LEGACY - The Voice from the Darkside

Switch to desktop

Sunday, 28 August 2011 02:00

 

Viikate

Written by 
Rate this item
(0 votes)

Mondschein, Sehnsucht und Bitterkeit

„Alakulo“ bedeutet Melancholie und ist fester Bestandteil finnischer (Musik-)Kultur. Jener Ausdruck des musikalischen Lokalpatriotismus überschreibt das Schaffen von VIIKATE – einer Band, die in ihrer Heimat die Charts stürmt und große Konzertsäle füllt, aber hierzulande so gut wie unbekannt ist. Zu Unrecht, wie wir finden. Band-Mitbegründer Kaarle Viikate gab bereitwillig einen kleinen Einblick in den VIIKATE-Mikrokosmos.

Sieht man sich Band-Fotos an, ist man wahrscheinlich wenig geneigt, VIIKATE jeglicher härterer, von Gitarren bestimmter Musik zuzuordnen. Die Optik täuscht. Dennoch ist es in der Tat schwierig, die berühmt-berüchtigte „Schublade“ zu definieren. Die kurioseste Stilkreation, die sich hierzu finden lässt, ist wohl „Death Schlager“, obwohl es melancholischer Finno-Western-Rock vielleicht besser treffen würde. Der Sänger selbst fasst den Sound seiner Band als „Heavy-Bottom-Unterton trifft Twang-Gitarren-Echo trifft düstere Atmosphäre“ zusammen. Dass sie dabei dem Metal keineswegs fern sind, zeigen ihre musikalischen Vorlieben und Einflüsse. Unter den Lieblingsscheiben des Frontmanns befinden sich Alben von Motörhead und Entombed, wobei er erstere zu seinen großen Inspiratoren zählt. Finnische Düster-Rock-/Metal-Bands wie ManaMana und Lyijykomppania spielen zudem eine grundlegende Rolle für die Entstehung von VIIKATE. Als einen späteren Einfluss nennt er auch noch die Twang-Gitarren-Band Agents. Dieser eigenwillig bunte Stilmix spiegelt sich auch in der Vielfalt ihres Publikums wider: ”Es ist wirklich ziemlich gemischt und keineswegs ungewöhnlich, Leute in Black Metal-Shirts neben Rockabilly-Typen auf unseren Konzerten zu sehen“, weiß der Gitarrist zu berichten. Der Band-Name bedeutet übrigens „Sense“ - und ist laut Kaarle die charmant-finnische Art zu sagen: „Glückwunsch, auch Du wirst einmal sterben!“

Die Band-Geschichte reicht bis ins Jahr 1996 zurück, als sich Vokalist und Gitarrist Kaarle sowie Schlagzeuger Simeoni zu VIIKATE zusammenschlossen. Seit 2001 sind sie zu viert und haben mittlerweile acht Alben sowie etliche Singles und EPs veröffentlicht. Dass sie dabei in Finnland äußerst erfolgreich sind, beweisen die regelmäßigen (mindestens) Top-10-Platzierungen in den heimischen Charts, aber vor allem die gut besuchten Club- und Festival-Gigs. 2011 feiern VIIKATE nun also ihr 15-Jähriges, und seit anderthalb Dekaden steht ihre Musik im Zeichen von „Mondschein, Sehnsucht und Bitterkeit“. „Eigentlich stammt dieser Slogan aus der finnischen Schlager-Tradition und lautet Mondschein, Sehnsucht und Liebe“, klärt der Sänger auf. „Wir haben ihn ein wenig abgewandelt, so dass er mehr unsere Sicht der Dinge reflektiert.“ Und was läge näher, als die VIIKATE-Jubiläums-Compilation entsprechend dieser Adaption zu betiteln? „Kuutamo, Kaiho ja Katkeruus" ist eine umfangreiche Drei-CD-Kollektion, deren Dreiteilung bewusst gewählt wurde: „Die erste CD “Mondschein” ist das 'Hit-Album', beinhaltet alle Singles sowie Live-Favoriten und steht somit für Ansporn und Erfolgsgefühl“, beginnt Kaarle das Konzept zu erläutern. „CD zwei umfasst alle Raritäten, die in dieser Gesamtheit so noch nicht veröffentlicht wurden. Der Titel “Sehnsucht” bezieht sich hierbei auf das Streben nach etwas Besserem, wobei der Hauptgrund für diese Zusammenstellung der war, dass niemand mehr bei irgendwelchen Internetauktionen Unsummen für die einzelnen EPs oder Singles ausgeben muss. Auf der dritten CD befinden sich alle Coversongs, die wir jemals gemacht haben. “Bitterkeit” beschreibt hier sozusagen den Neid auf etwas, das ein anderer besser gemacht hat – natürlich mit einem Schuss Ironie.”

Als Kaarle mit 15 anfing, Gitarre zu spielen, hätte er sich sicher nicht träumen lassen, einmal von seiner Musik leben zu können. Auf die Frage, was sich seit Gründung für die Band verändert hat, antwortet er zunächst trocken: „Wir haben gelernt, unsere Instrumente zu beherrschen“, philosophiert dann aber weiter: „15 Jahre sind eine lange Zeit, wenn du sie im Gefängnis absitzt. Wenn du aber das Privileg hast, zu tun, was du liebst, ist es eher wie ein langes Wochenende – Action, Spaß, tolle Leute, manchmal auch Katerstimmung, aber das geht schnell vorüber.” Seine Motivation waren und sind all die großartigen Tonträger in seinem Regal, die ihn nach wie vor tief bewegen, und der stete Wunsch, das auch mit der eigenen Musik erreichen zu wollen. Was ihn im Gegenzug am Boden hält, sind nach eigener Aussage schlichtweg die finnischen Jahreszeiten – sprich ein Minimum von Licht, ein Maximum von Dunkelheit. Und so zeigt sich auch am Beispiel von VIIKATE deutlich eine gewisse Wechselwirkung von geografisch bedingter Lichtmenge und musikalischer Grundstimmung. Wie der Sound so auch die Lyrics - denn auch hier ist vorab erwähnte „Dreifaltigkeit“ der Hauptimpulsgeber. Dass die Texte ausschließlich in Kaarles Muttersprache entstehen, liegt wohl in der Natur der Sache: „Dinge genau so auszudrücken, wie ich es möchte, kann ich nun mal am besten in Finnisch. In einer anderen Sprache käme vermutlich so etwas wie 'Oh yeah, I love you babe!' heraus. Nicht, dass ich so was nicht gerne sage, aber dann vielleicht doch mit etwas mehr Farbe... Grau vermutlich.” Aber auch ohne genaues Textverständnis kann oftmals schon die Stimmung der Songs zumindest eine Ahnung dessen vermitteln, wovon sie handeln.

Längst sollten finnische Vocals kein Hinderungsgrund mehr sein, auch international Fuß zu fassen. Kaarle hält es auch nicht für unmöglich, weiß aber, dass dies nur mit aktivem Touring zu schaffen ist. „Du musst auf die Leute zugehen, sie kommen nicht einfach zu dir – nicht mal in Finnland.“ Neben Finnland, Estland und einem Auftritt in St. Petersburg war es der übrigen Welt bisher leider nicht vergönnt, VIIKATE live zu erleben. Bleibt zu wünschen, dass sich dies möglichst bald ändert.

Additional Info

(c) 2012 www.legacy.de

Top Desktop version