auf den Thrash-Aspekt im Thrash Metal. Sicher sind wir eine Thrash-Band. Doch das wäre zu eingrenzend am Ende, denn Chuck kann einfach neben den Thrash-Grunts auch singen. Es gibt eben Bands, die sich auf den Thrash konzentrieren. Da wir sehr verschiedene Stile in unserem Sound haben, was eben von den Mitgliedern abhängt, verfolgen wir einen breiteren Ansatz. Dennoch sind wir eine Heavy-Band, weshalb es letztlich Metal bleiben wird.“

Fühlte denn der Gitarrist über die Jahre eine gewisse Ermüdung am Material, dass er sich in gerne in andere Gefilde vorgewagt hätte?

Kennt ein Musiker mehr Grenzen bei seiner Kunst, da er sich auf einen Stil einspielt und nicht diese Bandbreite wie manche Autoren einnehmen kann? „Ja und nein. Es hängt von der Perspektive ab. In meiner Musik versuche ich mich für alle Einflüsse offen zu halten, die mich in meiner Laufbahn erreichten. Ich versuche, mir meiner Geschichte bewusst zu sein und diese Einflüsse über die Jahre immer wieder bewusst zu machen. TESTAMENT muss nicht unbedingt Thrash sein, sondern ich versuche, alle möglichen Einflüsse aufzunehmen und zu verarbeiten. Auf der aktuellen Scheibe versuchte ich zum Beispiel, einige Riffs aus dem 70s-Hard Rock wie Rainbow und Led Zeppelin einzubringen. Aber keinesfalls amerikanischen L.A.-Rock. Die Musik soll nicht zu schön und kantenlos werden.“

Und Peterson sieht sich mit dem neuen Album in bester Gesellschaft, denn damit verspricht sich der freundliche Gitarrist einen kleinen Aufbruch zu neuen Ufern, was die Popularität seiner Band angeht. „Ich denke, wir könnten noch etwas mehr Erfolg vertragen. Sicher sind wir recht bekannt, und manche Menschen sagen uns, dass wir Legenden seien. Ich bin jetzt schon so lange dabei, dass ich mich recht bescheiden gebe, wo wir uns gerade als Band befinden. Ich habe ein Alter erreicht, wo mir das nicht mehr ständig im Kopf herumgeht. Aber ich denke schon, dass wir mit dem neuen Album eine gute Chance haben, ein paar neue Hörer zu bekommen. Es gab immer wieder junge Bands, die bereits früh sehr groß wurden und dann schnell ausbrannten. Wenn du als junger Musiker bereits viel Kohle verdienst, wird es deine Sicht auf die Musik verändern. Musik zieht den größten Einfluss aus deinem Leben und wie du es führst. Wenn du dich im Fegefeuer befindest und viel Stress hast, dann könnte es für Metal-Musiker nicht besser sein. Das Leben ist hart, aber TESTAMENT ist härter."

Bands: Eyehategod, I The Ungod
Besucher: ca. 80
Eintritt: 12 € (VVK), 15 € (AK)

Hat man keinen fahrbaren Untersatz, so ist die Reise zu einem Konzert im Nachbarsort eine kleine Weltreise, denn die letzte Zugverbindung möchte erreicht werden. Der Bastard Club liegt knappe sechs, sieben Minuten vom Hauptbahnhof entfernt, und aufgrund des Zapfenstreichs muss um 23 Uhr jedes Konzert im Kasten sein. Das heißt also: Pünktlich um 20 Uhr auftauchen und die beiden Vorgruppen der Sludge Metal-Pioniere EYEHATEGOD anchecken.

Die erste Band I THE UNLORD stammt aus Münster, und der gesamte Opener wird unfreiwilligerweise instrumental dargeboten, denn das Mikro des Sängers funkt nicht. Dieses Problem soll auch noch beim zweiten Support auftauchen. THE UNLORD machen nicht viel Federlesen und hauen Song nach Song ein heruntergestimmtes Gitarrenbrett ins Publikum, das sich noch ein wenig vom Bühnenrand fernhält. Der Bastard Club verfügt über eine einmalige intime Atmosphäre, denn er ist nicht sonderlich groß, und wenn 100 Leute den Konzertsaal füllen, ist die Schicht dicht. Am heutigen Dienstagabend sollen sich aber nicht mehr als 50 Nasen in den Club verirren.

Passenderweise haben EYEHATEGOD eine Compilation alten Materials und Live-Mitschnitte 2001 unter dem Titel „10 Years Of Abuse (And Still Broke)“ herausgebracht. Gitarrist Jimmy Bower spielt sonst noch Drums bei Down, die ja den Sprung in den Mainstream-Markt geschafft haben, eventuell auch bedingt durch die Teilnahme anderer Musiker von bekannten Bands wie Pantera. Doch dazu später mehr. I THE UNLORD setzen dann beim zweiten Song mit dem Gesang ein, und er kreischt sich die Kehle aus dem Leib. Besonders der Schlagzeuger fällt auf, denn er arbeitet sich mit vollem Körpereinsatz durch die Wucht der Songs, die zwischen Black Metal-Riffing und schwerem Sludge-Dröhnung liegen. In einem Review zur Debütplatte der Münsteraner ist von Death Metal die Rede, das passt durchaus auf die Studiosongs, aber live bringt der Gitarrist (stilecht mit Wolves In The Throne Room-Shirt) einige hochfrequente Riffs in den Slo-Mo-Sludge. Auf Dauer setzt die Mucke ganz schön zu... Für Old School-Fanatics sicher kurzweilige Unterhaltung, doch im Vergleich zu BROTHER LOVE KAIN fehlt ein wenig die Abwechslung. Interessant ist aber auf jeden Fall, dass sich die US-Pioniere des Sludge-Sounds für die einzelnen Gigs lokale Support-Acts geholt haben.

Die zweite Band BROTHER LOVE KAIN versinnbildlicht das Anliegen Crowbars in der Schwere des Sounds nicht nur an ihren Instrumenten, sondern auch in ihrer Leibesfülle. Dies ist kein Disrespekt gegenüber einem Teil der Band, ganz im Gegenteil. Der Bassist und Drummer bilden das Fundament des knallenden Sounds, der sich zwischen Hardcore und Death Metal bewegt und vor allem durch den markanten Sound des Sängers und Gitarristen Sascha lebt. BROTHER LOVE KAIN beschränken sich nicht allein auf Englisch, sondern schreiben auch deutsche Texte für ihre Stücke, die entsprechend Saschas Vortrag im Bastard Klub trotz der tiefen Stimme gut verständlich sind. Leider sind die beiden Mikros für Bassist Flo und Gitarrist Marius nicht richtig eingeschaltet, so dass man deren Background-Screams nur erahnen kann. Jedoch bieten BROTHER LOVE KAIN trotz dieser kleinen Panne eine voluminöse Nachtseelenfahrt in die Eingeweide des Doom. Beide Support-Bands bereiten die Volldröhnung aus New Orleans gebührend vor. BROTHER LOVE KAIN spielen wie I THE UNLORD ungefähr eine halbe Stunde.

EYEHATEGOD weiten dann den Abend auf eine knappe Stunde mit Viertelstunden-Verlängerung aus. Die Band organisiert die Europa-Promotion der Tour selbst und reist in einem Van von Italien bis nach Norwegen, auch nach Polen und ins UK geht die Reise. In Osnabrück lassen die Sludger nichts anbrennen, und Mike IX Williams (der neunte Mike in seiner Familie?) holt die eingeschworene Gemeinde direkt auf seine Seite, indem er sich in Deutsch versucht und die Osnabrücker Meute begrüßt. Brian Patton an der Gitarre hat sich standesgemäß einen Stoner-Bart wachsen lassen, inklusive gewaltiger Koteletten. Jimmy Bower positioniert sich rechts von Sänger Mike. Links stehen Brian Patton und Gary Mader am Bass. Im Publikum mischen sich Hardcoreler mit Doom-Fanatics, die in Candlemass-Shirts auftauchen. Ein nicht geringer Teil der Zuschauer übt sich später in Pot-Verehrung, die von der Band auch ausgiebig auf der Bühne zelebriert wird. Dadurch werden die Riffs noch schwerer, zumindest kommt es dem Legacy-Abgesandten so vor. Entweder von den Kräuterdunsten oder aber von der Schwere der Riffs paralysiert, wird jede Bewegung immer schwerer, bis eben die Songs Black Sabbath potenzieren und jeden guten Anstand vor einer wahrnehmbaren Struktur hops nehmen. Kurzum auf Deutsch: EYEHATEGOD senden Schockwellen von der Bühne, die den ganzen Club vibrieren lassen.

Die Lautstärke ist empfindlich hoch, so dass, wer keinen Dauerfiepton riskieren möchte, mit Ohrstöpsel sehr gut beraten ist. Devote Fans werden entgegnen, dass so „kaputte“ Musik wie die von EYEHATEGOD diese akustische Gewalt auch entsprechend live umsetzen muss. Mike IX Williams wird immer wieder zwischen Songs gesprächig und lässt einmal sogar einen Zuschauer einen Witz auf Englisch erzählen, was er dann mit dem Satz: „Hey, there is a new Seinfeld here.“ quittiert. Williams hat vor ein paar Jahren ein Buch mit seiner Lyrik veröffentlicht und eine ganze Zeit lang für das Metal Maniacs-Magazin als Redakteur gearbeitet. Das Metal Maniacs gab es in Supermärkten, und Williams brachte Bands wie Anal Cunt auf die Seiten des finanziell starken Magazins. Dies konnte nicht von Dauer sein.

EYEHATEGOD sind das beste Beispiel für Durchhaltevermögen fernab des Metal-Mainstreams: Sie haben sich Ende der Achtziger gegründet, und zehn Jahre war es eher still um sie. Auf der „Europe Is The New Vietnam“-Tour wollen sie zeigen, dass mit EYEHATEGOD nach wie vor zu rechnen ist. Der Sound ist jedenfalls laut genug, dazu kommen noch zerstörerische Riffs, die in der Potwolke auf der Bühne bedrohliche Dimensionen annehmen. Ein neuer Song wird auch gespielt. Er wirkt nicht ganz so destruktiv wie der Rest, aber da können die Sinne wegen der Dauerbeschallung auch trügen. EYEHATEGOD sind trotz der langen Pause alles andere als eingerostet. Die langsamen und kaputt verzerrten Songs zeigen wieder einmal das gesamte zeitgenössische Spektrum des Doom-Genres an, ganz nach dem Motto: Wer hat’s mit-erfunden? Sicher ist, dass man als unbedarfter Hörer keine Stunde dieses Sludge Rock aushält. EYEHATEGOD zeigen an diesem Abend mehr als deutlich, wie man ihre Vibes zur eigenen Versenkung empfangen und umsetzen kann. Eine Reise in den Abgrund des eigenen verfallenden Körpers.

(c) 2012 www.legacy.de

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