LEGACY - The Voice from the Darkside

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Dominik Irtenkauf (DOI)

Dominik Irtenkauf (DOI)

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Vielleicht hat es am zeitgleich stattfindenden Roadburn in den Niederlanden gelegen, dass nicht mal 50 Leute bei diesem Konzert auftauchten? Beide Bands sollten am Tag danach noch in Tilburg auftreten, und Münster liegt nicht weit von der niederländischen Grenze entfernt. … Das wäre eine Überlegung, oder aber die ungebremste Popularität für Doom Metal beschränkt sich eben doch nur auf eher Retro-zugewandte Projekte? Das Programm des heutigen Abends verspricht herausforderndes Malträtieren der Trommelfelle. Und das nicht allein wegen der hohen Lautstärke.

BURIED AT SEA, die auf Neurot Recordings veröffentlichen, nehmen vom Doom Metal die hässlichen Seiten, bauen vor allem eine Wand in Sound auf oder besser gesagt: Industrial- und Noise-Fetischisten könnten bei BURIED AT SEA durchaus einer abgehen, denn die geballte gitarrenverstärkte Atmosphäre bietet für diejenigen Zuschauer am heutigen Abend eine Wohltat, die gerne mal die Pfade der goutierbaren Musik verlassen und den Noise-Faktor vervielfachen. Die kleine Meute sammelt sich vor der Bühne, um die hoch verdichteten Doom Metal-Stücke, die immer wieder von Gekreisch gekrönt werden, auch physikalisch zu erleben.

Sanford Parker, aus dem Neurosis-Umfeld (Jüngst hat er mit Scott Kelly ein neues Projekt unter die Menschen gebracht: Mirrors For Psychic Warfare.), findet man häufig in experimentelleren Outfits (so auch bei Corrections House, das auch einige illustre Members aus der New-Orleans-Szene vereinigt). Parker sprengt also die Grenzen zwischen Hardcore, Noiserock, Metal und Ambient aus Gewohnheit. Heute Abend jedoch, als Quartett unter dem Namen BURIED AT SEA fungierend, bewegt er sich in den Grenzen des Sludge Metals, in einem Stück blitzen nicht wenige Sabbath-Tribut-Riffs auf. BURIED AT SEA jedoch passt eher in das Funeral Doom-Feld. Das fängt bei der stark repetitiv angelegten Kompositionsstruktur an, geht über den extremen Gesang bis hin zur Länge der Songs. Dabei streifen sie schon auch das Feld von Bands wie Electric Wizard. Als würden sich die Amis vor dem Dopethrone verneigen. BURIED AT SEA schaffen eine fette Wand, egal ob mit viel oder wenig Publikum, und einem Mahlstrom in der Mitte des Weltenmeers gleich ziehen sie die Zuschauer in den Sog der langsamen Riffgewalt. Die Musiker begnügen sich damit, mit den Oberkörpern zum Lavasound zu wippen. Das ist schon viel bei dieser Wucht an Sound.

Nach einer Umbaupause legt dann der Headliner, der bereits 1987 mit dem Debüt auf dem legendären Hardcore-Label SST Records für Aufmerksamkeit sorgte, los. Man vermutet zunächst, der Abend würde im Zeichen des Slow-Motion-Tempos fortfahren, doch nach dem anfänglichen Noise Rock startet Andy Hawkins an den sechs- und siebensaitigen Gitarren in ein Genre, das nur mit höchster Kopfakrobatik (und vielleicht nicht mal dann) mit der Melancholie und akustischen Aussichtslosigkeit des Dooms in Verbindung gebracht werden kann: Dub. Ja, mit Hall auf der Percussion und den Gitarren, einer groovenden und swingenden Leadgitarre, einem elegant begleitenden Bassisten und einem jazzig angehauchten Schlagzeuger, bieten BLIND IDIOT GOD schwer kategorisierbare Kost, denn nach den Dub-Tracks folgen harte und noisige Kompositionen. Alles ohne Gesang. BLIND IDIOT GODs Gitarrist Hawkins entschuldigt sich dann auch einmal für das ständige Wechseln zwischen den Gitarren; Will Dahl spielt einen fünfsaitigen Bass, auch bundlosen. Unter dem Jackett trägt er ein Cro-Mags-Shirt. Die Band lässt sich nicht eindeutig zuteilen – manche sehen sie gar als Pioniere des Math Rocks.

Am heutigen Abend spielen sie viele Stücke des neuesten Albums „Before Ever After“. Eine weitreichende Reise vom Noise Rock über Post-Rock-Schwelgereien bis hin zur Dub-Entspannung; Drummer Tim Wvskida ist ein Arbeiter hinter seinem Set. In dem Smasher ‚Antiquity’ zum Beispiel kombiniert er dräuende Doom-Toms (Seine Kollegen Andy Hawkins und Gabe Katz üben sich in einem durchgängigen Heavy-Riff) mit extensiven Rolls über die Toms. Anders als der Support BURIED AT SEA mäandern BLIND IDIOT GOD über Rock- und Metal-Grenzen, wie es ihrem gepflegten Krach am besten steht. Das ist eine ziemliche Überraschung für einige wenige Doomers im Publikum, die dann nach den ersten paar BIG-Songs den Klub vorzeitig verlassen. Es spricht letztlich für beide Bands, wenn sie solch ein gemischtes Paket auf Tour bringen.

Schade nur, dass dieser alles andere als konventionelle Wall-of-Sound-Abend spurlos am möglichen Publikum vorbeigegangen ist. Next time?

Text: Dominik Irtenkauf

 

Fotos: Alina Strzempa

Black Metal-Schlager: SATANINCHEN startet Crowdfunding

Wednesday, 24 February 2016 19:07 Published in Music-News

Wie ernst muss man Black Metal nehmen? Ziemlich ernst, wenn es nach SATANINCHEN geht. Es hat sich nun mit illustren Musikern zusammengeworfen: Kobi Farhi von Orphaned Land, Jan Moritz von Van Canto, Daniel "Fuchs" Täumel von den Apokalyptischen Reitern und Chris Harms von Lord Of The Lost sind nur einige der Musikanten, die sich nun um das SATANINCHEN scharen. Bis zum 1. März sammelt das SATANINCHEN mit seinem Team noch Subskriptionen für das anstehende Debüt.

Erste Videos und vertonte Schlager sind bereits im Netz zu begutachten und aus diesem Zwecke unten angehängt.

Gestartet als Satireprojekt hat SATANINCHEN weitere Kreise gezogen. Erste Auftritte fanden auch bereits statt. Wer sich ein Herz für einen einsamen Black Metal-Musiker fassen möchte, der eile zu dieser Crowdfunding-Kampagne.

PROPHECY FEST @ Balver Höhle – 19.09.2015

Friday, 16 October 2015 21:40 Published in Reviews & Galerien

Ticketpreis: 58,- Euro (VVK) (inkl. Buch und Compilation-CD)

Besucher: 1.250 Besucher

 

Einige Zeit ist verstrichen, bis Prophecy Productions für das 25-jährige Jubiläum einen besonderen Ort für die Ausrichtung ihres Festivals gefunden haben. Kennt man das Programm des Labels, ist klar, dass sich die Bands nicht in einem verrauchten, whiskygeschwängerten Klub präsentieren können. Im Sauerland wurde man schließlich fündig: Die Balver Kulturhöhle bietet alle Annehmlichkeiten einer Konzerthalle, und es war an diesem Tag im Herbst auch gar nicht mal so kalt, nachdem die Sonne knapp nach halb acht am Abend unterging.

Bereits um 12 Uhr ist das Areal gut gefüllt. Pünktlich beginnen CRONE, der Ableger von Secrets Of The Moon- und Embedded-Musikern. Sie machen ihre Sache für den ersten Gig überhaupt ziemlich gut. Die Rocksongs zeigen bereits das Potenzial für den Tag an, aber hauen noch nicht alles kurz und klein. Nur der Gesang von sGolden ist dann doch noch etwas gewöhnungsbedürftig.

Die nächste Gruppe stellt insofern eine kleine Sensation dar, als dass sich LIFELOVER nach dem Tod eines ihrer Mitglieder längst aufgelöst hatten. Prophecy Productions konnten die Schweden für einen weiteren Live-Gig gewinnen, und in der Höhle klingt dann der fiese Schwarzmetal-Depri-Rock noch eine Spur voluminöser. Sie bieten einen guten Querschnitt durch die Alben ihrer Diskografie und nun ja, Image muss auch sein. Der ellenlange Bassist wie auch der kleine, drahtige Gitarrist treten mit blutüberströmten Glatzen auf die Bühne, Sänger ( ) trägt einen blutigen Arztkittel und hätte in diesem Aufzug sehr gut zu den spanischen Grindern Haemorrhage gepasst, zumindest zu irgendeiner Gore-Combo. Überraschungen gibt es beim LIFELOVER-Konzert nicht. Am Ende des Sets übernimmt ein gut betankter Gastsänger noch einige Stücke, mehr grantelt er ins Mikro (Es handelt sich dabei um 1853, der einige Jahre nicht in der Band war, aber jetzt wieder zurückgekehrt ist – Anm.d.Lektorats). Es werden weinende Teeniemädchen in der ersten Reihe gesehen. LIFELOVER wieder erweckt – das war für manche Herzen in der Höhle zu viel.

„Guten Tag. Wir sind vier Hexen aus Kalifornien“, so beginnen AMBER ASYLUM ihren Auftritt. Die Band kombiniert zwei Geigen mit einer Bassgitarre und einem Drumset. Die Musik hat deutliche Doom-Anleihen. Die rhythmische Begleitung, vor allem die Drums, erinnern immer wieder mal an Earth. Was insofern gut passt, da AMBER ASYLUM kein Metal sind, aber das weite Roster von Prophecy verdeutlichen. Ohne jede Stromgitarre erzeugen die vier Damen eine zugleich traurige wie elegisch vorantreibende Stimmung. Manchmal wird man durchaus an die Brit-Doomer My Dying Bride erinnert. Es sind etwas weniger Zuschauer im Höhlenraum, was etwas schade ist, denn die Band war schon lange nicht mehr in Europa zu sehen.

Die erste Zäsur kommt mit CAMERATA MEDIOLANENSE. Die eigentliche Gruppe besteht aus zwei Perkussionisten, dem Sänger, einer Keyboarderin und drei klassisch geschulten Sängerinnen. Zur Feier des Festivals kommen jedoch 30 Chorsänger und -sängerinnen hinzu. Auf dem Prophecy Fest steht die Präsentation des Albums „Vertute, Honor, Bellezza“ an. Findet man bereits auf dem Cover eine etwas kitschige Interpretation des Lolita-Motivs, so legen die Musiker zusammen mit einem 30-stimmigen Chor viel Wert auf Bombast. Das Schlagzeug, vor allem die Snare-Drum, sorgt für den nötigen Druck, die Sängerinnen fügen der Tugend des Takthaltens die Schönheit ihrer Stimmen hinzu. Die Reaktionen des Publikums sind frenetisch; Metalller stehen einträchtig neben Gothic-Gewandeten. Die Italiener freuen sich sichtlich, als es nach dem Konzert noch Standing Ovations gibt. Als Zugabe setzt es noch ein martialisches Percussion-Stück. Vielleicht suchen die Italiener nach dem alten Europa, das es längst – vor allem in ihrer Heimat – nicht mehr geben kann? Dafür wurden schon zu viele Prozesse in Gang gesetzt. Die Mailänder haben etwas Reaktionäres in und an sich, etwas Latinisiertes, verbunden mit dem Kitsch von Italo-Pop.

Welcher Wandel ereignete sich dann um 18:30 Uhr? DARKHER ist die Kehrseite der Klangmedaille – ätherisch intoniert Jayn H. Wissenberg ihre Stücke. Begleitet von MT Wissenberg an der Gitarre, die dieser ab und an mit einem Geigenbogen spielt, und Drummer Winter, dessen Rücken das tätowierte Wort „Rune“ ziert. Das Licht wird blau, die Höhle saugt die Zuhörer ein. Noch ein Bombast direkt im Anschluss hätte die Konzentration zermalmt. So aber löst das Prophecy-Team die Aufgabe eines kohärenten Line-Ups wirklich gut.

In der Umbaupause liest noch WÖLJAGER, hinter dem sich Skald Draugir von Helrunar verbirgt. Sein Projekt beschäftigt sich mit der Sagenwelt im niederdeutschen Raum. Die Lesung findet in der kleineren Nebenhöhle statt, und die Bänke sind alle schon belegt, man muss sich vorne quetschen, um überhaupt noch etwas vom englischen Vortrag zu verstehen. Auch ist leider das Mikro zu leise eingestellt. Für nächstes Jahr im Juli ist bereits eine weitere Folge des Prophecy Fests angekündigt. Gerne dürfen noch mehr Autoren ihre Werke dort vorstellen, wenn sie ins Konzept passen.

Die Veranstalter achteten darauf, dass es keine Headliner-Positionen gibt. EMPYRIUM können aber sicher als einer der geheimen Anwärter auf diesen Thron gewertet werden. Über Tag wurden im Vorübergehen immer wieder Stimmen aufgeschnappt, die die Pioniere des naturmystischen Black Metals als Favoriten bezeichneten. Jedenfalls ist die Höhle ziemlich voll, als die Musiker einen etwas längeren Soundcheck absolvieren. Letztlich fangen sie eine Viertelstunde später an. Dann klappt auch noch das Intro vom Band nicht auf Anhieb. Nach dem dritten Mal läuft es dann endlich. Das Line-Up der Band auf der Bühne ist bereits von den Kirchenkonzerten im Jahr 2013 bekannt. Von Alcest und Dornenreich helfen wieder die bekannten Musiker aus. Was insofern auch schön ist, da auf diese Weise noch mehr Prophecy-Bands auf dem Fest zugegen sein können. Es gibt ja immer Gründe, warum Bands nicht können. Am Eingang wurden Orplid gesichtet. Beim EMPYRIUM-Auftritt stehen sie auf der Empore an der rechten Seite. Eine Orplid-Performance wäre auch etwas Schönes für das Prophecy Fest gewesen. Oder Bethlehem... Ihre Konzerte sind ja auch relativ rar gesät. Gut, zurück zu EMPYRIUM: Schwadorf und Helm spielen sich souverän die Karten in die Hand. ‚Lover’s Grief‘, ‚Mourners‘, ‚Ode To Melancholy‘, ‚Gutter In The Spring‘, ‚Franconian Woods‘ und das noch neue, erst veröffentlichte ‚The Mill‘ tragen zu einer eindrücklichen Atmosphäre bei. ‚The Mill‘ klingt sphärisch, durch das Wah-Wah-Pedal werden sitarähnliche Klänge erzeugt, und der Refrain sticht durch Doppelklargesang heraus.

Doch die Spannungskurve ist noch nicht beendet. TENHI aus Finnland sollen nach acht Jahren wieder eine Bühne betreten und spielen. Ersteres ist weniger das Problem – dafür letzteres: Der Soundcheck in einer Höhle stellt die Crew dann schon vor andere Probleme. Die vier Finnen, die allesamt in Stiefeln auf Holzstühlen mit der Bass- und den Akustikgitarren sitzen, können sich auf dem Monitor nicht hören. Ein gutes Zusammenspiel ist also nicht möglich. Immer wieder spielen sie Stücke an. Zugegen sind auch ein Flügel, ein Drumset und eine Violinistin. Der Beginn des Konzertes verzögert sich immer mehr. Die Fans bleiben geduldig und werden von TENHI mit zeitlos schöner Musik belohnt. TENHI sind jedoch die „leiseste“ Gruppe des Prophecy Fests, was sich im weiteren Verlauf des Auftritts leider schmerzlich bemerkbar macht. Vom hinteren Teil der Höhle rollt Gemurmel, Gequatsche, Gerede heran, was gegenüber der Bereitschaft der Finnen, auf die Bühne zurückzukehren, eine Unverschämtheit darstellt. Die Hoffnung, das Prophecy Fest würde sich von gängigen Festivals etwas unterscheiden, wird zumindest in diesem Aspekt enttäuscht.

Positiv überraschend ist, als plötzlich Eviga und Ínve (Violine) von Dornenreich auf die Bühne kommen und mit TENHI zusammen einen letzten Song spielen. Als sich die Finnen nach und nach von der Bühne verabschieden, bleiben die beiden Tausendsassas sitzen und spielen zwei Stücke, vermutlich von ihrer Akustikscheibe. Leute, die sie erkennen, sind ziemlich aus dem Häuschen. Sehr gute Idee, wer auch immer sie gehabt hat!

Der Abschluss wird laut, die Quatscher verstummen quasi automatisch. VEMOD aus Norwegen achten in der Balver Höhle stark auf das Setting. Hipster-Bärte und schnittige Gitarren weisen die Zuhörer bereits darauf hin, dass VEMOD vielleicht einen klassischen Black Metal-Sound spielten, aber konzeptionell doch mehr oder schlicht anderes im Sinn haben. Es beginnt mit einem dräuenden Intro, einer der Gitarristen singt eine Beschwörung durchs Mikro, während der andere Gitarrist ein Windspiel anschlägt. Ein Zitat Jean Baudrillards fällt in diesem Moment ein: „Speed is not a vegetal thing. It is nearer to the mineral, to refraction through a crystal, and it is already the site of a catastrophe, of a squandering of time. Perhaps, though, its fascination is simply that of the void. There is no seduction here, for seduction requires a secret. Speed is simpy the rite that initiates us into emptiness: a nostalgic desire for forms to revert to immobility, concealed beneath the very intensification of their mobility.“ In einfachen Worten: VEMOD spielen nach dem atmosphärischen Intro so schnell, dass sie still zu stehen scheinen. In der Höhle nimmt solch eine Performance selbstverständlich andere Konnotationen an als in einem Rockclub.

Musik wird zur Höhle. Die Verschmelzung der Performer mit der Location. Beeindruckend.

Text: Dominik Irtenkauf

Fotos: Alex Czech

 

 

DEVIN TOWNSEND ist bestens gelaunt und unterhält das Publikum mit flotten Sprüchen. Doch zuvor treten die Franzosen KLONE auf, die bereits im Vorprogramm von Orphaned Land in Bochum spielten. Seit diesem Auftritt haben sie ihr Zusammenspiel noch verbessert. Progressiver Metal mit Anleihen bei modernem Riff-Stakkato. Der Sänger nimmt mit seiner klaren Stimme ziemlich ein. Die Gitarristen und der Bassist bauen einen zugleich progressiven wie harten Druck auf. Die Lightshow ist ziemlich runtergefahren, und man erkennt eigentlich nur den Drummer mit nacktem Oberkörper, die Sonne auf seiner Brust stellt den Solarplexus der Rhythmik dar, so könnte man meinen, wie er präzise die Schläge auf das Kit setzt. Als Rückenmark der Band thront er auf einem Sessel. Eine halbe Stunde präsentieren KLONE ihre stets groovigen Stücke, was mit einer gelungenen Coverversion von Björks ‚Army Of Me‘ abgeschlossen wird.

Langsam füllt sich nun der Klub. Das Jovel verfügt auch über eine größere Halle, in der bereits Tony Levin mit Pat Mastelotto auftrat. Aber DEVIN TOWNSEND und seine drei Mitmusiker scheinen mit der kleineren Sektion der Jovel Music Hall vorlieb nehmen zu müssen. Zehn Minuten, bevor die Musiker auf der Bühne erscheinen, wird die Ansprache von Ziltoid abgespielt – die von DEVIN geschaffene Alienkreatur, die immer wieder auf seinen Alben auftaucht. Das Publikum amüsiert sich und ist schon auf das heute anstehende Programm gespannt. Wer den Videoclip bereits auf der Tour mit Fear Factory gesehen hat, weiß, dass es sich hierbei um herrlich absurde Spielereien handelt.

Das Set am Freitagabend ist ziemlich energiegeladen. THE DEVIN TOWNSEND PROJECT bringen ziemlich harte Stücke; entsprechend kreisen die Matten. Doch der charismatische Kanadier zieht nicht nur übliches Metal-Publikum an – auch Fans in weißen Hemden lauschen dem sehr flächigen Metal. Angesichts der Performance des Drummers – im Highspeed durchgängig zu holzen – könnte man DEVINs Stil durchaus als Fitness Metal bezeichnen. Oder besser: als Futurist Fitness Metal. So tauchen auch einige Bodybuilder oder zumindest Fitnessbegeisterte vor der Bühne auf. Die Videoshow im Background unterstützt die Songauswahl überzeugend. Man hat schon den Eindruck, dass sich DEVIN TOWNSEND mit den VJs (Videojockeys) hingesetzt hat und die Animationen auf die jeweilige Soundatmosphäre abgestimmt wurden.

Nach dem dritten Song hüpft DEVIN von der Bühne und schreitet durch die Fans. Er lässt sich während des Songs mit Fans fotografieren oder führt kurzen Smalltalk. Vielleicht hat sich DEVIN selbst für die kleinere Halle eingesetzt, um so in intimeren Kontakt zu seinen Fans kommen zu können. Jedoch hält sich die Besucherzahl an diesem Abend mit geschätzten 200 bis 300 etwas in Grenzen. Dabei hat doch das Wochenende soeben begonnen. THE DEVIN TOWNSEND PROJECT ist eine eingespielte Truppe und DEVIN TOWNSEND der perfekte Metal-Entertainer. Nach der einen Stunde Spielzeit setzen die Kanadier noch zu einer Zugabe an. Danach ist es aber genug. Die Musik fordert den Volleinsatz der Sinne, und um 22:30 Uhr ist es Zeit, etwas frische Luft zu schnappen.

 

Text: Dominik Irtenkauf

Fotos: Birger Krause

 

 

Ticketpreis: 29,-

Besucher: ca. 6.000

 

Die DONOTS werden 20, und was wäre da angemessener, als diesen runden Geburtstag in Münster zu feiern, die quasi die nächstgrößere Stadt zur eigentlichen DONOTS-Homebase Ibbenbüren ist? Die Stimmung ist eine ausgesprochen gute, denn wenn es etwas zu feiern gibt, dann wissen die Pop-Punker durchaus mitzureißen.

Wegen anderer Termine konnte leider der Auftritt von CJ RAMONE, einem verbliebenen Ramones-Mitglied, kurz nach halb acht nicht verfolgt werden. Doch Mister RAMONE soll später eine andere Rolle an diesem Abend spielen...

Zunächst treten die Briten THE SUBWAYS auf. Das Power-Trio fackelt ein beeindruckendes Feuerwerk ab. Die Verweise auf den Rock’n’Roll tauchen nicht nur in den Lyrics auf, sondern die zwei Herren und die Dame an Bass und Gesang personifizieren den Rock’n’Roll auch auf der Bühne. Da sie eigentlich das ganze Jahr über unterwegs sind, fällt es ihnen nicht schwer, auch in Münster einwandfreies Live-Entertainment zu bieten. THE SUBWAYS spielen knapp fünfzig Minuten, bringen Stücke wie ‚Oh Yeah’ oder ‚Rock & Roll Queen’, aber auch brandneue Titel aus dem nächsten Album „The Subways“ wie ‚My Heart Is Pumping To A Brand New Beat’.

Die DONOTS haben ganz sicher einen Heimvorteil. Die anwesenden Fans sind daher übelst gut gelaunt, und alle Altersklassen sind vertreten: vom Schüler bis zum Greis. Klar nimmt sich auch die Gästeliste ziemlich umfangreich aus, denn die DONOTS hatten viele Weggefährten durch die 20 Jahre. Zu Beginn stehen die Musiker hinter einer hauchdünnen Wand, nur Schattenbilder sind zu sehen, während das Intro abläuft. Dann fällt die Wand, und die Band legt mit ‚Changes‘ vom „A Long Way Home“-Album an. Und der Weg wird diesen Abend ein langer, aber sehr kurzweiliger sein, denn Sänger Ingo Brinkmann kündigt es bereits zu Beginn an: Sie werden zwei Stunden spielen! Immer wieder versichert er sich der aktuellen Stimmung des Publikums. Aktionen wie Leuchtstäbchen verteilen, Torte für ein Geburtstagskind oder ganz am Schluss Lametta durch Kanonenrohre aufs Publikum zu schießen, heben die Laune der Anwesenden deutlich.

Der erste Teil des Auftritts besteht zum großen Teil aus den poppigen Rockstücken, nach einer kleinen Pause legen sie im zweiten Teil dann mit den Punk-Krachern los. Es wird aufs Gaspedal gedrückt. Die Band lässt es sich nicht nehmen, Special Guest CJ RAMONE für ein Ramones-Cover (‚Pet Sematary‘) auf die Bühne zu bitten. Die Old-Schooler unter den Gästen gehen gut ab. Im Frühjahr werden die Westfalen in mittelgroßen Clubs spielen, so dass der heutige Abend in einer großen Mehrzweckhalle ein besonderer ist. Da die Band derzeit nicht auf Tour ist, wirken die Musiker auch besonders motiviert und ja, auch ausgeruht. Wenn diese Vokabel auch ein wenig schief ist, denn wer die DONOTS bereits auf der Bühne gesehen hat, weiß, wie stark die Show im Vordergrund steht. An Stücken spielen sie eine breite Palette aus ihrem Schaffen, auch ältere kommen zu Ehren: unter anderem aus dem Album “Pocketrock” die Singles ‘Today’ und ‘Whatever Happened To The 80s’ oder auch eine Coverversion des Twisted Sister-Songs ‘We’re Not Gonna Take It’.

Die Mischung aus eingängigen Melodien und schmissigen Riffs zündet am Samstag vor dem 3. Advent beeindruckend gut. Kurz vor Mitternacht kommt der Grand Münster Slam dann zum Ende, und nicht wenige Besucher schwärmen noch in die Nachtlokalitäten der Stadt. Nicht von ungefähr – denn die DONOTS spielten von ihrer nächsten, komplett deutsch gesungenen Scheibe „Karacho“ ein Stück, das eben den Hansaring zum Thema hat. Ein beliebtes Wohnviertel in Münster für Studenten oder „Alternative“ und Heimat mehrerer Kneipen.

Zu guter Letzt bildet sich im Publikum ein Kreis, Sänger und Gitarrist steigen herab und spielen ein paar Stücke akustisch inmitten der Fans. Die Jungs haben heute so ziemlich alles rausgeholt. Das verdient Applaus.

Ticketpreis: VVK: 20,- Euro zzgl. Gebühren; AK: 24,- Euro

Besucher: ca. 60-80 Besucher

 

Der Club füllt sich am Wochenanfang kaum. Als die Briten AWOOGA aus Sheffield mit einem leicht an den Headliner erinnernden Progressive Post Metal beginnen, stehen ein paar Fans nahe der Bühne, wahren jedoch einen Sicherheitsabstand. Die Musik von AWOOGA ist magnetisch, leider ist der Gesang ein wenig zu leise abgemischt. Das Trio auf der Bühne lässt sich davon und von der kleinen Zuschauerschar nicht abhalten, ihr Set von einer knappen halben Stunde souverän zu spielen. Das Trio rückt sich nicht unnötig in den Vordergrund, sondern lässt die Wall of Sound sprechen. Immer wieder blitzen Melodien aus dem Rhythmusgerüst hervor.

Bei der zweiten Supportband an diesem Abend – KNIFEWORLD aus Greater London – sammelt sich das Publikum schon zahlreicher vor der kleinen Bühne. Die Kleine Freiheit hat den Vorzug, eine intime Wohnzimmer-Atmosphäre zu bieten, in der der progressive Art Rock einer Gruppe wie KNIFEWORLD besser funktioniert als in einer unübersichtlichen Halle. Die Musik ist sehr verspielt, erinnert stellenweise an Genesis in der Peter-Gabriel-Ära, als die Brit Prog-Legende noch tief im Märchen des Artrocks verstrickt gewesen ist. Frontmann Kavus Torabi vereinigt in seiner Person eindeutig das Charisma der Band, sein Outfit erinnert an einen viktorianischen Bohemien, der eine schön gestaltete E-Gitarre zur Intonation seiner verrückten Balladen benutzt. Mit der Dauer wird es für nicht genuin Retro-Prog-Affine etwas anstrengend, die vielen Tempo- und Stimmungswechsel in der Musik live nachzuvollziehen. Schade auch, dass die Sängerin Melanie Woods etwas verloren wirkt, da sie nicht immer mit ausdrucksstarker Stimme die Stimmung einzufangen vermag.

Diesem Problem sieht sich auch AMPLIFIER-Frontmann Sel Belamir gegenüber. Zunächst kommt seine eher feine Stimme nicht gegen die Gitarrengewalt an. THE AMPLIFIER beginnen bereits mit einem Sturm aus Gitarren und Drums. Der Groove der Brit-Rocker ist unwiderstehlich, und sie mäandern zwischen Metal und anspruchsvollem Rock. In jedem Song taucht dieser unmissverständliche AMPLIFIER-Groove auf. Das Quartett spielt souverän, doch manche Ansage kann die Enttäuschung über das spärliche Publikum an diesem Abend nur schlecht verbergen. Die Briten lassen sich hiervon nicht beirren. Es macht Spaß, dieser Band auch in einem kleinen Club zuzuschauen. Besonders der Drummer brilliert durch stete Bewegung über die Toms und die Becken. Alle Bewegung ist jedoch dem übergeordneten Groove gewidmet. So fällt der Bassist durch ein weiches Spiel auf, also alles andere als zackige Hooks, wie man es von Prong kennt. AMPLIFIER bringen alte wie auch neue Stücke. ‚O Fortuna‘ vom zweiten Album „Insider“ wird ebenso gespielt wie ‚Crystal Mountain‘ vom neusten „Mystoria“. Sie spielen knapp eine Stunde. Frenetischer Applaus bringt die Band erneut für eine Zugabe auf die Bühne.

Text: Dominik Irtenkauf

Fotos: Christoph M. Labaj

Besucher: ca. 500

„Dethroned And Uncrowned“ stellt den Versuch der Schweden dar, das ziemlich erfolgreiche E-Gitarren-Album „Dead End Kings“ komplett neu in Akustik zu arrangieren. Bereits letzten Herbst erschien das Album und wird bei den Fans der Band längst einen besonderen Platz im Regal zu Hause ergattert haben.

Im Mai kommen KATATONIA für drei Exklusivkonzerte nach Deutschland: Bochum, München und Berlin. Die evangelische Christuskirche in Bochum füllt sich bis in die hinteren Reihen – ihr Interieur wirkt eher spartanisch: Backsteinbau und ein schwarzes Kreuz hinter der Bühne. Die schwedischen Meister des melancholischen Rocks mit Metal-Versatzstücken präsentieren in Bochum ein einstündiges Set mit Marksteinen ihrer Laufbahn: ‚Teargas‘, ‚Idle Blood‘, ‚Tonight’s Music‘, ‚Sleeper‘, ‚Ambitions‘, ‚Lethean‘. Entsprechend der Verzweiflung, die in Jonas Renkses Texten schimmert, stets oszilliert, ist der Auftritt in Kerzenlicht getaucht und wird von sehr spärlichem Einsatz von blauen Scheinwerfern wie auch Leuchtdioden in Form von Blasen im Hintergrund begleitet. Ein Drumset sucht man vergeblich – Aushilfsschlagzeuger JP Asplund bedient die Rassel und Bongos, um zu den zwei Akustikgitarren, dem Akustikbass wie auch der E-Gitarre des Sängers die nötige rhythmische Basis zu schaffen. Sicher, Puristen könnten den Einsatz der Elektrischen rügen, wie auch die Unterstützung durch Atmosphären auf dem Laptop. Der eindrücklichen Stimmung an diesem Abend tut dies keinen Abbruch. Daniel Liljekvist verließ die Band im April, da er sich für Familie und einen Brotjob entschied. Die Entscheidung fiel ihm alles andere als leicht, doch Asplund arbeitete sich gut in die Songs ein. Renkse entsann sich zudem seiner Kooperation mit Bruce Soord von der britischen Modern Prog-Combo The Pineapple Thief und rekrutierte diesen an der Gitarre und für Background-Vocals.

Hatten Alternative Rock-Bands bereits in den Neunzigern bei MTV-Unplugged den Weg ins Akustische gewagt, satteln einstige Extreme Metal-Bands erst nach und nach um. KATATONIA haben den Pfad des Black/Doom Metal längst hinter sich gelassen. Einzige Spur noch die weiße Schminke im Gesicht von Renske. Der vorsichtige, dadurch sehr eckig-kantige Übergang von der Metal-Phase in die Gothic Rock-Zukunft geschah mit der im Schaffen der Band ziemlich isoliert dastehenden Scheibe „Discouraged Ones“; dass sie ‚Gone‘ von eben dort in Akustik-Arrangement präsentieren, beweist das längst errungene Selbstbewusstsein der Band. Frenetischer Zwischenapplaus bestätigt die Ausnahmesituation dieses Konzerts.

Was die Supportcombo MESSENGER mit ödem Retro-Rock, Lockenpracht und 70er-Jahre-Lookalike-Bartwuchs in einer solchen Ortslage zu suchen hat, entzieht sich dem Verständnis des Rezensenten. KATATONIA an diesem Abend hätten vollkommen ausgereicht, denn bei solchen Locations spielt das Setting ja eine bedeutende Rolle. Ablenkung stört dabei nur. Zudem der Support definitiv nicht akustisch spielte.

Text: Dominik Irtenkauf

Fotos: Alina Strzempa

GRIFT „Fyra elegier“ MCD

Wednesday, 30 April 2014 21:09 Published in A-Z

Ein ruppiger Charakter zeichnet dieses Minialbum des schwedischen Duos aus. „Fyra elegier“ besteht, wie es der schwedische Name bereits impliziert, aus vier Elegien. Elegien werden von der Band nicht unbedingt musikalisch verstanden, sondern vor allem auch lyrisch, da die Texte von Dichtern wie Johannes Edfelt, Pär Lagerkvist und Dan Andersson inspiriert sind. Es geht um Reflexionen zum Tod und was dem Todeskandidaten so alles durch den Kopf gehen kann, bevor der Schnitter zum letzten Tanz auffordert. Die vier Elegien sind rau, und die Drums flattern zuweilen, so bewusst(?) schlecht wurde die Produktion gehalten. Es ist zu vermuten, dass das Duo diese Produktion absichtlich in einer so schäbigen Qualität belassen hat. Da es um Tod geht, soll der Sound auch zerfallen und vor sich hin modern. Leider wirken manche der Stücke, so z.B. ‚Den fångne‘, eher uninspiriert als besonders wüst-innovativ. Gruppen wie Gorgoroth bringen es ja fertig, eine rasende Wutkampagne in einem schädelrasierenden Sound hinzulegen, aber GRIFT haben zu sehr an der Depressive Suicidal Black Metal-Klebeflasche gerochen, sind ganz betört von dieser Hoffnungslosigkeit, jedoch nicht zum Vorteil ihrer Musik, muss man leider sagen. Die Songs ziehen sich über stets wiederholte Riffs lange hin, und auch wenn sie nur knapp sechs Minuten lang sind, kommt es einem beim Hören so vor, als wären es gute 15 Minuten. Das Konzept mit der schwedischen Poesie, die in zwei Stücken auch rezitiert wird, ist eine sehr lohnende Idee, leider überzeugt die musikalische Umsetzung nicht ganz. Der Gesang krächzt, und die Drums holen nicht wirklich das Potenzial raus, das auch bei räudigem Black Metal möglich wäre. Schade.

E-MUSIKGRUPPE LUX OHR „Kometenbahn“ LP

Tuesday, 29 April 2014 19:26 Published in A-Z

Finnen können ab und zu schon ziemlich verrückt sein oder aber: Sie wollen deutscher als deutsch sein. Die E-MUSIKGRUPPE LUX OHR (Was für ein Name!) widmet sich dem Weltraum und Kometen. Einer davon ist erst vor ein paar Tagen im März gesichtet worden, der andere beendet das Jahr im Dezember. Die Finnen polen sich auf die kosmischen Phänomene ein, und die Kundigen unter den Lesern werden bereits vermuten, in welche Richtung der Sound der E-MUSIKGRUPPE LUX OHR geht - genau: Ambient wie von Tangerine Dream oder auch elektronischer Krautrock kommt einem in den Sinn. „Kometenbahn“ lädt zur Tagträumerei ein, versetzt den Hörer in die Siebziger zurück – aber Obacht: diesmal keine Okkult-Rock-Retro-Schiene und so, sondern verträumter Space Rock, der sich stellenweise auf Gitarren und E-Bow, meist aber auf Synthesizern ausspricht. Klar ist, dass diese Art Musik stark von der Atmosphäre lebt. Bereits der ‚Prolog im Himmel‘ führt in die Weiten des Kosmos: Eine vom Vocoder verfremdete Stimme erzählt auf Deutsch vom Einstieg in kosmische Sphären. Weiter geht’s mit Melodien, die einem irgendwie verdächtig bekannt vorkommen, die jedoch so gut aufbereitet werden, dass es von wenig Bedeutung ist, ob dies nun Tangerine Dream auch schon geschrieben haben. Vorsicht: Dies soll nicht als Entschuldigung für ein Plagiat dienen, sondern vielmehr die Klasse der E-MUSIKGRUPPE LUX OHR zeigen. Ein Nachteil von „Kometenbahn“ ist sicherlich, dass die Musik recht speziell ist und nicht für jede Gelegenheit passend. Die Band tritt häufig bei Filmvorführungen und in Museen auf. Genau dort wird die Musik ihre Wirkung voll entfalten können. Da sie sehr elegisch und episch klingt, füllt sie den ganzen Raum mit Klangfläche aus. Bis auf die durch den Effektfilter gesandte Stimme bleibt die „Kometenbahn“ komplett instrumental. Dass es sich bei der E-MUSIKGRUPPE LUX OHR um ein Liebhaberprojekt handelt, sieht man nicht nur an der Veröffentlichungsart auf Vinyl, sondern auch an den verschiedenen Mitgliedern, von denen eigentlich nur der Gitarrist Kimi Kärki einen Metal-Hintergrund bei Reverend Bizarre und Lord Vicar besitzt. Zumindest auf einem Metal-Label wie Svart Records gibt es nur wenig Kosmische Musik, und für bezaubernd schöne Titel wie ‚Nachtgeist‘, ‚Durch den kosmischen Dunst‘, ‚Sonnenwind‘ und ‚Mythos‘ sollte es noch Extrapunkte geben. Das ist schon ziemlich verrückt schön, was die Finnen hier verbrochen haben.

Köln, Bürgerhaus Stollwerck

Datum: 14.03.2014

Besucher: ca. 200-300 Besucher

 

The one and only NSK-Collective aus der slowenischen Hauptstadt Ljubljana macht Station in Köln. Zeitgleich findet im großen Saal des Stollwercks eine Kabarettvorstellung statt. Parallelen sind zu erkennen – stehen doch LAIBACH vor allem für eine exorbitante Überidentifikation mit totalitären Regimen. Entsprechend stößt man im Publikum auf uniformierte Menschen – nicht unweit des anwesenden Rezensenten steht ein Skin und neben ihm ein junger Adlatus mit stilgerechtem Seitenscheitel, so ganz im 30er-Jahre-Chic. Weiter hinten wippt ein Metaller mit patchübersäter Lederkutte zu den Electronica-Stücken LAIBACHs mit. Eine Frau in Gothic-Korsage ist genauso anwesend wie ein Männerausflugsteam Mitte 50. Was bieten LAIBACH auf der Bühne in Köln, dass all diese Zuschauer voll zufrieden nach jedem Song stark klatschen?

Zunächst vor allem neue Stücke ihrer neuen Platte „Spectre“ – Mina Špiler sorgt durch ihren Gesang für eine Soundtransfusion der Jahrzehnte. LAIBACH erscheinen in Köln als eine seltsame, aber deshalb nicht weniger hippe Electro-Pop-Combo aus - sagen wir mal - London, die vor allem durch den Synthesizer und Soundmodulationen eine leichte Form der musikalischen Unterhaltung bieten. Sicher – Sänger Milan Fras raunt wie eh und je seinen Sprechgesang durch die Halle, sein scharfer Akzent in der englischen Aussprache hat sich keinen Deut geändert. Er steht für LAIBACH. Ohne den Keyboarder auf der rechten Seite der Bühne wäre der Auftritt der Slowenen zahnlos gewesen, denn er beeindruckt durch virtuoses Spiel, während im Hintergrund ein „Analog-Drummer“ für den nötigen rhythmischen Druck sorgt. Hinter diesem wiederum spielen die neuen slowenischen Künstler eine beeindruckende Videoshow ab. Viel marschierendes Stiefelwerk, tanzende Paare, Szenen aus der biologischen und zivilisatorischen Evolution, aber auch Symbole aus den Totalitarismen sind zu sehen. Im Verbund mit den präsentierten Stücken entsteht in dem Club eine Atmosphäre, die selbst durch wankende Väter um die 50 nicht gestört werden kann. Im Takt des Tanzes verschwimmen die Differenzen, und alle werden in der Überidentifikation vereint. Die Lautsprecher dröhnen keineswegs zu laut. Knapp zwei Stunden bieten LAIBACH beste Unterhaltung. In der Zugabe ziehen sie auch alte Kalauer wie ‚Tanz mit Laibach‘ heraus. Die beiden Tracks, die im Nazi-Trash-Film „Iron Sky“ aus Finnland zur Verwendung kamen, bringen sie selbstverständlich inklusive Filmaufnahmen auf der Leinwand auch. Hier zeigt sich das immer noch vorhandene Gespür der Band für eingängige Melodien – alle vier Mitglieder (ohne den Drummer) singen im Chor den Refrain.

Ein Konzert mit LAIBACH ist nie nur eine Musikveranstaltung – das künstlerische Konzept thront stets im Hintergrund, weil die Slowenen die Musik nicht allein des Sounds wegen auf die Bühne bringen. Sie verfolgen weitere Absichten. Über die Jahre nutzte sich diese Mission zumindest auf der Bühne ab. Die Ansagen – wie zum Beispiel „You are a fantastic audience!“ kommen von Band – LAIBACH machen sich über das Band-Zuschauer-Verhältnis auf eine Art und Weise lustig, die für die Gruppe einnimmt. Atmosphärisch war der Auftritt besonders dicht und das Künstlerkollektiv bzw. seine musikalische Ausformung ist nach wie vor eine Kraft, mit der man rechnen sollte als wäre sie ein Wintersturm, eine Feuersbrunst oder aber ein Hagelgewitter.

Text: Dominik Irtenkauf

Fotos: Nadine Segschneider

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