LEGACY - The Voice from the Darkside

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Andreas Schiffmann (AS)

Andreas Schiffmann (AS)

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Wiebke Puls liest Olga Grjasnowas Geschichte von Leyla (lesbische, invalide Tänzerin) und Altay (ein Schwuler mit gebrochenem Herzen), zwei gescheiterten Existenzen in vorgespiegelter Ehe, die sie führen, um familiären Konventionen gerecht zu werden, was im Widerspruch zum Schauplatz Berlin kurz nach der Wende steht, denn schließlich erschien zu jener Zeit alles möglich. Der Neubeginn des Paares fällt dementsprechend krampfhaft übermütig aus, weil sich beide auf Teufel komm raus neu erfinden möchten und dabei die rastlose Jonoun in ihre persönlichen Unzulänglichkeiten verstricken. Eifersucht und Ausschweifung vor dem Hintergrund allseitiger Aufbruchstimmung wirken glaubwürdiger als die bemüht multikulturelle Anlage der Protagonisten (jüdisch, muslimisch, kommunistisch, anarchistisch) sowie manch fragwürdige Charakter- und Handlungsentwicklung als solche, doch der drastische Erzählstil macht vieles davon wieder wett. Am Ende bleibt sie offen, die Frage nach der Definition von Liebe und ob selbige wirklich erwünscht sei, so sehr man sich oberflächlich danach sehen mag. (AS)

 

 

Wer dieses Duo kennt, kann sich denken, dass sich auf dieser zwingenden Autorenlesung nicht nur feingeistiger, politisch korrekter Humor entspinnt. Mit dem Untertitel "Deutsche Helden privat" versehen Welke und Wischmeyer eine Reihe schriller Episoden zu Deutschlands vermeintlichen Aushängeschildern, nämlich “unseren” mehr oder weniger fragwürdigen Promis. Dazu haben sich die Macher überzeichnete (gleichwohl prinzipiell denkbare) Szenarien aus dem Alltag ihrer Opfer zurechtgelegt und tragen diese auf aberwitzige Weise vor. Zartbesaiteten mag das eine oder andere zu viel des Guten sein – in Sachen Charlotte Roche oder Dieter Bohlen geht es arg unter die Gürtellinie, und zwar vorne wie hinten am Körper –, doch wer hier nicht größtenteils lacht, befindet sich wohl selbst im Kreuzfeuer (oder erkennt sich gar selbst im Beschriebenen wieder?). Das intelligente Duo zollt davon abgesehen auch seiner Muttersprache Tribut, denn was “Frank Bsirske macht Urlaub auf KRK” aus dem Deutschen herausholt, ist ein Fest für Linguisten; dass dabei mancher Witz zum Selbstzweck gerissen wird, liegt dann in der Natur der Sache, doch egal: So niveauvoll niveaulos hat man sich in letzter Zeit selten unterhalten lassen – und mal ehrlich: Das Gros der hier Verunglimpften hat es verdient, richtig? (AS)

 

LUTZ SEILER “Kruso” (Hörbuch Hamburg)

Monday, 01 December 2014 09:44 Published in Hörspiele

 

Mit seinem Romandebüt “Kruso” gewinnt Lutz Seiler den zehnten Deutschen Buchpreis und erzählt eine Parabel, natürlich in Anlehnung an “Robinson Crusoe”, aus der DDR in ihren letzten Zügen. Dort entflieht Hauptakteur Edgar dem systemtreuen Alltag auf die Insel Hiddensee, wo er sich fortan als Spülkraft in einem Gasthaus verdingt, das von anderen Aussteigern betrieben wird, allen voran Alexander Krusowitsch, einem Utopisten mit vermeintlich verstiegenen Träumen. Indem er autobiografische Züge verarbeitet, beschreibt der Autor ein Milieu der Sehnsüchte mitsamt deren Erfüllung und Widerlegung, was “Kruso” ein Stück weit zum Entwicklungsroman moderner Art macht. Zugleich stellt das Buch, das trotz seiner originell dichterischen Sprache locker zu lesen beziehungsweise zu hören ist, eine Beobachtung von Lebenskünstlern in “Dunkeldeutschland” vor der Wende dar, wobei das Motiv des Gestrandeten allgegenwärtig erscheint. Durch sein poetisches Moment drängt sich “Kruso” als Hörbuch geradezu auf, während rein inhaltlich vor allem die völlig klischeefreie, liebevolle wie realistische Auseinandersetzung mit dem alten Osten überzeugt. (AS)

 

CHARLOTTE ROCHE “Schoßgebete” (Osterwold)

Monday, 01 December 2014 09:42 Published in Hörspiele

 

Es passt doch irgendwie zum allzu zynischen Zeitgeist, dass Charlotte Roche mit “Schoßgebete” die vermeintlich ewige Verbundenheit zweier Menschen infrage stellt, nur weil sich die biologische und die mit dem Alltag kompatible Komponente (sexuell intimes und öffentliches Leben) naturgemäß ein wenig abstoßen. Dabei entstand der zweite Roman der Autorin unter herben Umständen, nämlich dem Unfalltod von gleich drei Geschwistern. Vor diesem Hintergrund ist “Schoßgebete” wiederum eine erstaunlich humorvolle Abrechnung mit dem (vor allem deutschen) Spießertum. Roche erzählt von der Zwangsneurotikerin Elizabeth und ihrem turbulenten Eheleben voller Extreme und Komplexe gleichermaßen. Aufgewertet wird diese überwiegend plakative Chose dadurch, dass die Autorin versucht, die Beweggründe dafür, wie ihre Protagonistin handelt, durch Rückblenden zu erklären, und letztlich auch eine Charakterentwicklung zum Besseren hin anstrebt. Dies gelingt ihr leidlich gut, ohne dass man eine Brechstange dabei wittert. Lavinia Wilson, Jürgen Vogel und Juliane Köhler haben als Akteure in diesem Hörspiel – als klassisches Hörbuch gibt es “Schoßgebete” ebenfalls – einen nicht geringen Anteil daran, dass der Stoff nicht ins Niveaulose abdriftet. Dass sich Sex und oftmals plumpe Frechheit anhaltend gut verkaufen, erkennt man eben auch an Verfilmungen und Vertonungen wie dieser. (AS)

 

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