LEGACY - The Voice from the Darkside

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Saturday, 28 April 2012 02:00

 

Paradise Lost

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Gar nicht mal so retro

Seit fast einem Vierteljahrhundert beliefern uns die Engländer mit Alben, die innoviert, begeistert und auch befremdet haben. Ende April steht die nächste Veröffentlichung der Doom/Gothic Metal-Veteranen ins Haus. Es ist ihr 13. Album - abergläubisch ist man im Hause PARADISE LOST aber nicht, und so gibt sich Fronter Nick Holmes am anderen Ende der Leitung britisch gelassen und vorsichtig optimistisch.

Wer in Holmes' Haarlänge schon immer einen Indikator für den Härtegrad des jeweils aktuellen PARADISE LOST-Sounds sehen wollte, wird diese Theorie mit dem neuen Album wohl begraben müssen. Denn ginge es tatsächlich nach des Sängers Frisur, hätte „TragicIdol“ deutlich anders, um nicht zu sagen, weicher ausfallen müssen. Zumindest für Fans älterer Werke hat die Band inzwischen zu alter Größe zurückgefunden. Man ist geneigt, von Retrospektive oder Selbstreflexion zu sprechen, zumal dieser Gedanke nach „FaithDividesUs- DeathUnitesUs“ sowie der Neuauflage von „DraconianTimes“ im Grunde nicht zu weit hergeholt scheint. Sänger Nick kann dieser Idee von „Rückkehr zu den guten alten Werten“ allerdings nicht allzu viel abgewinnen: „Uns wurde quasi in den Mund gelegt, wir würden zu unseren Wurzeln zurückkehren, was wir so aber nie kommuniziert haben. Diese Tendenz, unser aktuelles Schaffen mit unseren früheren Releases zu vergleichen, ist prinzipiell für uns okay, aber wir blicken nicht zurück und haben auch nicht den Drang, etwas wiederzuerschaffen, was wir schon erschaffen haben.“

Rückbesinnung hin oder her – es lässt sich nicht leugnen, dass „TragicIdol“ in jedem Fall wieder viel von jenem klassischen Sound, der die Band groß gemacht hat, in sich birgt und man sich als Hörer zeitweise in deren Mittneunziger-Ära zurückversetzt fühlt. Nick sucht einen der möglichen Gründe für diese Wahrnehmung in der Wiederentdeckung alter Idole seitens der Musiker: „Wenn ich zum Beispiel nach einer ganzen Weile wieder eine BlackSabbath-Scheibe höre, dann fühlt es sich an, als wäre es etwas ganz Neues. Vielleicht hatten wir so einen lichten Moment, in dem wir uns an all die alten Sachen erinnert haben, die uns Anfang der 90er gefallen und inspiriert haben.“ Mr. Holmes betont aber einmal mehr, dass auch Alben wie „One Second“ oder „Host“ ihren Einfluss auf den Band-eigenen Klang genommen haben und sie ebenso ins Hier und Jetzt gebracht haben wie die viel gepriesenen „Shades Of God“, „Icon“ oder eben „DraconianTimes“.

Auch nach 13 Alben schwelgen PARADISE LOST beim Kreieren neuer Musik keineswegs in Selbstgefälligkeit, sondern bringen immer noch die gleiche Menge an Energie ins Songwriting ein wie eh und je. „Es ist nun mal ein wesentlicher Teil dessen, was wir machen, und jedes Album schreibt in gewisser Weise deinen Weg für die kommende Zeit vor. Von daher ist es wichtig, es so gut wie irgend möglich zu machen“, bezeugt der Frontmann die unermüdliche Kreativität und Hingabe der Band. Dabei stellt der Einstieg zu einer neuen Platte sie jedes Mal erneut vor eine große Herausforderung. Den passenden Ansatz zu finden, ist laut Nick der schwierigste Part: „Anfangs, wenn du noch unentschlossen bist, wie das Album werden soll, bewegst du dich in einer Art Grauzone. Nach den ersten drei, vier Songs erkennst du dann aber die Richtung, in die sich das Ganze entwickeln soll.“ Bevor es am Ende ins Studio geht, herrscht absolute Klarheit darüber, wie das Album als Ganzes klingen wird, denn alle Songs liegen bereits als High-Standard-Demos vor. Große Überraschungen gibt es ab hier nicht mehr.

Geht es um den Inhalt von „TragicIdol“, so spielt er mit den teilweise grotesken Ausprägungen von Kult-Erschaffung. Er zielt auf das scheinbar äußerst menschliche Bedürfnis, jemanden auf ein Podest zu heben, in ihm mehr sehen zu wollen, als er tatsächlich ist. „Es ist eine faszinierende Eigenschaft von uns Menschen“, so Nick. „Ebenso faszinierend wie der Umkehrprozess, das Verlangen, Idole wieder zu Fall zu bringen, sie scheitern und zusammenbrechen zu sehen.“ Dabei glaubt Nick, dass beispielsweise religiöse Idolisierung ebenso wie auch die Hochstilisierung von Popstars nach ähnlichen Mustern funktionieren. In seinen Texten finden sich dabei oft religiös gefärbte Termini, aber es ist nicht Religion an sich, die ihn fasziniert, sondern allein der Begriff der Verehrung und die dahinter stehenden Mechanismen. Man mag es kaum glauben, aber auf die Frage nach weiteren Teilen des lyrischen Konzepts antwortet Nick allen Ernstes mit „Liebe“. Dass er tatsächlich meint, was er sagt, untermauert er mit dem Hinweis, dass „Love“ das allererste Wort ist, welches einem auf „TragicIdol“ zu Ohren kommt. Aber keine Bange - natürlich geht es nicht um Romantik-Kitsch und den Blick durch die rosarote Brille. „Mich reizt eher die negative Seite“, erläutert er seine durchaus etwas überraschende Antwort näher. „Liebe kann eine so verheerende Emotion sein, die in ihrer Gewaltigkeit schwer zu beherrschen ist. Es stehen also mehr ihre vernichtenden Aspekte im Fokus.“ Ergo - alles im grünen Bereich.

Interessierte können sich mit der Web-Single 'Crucify' und dem kürzlich veröffentlichten Video zu 'HonestyIn Death' einen ersten Eindruck vom Album verschaffen. Der Clip ist stark vom Postapokalypse-Streifen „The Road“ inspiriert. Nick und seine Jungs haben nur einen winzigen Cameo-Auftritt, was dem Sänger nur allzu gut in den Kram passt. „Ehrlich gesagt, kann ich Performance-Videos nicht leiden“, gibt er offen zu. „Ich bevorzuge kleine Stories, zu denen die Musik den passenden Soundtrack liefert, anstatt nur ein paar Typen beim Headbangingin Slow-Motionzuzusehen.“ Aber ohne Mähne ist Kopfschütteln ja auch nur halb so cool... Wer die Herren aber gerne wieder performen sehen will und wissen möchte, was das neue Material live kann, sollte gleich mal den Tour-Schedulenach einer passenden Gelegenheit durchforsten oder spätestens auf einem der großen Sommer-Festivals Augen und Ohren spitzen.

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