LEGACY - The Voice from the Darkside

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Christian Wachter (CW)

Christian Wachter (CW)

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PILEDRIVER

Wednesday, 02 November 2016 12:29 Published in Fortsetzungs-Stories

Born To Boogie

 

In der regulären Print-Version von Ausgabe #105 erzählte Sänger/Gitarrist Michael Sommerhoff bereits einiges über seine Band PILEDRIVER, die natürlich nicht mit den kanadischen Speed-Metallern der 80er zu verwechseln ist. Der Name rührt stattdessen von einem Status Quo-Album her, eine Band, der Michael und seine Mitstreiter bereits seit mehr als über 20 Jahren huldigen. Auf dem neuen PILEDRIVER-Album "Brothers In Boogie" gibt's dann mit Ausnahme von zwei Coverstücken ausschließlich eigene Songs.

 

Drehen wir jedoch das Rad der Zeit noch etwas zurück und lassen wir Michael Revue passieren, wie es zu seiner Liebe zu Status Quo überhaupt erst kam. "Für mich ging es los mit der Musik, als ich mit ca. 10 Jahren den Beatles-Film "Help!" im Fernsehen sah. Kurze Zeit später bekam ich dann das gleichnamige Album, und natürlich wollte ich dann ebenfalls Gitarre spielen. Ich nervte meine Eltern so lange, bis sie mir meine erste Akustikgitarre kauften. Einige Monate später entdeckte ich Status Quo. Sie hatten 1975 eine Live-EP mit vier Titeln herausgebracht, und ein Song davon – 'Roll Over Lay Down' – wurde regelmäßig im Radio gespielt. Wow, dieser Sound war doch eine ganz andere "Hausnummer" als jener der Beatles – ich war hin und weg und wollte unbedingt lernen, wie dieser Track auf der Gitarre funktioniert. Das nächste Schlüsselereignis war dann 1976 die "Blue For You"-Tour von SQ. Ich hatte meinen Vater schließlich überredet, mit mir zusammen den Gig in der Dortmunder Westfalenhalle zu besuchen (am 06.06.76 – weiß ich natürlich noch, und die 13 DM teure Eintrittskarte habe ich selbstverständlich bis heute aufbewahrt). Die Band hatte damals ihren Zenit erreicht – auf der Bühne einzigartig, unschlagbar. Sie waren die Erfinder des "Head Banging" und tatsächlich die ersten, die mit tiefer gestimmten Gitarren spielten (zu hören z.B. auf 'Backwater' oder '4500 Times'). Und seit diesem Tage meinte ich zu wissen, wie die Zukunft verlaufen müsse… Nun ja, letztlich ist es dann doch anders gekommen als von mir in Teenager-Jahren herbeigesehnt. Und dies sicherlich zu meinem Besten, wie ich heute weiß. Sänger/Gitarrist Peter Wagner und ich sind mit Quo aufgewachsen. Wir waren so etwa zwölf Jahre alt, als sie ihre größten Erfolge feierten. Wie schon erwähnt, habe ich die Band erstmals im Rahmen ihrer "Blue For You"-Tour 1976 gesehen. Damit hat alles angefangen. Quo waren in der Original-Besetzung absolut einzigartig und live unschlagbar – vier Farben, die perfekt zusammen passten. Und sie waren so unglaublich laut... Dieser erste Gig und die in den nächsten Jahren folgenden Konzerte, die ich besuchte, haben mich so stark beeindruckt, dass die Band lange Zeit eine bedeutende Rolle in meinem Leben spielte. SQ war eine ganz besondere Band, denn sie haben den ‚Heads Down Legs Apart No Nonsense Boogie‘ geprägt. Keine andere Band hat den 12 Bar Blues bzw. Shuffle je wieder so gespielt. Uns und alle anderen Musiker eingeschlossen. Quo haben ihre Sache absolut auf den Punkt gebracht. Deshalb haben sie ihren Platz in der Rockgeschichte redlich verdient."

 

Eigengewächse und eine Hommage

 

Sprechen wir über "Brothers In Boogie", auf dem sich neben 13 eigenen Titeln auch noch zwei Coverversionen von Status Quo befinden: Cool ist, dass PILEDRIVER mit 'Don't Think It Matters' und 'Drifting Away' zwei Stücke ausgewählt haben, die zwar eher weniger bekannt, dafür aber nicht minder genial sind. "Die beiden von uns ausgewählten Tracks sind zu Unrecht ein wenig in Vergessenheit geraten. Zudem stammen diese aus der Zeit, in der Status Quo ihren Sound geprägt haben. Und dieser wiederum hat sehr viel mit dem Einfluss der Original-Rhythmus-Sektion zu tun, Bassist Alan Lancaster und Drummer John Coghlan. Die beiden Tracks hat Alan geschrieben, der Mitte der 1980er Jahre die Band verlassen musste, obwohl er Gründungsmitglied gewesen ist. Spätestens mit seinem Ausscheiden haben die ‚echten‘ Quo aufgehört zu existieren. Dass wir seine Songs bearbeitet und neu aufgenommen haben, verstehen wir als Hommage an ihn."

Als Produzent für "Brothers In Boogie" konnte indes Stefan Kaufmann (Accept, U.D.O.) gewonnen werden. "Peter Wagner und ich kennen Stefan Mageney (Sänger von Crystal Ball) schon seit ca. 30 Jahren. Bei einem Gig der Band sind wir uns nach langer Zeit wieder einmal über den Weg gelaufen, und da wir gerade auf der Suche nach einem geeigneten Produzenten und Studio für unser zu dem Zeitpunkt noch in Planung befindliches "BIB"-Album waren, fragten wir Stefan M., wo und mit wem sie denn das letzte Crystal Ball-Album aufgenommen hätten. Von ihm erhielten wir die Kontaktdaten von Stefan Kaufmann. Bis dato wusste ich gar nicht, das er neben Accept und U.D.O. auch andere Bands aufnimmt und produziert. Ich habe Stefan angerufen, ihm vorab ein paar Demos geschickt, und nach einem persönlichen Treffen sind wir uns handelseinig geworden. Nachdem wir im Mai 2013 in Peters Home-Recording-Studio mit der Entwicklung und der Vorproduktion der 13 "BIB"-Tracks begonnen und daran zwei Jahre gearbeitet hatten, siedelten wir schließlich im Mai 2015 über nach Solingen in das ROXX-Tonstudio von Stefan Kaufmann. Dort haben wir dann alles auf Null gestellt und mit den Aufnahmen noch einmal von vorn begonnen. Stefan hat übrigens auch bei zwei Tracks als Musiker mitgewirkt, da er nach eigenem Bekunden großen Spaß an der Produktion hatte; er hat die Drums für unser achteinhalbminütiges Opus 'Last Words' eingespielt, und auf 'Mountain' hat er einen Teil der Leadgitarren beigesteuert."

 

Wider dumpfe Parolen, für Demokratie, Freiheit und Solidarität

 

Neben allen "Natural Born Rockers" widmen PILEDRIVER ihr "Brothers In Boogie" auch den Flüchtlingen, die für eine bessere, aber unsichere Zukunft alles aufs Spiel setzen. "Für uns sind die Flüchtlinge die wahren Rocker, denn - wie Du bereits sagst – setzen sie für ihre Freiheit und für eine - möglicherweise - bessere Zukunft alles auf eine Karte. Das nötigt uns großen Respekt ab! Ich kann mir umgekehrt kaum vorstellen, hier in Deutschland alle Zelte abzubrechen und in ein mir fremdes Land zu ziehen, dessen Sprache und Kultur mir nicht vertraut sind. Persönlichen Kontakt hatte ich noch nicht zu Flüchtlingen, aber es gibt in unmittelbarer Nähe meiner Privatwohnung eine Flüchtlingsunterkunft. Ab und an sieht man sich, lächelt sich an und hebt die Hand zum Gruß. Aufgrund der sprachlichen Barrieren ist bis jetzt aber nichts darüber hinausgegangen. Im richtigen Leben - abseits der musikalischen Aktivitäten – betreibe ich ein Fortbildungsinstitut (siehe www.sommerhoff.de); wir führen Vorbereitungslehrgänge auf Prüfungen in der IHK-Aufstiegsfortbildung durch. Aufgrund der Entwicklungen in den letzten zwei Jahren wollen wir unser Angebot nun auch um Sprachlehrgänge erweitern. Im Rahmen unserer Möglichkeiten möchten wir auf jeden Fall zur Integration der Zuwanderer in unsere Gesellschaft beitragen. Wie man der Widmung auf der Rückseite des "BIB"-Booklets entnehmen kann, sind wir der Überzeugung, dass die Zuwanderung für Deutschland sowie auch die anderen EU-Staaten mit alternden Gesellschaften und deshalb mit auf tönernen Füßen stehenden Sozialsystemen ein Glücksfall ist. Natürlich können die Menschen aus fremden Ländern nicht sofort die Arbeitsplätze der bereits jetzt schon spürbar fehlenden Fachkräfte ausfüllen. Es wird zehn bis 15 Jahre dauern. Und es wird sicherlich viel Geld kosten. Aber wie sollen wir denn den Fachkräftemangel ausgleichen? Selbst bei einer sofortigen signifikanten Erhöhung der Geburtenrate würde diese doch nicht helfen. Studien besagen, dass bis 2030 bereits eine Million Fachkräfte mit Berufsausbildung fehlen werden. 2013 betrug die Zahl der Erwerbsfähigen in Deutschland 62 Millionen Menschen. In 2060 werden es trotz des Zuzuges aus dem Ausland wohl nur noch 51 Millionen sein. Kein Mensch kann sich ausmalen, welche Verwerfungen dies für unsere Volkswirtschaft bedeuten wird. Wir sollten also sehr dankbar sein, wenn Mitbürger mit ausländischen Wurzeln sich für ein Leben bei uns entscheiden. Denn dies ist die einzige Möglichkeit, den erreichten Wohlstand annähernd zu sichern. Und das Rentenniveau würde ohne erheblichen Bevölkerungszuwachs von außen in 2040 sicherlich nicht einmal mehr den heute prognostizierten 41,7% des letzten Bruttoverdienstes entsprechen. Auch wenn wir mit Musik und engagierten Texten die Welt natürlich nicht verändern können – wir müssen gegen die nationalistischen Tendenzen und die dumpfen Parolen der Ewiggestrigen ein Zeichen setzen. Bislang hatten wir in der Tat das große, aber nicht selbstverständliche Glück, in Frieden und Freiheit leben zu dürfen. Dass dies auch in Zukunft so sein wird, ist nicht ausgemacht, wenn Volksverhetzer wie AFD-Höcke, Petry und Komplizen tatsächlich die Gelegenheit zur Machtübernahme erhalten sollten. Deshalb sollten wir für Demokratie, Freiheit und Solidarität eintreten – wir dürfen es noch; in manchen Ländern, die in gar nicht so weiter Ferne liegen, ist das nicht mehr der Fall."

 

Überschäumende Lebensfreude, unbändige Energie und Emotionen

 

Kommen wir zurück zur Musik, genauer gesagt - natürlich - zu Status Quo: Wie steht jemand, der seit so vielen Jahren bei einer Tributband spielt, zu den heutigen Aktivitäten der Formation? - Man meint ja landläufig, dass Sänger/Gitarrist Francis Rossi & Co. in Würde gealtert sind. "Nein, wir mögen die jüngeren Produktionen nicht mehr. Auch die meisten Sachen aus den späten 1980er und den 1990er Jahren finden bei uns kein Gehör mehr, weil die Songs recht beliebig und banal sind. Es fehlt eben die spezielle Chemie, über die nur die "Frantic Four"-Formation verfügte. Demzufolge können wir mit dem Quo-Line-up dieser Tage nicht mehr viel anfangen, denn dieses reicht selbstverständlich nicht an das Original heran; schon deshalb nicht, weil die Mitmusiker von Francis Rossi und Rick Parfitt bei Weitem nicht über das Charisma und die Bühnenpräsenz von Alan Lancaster und John Coghlan verfügen. Außerdem sind es für jedermann erkennbar austauschbare angestellte Musiker, die nicht das repräsentieren und leben, wofür der Name "Status Quo" einst stand. Das Problem, das ich heute mit Quo habe ist, dass ich sie nicht mehr als eine Einheit, als eine Band im eigentlichen Sinne ansehen kann. Aber das ist ein anderes Thema und lediglich meine persönliche Meinung... 2013 und 2014 haben die "Frantic Four" ja noch zwei Reunion-Tourneen gespielt, und man hat den Unterschied zum anderen Line-Up sofort gehört. Da war die spezielle Chemie und der Sound wieder, der uns damals so begeistert hatte – nach all den Jahren konnten sie also immer noch liefern! Die Dublin-Show am 12. April 2014 hätte den Schlusspunkt bilden müssen, denn da hatte sich der Kreis geschlossen. Es geht halt nichts über das Original!"

Getroffen hat Michael seine Idole bis dato nur zweimal: "Quo wissen sicherlich von unserer Existenz, und unsere CDs sind über Fanclubleute auch bei ihnen angekommen. Was man dort über unsere Aktivitäten denkt, ist mir aber nicht bekannt. Ich habe Rossi und Parfitt im Jahre 2000 zusammen mit Fanclubvertretern während einer Promo-Tour in einem Kölner Hotel getroffen, und wir haben ein paar Minuten miteinander geplaudert. Ich kann und möchte mir kein Urteil über die Menschen Rossi und Parfitt erlauben; aus heutiger Sicht würde ich ein persönliches Treffen aber nicht wiederholen wollen. Es zerstört die Illusionen, die man sich von Stars macht. Und das ist doch schade! Man will doch glauben, dass diese Menschen auch abseits der Bühne etwas ganz Besonderes sind. Und häufig ist das eben nicht der Fall. Erwähnt werden muss aber, dass wir im Dezember 2005 in der Zeche Bochum eine Show mit Original-Quo-Drummer John Coghlan spielen konnten. Das war für uns als alte Fans natürlich das Größte! Wenn mir das einer in den 1970er Jahren vorausgesagt hätte… und John ist in der Tat einer der weltbesten Shuffle-Drummer, der einen ganz eigenen und sofort identifizierbaren Stil geprägt hat. Wir sind sehr stolz darauf, dass wir diese Gelegenheit hatten."

Status Quo sind generell eine Band, die mitunter stark polarisieren kann: Entweder man liebt oder man hasst sie. "Sie polarisieren, da hast Du vollkommen recht. Das war schon immer so. Ich verstehe allerdings nicht, wie ein Rockfan die "Frantic Four" – Besetzung der Band nicht mögen kann. Quo sind der Ursprung all dessen, was danach kam. Und sie sind eine Band des Volkes, keinesfalls die Favoriten der Akademiker, denen diese Musik zu einfach strukturiert ist. Für mich steht Quo für überschäumende Lebensfreude, unbändige Energie und Emotionen. Auf CD oder Vinyl entfalten die Songs nicht ihre Wirkung und ihr Potential. Man muss es live erleben. Kein Zufall, dass die Die-Hard-Quo-Fans meist sehr bodenständige, geradlinige und sehr emotionale Menschen sind – die auch keinerlei Veränderungen wünschen. Insofern gibt es keinen passenderen Namen für diese Band als jenen, den sie schließlich gewählt haben. Auch wenn ihnen die Bedeutung dieser lateinischen Phrase seinerzeit wohl gar nicht bewusst bzw. bekannt war, wie sie selbst einmal bekundet haben. Dass man die heutigen Quo nicht mag, kann ich im Übrigen sehr gut nachvollziehen - die Magie ist dahin."

 

Alles ist endlich

 

Voraussichtlich nächstes Jahr wird es einen Live-Mitschnitt eines PILEDRIVER-Konzertes auf DVD / Blu-Ray geben. "Ich hatte den Wunsch, eine Show dieser Band, mit der ich schon so lange spiele, festzuhalten. Nur für uns, für mich, damit ich mir in 25 Jahren noch einmal anschauen und -hören kann, wie gut dieses Line-Up auf der Bühne funktioniert hat und wie viel Spaß uns die Gigs bereitet haben. Alles ist endlich, und deshalb das Bedürfnis, einen Gig zu konservieren. Leider gibt es keine Aufzeichnungen der "Frantic Four"-Shows aus den 1970er Jahren – darum und dafür würde ich eine Menge geben! Am 3. Oktober 2015 haben wir ein zweistündiges PILEDRIVER-Konzert in der Bochumer Stadthalle aufgezeichnet. Wir hatten das Kamerateam von RCNTV, die für diverse bekannte Acts (U.D.O., Unheilig u.a.) gefilmt haben. Tonmann war Arne von Schilling, der viel für U.D.O. (aber auch für Thomas Anders) arbeitet. Absolute Profis, und da wiederum Stefan Kaufmann für den Schnitt sowie die Nachproduktion verantwortlich zeichnete, ist es ein erstklassiges Produkt geworden. Mir jedenfalls gefällt es sehr gut, und ich freue mich, dass ich dieses Zeitdokument habe. Wir haben sieben Titel vom "BIB"-Album aufgenommen sowie ein Best-Of der "Frantic Four". Gitarren-, Drum- und Keyboardsoli sind natürlich unvermeidbar und inklusive! Release voraussichtlich Anfang 2017. Wir planen jetzt allerdings schon etwas Neues. Ein Bekannter hat mich auf die Idee gebracht, eine Show im 360 Grad-Verfahren aufzuzeichnen. Dann haben die Fans das Gefühl, sie seien mit uns auf der Bühne und wir könnten gemeinsam abrocken. Das will ich auf jeden Fall noch machen! Und die Songs für ein "BIB"-Nachfolgealbum sind ebenfalls schon geschrieben. Diesmal lassen wir nicht noch einmal zehn Jahre zwischen zwei Alben verstreichen!"

Zunächst einmal soll Anfang 2017 kräftig getourt werden. "Bevor es in die konkreten Tourplanungen geht, warten wir nun erst einmal die Resonanz auf das neue Album ab. Eine Tour wird es dann sicherlich zum Release unserer BluRay/DVD geben, um die CD als auch den Konzertmitschnitt zu unterstützen. Die meisten Fans haben wir sicherlich in UK, den Niederlanden, aber – wenn man Facebook Glauben schenken darf – auch in einigen osteuropäischen Ländern, insbesondere Ungarn und Polen. Aus Brasilien liegt eine Anfrage für eine Mini-Tour vor. Wir werden sehen…"

DARKTHRONE

Tuesday, 01 November 2016 12:19 Published in Fortsetzungs-Stories

Ehrlich und astrein

 

Das ohnehin bereits opulente Interview mit DARKTHRONEs Fenriz aus Ausgabe #105 findet hier seine Fortsetzung, präsentierte sich der Meister aus Norwegen doch ungemein auskunftsfreudig und gutgelaunt. Nach einem einführenden „Okelidokeli“ philosophiert der sympathische Skandinavier noch einmal über seine Musik, diverse Nebentätigkeiten oder die Szene an sich.

 

Das für den Schreiberling auch nach Jahren noch wichtigste DARKTHRONE-Album respektive das, mit dem er persönlich am meisten verbindet, ist und bleibt “Panzerfaust”, wenngleich es hart ist, eine spezielle Platte aus dem Oeuvre von Nocturno Culto und Fenriz herauszugreifen. Richtig schlechte Scheiben gibt’s in der Diskografie DARKTHRONEs ja überhaupt nicht auszumachen. „Ich mag mein Songwriting auf “Total Death” nicht sonderlich und der Sound dieser Scheibe war auch nicht gerade der Beste. Wenn ich wählen müsste, würde ich wohl „Under A Funeral Moon“ als meine Lieblingsplatte auswählen, aber als ich alle unsere Platten analysieren und bewerten musste, um Songs zu finden, die wir für die Dreifach-LP mit Buch – Box „Black Death And Beyond“ von vor ein paar Jahren verwenden konnten, fand ich heraus, dass rein statistisch gesehen „The Cult Is Alive“ unser bestes Album war, haha!“

Generell ist Fenriz mit dem aktuellen Status Quo durchaus zufrieden, macht jedoch eine kleine Einschränkung: „Ich hatte jetzt 15 Jahre DARKTHRONE in der Form und ich mag`s so wie das ist. Doch irgendwie vermisse ich jene Tage, als wir noch eine richtige Band waren und nahe beieinander in der Gegend um Kolbotn lebten.“ Fenriz ist indes niemand, der ständig an neuen Songs arbeitet: „Zur Hölle nein! Ich bin damit ausgelastet, mir die Musik anderer Leute anzuhören!“ Wenden wir uns nunmehr ehemaligen Nebentätigkeiten des Norwegers zu: Bereits seit 2000 hat Fenriz nicht mehr mit den Jungs von Valhall zusammen gespielt. „Und als ich damals 1995 bei Neptune Towers den Stecker zog, war dies eine unwiederbringliche, definitive Aktion. An Isengard denke ich oft, aber ich kann es mir nicht leisten, so ausgebrannt wie damals 1996 zu werden, deswegen friere ich diesbezügliche Pläne lieber ein. Dennoch erscheint bald eine Isengard-Single mit zwei Songs von 1989 und 1992, die ich all die Jahre unter Verschluss gehalten hatte.“

Eingedenk der Tatsache, dass DARKTHRONE seit Urzeiten bei Peaceville Records unter Vertrag stehen, ist anzunehmen, dass sich daran zukünftig auch nichts mehr ändern dürfte… „Ja, wir haben eine großartige, symbiotische Beziehung! Es geht dabei nicht nur um Peaceville, sondern um ihre Chefs Snapper, die Publishing-Belegschaft bei Imagem sowie die Merch-Firma Razamataz: Das ist einfach eine Einheit! Ihr Deutschen wärt sicherlich stolz auf diese hohe Kunst der Organisation und wie ehrlich und astrein das alles abläuft!“ Allzu viele Tipps für neue, hoffnungsvolle Bands hat Fenriz dieses Mal jedoch leider nicht auf der Pfanne: „Früher gab´s davon viel mehr, heutzutage wird alles sofort veröffentlicht, aber Black Viper sind phänomenal!“ Die Szene seiner Heimatstadt Kolbotn ist indes unermesslich reich an hoffnungsvollen Underground-Formationen: „Ja, man denke nur mal an Flight, Gouge, Condor, die erwähnten Black Viper, Nekromantheon, Obliteration, Lamented Souls, Infernö etc.“

 

Einige Leute beschweren sich darüber, dass die gegenwärtige Szene/das Business viel zu kurzlebig ist: Überflüssige Bands werden in den Himmel gehoben, Fans werden immer oberflächlicher und immer mehr „fremdgesteuert“ etc. In gewisser Hinsicht war das schon immer so, sogar schon vor der „Prä-Internet“-Ära. Fest steht jedoch, dass sich die Szene gewandelt hat, im Laufe der letzten zirka zehn Jahre wurden sogar Teile des Undergrounds mehr und mehr „professionalisiert“, um nicht zu sagen „kommerzialisiert“. „Das erste was ich dachte als ich die erste Zeile Deiner Ausführungen las war: „Aber das war doch schon immer so!“ Darüber hinaus hat an mich bislang noch nie jemand derartige Beschwerden herangetragen. Die gesamte Metal-Welt ist zu so etwas Riesigem angewachsen, dass es Raum für alle Arten von Stilen und Bands gibt und jeder sollte schlichtweg versuchen, das besser zu machen und es gibt immer vielerlei Möglichkeiten, dies zu erreichen. Meine ist beispielsweise mein Radio Fenriz. Seit etwa den frühen 2000ern war es wegen des Internets leichter, für sich selbst neue wie alte Bands sämtlicher Genres anzutesten, weswegen man nicht sein ganzes sauer verdientes Geld für irgendeinen Scheiß und einige wenige gute Alben mehr ausgeben musste. Jetzt konnten die Leute die Sachen erst mal anchecken und dann das erst kaufen was sie mochten. Die Vorgehensweise des Musik-Business, zu versuchen, die Geschmäcker der Menschen sozusagen in Wellen zu kontrollieren, war nunmehr durchbrochen. Die Leute hörten sich jetzt einfach das an was auch immer sie wollten und fingen an, ebenfalls das was auch immer sie wollten zu kaufen. Genauso lief das beispielsweise auch in der Modewelt, es gibt keine großartigen Wellen, keine Trends mehr: Die Menschen fingen an, was auch immer sie wollten zu tragen und ich glaube, dass die Szene besser denn je zuvor ist! Aber natürlich ist die Obskurität von einst für immer verschwunden, das ist klar.“ Fragt sich nur, ob Fenriz abschließend eigentlich von der Metal- oder der Modeszene sprach…?

Den von Thrash dominierten Reigen eröffnen an diesem Abend die Brasilianerinnen von NERVOSA. In ihrer relativ kurzen Schaffenszeit vermochten die Südamerikanerinnen bereits einiges an Aufsehen zu erregen. Ob das nun am adretten Äußeren der Damen sowie der Tatsache liegt, dass es dem einen oder anderen verwunderlich erscheinen mag, dass derart zarte Kreaturen rabiaten Thrash Metal zocken oder ob nicht doch auch die Musik etwas Außergewöhnliches zu bieten hat sei mal dahingestellt. Fest steht, dass NERVOSA an diesem noch recht frühen Mittwochabend mit dem Sound zu kämpfen haben, der zu noch zu undifferenziert wirkt und spielerische Feinheiten nicht zur Geltung kommen lässt. Die Damen aus São Paulo legen einen annehmbaren Auftritt auf die Bretter und stimmen gut auf das, was noch folgen wird, ein.

ENFORCER bieten danach einmal mehr einen ziemlich gut inszenierten Auftritt. Trotzdem kann man sich jedoch des Eindrucks nicht verwehren, dass den Schweden die derzeitige Tour ziemlich schwer in den Knochen liegen muss, hat man die Jungs doch schon weitaus energiegeladener und vor allen Dingen enthusiastischer gesehen. So wirkt vieles an diesem Abend wie „Business As Usual“: Klar können die Jungs verdammt gut spielen, klar sind ENFORCER eingespielt wie ein Schweizer Uhrwerk und natürlich haben die Jungs ungemein mitreißende Songs im Repertoire. Doch selbst beim kommerziellsten Stück, dem Über-Hit und Titeltrack ihres aktuellen Albums „From Beyond“, vermag der Funke von Band in Richtung Publikum nicht wirklich überzuschwappen: Zumindest beim Schreiberling kommt nicht allzu viel an. Das sehen viele junge Fans an diesem Abend ganz anders, so dass ENFORCER trotzdem begeistert abgefeiert werden. Allein, es wirkt vieles zu einstudiert. Ganz sicher sind Sänger/Gitarrist Olof Wikstrand und seine Mannen hervorragende Entertainer. Trotzdem fehlt dem Schreiberling irgendwie noch das gewisse Etwas, jener unvergleichliche Funke, den die Schweden zumindest in der Vergangenheit live immer zu entfachen wussten. Liegt es vielleicht daran, dass Gitarrist Joseph Tholl dieses Mal nicht mit von der Partie ist und von einem blonden Schweden ersetzt wird? – Wohl kaum, denn auch wenn der Ersatz im direkten Vergleich nicht ganz so agil wirkt, erledigt er seinen Job doch überaus professionell. „Professionell“ ist ein gutes Stichwort: Hier ist wahrlich eine ungemein versierte, tighte Band am Werke, doch leider sucht man inniges Herzblut und loderndes Feuer vergebens.

Davon gibt’s dann weitaus mehr bei FLOTSAM AND JETSAM: Die Spielfreude ist den Amis zu jedem Zeitpunkt anzumerken. Selbst wenn die größtenteils betagteren Herren im direkten Vergleich mit den Jungspunden von ENFORCER nicht allzu agil agieren, machen doch Leidenschaft und ehrlicher Schweiß dieses kleinere Manko locker wieder wett. Spaß scheinen irgendwie alle Bandmitglieder zu haben, allen voran Sänger Eric A. Knutson: Die US-Thrash-Legende stellt an diesem Abend eindrucksvoll unter Beweis, dass mit ihr immer noch zu rechnen ist und dass sie im Laufe der Jahre nichts, aber auch gar nichts an Energie verloren hat. Im Gegenteil: Live kommt so mancher Song der Amis erst so richtig zur Geltung. Während so mancher Scheibe FLOTSAM AND JETSAMs etwas der Dreck sowie die nötige Rohheit und Aggressivität fehlt, kommt genau dies auf einer Bühne erst zum Tragen. Da ist es dann auch egal, ob das Quintett alte Klassiker oder Stücke neueren Datums spielt. Ein Höhepunkt im Set ist sicherlich 'Hammerhead', der Opener des legendären Debüts „Doomsday For The Deceiver“. Aber auch das trefflich betitelte 'Iron Maiden' vom aktuellen, selbstbetitelten Album hat es in sich. Der Songtitel kommt indes keineswegs von ungefähr, lassen sich in dem Stück doch zuhauf Bezüge zu den Eisernen Jungfrauen herstellen: Das fängt beim Gesang an und hört bei den zweistimmigen Gitarren-Leads auf. FLOTSAM AND JETSAM präsentieren sich ebenfalls als ungemein eingespielte Mannschaft, die auch vor progressiveren Versatzstücken nicht Halt macht. Dass das Ganze dann dennoch auch Nicht-Musiker überzeugt, ist Verdienst gestandener Songwriter mit dem gewissen Gespür für einprägsame, nichtsdestotrotz anspruchsvolle Arrangements. Mit einem derart sympathisch-professionellen Auftritt sichern sich FLOTSAM AND JETSAM den Zuspruch des Publikums und stellen eindrucksvoll unter Beweis, wieso es verdammt noch mal gerechtfertigt ist, dass es diese Band nach wie vor noch gibt!

Danach fällt mit dem Titelsong und Opener des neuen Albums „Under Attack“ der Startschuss für einen kleinen Streifzug durch die Historie DESTRUCTIONs. Neben Krachern jüngeren Datums der besagten Scheibe ('Second To None' 'Dethroned' und 'Pathogenic') gibt's allerlei Klassiker respektive Standards, die sich schon lange im Set des Trios befinden ('Mad Butcher', 'Total Desaster', 'Curse The Gods' oder 'Life Without Sense'). Sänger/Bassist Schmier kündigt gar einen Song an, den die Band seit Mitte der 80er nicht mehr in Nürnberg live zum Besten gegeben hat: Was folgt ist das kongeniale Instrumental 'Thrash Attack', das nahtlos übergeht in ein fulminantes 'Invincible Force': Unglaublich, welchen Druck DESTRUCTION mit nur einer Gitarre zu entfachen wissen! Sechssaiten-Flitzer Mike kommt indes ungemein abgeklärt rüber, während er schier unglaubliche Riffs ins Publikum schmettert, die sicherlich mit zum Besten zählen, was die Thrash-Welt je erlebt hat. Nachdem Schmier den Nürnberger Gerstensaft zum besten Bier der Tour kürte, geht's mit 'The Butcher Strikes Back' vom 2000er Comeback-Album „All Hell Breaks Loose“ noch mal in die Vollen, bevor sich die Band vorerst verabschiedet.

Angesichts des frenetischen Publikumsjubels lässt sich das Trio Infernale jedoch nicht lange bitten und schmettert mit 'Thrash Till Death' und 'Bestial Invasion' noch zwei zusätzliche Knaller. Das als Eventualität in der Setlist noch aufgeführte 'Eternal Ban' kommt im Zugabenblock dann allerdings leider nicht mehr zum Zuge. Insgesamt gesehen lassen auch DESTRUCTION mit einer fulminanten Song-Zusammenstellung nichts anbrennen. Einzig die Lichtshow hätte etwas weniger opulent ausfallen können: Manchmal ist weniger eben mehr… Nach dem Konzert treffen sich noch einige Leute auf einen letzten Absacker an der Bar, um diesen gelungenen Abend gemütlich ausklingen zu lassen und danach, im Bewusstsein, einen geilen Abend erlebt zu haben, die Heimreise anzutreten.

 

 

SOULBURN

Monday, 31 October 2016 16:12 Published in Fortsetzungs-Stories

Erlösung vor Entfremdung

 

Auch SOULBURN-Schlagzeuger Bob Bagchus zeigte sich am Telefon fürs Interview in der aktuellen Ausgabe #105 ziemlich redselig: Der Holländer wirkte ungemein entspannt, stand an dem Abend doch kein weiterer Promo-Termin mehr an. Nur ein paar Kumpels von der Arbeit würden später noch vorbeischauen, so dass laut Bob genügend Zeit sei, noch etwas über das eine oder andere Thema abseits des üblichen Programms zu sprechen.

 

Der Zufall will es, dass das neue SOULBURN-Album „Earthless Pagan Spirit“ nur wenige Wochen nach der neuen Asphyx-Scheibe „Incoming Death“ erscheinen wird. Letztgenannte Platte ist bekanntlich die erste in der langen Geschichte der Todesblei-Legende, die ohne Gründungsmitglied Bob Bagchus entstanden ist. “Ich mag das Album sehr gerne“ lobt dieser seine ehemaligen Band-Kollegen. „Die Jungs waren letztes Wochenende erst hier an meiner Tür und überreichten mir die erste Kopie der Scheibe. Sie haben hervorragende Arbeit geleistet und „Deathhammer“ einen würdigen Nachfolger beschert! Es ist das was ich die „neuen Asphyx“ nenne. Ich teile die Karriere immer in zwei Teile ein: Vor und nach der Reunion. Ich glaube, dass die Jungs etwas nervös waren, was ich denn darüber denken würde. Aber ich war wirklich sehr beeindruckt! Wenn ich bei Asphyx geblieben wäre, hätte ich wahrscheinlich dasselbe gemacht!“

Wirklich komisch fühlt es sich für Bob indes nicht an, Asphyx weiterhin ohne ihn aktiv zu sehen. „Für mich kam das Ganze eher einer Erlösung gleich. Meine Kinder brauchten mich zu dem damaligen Zeitpunkt zuhause. Meine Frau ist Krankenschwester und mit der damit verbundenen Schichtarbeit hat das einfach nicht mehr hingehauen. Ich bin jemand, der aufrichtig an Zeichen glaubt: Das war ein solches Zeichen mit der Bedeutung, dass ich das Ganze mit meinem Privatleben nicht mehr vereinbaren konnte. Darüber hinaus fühlte ich mich meiner eigenen Band gegenüber irgendwie entfremdet. Ich hatte sicherlich noch Spaß, aber die letzten 15 Shows oder so sah ich mehr als Partys an als alles andere: Der richtige Bezug zur Gruppe war jedoch nicht mehr da. Das fühlte sich für mich sehr komisch an. Der Hauptgrund war sicherlich, dass ich Asphyx einfach nicht mehr mit meiner Familie vereinbaren konnte. Der andere Grund war der oben beschriebene, dass mir eben einfach jeglicher Bezug zur Band fehlte. Ich wusste, dass die anderen Jungs immer noch total darin aufgingen. Ich schrieb eine Mail, wo ich meine Gefühlslage Martin van Drunen schilderte und er war wegen dieser Neuigkeiten völlig am Boden zerstört. Ich meinte jedoch, dass die Jungs durchaus auch ohne mich weitermachen könnten. Und das fühlt sich im Nachhinein nicht komisch an oder so: Die Jungs machten ein großartiges Album und ich zieh mein Ding durch, allerdings auf einem niedrigeren Level. Ich glaube, so ist jeder glücklich!“

 

Langsamkeit regiert

 

Erst kürzlich erschien ebenfalls eine Scheibe von Minotaur Head, einer Band, die Bob zusammen mit dem schwedischen Tausendsassa Rogga Johansson ins Leben gerufen hat. “Haha, es ist lustig, dass Du darauf zu sprechen kommst, aber gerade diesen Nachmittag hab ich ein Interview für Minotaur Head gegeben! Das ist erneut etwas ganz Anderes, sehr schwere Musik. Rogga und ich wollten schon vor Jahren etwas ungemein Hartes machen. Wir spielten ja auch schon mal bei To The Gallows zusammen, das war ein totaler Bathory-Tribut! Danach fing ich mit SOULBURN wieder an, weswegen weitere Pläne mit Rogga erstmal auf Eis gelegt wurden. Letztes Jahr schickte mir Rogga eine Email und meinte, dass er einige Ideen parat hätte und ob ich gerne mit ihm zusammen ein Projekt aufziehen würde, jetzt da ich mehr Zeit hätte? Ich hatte de facto mehr Zeit zur Verfügung, denn das SOULBURN-Album „The Suffocating Darkness“ war gerade draußen. Ich meinte zu Rogga, dass ich das machen möchte, worauf ich am meisten stehe: Etwas richtig Doomiges, verdammt hartes Zeug! Also keinen Standard-Death, sondern eher in die Richtung Black Sabbath, Celtic Frost, Triptykon oder Winter. In derselben Nacht noch entstanden zwei Songs und wenige Wochen später waren es deren schon fünf. Zuerst wollten wir ein Mini-Album machen, aber dann meinten wir, dass wir lieber noch zwei weitere Stücke schreiben, um eine vollständige Scheibe zusammenzubekommen.“

Eine Band, woran die Sachen von Minotaur Head mitunter ebenfalls erinnern, sind die kongenialen Necro Schizma – allein der Name öffnet Tür und Tor bei Bob: “Ja, die sind hervorragend! Das ist eine meiner absoluten Lieblingsbands aus Holland!“ Die Band hatte anno 1989 lediglich drei Demotapes herausgebracht und ist mit ihrer kompromisslosen, megadüsteren und lavagleich langsamen Musik mittlerweile tonnenschwerer Underground-Kult. „Ja, insbesondere das „Erupted Evil“-Demo war einfach nur noch genial! Necro Schizma waren zweimal Support von Asphyx, damals als noch Theo Loomans mit dabei war, 1989 und 1990. Das waren gute Freunde von uns, ihre Musik war so langsam, so heavy, so einfach! Wow, ich liebe das einfach!! So einige Leute scheinen Minotaur Head zu mögen, was wir nicht wirklich erwarteten, um ehrlich zu sein!“ Als richtige Band würde Bob Minotaur Head dennoch nicht bezeichnen: “Nein, das ist ein Projekt, aber wenn wir ein cooles Angebot für ein geiles Festival erhalten würden, würden wir überlegen da zu spielen! Das Problem ist nur, dass Rogga in Stockholm wohnt, was etwa 1.400 km von meinem Heimatort entfernt ist. Aber wenn wir ein cooles Angebot von einem tollen Festival erhalten sollten, würden wir uns aufraffen, auch einen Tag eher anreisen, um dort zu proben. Ich meine, ich kenne die Songs in- und auswendig, ich könnte sie jederzeit spielen!“

 

Eine ziemlich rabiate Angelegenheit

 

Bob trommelt darüber hinaus dann noch bei Infidel Reich, die der dortige Mitmusiker Vincent Crowley von Acheron in sozialen Medien ziemlich martialisch ankündigte: „Zeit für etwas Metal, der sich nicht der politisch korrekten Masse unterwirft. Wir sind jene Ungläubigen, die gegen die extremen Anhänger Allahs sowie all die Heuchelei in der modernen Gesellschaft aufstehen! Schließ Dich uns an, wir erschaffen Musik, die diejenigen eint, die es wagen zurückzuschlagen!“ Zitat Ende. Rein musikalisch gesehen will man die Old School-Schiene bedienen, wie Bob beschreibt: „Neben Vincent und mir ist dort noch ein Kerl von Rectal Smegma, einer Grind-Band aus Holland, zugange sowie ein weiterer Musiker. Stilistisch bewegen wir uns irgendwo in der Nähe von Motörhead, Discharge, den alten Venom und Carnivore. Wahrscheinlich werden wir uns allerdings kaum Freunde machen, denn das Ganze ist eine ziemlich rabiate Angelegenheit: Wir sagen einfach das was wir wollen, genauso wie das damals auch S.O.D. machten. Wir singen also über Dinge, die uns schlichtweg nerven.”

Political Correctness sucht man also woanders… “Genau! Das war überhaupt erst einer der Gründe, wieso Infidel Reich gegründet wurde, denn Vincent postete damals bei Facebook, dass er Leute hasste, die politisch korrekt wären, um auftreten zu können, um einen Plattenvertrag zu ergattern oder zu behalten. Ich antwortete darauf und meinte, dass ich meinen Mund für niemanden halten würde, ich sage, was immer ich sagen will! Wenn das gewissen Leuten nicht passt, ist das schlimm, aber letztlich nicht mein Problem! Ich selbst werde ja auch tagtäglich mit irgendwelchen Sachen konfrontiert, die mir nicht passen und trotzdem macht mir das nichts aus! Letzten Endes meinten wir also, dass wir unbedingt eine Band gründen müssten. Vincent und ich kennen uns bereits seit Jahrzehnten. Danach schrieb mir Crowley noch eine E-Mail, wo er noch mal betonte, dass es ihm diesbezüglich wirklich ernst war. Ich war auch voll dabei, weswegen Infidel Reich gegründet wurden. Wir haben mittlerweile sogar einen Plattenvertrag bei einem sehr kleinen holländischen Label, das bereits hervorragende Sachen veröffentlichte wie beispielsweise eine Neuauflage des 1987er Demos von Incubus. Ende des Jahres wird unser Album voraussichtlich fertiggestellt werden, herausgebracht wird das Ganze dann 2017, nehme ich mal an.“

 

Keine Tour-Band

 

Kommen wir zum Abschluss dieses Interview-Nachschlags noch mal auf SOULBURN zu sprechen: Diverse Einzelgigs in Clubs respektive bei Festivals stehen bis dato an. Umfassende Touren werden die Holländer aber wohl nicht mehr spielen, wie Bob bekräftigt: “Ja, die Zeiten sind definitiv vorüber für mich, das wird nie wieder passieren! In der Vergangenheit ging ich genau zweimal richtig auf Tour, das war immer ein Heidenspaß: 1991 mit Entombed und ein Jahr später tourten wir fast zwei Monate lang mit Bolt Thrower und Benediction. Und das war`s dann auch – das ist nicht wirklich mein Ding. Es würde komisch anmuten, wenn ich jetzt mit SOULBURN touren würde – allein an Angeboten würde es uns nicht mangeln, so fragten doch beispielsweise Marduk mehrmals nach, ob wir nicht mit ihnen touren würden. Aber wir können das einfach nicht machen! Die neuen SOULBURN spielten ihre ersten Shows 2014 mit Bolt Thrower. Auch die Engländer fragten mich, ob wir eine ganze Konzertreise mit ihnen bestreiten könnten, denn sie fanden das Package Killer. Sie wussten, dass ich bei Asphyx draußen war und fragten bzgl. SOULBURN oder Grand Supreme Blood Court nach. Ich meinte, dass ich lieber mit SOULBURN spielen würde, weil die zur damaligen Zeit ja gerade ein neues Album draußen hatten. Aber ich meinte, dass wir nur drei Dates oder so mitspielen könnten. Letzten Endes standen wir an den Abenden dann mit Bolt Thrower und Morgoth auf der Bühne. So ist das: Wir können keine zusammenhängende Tour machen, höchstens drei bis vier Dates am Stück. Ich verließ Asphyx, um mehr daheim zu sein und da wäre es komisch, jetzt mit SOULBURN plötzlich auf Tour zu gehen. Wir spielen also auf Festival-Shows oder im Rahmen von Club-Gigs, welche ich persönlich viel lieber mag!

Donnerstag, 15.09.2016 (Preday):

Am Vorabend des diesjährigen Storm Crusher Festivals findet eine hart rockende Sause im „Salute Rockclub“statt – einer kleinen, gemütlichen Location im nahegelegenen Weiden. Der Zuschauerzuspruch an dem Tag ist beachtlich und lässt für das seit einigen Wochen restlos ausverkaufte Festival so einiges erwarten. Inmitten Eierquetscher-Metal der Marke STALLION, IRON KOBRA und RISING STORM sowie krachendem Thrash Metal à la ANTIPEEWEE und SPELLBOUND fühlen sich die Todesblei-Schergen von DEATHRONATION etwas de(ath)platziert. Dennoch werden nach Anlaufschwierigkeiten auch die Franken vom Publikum gebührend abgefeiert.

 

Freitag

 

Zum insgesamt sechsten Mal findet das Storm Crusher Festival in diesem Jahr statt, dabei feiert man in der O'Schnitt Halle im oberpfälzischen Wurz Premiere: Die Halle scheint den Bedürfnissen eines solchen Festivals wie auf den Leib geschneidert und vermag so manches Mal gediegenes Keep It True-Feeling zu verbreiten. Trotz der Tatsache, dass die Veranstaltung restlos ausverkauft ist, herrscht an beiden Tagen eine herrlich entspannte Atmosphäre vor: Nur bei Headlinern sowie absoluten Publikumsmagneten ist die Halle bis zum Bersten gefüllt. Ansonsten ist jederzeit freies Bewegen möglich, selbst ein Vorstoß in vordere Publikumsreihen ist fast immer von Erfolg gekrönt. Allzu lange muss man beim Bier nur anstehen, wenn die Kaltschale ausnahmsweise mal nur 2 Euro kostet, wie seitens der Veranstalter während des ASPHYX-Soundchecks angekündigt. Auch kulinarisch gibt’s von „Old School“ (Pommes, Currywurst etc.) über Quasi-Elsässisch (Flammkuchen) bis hinüber zu geilem Chili eine ziemlich reichhaltige Auswahl. Ein paar Verkaufsstände entlocken Banger-Geldbeuteln dann noch die letzten paar Kröten. Doch nun zum Wesentlichen: den Bands.

Dass HORNS OF DOMINATION derzeit den heimatlichen Underground gehörig aufmischen, ist angesichts des superben letztjährigen Demos durchaus gerechtfertigt. Diverse Club-Shows sowie der Auftritt beim Chaos Descends-Festival vor einigen Wochen unterstreichen die Live-Qualitäten des Nürnberger Trios. Es ist wohl anzunehmen, dass sich die Magie der Musik der Franken generell in kleinen, düsteren Clubs wirksamer entfaltet als auf großen Festival-Bühnen. Doch HORNS OF DOMINATION machen ihre Sache sehr gut und erfüllen die undankbare Opener-Pflicht auf herausragende Art und Weise. Cool auch, dass beim Storm Crusher keine Band weniger als 45 Minuten spielt: So erhält auch eine Underground-Combo wie eben HORNS OF DOMINATION genug Zeit, um ihren intensiv-düsteren Death Metal zu Gehör zu bringen. Mit ihren beiden bis dato erschienenen Platten „Firestorm“ und „Desecrator“ vermochten AMBUSH ebenfalls, für anerkennendes Kopfnicken bei der Banger-Gemeinde zu sorgen. Der traditionelle Heavy Metal der Schweden kommt auch beim Storm Crusher sehr gut an, das Publikum feiert die Band gebührend ab.

Ähnlich verhält es sich mit den ostdeutschen Thrashern von DIVISION SPEED, die ihre deftigen Songs den anwesenden Kuttenträgern um den Latz knallen. Die Leipziger stehen für die räudig-aggressive Seite dieses Subgenres, ganz in der Tradition teutonischer Helden der Marke Violent Force, Deathrow, Darkness, Destruction oder Sodom. Ganz anders dagegen die Kölner von PRIPJAT, deren Name nicht nur für eine heutige Geisterstadt in der Nähe von Tschernobyl steht, sondern auch für musikalischen versierten Thrash, der mehr in Richtung Bay Area tendiert. Die Jungs machen ihre Sache grundsätzlich ganz gut, versprühen jedoch nicht so viel Kult-Feeling wie die davor regierenden DIVISION SPEED, was einen klaren Punktgewinn für Ostdeutschland bedeutet. Nach der vorangegangenen Thrash-Breitseite folgt nun mit 77 die geballte Ladung Rock'n'Roll: Natürlich kommt man nicht umhin, im Hinterkopf zu behalten, dass die Katalanen in der Form nicht existieren würden, hätte es nicht eine Band namens AC/DC gegeben. Doch das hindert die Jungs aus Barcelona nicht daran, eine schweißtreibende, ungemein agile Show aufs Parkett zu legen. Die Setlist wird dabei von Midtempo-Stampfern dominiert, was jedoch auch vereinzelt zackigere Stücke oder aber richtig schön bluesige Momente keineswegs ausschließt. Es macht ungemein viel Spaß, 77 zuzugucken, und als der quietschfidele Gitarrist LG Valeta noch einen Ausflug ins Publikum unternimmt, brechen alle Dämme. Die Katalanen verbreiten ungemein viel Kurzweil und lassen die Stunde Spielzeit wie im Flug vergehen!

EXUMER machen dagegen da weiter, wo zuvor DIVISION SPEED und PRIPJAT aufgehört hatten: Der Name der Band steht nicht umsonst synonym für erdigen Thrash Metal teutonischer Machart. Der eine oder andere Altfan wird angesichts eines engagierten Auftritts bekehrt, den Namen EXUMER nicht ausschließlich in der zweiten Reihe deutscher Thrash-Formationen der 80er zu verorten. Neben Songs des überraschend guten neuen Albums „The Raging Tides“ zocken Sänger Mem von Stein & Co. an diesem Abend selbstverständlich auch viele alte Klassiker. Es war im Vorfeld zu erwarten gewesen, dass ATLANTEAN KODEX ziemlich viel Zuspruch ernten würden: Die Band zählt nach wie vor zu den großen Hoffnungsträgern im Dunstkreis zwischen Heavy, Epic und Doom Metal, zudem kann man das Storm Crusher als Heimspiel der Oberpfälzer werten. Darüber hinaus handelt es sich bei dem Auftritt um den einzigen Deutschland-Gig im Jahr 2016. Eine logische Folge dessen ist dann natürlich, dass ungemein viele Leute mit ATLANTEAN KODEX-Leibchen gesichtet werden, und dass es bei den Oberpfälzern vor der Bühne ungemein voll wird. Letztgenannter Umstand als auch die sengende Hitze in der Halle veranlassen so manchen Anwesenden, sich draußen einzufinden und die eine oder andere Zigarette durchzuziehen oder genüsslich ein, zwei Kaltschalen zu leeren. Was bei fast anderthalb Stunden episch-langsamen Metals auffällt, ist, dass sich mit der Zeit etwas Langeweile einschleicht: So manches Mal könnte man etwas mehr Abwechslung vertragen. Ansonsten machen ATLANTEAN KODEX jedoch alles richtig und stellen ihre zahlreich erschienenen Fans zufrieden.

Etwas mehr Variantenreichtum gibt’s dann bei MANILLA ROAD, die zwar ebenso episch daherkommen, aber eben auch häufiger mal das Tempo variieren und mehr Brücken zu anderen (Sub-)Genres schlagen. Der Anfang des Auftritts der Jungs aus Wichita, Kansas schürt noch große Erwartungen. Leider wirkt dann die Mitte des Sets, wo unter anderem ein Gitarrensolo präsentiert wird, etwas zu langatmig. Allerdings drehen die Jungs um Sänger/Gitarrist Mark „The Shark“ Shelton zum Ende hin wieder auf. Angesichts von Klassikern wie 'Death By The Hammer', 'Witches Brew', 'Open The Gates'; 'The Riddle Master', 'Mystification', 'The Ram' oder 'Crystal Logic' im Gepäck können MANILLA ROAD nicht viel falsch machen. Doch leider will beim göttlichen 'Cage Of Mirrors' nicht so wirklich Stimmung aufkommen. Dafür feiert das Publikum jedoch wieder beim unvermeidlichen 'Necropolis', bevor die Amis mit 'Flaming Metal Systems' ihren Auftritt beim Storm Crusher beschließen. Vielleicht hat die ausgiebige Tour zuvor dafür gesorgt, dass MANILLA ROAD an diesem letzten Abend dieser Konzertreise etwas mitgenommen rüberkamen. Dennoch ist den Amis natürlich ein rundum solider Gig gelungen.

Manch ein Zeitgenosse hat danach nicht mehr viel für die Thor-Tributband IRON THOR übrig: Gut, rein instrumental gesehen gibt’s nichts zu bemängeln, allein der Gesang sowie der sehr auf Show-Elemente ausgerichtete Auftritt sind natürlich Geschmackssache. Als Rausschmeißer fungieren die Jungs allerdings recht gut, dafür sorgen schon Thor-Standards wie 'Thunder On The Tundra' oder 'Keep The Dogs Away'. Für Aufsehen sorgt dann noch eine eigentlich recht cool dargebrachte Manowar-Coverversion (natürlich 'Thor (The Powerhead)', was sonst?).

 

Samstag

 

Erst eine MCD („Under Carpathian Sun“) haben die Rheinland-Pfälzer von LORD VIGO draußen, trotzdem beehren die Jungs nach dem letztjährigen Hammer Of Doom nun auch das Storm Crusher-Festival. Geboten wird epischer Doom Metal, der auch zu einer undankbar frühen Spielzeit von 13 Uhr ansprechend funktioniert. Natürlich sind die MASTERS OF DISGUISE mehr eine Art Tributband denn eine ernstzunehmende Musik-Kapelle: Savage Grace werden wirklich zu jeder Zeit gehuldigt, rein musikalisch gesehen wird das indes ziemlich gut in Szene gesetzt. Und so stellt man sich einmal mehr die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines derartigen Unterfangens, aber wer auf erdigen Speed/Heavy US-amerikanischer Prägung steht, macht hier zumindest nichts falsch. Wer mit MASTERS OF DISGUISE Savage Grace in Verbindung bringt, müsste natürlich beim Namen DEADHEADS sofort an die Westcoast-Legende Grateful Dead denken: Doch weit gefehlt, hier stehen nämlich Schweden auf der Bühne, die anstatt heimeligen Hippie-Rock erdigen Rock'n'Roll bieten! Gewisse Parallelen zu skandinavischen Truppen der Marke Hellacopters oder vor allen Dingen Turbonegro sind dabei nicht auszuschließen. Die Jungs beschränken sich in erster Linie auf die Songs ihres treffend betitelten Debüts „This Is Deadheads First Album“ mit dem schönen Zusatz „(It Includes Electric Guitars)“. Die Schweden sorgen mit ihrer geradlinigen Mucke für gute Stimmung und das nötige Quäntchen Abwechslungsreichtum beim ansonsten sehr metallisch geprägten Storm Crusher Festival.

Ungeachtet des feinen neuen Albums „The Gasoline Solution“ im Gepäck, welches sich Artwork-technisch wie auch musikalisch wieder mehr an den Frühwerken der Band orientiert, konzentrieren sich DARKNESS in erster Linie natürlich auf ihre alten Klassiker. Und die kommen zwangsläufig vermehrt vom genialen Debüt „Death Squad“: Egal ob das nun der Titeltrack ist, das derbe 'Staatsfeind', 'Faded Pictures' oder das vergleichsweise eher gemäßigte 'Burial At Sea', die 80er-Thrash-Helden werden vom zahlreich anwesenden Publikum abgefeiert als gäbe es kein Morgen mehr. Den krönenden Abschluss bildet dann gewohnter Weise die Hymne 'Iron Force': Ein ganz starker Auftritt und definitiv ein Highlight des Wochenendes! Scheinbar ist das Publikum des diesjährigen Storm Crusher-Festivals vermehrt dem Thrash Metal zugetan, Schwarzwurzelklänge stellen hier eher Exoten dar. Und doch liefern auch die tschechischen Black Metal-Pioniere von ROOT einen Auftritt ab, der sich gewaschen hat: Musikalisch perfekt aufeinander eingespielt, inszenieren die Osteuropäer eine akustische schwarze Messe. Während die Klampfer öfters mal auf Podeste steigen, um noch größer zu wirken als sie es ohnehin schon sind, brilliert Sänger Big Boss einmal mehr mit seiner beschwörenden, ungemein charismatischen Stimme. Natürlich mag es etwas befremdlich anmuten, dass der Frontmann mittlerweile das einzig verbliebene Urmitglied der Formation ist, dennoch versprühen ROOT auch anno 2016 noch jene Magie, welche die Band seit jeher auszeichnete. Mit dem obligatorischen Klassiker 'Píseň Pro Satana' verabschieden sich die Tschechen voller Stolz darauf, einen der unbestreitbar besten Auftritte des Festivals abgeliefert zu haben!

Während ROOT höchst originelle Mucke boten, wird's bei STORMWARRIOR nunmehr weitaus traditioneller: Wer teutonischem Power/Speed/Heavy Metal der 80er Jahre nicht abgeneigt ist, wird hier vollends zufriedengestellt. Kritiker bemängeln natürlich, dass sich in den Songs der Hamburger zuhauf Zitate von Helden wie Halloween, Running Wild oder Gamma Ray wiederfinden, aber das ist wohl durchaus so gewollt. Ergo: STORMWARRIOR sind keine Überflieger und zocken keine besondere Mucke, bieten ihren Fans aber eine durchaus ansprechende Show. Auch bei IRON ANGEL ist mittlerweile nur mehr Sänger Dirk Schröder von der Ur-Besetzung mit von der Partie. Doch fulminante Auftritte, unter anderem beim diesjährigen Raging Death Date, haben gezeigt, dass auch die neuen Mitglieder den Spirit der Band verinnerlicht zu haben scheinen. Wie bei vorherigen Gigs konzentrieren sich die Hamburger zum Großteil auf Stücke des Klassiker-Debüts „Hellish Crossfire“: Unsterbliche Speed-Kracher wie beispielsweise 'Sinner 666', 'The Metallian', 'Legions Of Evil', 'Black Mass' oder 'Hunter In Chains' werden vom Publikum, welches sich aus Vertretern älterer sowie jüngerer Semester zusammensetzt, gebührend abgefeiert. Zwischendrin gibt’s dann auch mal was vom Zweitwerk „Winds Of War“ wie beispielsweise das coole 'Fight For Your Life'. Als krönenden Abschluss schmettern die Nordlichter noch die Hymnen 'Heavy Metal Soldiers' sowie 'Rush Of Power' und hinterlassen eine von Grund auf zufriedene Meute.

Waren bei IRON ANGEL vorwiegend Die-Hard-Maniacs am Start, füllt sich die Halle bei den darauffolgenden RAM zusehends, sodass kaum mehr ein Durchkommen möglich ist. Sicher, das letztjährige Album „Svbversvm“ zählt zu den wohl besten Veröffentlichungen der seit 1999 existenten Schweden-Formation. Auf der Storm Crusher-Bühne können die Skandinavier ihre im Laufe von unzähligen Auftritten gesammelte Live-Erfahrung vollends ausspielen: Agil und energisch präsentiert das Quintett seine Songs, die zwar immer noch ein ums andere Mal an die großen Vorbilder Judas Priest erinnern, letzten Endes jedoch mittlerweile relativ eigenständig daherkommen. Doch trotz der Tatsache, dass die zum Bersten gefüllte Halle RAM vorbehaltlos abfeiert, vermag der Funke beim Rezensenten nicht wirklich überzuspringen: Zu sehr wirken Musik wie Auftritt von der Stange, zu durchschnittlich die Leistung als dass man in die allgegenwärtigen Lobhudeleien bedenkenlos mit einstimmen könnte. RAM waren und sind halt gut, aber keineswegs überragend! DIAMOND HEAD hingegen lediglich auf die Querverbindung zu Metallica zu reduzieren, greift eindeutig zu kurz: Das Debüt „Lightning To The Nations“ war, ist und bleibt für immer und ewig ein absoluter Klassiker! Kein Wunder, dass die Briten an dem Abend so einige Songs davon zum Besten geben wie beispielsweise 'It's Electric', 'Helpless' oder den Titeltrack. Und natürlich darf auch das DIAMOND HEAD-Überstück 'Am I Evil?' nicht fehlen, bei dem so einige der Anwesenden noch einmal sämtliche Kraftreserven mobilisieren und lauthals mitsingen und -bangen. Songs des vor Kurzem erst erschienen neuen, selbstbetitelten Albums finden ebenso ihren Weg in die Setlist. Manches Mal würde man sich eine engagiertere, beseeltere Show seitens der NWOBHM-Legende wünschen – oder liegt es vielleicht daran, dass auch hier mit Brian Tatler nur mehr ein einziges Originalmitglied von damals mit von der Partie ist? DIAMOND HEAD wirkt halt anno 2016 bei weitem nicht so frisch wie noch Ende der 70er/Anfang der 80er, aber das ist verständlich. Irgendwie haben es die Briten dann dennoch geschafft, diese Band ins Hier und Jetzt auf amtliche Art und Weise hinüberzuretten.

Was nach den Engländern folgt, ist die oben erwähnte Bier-Aktion zu Schleuderpreisen, was sehr cool ist! Nicht so cool ist die etwas deplatzierte „Verlosung“ vor dem Auftritt von ASPHYX: Gut, die Dame mit dem weitesten Anreiseweg (aus Thailand) zu prämieren, ist noch vertretbar, und vielleicht hat sich ja auch jemand über die Nuclear Blast-Tasche gefreut – man merkt jedoch, dass die Fans heiß auf ASPHYX sind und eher ungeduldig der Dinge harren, die da noch kommen sollen. Doch dann ist es endlich soweit: Mit einer gehörigen Breitseite an traditionellen Death Metal-Klassikern legt die holländische Institution los. Was folgt, ist ein munterer Streifzug durch die Annalen der Bandgeschichte, im Rahmen dessen auch neuere Stücke gleichberechtigt neben alten Krachern stehen. ASPHYX präsentieren sich einmal mehr als zerstörerische Todesblei-Maschinerie, welche gnadenlos alles zermalmt, was sich ihr in den Weg stellt. Natürlich war der Weggang des letzten Gründungsmitglieds Bob Bagchus ein Verlust, aber Desaster-Drummer Husky ist ein guter Ersatz hinter den Kesseln. Mit den beiden größtenteils langsamen Hymnen 'The Rack' und 'Last One On Earth' üben ASPHYX noch einmal den Kniefall vor ihren Frühwerken und verabschieden sich auf düster-doomige Art und Weise vom Storm Crusher-Publikum.

Festival-Fazit: Flops gab's keine, als persönliche Highlights haben sich 77, ROOT, DARKNESS und IRON ANGEL erwiesen. Die neue Veranstaltungshalle ist der Killer, zudem kommt auch etwas Keep It True-Feeling auf, wobei zu begrüßen ist, dass die Band-Auswahl auch mal extremere Kapellen zulässt! Zudem hat man den Eindruck als ob's beim Storm Crusher etwas entspannter zugeht als bei vergleichbaren Veranstaltungen. Nächstes Jahr also gerne wieder, dann mit solch Hochkarätern wie EXCITER (!!!), OLIVER DAWSON SAXON, HIGH SPIRITS, IRON CURTAIN, VULTURE, FATAL EMBRACE und vielen mehr. Keine Frage: Das Storm Crusher hat sich mittlerweile inmitten all der in erster Linie traditionell ausgerichteten Metal-Festivals vollends etabliert und ist eine Hausnummer für sich!

 

 

 

FATSO JETSON “Idle Hands”

Sunday, 16 October 2016 18:08 Published in A-Z

Genre: Desert Rock
FATSO JETSON bezeichnen sich selber als „Paten der Desert Rock – Szene“. Dies mag insofern gerechtfertigt sein als dass die Kalifornier bereits zwei Jahre vor einer stilistisch ähnlich gearteten Formation wie den Queens Of The Stone Age ins Leben gerufen wurde. Allerdings muss man bedenken, dass es DIE „Wüstensöhne“ schlechthin, Kyuss, doch schon weitaus früher gab! Die drei genannten Pioniere haben gemeinsam, dass sie allesamt aus Palm Desert, einem Ort im äußersten Südwesten der USA, stammen. Anders als QOTSA oder Kyuss schafften FATSO JETSON jedoch nie so wirklich den Durchbruch. Dennoch wurde die Vorreiterrolle der Gruppe seitens zahlreicher Fans im Underground gebührend gewürdigt. Sechs Jahre nach dem letzten Longplayer „Archaic Volumes“ gibt’s nunmehr mit „Idle Hands“ was Neues auf die Lauscher der Anhängerschaft. Dabei kommt auch auf vorliegender Platte gleich von vornherein der eigenwillige, originelle Stil der Kalifornier vollauf zur Geltung: Sicherlich ist auch die Musik dieser Wüstenbewohner in erster Linie irgendwo im düsteren Heavy-Sound der 70er Jahre verankert. FATSO JETSON schaffen es jedoch, völlig frank und frei, bar jeglicher musikalischer Limitierungen zu agieren. Dennoch ist das, was man hier hört, keineswegs eine Form von Crossover, wirken die elf Songs von „Idle Hands“ doch erstaunlich homogen. Zuweilen kommt die Musik der Jungs fast schon so verschroben-schrullig wie die Kunst von Frank Zappa rüber. FATSO JETSON alleine deswegen in eine verquere Avantgarde-Ecke einordnen zu wollen, würde jedoch wiederum auch zu kurz greifen, haben wir es hier doch eindeutig mit einer deftigen Rockband mit einem untrüglichen Gespür für nichtsdestotrotz einprägsame Songstrukturen zu tun.

CIRITH UNGOL

Thursday, 29 September 2016 01:12 Published in Fortsetzungs-Stories

In Ausgabe #104 kündete Schlagzeuger Robert W. Garven Jr. bereits mit Feuereifer von der mit Spannung erwarteten Rückkehr der Epic-Legende CIRITH UNGOL. Was das Gründungsmitglied der kauzigen US-Metaller darüber hinaus noch erzählte, fand Eingang in den nachfolgenden Artikel. Robert erinnerte sich zudem noch an ein ausführliches Interview, das der Verfasser dieser Zeilen bereits anno 2002, also zu einer Zeit, als an die gegenwärtige Reunion noch gar nicht zu denken war, mit ihm und Gitarrist Greg Lindstrom führte. Damals wurde die Geschichte einer der eigenständigsten, intensivsten Bands der harten Stromgitarrenmusik rekapituliert, was an dieser Stelle erneut zur Geltung kommen wird…

 

Bleiben wir jedoch vorerst noch im Hier und Jetzt und kommen wir noch einmal auf die im Rahmen des Comebacks in Erscheinung tretende Besetzung zu sprechen: Derzeit diskutieren die Kalifornier mögliche Line-Up-Zusammenstellungen, allerdings verrät Robert diesbezüglich nicht zu viel: „Das Ganze wird eine Überraschung werden, viele Ur-Mitglieder werden mit von der Partie sein, aber ich will an dieser Stelle nicht die Katze aus dem Sack lassen!“ Selbst wenn man den Schlagzeuger CIRITH UNGOLs mit Namen wie dem des alten Bassisten Michael Vujejia oder dem von Ur-Sänger Neal Beattie konkret konfrontiert, lässt sich Garven nicht zu einer definitiven Aussage hinreißen. Interessant und landläufig nicht allzu verbreitet dürfte indes die Tatsache sein, dass mit besagtem Herrn Beattie in den 70er Jahren vor dem legendären Tim Baker bereits ein anderer Sänger bei den Amis zugange war. Verblüffend auch, dass der Name Neal Beattie seit CIRITH UNGOL bei keiner anderen Band mehr auftauchte, der Mann verschwand damals unmittelbar nach seinem Split mit Robert & Co. scheinbar direkt in der Versenkung. „Er war und ist immer noch ein großartiger Typ! Neal war ein exzellenter Performer und auch heute noch spielt er Gitarre und singt. Einige Songs der orangenen Demo-Kassette von 1979 sang er ein. Er trat oft mit uns auf, aber ich glaube nicht, dass er nach seinem Ausstieg bei CIRITH UNGOL je in einer ähnlich organisierten Band wieder in Erscheinung trat.“

Verweilen wir noch etwas bei den frühen Tagen der Epic-Helden: Nach Gründung der Gruppe Anfang der 70er dauerte es mehrere Jahre, bis erste Tonträger auf die Menschheit losgelassen werden konnten. Dafür gab's 1979 dann gleich zwei Tapes, die randvoll mit Songs waren, welche Zeugnis von der Urversion des Stils der Formation gaben. Während die erste Kassette schlichtweg selbstbetitelt daherkam, kursierte das zweite Demo, wie von Robert bereits erwähnt, schlichtweg unter dem Namen „The Orange Album“. „Dabei handelte es sich um eine Kassette, die als Demo diente“ klärt der Drummer auf. „Das Tape erschien in einem orangenen Slipcase: Daheim habe ich noch einen dieser orangenen Schuber, aber leider liegt mir keine Original-Kassette mehr vor. Ich werde mal unseren Gitarristen Greg Lindstrom fragen, ob er noch eine hat, denn viele Leute bekunden derzeit Interesse daran, diese Aufnahmen zu hören. Die Qualität war zwar nicht die beste, die Songs spiegeln jedoch sehr gut wieder, wie sich die Band damals in ihrer Frühzeit anhörte.“ Kehren wir zurück in die Gegenwart: Wenngleich Robert heutzutage nach wie vor seinen alten Helden der Marke Trapeze, Dust, Thin Lizzy, Night Sun, Lucifer's Friend, Budgie, Captain Beyond, Deep Purple und wie sie alle heißen die Stange hält und vermehrt Musik aus der glorreichen Zeit des harten Rocks genießt, verschließt er sich Formationen jüngeren Datums nicht vollends. „Natürlich sind ich und meine Mitstreiter nach wie vor daran interessiert, was in der gegenwärtigen Musikszene so alles vor sich geht! Es gibt da draußen viele großartige neue Bands, die ich persönlich sehr mag, wie beispielsweise Night Demon, Dexter Ward, Savage Master, Powerwolf, Brainstorm oder Scorpion Child. Heutzutage gibt es viele neue, gute HEAVY-Musik, daneben existiert natürlich noch die großartige „alte“ HEAVY-Musik und ich bin stolz darauf, wieder Teil der Metalszene sein zu können!“

Christian Wachter

 

 

History-Interview von November 2002

Ursprünglich erschienen in Ausgabe Nr. 3 des „Blood Of The Ancient“-Fanzines, nachfolgende Version wurde leicht überarbeitet/gekürzt

 

Ringgeister aus der Stadt der Engel

Wenn es danach ginge, eine Rangliste der eigenständigsten, originellsten Bands der letzten drei Jahrzehnte zu erstellen, wären CIRITH UNGOL mit Sicherheit unter den ersten zehn Formationen. Doch auch bei einer Aufstellung der unterbewertetsten Gruppen würden die US-Amerikaner ziemlich weit oben rangieren. Ein Juwel sondergleichen, eine der ersten Heavy Metal-Bands überhaupt, die sich der Fantasy-/Sci-Fi-/Okkult-Thematik in ihren Texten bediente, bei deren Songs immer ein Hauch von Melancholie, Schwere und Düsternis mitschwebte, der CIRITH UNGOL einfach einzigartig machte. Dabei ist nicht allein J.R.R. Tolkien Inspirator, und man würde auch einen schweren Fehler begehen, die Gruppe auf eine bestimmte musikalische Richtung zu reduzieren. Metal / Hardrock in seiner ursprünglichsten Form ist es natürlich, doch die Bandbreite an unterschiedlichen Elementen innerhalb dieser eng gesteckten Grenzen ist es, die die US-Amerikaner - zusammen mit dem unverkennbaren Gesang - zu einem wahren Unikat und Novum in der Musikgeschichte werden lässt. Als man vor vielen Jahren beschloss, CIRITH UNGOL zu Grabe zu tragen, brach für die Betroffenen eine Welt zusammen, ob das nun die Fans oder aber die Musiker selbst waren. Zwei dieser Ex-Mitglieder einer der eigenständigsten und obskursten Metal-Bands überhaupt konnte ich an einem Pass auf der Hochebene Gorgoroth, inmitten von Saurons Reich ausmachen: Gitarrist Greg Lindstrom und Schlagzeuger Robert W. Garven, die - ausgelaugt von der langen und beschwerlichen Reise - es begrüßten, für einen Moment Rast zu machen, um eine kleine Auszeit zu nehmen. Aus dieser kleinen Auszeit wurde dann eine ganze Nacht des Geschichtenerzählens, die Worte der beiden kündeten von längst vergangenen Zeiten und von einem Mythos, der auch heute noch lebt - und vielleicht flackert diese Flamme dieser Tage noch intensiver als zuvor. Inmitten pestschwangeren Rauches, unter dem pechschwarzen Himmel und ungeachtet der Gefahr, die um uns herum lauerte, vertieften wir uns - angetrieben von zu viel Pfeifenkraut - in einen rauschähnlichen Zustand der Ekstase, der die Vergangenheit wieder lebendig machte...

 

CIRITH UNGOL - oder der schwarze Turm, der sich dornengleich in den Nachthimmel aufschwingt, dem Firmament unsägliche Schmerzen bereitend... Als sich von der Geschichte um den großen Ringkrieg inspiriert erwiesen sich auch Greg, Rob & Co., wobei der Gitarrist nunmehr als erster seine Stimme erhebt und auf das Thema Bandname zu sprechen kommt: "Ich glaube, dass Rob und ich uns ein paar Namen herausgepickt hatten, die allesamt aus dem "Herrn der Ringe" stammten: Einige der anderen Vorschläge lauteten Barad Dur, Khazad Dum oder Minas Morgul, alle waren ähnlich schwer auszusprechen gewesen! Die Bands hingegen, die mich in den frühen Tagen nachhaltig beeinflussten waren Mountain, Black Sabbath, Dust, Thin Lizzy, Budgie, Blue Oyster Cult, Hard Stuff, Trapeze und andere gewesen, nicht zu vergessen natürlich mein Lieblingsalbum für alle Ewigkeiten, die erste Scheibe von Captain Beyond." Auch Rob meldet sich nun zu Worte: "Grundlegend gesehen waren wir zumindest mit den lokalen Bands, die zur damaligen Zeit in L.A. aktiv waren, unzufrieden gewesen. Darüber hinaus waren wir von bestimmten Gruppen beeinflusst, wir hörten deren Scheiben und beschlossen, dass wir das doch noch besser könnten!" Das genaue Gründungsjahr CIRITH UNGOLs festzumachen erweist sich als gar nicht so einfaches Unterfangen, zumal es Leute gibt, die etwas von 1971 faseln, andere wiederum datieren die eigentliche Entstehung der Formation auf das Jahr 1979, doch Greg bringt Licht ins diffuse Dunkel: "Rob und ich trafen uns 1969, damals waren wir noch in der siebten Klasse und wir schlossen umgehend Freundschaft, da wir beide Ferrari und den "Herrn der Ringe" mochten. Im Sommer 1971 beschloss Rob, zusammen mit Jerry Fogle und Pat Galligan (der sich später der Punkband The Angry Samoans anschloss), eine Band ins Leben zu rufen, die Beatles-Songs nachspielte, und ich glaube, dass der einzige Grund, wieso sie mich dort aufnahmen, die Tatsache gewesen ist, dass ich einen Amp hatte. Wir nannten uns Titanic: Drei Gitarren, die an einem einzigen 15-Watt-Amp angeschlossen waren, und Rob, der lediglich eine Snaredrum und Hi-Hats besaß: Damit versuchten wir, Beatles-Stücke zu covern... Ich wünschte ich hätte heute noch ein Tape davon! Nichtsdestotrotz wollten Rob, Jerry und ich härteres Zeug wie zum Beispiel Sachen à la Cream oder Mountain spielen, demnach verließen wir das sinkende Schiff (die Titanic), und wir drei gründeten 1972 CIRITH UNGOL, um zunächst mal nur Songs von Budgie, Thin Lizzy, Highway Robbery, Hard Stuff etc. nachzuspielen. Anno 1977 bauten wir dann in unserem Proberaum ein kleines Studio auf, wir schrieben viele Stücke und nahmen diese dann zwischen 1977 und 1980 auf. Ich habe noch einige Stapel an Tapes aus dieser Periode, und es gibt viele Tracks, die bislang noch nicht veröffentlicht wurden. Im Jahre 1979 nahmen wir ein Dutzend Songs auf und veröffentlichten ein Album, welches nur im Kassettenformat erhältlich gewesen ist und das wir auf Shows verkauften. Ein paar der Stücke jener Veröffentlichung wurden neu gemischt und erschienen letztlich auf "Servants Of Chaos"."

 

Eine dunkle Sicht der Welt

 

Es wäre vermessen, in einem CIRITH UNGOL-Interview nicht auch auf die kongenialen Cover-Artworks zu sprechen zu kommen, die von Michael Whelan angefertigt wurden. Greg erklärt, wie der Kontakt zu diesem begnadeten Künstler zustande kam: "Sämtliche Artworks unserer Album-Covers wurden ursprünglich für die US-Paperback-Ausgaben der "Elric Of Melniboné"-Bücher angefertigt, die in den Mittsiebzigern herauskamen. Wir liebten sowohl die Bücher als auch das Artwork. Rob schickte Michael ein Tape, und er erlaubte uns seitdem, gegen ein äußerst spärlich bemessenes Entgelt, wann immer wir es brauchten, sein Artwork zu benutzen. Außer dass er ein hervorragender Künstler gewesen ist, ist er auch noch einer der nettesten Typen, die man sich überhaupt vorstellen kann. Ich kenne sogar ein paar Leute, die zwar keinen Metal mögen, sich aber unsere Alben aufgrund ihres Artworks trotzdem kauften!" "Ja, Michael war einer der wenigen guten Kerle gewesen, mit denen wir im Laufe unserer Karriere zu tun hatten“ pflichtet Rob Greg bei: „Ich kann mir für unsere Arbeiten kaum ein besseres Artwork vorstellen. Seine Illustrationen der Elric-Serien sind die allerbesten, die ich jemals gesehen habe, und obwohl er getrost zu den Spitzenkünstlern dieser Welt gezählt werden darf, glaube ich nicht, dass ihm jemals die Aufmerksamkeit zuteilwurde, die er verdient." Die „Elric“-Saga aus der Feder von Michael Moorcock übte auf CIRITH UNGOL einen ungemeinen Einfluss aus, wie Greg bekräftigt: „Beim "Herrn der Ringe" ist die Linie zwischen Gut und Böse sehr deutlich, aber Moorcocks Charaktere lassen eher kompliziertere Auswahlmöglichkeiten zu. Ich mag seine dunkle Sicht der Welt!"

 

Immer das Äußerste

 

Nicht nur Whelan war ein unterbewerteter Künstler, auch CIRITH UNGOL selbst wurde das Schicksal der verkannten Genies zuteil. Der "Sword And Sorcery / Epic Metal" der Kalifornier widerstrebte schon von Beginn an jeglicher Schubladisierung und gewährte nur denjenigen, die sich aus lauterem und unvoreingenommenem Herzen der Gruppe widmeten, einen Zugang zu diesem ureigenen Universum, was die Band in den Augen vieler Kritiker als anstrengend und zu schwierig erscheinen ließ. Nicht zuletzt der Gesang war es, der Fans wie Fachleute gleichermaßen spaltete, dazu kam noch ein zuweilen vertrackter Songaufbau, ganz zu schweigen von der düsteren Atmosphäre, die für heitere Partys schlichtweg untauglich gewesen ist. Das was CIRITH UNGOL damals auszeichnete, ist heutzutage indes immer seltener auszumachen: Originalität, Geist und Können im Einklang. Besonders der epische Metal ist gegenwärtig wieder im Aufwind, und so wird mit mittelmäßigem Power Metal - zersetzt von saft- und kraftlosem Keyboardeinsatz, angereichert durch Klischeegeschichten über düstere Höhlen und Drachen – schnelle Kohle gemacht. Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass die dargebotene Qualität keineswegs überzeugt, wenngleich sich im unendlich großen Haufen an Mittläufern dennoch einige seltene Juwelen finden lassen... Greg beurteilt dies folgendermaßen: "Es gibt viele sehr technische, kompetente Formationen da draußen, bei denen zwar einige exzellente Musiker mitwirken, bei denen es jedoch den Anschein hat, dass sie nicht zu viele originelle Ideen haben. Ein Freund von mir steht auf all diese Bands, die dieser Art Power Metal frönen und es scheint mir lediglich so, dass ich all das bereits zuvor schon mal gehört habe. Heutzutage ist es nicht allzu leicht, originell zu sein, denke ich mal."

Die schottischen Holocaust würden an dieser Stelle fragen: "Where's the power, where's the glory...?", und wahrscheinlich würden sie bei heutigen sogenannten Power Metal-Bands nur bedingt fündig werden... Rob schaltet sich in das Gespräch wieder ein: "Es gibt da draußen immer noch einige gute Bands, obwohl es mittlerweile vielleicht weniger sind als das früher mal der Fall gewesen ist. Die letzten beiden Riot-Alben gehören zu meinen Lieblingsscheiben. Ihr Album "Sons Of Society" ist großartig, jeder Song tritt Arsch, obwohl es kein Epic Metal ist, sondern eben "nur" guter, einfacher Hardrock. Ich mag auch die italienische Gruppe Doomsword. Sie hatten eine neu bearbeitete Version unseres Tracks 'Nadsokor' auf einem ihrer Alben." Auch Greg kommentiert die heutige Szene: "Es gibt viele neue Gruppen, die ich mag: Abdullah sind eine mörderische Doom-Formation, dann wären da noch die Agents Of Oblivion sowie The Mystick Krewe Of Clearlight aus New Orleans, und natürlich The Quill und The Hellacopters aus Schweden. Das Lustige daran ist, dass sich der Sound dieser Bands sehr von den 70ern beeinflusst zeigt, ob das nun Sabbath, Purple oder die MC5 sind. Ich schätze mal, dass es natürlich ist, Vorlieben für die Musik seiner jeweiligen, individuellen Herkunft zu hegen, für mich sind das demnach die 70er."

Mit Heavy Metal heutiger Machart kann Greg indes nicht viel anfangen: "Heavy Metal bedeutete mal aggressive, aufregende, eigenständige Musik, aber dieser Tage befürchte ich, dass es bedeutet, dass ich wahrscheinlich von dem was ich höre gelangweilt werde." Rob indes bekräftigt einmal mehr seine etwas differenziertere Sichtweise: "Nun, ich mochte diese Musik schon immer, denn nicht nur dass sie immer sehr aufregend gewesen ist, so forderte sie doch von den Musikern, um diese Klänge zu intonieren, immer das Äußerste. Einige der großartigen Aufführungen jener Musik, deren Zeuge ich wurde, wirkten sich nachträglich auf mich aus und hinterließen einen unauslöschlichen Eindruck in meinem Geiste. Die Lichter, die Lautstärke und der rhythmische Takt der Musik schienen das Publikum abrupt in einen wilden Mob zu verwandeln. Ähnliche Reaktionen bei unserem Publikum hervorrufen zu können war schon immer mein Ziel gewesen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir diesbezüglich jemals Erfolg hatten, aber ich weiß, dass wir es zumindest versuchten."

 

Der ewige Insidertipp?

 

Der erste Berührpunkt mit der Musik von CIRITH UNGOL dürfte für viele Alt-Fans der Song 'Death Of The Sun' auf der berühmt-berüchtigten ersten Ausgabe der "Metal Massacre"-Reihe von Metal Blade gewesen sein. Auch für die Band stellte dieser Sampler-Beitrag das erste Ergebnis der Zusammenarbeit mit Brian Slagel & Co. dar, wie Rob bestätigt: "Als wir unser erstes Album "Frost And Fire" veröffentlicht hatten arbeitete Brian in einem Plattenladen in L.A. namens Oz Records. Der Eigentümer des Schuppens war verdammt cool drauf gewesen und er mochte Heavy Metal sehr. Brian war ein Fan von uns gewesen und bekundete daran Interesse, einen unserer Songs für die erste LP seines neuen Labels namens Metal Blade, welches er gerade startete, zu benutzen.“ Ein Jahr vor Veröffentlichung dieser Compilation erschien 1981 dann das legendäre Debüt „Frost And Fire“, dessen Originalversion mittlerweile ein gesuchtes Sammlerstück darstellt. Bei Liquid Flames Records, das die Scheibe damals herausbrachten, handelte es sich um ein bandeigenes Label, wie Greg erzählt: „Wir bezahlten die gesamte Studiozeit sowie sämtliche Herstellkosten für die ersten 3.000 Kopien von "Frost And Fire" und verkauften alle Kopien innerhalb von drei Monaten. Danach unterschrieben wir einen Vertriebsdeal mit Enigma aus den USA. Über all die Jahre hinweg verkauften wir mindestens 25.000 Kopien von "Frost And Fire"."

Eine stattliche Anzahl, doch sind CIRITH UNGOL bei weitem keine Megaseller, was auch Rob weiß: "Die originalen Liquid Flames - Aufnahmen sind, wie Du bereits sagtest, Sammlerstücke, sie wurden auf hochqualitatives Vinyl gepresst und ich glaube, dass sie sich sehr gut anhörten." Die Tatsache, dass "Frost And Fire" anfänglich lediglich in den Staaten erhältlich gewesen ist, stellt ein Versäumnis sondergleichen dar, war es doch besonders der europäische Markt gewesen, auf dem CIRITH UNGOL Anklang hätten finden müssen. Kann sein, dass dies dazu beitrug, dass die Amis damals geraume Zeit eher als Insidertipp gehandelt wurden... Greg fängt an, die Sachlage etwas näher zu erläutern: "Ja, das war schade gewesen, da der Großteil unserer Fans aus Deutschland stammt/e. Ich glaube, dass wir in Deutschland und Italien viel verkauft hätten, und dies hätte uns mehr Ansporn gegeben, die Sache am Laufen zu halten. Und jetzt wird "Servants Of Chaos" ausschließlich in Europa vertrieben!"

 

Hoffnungslos abgehoben?

 

Da Fantasy ein wichtiger Bestandteil im Konzept von CIRITH UNGOL war, ist es natürlich vonnöten, auch dieses literarische Genre näher zu beleuchten. Greg macht diesbezüglich den Anfang: "Wir waren schon immer sehr von Fantasy und Sci-Fi inspiriert, demnach war es unvermeidlich gewesen, dass sich viele CIRITH UNGOL-Songs derlei Themen zuwenden und "hoffnungslos abgehoben" sein würden, wie einmal ein englischer Kritiker meinte! Aber ich glaube, dass es auf eine gewisse Weise langweilig werden würde, sich lediglich auf einen Themenbereich wie diese "Sword And Sorcery"-Geschichte zu limitieren." Greg zählt nachfolgend Bücher auf, die die Texte CIRITH UNGOLs am meisten inspirierten: ""The Dying Earth" von Jack Vance, die " Fafhrd And The Grey Mouser"-Serie von Fritz Leiber, die "Elric"-Serie von Michael Moorcock, alles von Clark Ashton Smith und H.P. Lovecraft, sowie natürlich „Der Herr der Ringe". Ich glaube, dass die Kinoverfilmung hervorragend ausgefallen ist, viel besser als ich erwartet hatte. Ich kann es nicht erwarten, den zweiten Teil endlich sehen zu können! Nur zu schade, dass sich CIRITH UNGOL nicht auf dem Soundtrack befinden!" Dann weist Rob noch auf seine spezifische Geistesnahrung hin: "Ich war von den Büchern, die ich zur damaligen Zeit las, wirklich sehr beeinflusst gewesen, das waren Schmöker wie beispielsweise die "Elric"- und die "Conan"-Serie. Obwohl ich in letzter Zeit nicht allzu viel gelesen habe, führe ich mir doch mittlerweile so ab und an ein bisschen H.P. Lovecraft zu Gemüte - seine Geschichten sind fantastisch!!! Ein weiteres Buch, das mir jetzt in den Sinn kommt ist "Bloodstone" von Karl Edward Wagner."

CIRITH UNGOL waren eine der ersten Formationen, die ihren harten Rock mit Texten über den „Herrn der Ringe“ unterlegte. Besonders in der Black Metal - Szene stieß das Lebenswerk von J.R.R. Tolkien in der Vergangenheit auf immense Gegenliebe, was nicht zuletzt Bandnamen wie beispielsweise Isengard, Burzum oder Gorgoroth bezeugen, ganz zu zu schweigen von dem auf die Geschehnisse in Mittelerde ausgelegten Konzept Summonings... Greg übernimmt nun wieder das Wort: "Ich schätze mal, dass wir eine der ersten Bands gewesen sind, die einen offensichtlichen "Lord Of The Rings"-Einfluss aufzuweisen hatte. Vor uns sang jedoch Robert Plant auf "Led Zeppelin II" in 'Ramble On' bereits über Gollum und es gab einen schwedischen Keyboarder / Komponisten namens Bo Hansson, der ein Album namens "Music Inspired By The Lord Of The Rings" in den Mittsiebzigern herausbrachte. Diese Musik war allerdings für meinen Geschmack etwas zu weich und progressiv." CIRITH UNGOL konzentrierten sich zwar nicht ausschließlich auf Fantasy-Lyrics, doch könnte man annehmen, dass speziell die Texte jener Gattung einer Art Realitätseskapismus gleichkommen, was Greg nicht ohne weiteres zu bejahen vermag: "Nicht wirklich. Ich versuchte lediglich in jedem Song eine Geschichte zu erzählen, im besten Falle verknüpft mit einer Botschaft. Die Non-Fantasy-Lyrics agierten eher als Ventil für meine Gefühle, demnach schätze ich, dass man sagen könnte, dass ich dadurch dass ich darüber schrieb, vor der Wirklichkeit flüchten könnte!"

 

Ein gewalttätiger und deprimierender Ort

 

Der Weggang von Gitarrist Greg Lindstrom nach Veröffentlichung des Debüts „Frost And Fire“ Mitte 1982 trug sein Übriges dazu bei, dass Musik wie Texte hoffnungsloser und depressiver wurden, wie Rob bekräftigt: „Die damaligen Songs spiegelten wahrscheinlich die Situation innerhalb der Band wieder. Weißt Du, das ist in etwa so wie diese "Man kann den Blues nur singen, wenn man ihn am eigenen Leib erfahren hat"-Sache. Viele Leute traten im Laufe unserer Karriere einfach so mir nichts dir nichts auf uns herum, einschließlich die meisten jener sogenannten "namhaften Gruppen", mit denen wir zusammenspielten. Ich glaube, dass unsere Musik dies auch reflektierte. Die Welt ist ein immens gewalttätiger und deprimierender Ort und es wäre zu einfach, Stücke über Liebe und Blumen zu schreiben, wenn Tod und Zerstörung Realität sind!" Direkte Blues-Einflüsse vermag Greg in den frühen musikalischen Ergüssen CIRITH UNGOLs jedoch nicht herauszuhören. "Ich weiß nicht, ich höre auf "Frost And Fire" beispielsweise rein gar keine Blues-Elemente heraus! Wenn Du die Wahrheit wissen möchtest: Ich hörte mir damals viel New Wave-Zeug wie The Cars oder The Clash an, als ich einige Songs unserer Debütscheibe schrieb, und ich kann die Einflüsse an einigen Stellen heraushören, genau wie solche Sachen wie die frühen Rush." Rob indes relativiert die Aussage seines Kollegen etwas und gibt zu: "Ich glaube, dass das was Greg in seiner Ausführung nicht beachtet hat, ist, dass wir damit aufwuchsen, Hard Rock und Hard Blues zu hören. Obwohl diese Stile "Frost And Fire" nicht direkt beeinflussten, inspirierten sie uns indirekt, da wir als Musiker so schwerwiegend von diesem Sound geprägt gewesen sind, welcher den Grundstock für so vieles was später noch kommen sollte, legte."

 

Freund wie Mentor gleichermaßen

 

Kommen wir noch mal auf den Weggang Greg Lindersons von CIRITH UNGOL zu sprechen: Der Split mit der Band war ihm nicht gerade leicht gefallen, oftmals kamen ihm Zweifel ob der Richtigkeit dieser Entscheidung: "Aus der Gruppe auszutreten war für mich schlimmer als mit einem Mädchen Schluss zu machen, aber ich fühlte, dass ich einen Wendepunkt in meinem Leben erreicht hatte, nachdem ich das College abgeschlossen und fast zwölf Jahre in der Band verbracht hatte. Es war mehr als ein Jahr nach der Veröffentlichung von "Frost And Fire" gewesen, und die Verkäufe liefen zwar zufriedenstellend, in Wirklichkeit jedoch passierte bei uns nichts und ich fühlte, dass es an der Zeit sei, sich umzuorientieren und für eine Weile ein "normales" Leben zu führen. Etwa zwei Jahre später sah ich CIRITH UNGOL, als sie im Beverly Theatre in L.A. als Anheizer für Ratt fungierten und sie völlig in den Hintern traten. Das war der Zeitpunkt gewesen, als ich meine Entscheidung wirklich bedauerte." „Ich vermisste Greg von Anfang an“, beteuert Rob. „Nicht nur seine songwriterischen Fähigkeiten waren verblüffend gewesen, er war auch das Bandmitglied gewesen, das einen guten Sinn fürs Geschäftliche hatte. Dies ist eine Eigenschaft, die man sich im Musikbusiness nur schwer aneignen kann, und viele der Gruppen, bei denen es wirklich gut läuft, verfügen entweder über einen hervorragenden Manager oder ihre Mitglieder können diesbezüglich für sich selbst denken. Greg war auch sehr bewandert darin gewesen, Bass, Gitarre und Keyboard zu spielen. Ich bin mir sicher, dass wir, wenn er bei der Band geblieben wäre, richtig großartige Musik geschrieben hätten. Greg war nicht nur ein Freund, sondern auch mein Mentor gewesen, wenn es um Musik ging. Bis zum heutigen Tag entdeckt er fortwährend neue Gruppen und treibt mich hin zur Musik, macht mir diverse Sachen schmackhaft. Ich erinnere mich noch genau daran, als er mir Mountains „Climbing!“ vorstellte, das mich völlig begeisterte und meine Welt Kopf stehen ließ! Greg bringt mir immer neue CDs mit, so dass ich mir ab und zu immer mal ein paar neue Sachen anhören kann. Ich mag die letzten beiden Riot-Alben sehr, besonders 'Sons Of Society', jedoch ist wohl jeder Song auf dieser Platte gut. Greg kaufte mir zudem erst kürzlich das neue The Cult-Album, das überraschenderweise echt klasse ausgefallen ist. Ich hatte sie noch als Popband in Erinnerung gehabt und war erstaunt darüber gewesen, dass diese Scheibe nun so verdammt heavy geworden ist!"

 

Klassische Enttäuschungen

 

Mit Sicherheit waren CIRITH UNGOL eine der ersten Metal-Formationen überhaupt gewesen, die eine eigene Version eines klassischen Werkes auf eine Platte packten, so findet sich doch auf dem Zweitwerk "King Of The Dead" eine äußerst ansprechende Interpretation von Johann Sebastian Bachs 'Toccata In D-Minor'. Vor nicht allzu langer Zeit herrschte im Metal-/Rock-Bereich ein regelrechter Trend bezüglich von Klassik inspirierten Projekten / Bands vor, was Werke von unter anderem Rage, Therion oder Haggard beispielsweise belegten. Greg kann jedoch nur bedingt mit derartiger Musik was anfangen: "Unser ehemaliger Gitarrist Jerry Fogle hörte sich schon immer weitreichend viel Bach und Grieg an. Das genannte Stück war eine hervorragende Adaption gewesen, obwohl es nicht alle unsere Fans mochten. Ich habe von den Gruppen, die Du eben nanntest, noch nie etwas gehört, aber Sachen wie die von Yngwie Malmsteen, die technisch gesehen einfach unglaublich sind, lassen mich kalt. Am ehesten finde ich durch das Anhören eines Jon Lord-Solos Zugang zur klassischen Musik!" Auch Rob kritisiert die eigene Interpretation der 'Toccata In D-Minor': "In der Nacht, in der wir das Stück aufnahmen, hatte unser Bassist Michael "Flint" Vujejia eine wirklich schlimme Erkältung, demnach war ich von der Version, die schlussendlich auf die LP gelangte, enttäuscht gewesen. Obwohl Jerry die Gitarrenparts von der Orgel zur Gitarre transkribierte, hatten wir nie richtig Zeit gehabt, das Teil anständig zu üben." Dass CIRITH UNGOL nach dem dritten Album "One Foot In Hell" allerdings vollends in der Versenkung verschwanden, ist lediglich ein Gerücht, wie Rob betont: "Die Band löste sich nie auf, wir konnten lediglich niemanden finden, der sich dazu bereit erklärt hätte, den Rücken dieser Gruppe zu stärken. Auch nachdem wir den unmöglichen Deal mit Restless unterschrieben hatten, brauchten sie drei Jahre, um das "Paradise Lost"-Album herauszubringen, da sie ihren Bankrott durchzustehen hatten und einen Namenswechsel von Enigma zu Restless vollzogen."

 

Das verlorene Paradies

 

Bereits in der Vergangenheit versuchten Metal Blade - wenn auch erfolglos-, das vierte CIRITH UNGOL-Album "Paradise Lost" wiederzuveröffentlichen, wie Rob verrät. „Diese Pläne scheiterten aber, da der Eigentümer des Materials (Restless Records) sich allen Bestrebungen, die CD erneut herauszubringen, widersetzte. Doch ist dies lediglich ein weiteres Mysterium in der Geschichte der Band..." Die Veröffentlichung von "Paradise Lost" war in musikalischer Hinsicht für die alteingesessenen CIRITH UNGOL-Fans partiell noch Neuland gewesen, wobei die Kalifornier grundlegend gesehen natürlich trotzdem noch den ihnen ureigenen Stil beibehielten. Greg erklärt die kleine musikalische Kurskorrektur folgendermaßen: "Teilweise erfolgte diese Umorientierung deswegen, weil Jimmy Barraza über einen anderen, eher Mainstream-orientierten Gitarrenstil als Jerry Fogle verfügte. Zusätzlich wurden ein paar der Songs, wie zum Beispiel 'The Troll' (schlecht) und 'Heaven Help Us' (nicht schlecht) von neuen Mitgliedern geschrieben. Die Chaos-Trilogie hingegen zählt zum Besten was CIRITH UNGOL jemals gemacht haben, finde ich, jedoch klingt das Ganze ein bisschen leichter zugänglich, Iron Maiden-mäßiger." Rob findet indes anderweitige Gründe dafür, dass das "verlorene Paradies" im Vergleich zu seinen Vorgängeralben so anders ausgefallen ist: "Über "Paradise Lost" hatten wir nur sehr wenig Kontrolle, wenn überhaupt. Die Scheibe wäre wohl um einiges anders ausgefallen, wenn wir sie mehr kontrollieren hätten können. Wenn die ursprünglichen Mitglieder gänzlich frei schalten und walten hätten können, wären beispielsweise 'The Troll', 'Heaven Help Us' und 'Go It Alone' niemals auf der Scheibe erschienen. Diese Songs wurden deshalb mit draufgepackt, weil sie als Zugeständnis den neuen Mitgliedern gegenüber fungieren sollten, die dieses Album mit einspielten. Der Produzent Ron Goudie vermasselte sogar die "Paradise Lost"-Trilogie: Der beste Teil, den ich bei diesem Stück am meisten mochte, wurde einfach mir nichts dir nichts herausgeschnitten. Als nämlich der Track aufgenommen wurde, kannte der Produzent den betreffenden Part nicht, bei dem Tim mit seinem Gesang einsetzte, so dass dieser Teil der Schere zum Opfer fiel. All das war sehr traurig und deprimierend für uns gewesen. Ich heulte wie ein Schlosshund, als ich die Scheibe zum ersten Mal hörte, ich war so enttäuscht gewesen! Nach so vielen Jahren harter Arbeit ist es kriminell, mitansehen zu müssen, wie Leute deine Arbeit einfach zerstören!"

Nicht zu übersehen ist, dass CIRITH UNGOL im Rahmen von "Paradise Lost" konzeptionell auf das gleichnamige epische Meisterwerk John Miltons zurückgriffen, das genug Nährstoff für Legionen an Bands bieten dürfte. Vielleicht könnte man den Albumtitel jedoch auch als Metapher für die Karriere CIRITH UNGOLs deuten: Trotz bester Voraussetzungen, wirklich groß werden zu können, wurden die Amerikaner von den Medien immer achtlos links liegen gelassen. Ein "verlorenes Paradies" quasi als Metapher für den ausgebliebenen kommerziellen Erfolg... Rob verweist auf den damaligen Sänger: "Tim Baker schrieb die Texte und ersann das Konzept der "Paradise Lost"-Scheibe. Es ist schon eine lange Zeit her dass ich Miltons Epos gelesen habe, aber ich glaube, dass da definitiv eine Parallele besteht. Ich muss Dir jedoch sagen, dass diese ganze Mediengeschichte nicht wahr ist: Als die Alben ursprünglich herauskamen, erhielten wir dennoch ein paar gute Pressereaktionen. Die "L.A. Herald" beispielsweise mochte die Band wirklich sehr und wir erhielten dort hervorragende Rezensionen. Ebenso in der "L.A. Times" gab es einen Kritiker, der mehrere Artikel über unsere Gruppe verfasste, und unsere Lokalzeitung hier in Ventura beleuchtete unsere Formation auf einer ganzen Seite. In Europa mochte der Herausgeber des "Kerrang" die Band und nahm mehrere unserer LPs in seine Topauslese des jeweiligen Jahres auf. Die einzigen negativen Presseschlagzeilen, die ich über CIRITH UNGOL las, kamen auf, nachdem die Band auseinandergebrochen war. Es gibt einige Heavy Metal - Enzyklopädien, die besagen, dass wir die schlechteste Heavy Metal - Gruppe aller Zeiten gewesen seien, und dass "Frost And Fire" das wohl schlechteste Heavy Metal - Album aller Zeiten gewesen sei. Ich habe auch mehrere Internetreviews gelesen, die sich unserer Musik gegenüber negativ äußerten. Das quält mich rein gar nicht, schließlich glaube ich, dass die Musik für sich selbst spricht."

 

Nicht für den Gelegenheitshörer gedacht

 

Die Magie der Musik der Amerikaner erschloss sich indes nur den wenigsten Hörern vollends, weswegen der Band der große kommerzielle Durchbruch auf immer verwehrt blieb. Doch auch Tims gewöhnungsbedürftige (und nichtsdestotrotz völlig eigenständige, ausdrucksstarke) Stimme dürfte ein Grund dafür gewesen sein, dass CIRITH UNGOL bis in alle Ewigkeit der Ruf nacheilen wird, ein Geheimtipp zu sein... Greg pflichtet dieser Einschätzung bei: "Wir sind definitiv nicht für den Gelegenheitshörer gedacht, obwohl wir vorsätzlich ein paar Songs wie beispielsweise '100 MPH' schrieben, der ja eher ein bisschen in einem einfachen, Judas Priest-mäßigen Stil gehalten wurde. Um diesen Punkt noch mal an einem Fallbeispiel zu verdeutlichen: Jüngst bekam ich eine CD einer Band namens Chrome Locust in die Finger. Das war ein cooles Album, aber bei einem Stück haben sie sich das erste Riff unseres Songs 'Cirith Ungol' "ausgeliehen". Doch wohingegen sich in unserem Track über sieben oder acht verschiedene Riffs befinden, benutzen diese Kerle dieses eine Riff fast das ganze Stück hindurch. Und man liebt entweder Tims Stimme oder nicht, und ich glaube, dass sie die Mehrheit nicht leiden kann. Aber ohne Tims Stimme wäre die ganze Angelegenheit nicht CIRITH UNGOL!" Rob beleuchtet den businesstechnischen Aspekt etwas näher: "Nun, der wahre Grund ist, dass wir nie eine Plattenfirma hatten, die in ausreichendem Maße an die Band glaubte, um sie anständig zu promoten. Man braucht Geld und Leute, um eine Gruppe zu promoten, man sollte sich nicht darum kümmern, wie gut die Formation de facto ist. Wenn eine Plattenfirma nicht dafür sorgt, dass diese Förderungsmaschinerie rund läuft, ist das Schicksal einer Band bereits besiegelt. Alle Labels, bei denen wir jemals gewesen sind, waren unabhängig, und sie verfügten - wenn überhaupt - über sehr begrenzte Promotion-Möglichkeiten."

Gewiss war es für die Mitglieder CIRITH UNGOLs äußerst frustrierend gewesen, primitiver Newcomer gewahr zu werden, die von großen Labels unendlich gepusht wurden und daraufhin massig Alben verkauften... Greg zeigt sich indes zufrieden, dass er glücklicherweise nie davon abhängig gewesen ist, mit Musik seinen Lebensunterhalt bestreiten zu müssen: "Demnach musste ich nie musikalische Hure sein, um mich vor dem Verhungern zu bewahren. Ich gebe zu, dass es frustrierend ist, dass CIRITH UNGOL niemals weit verbreitet Anerkennung erfuhren oder massive Plattenverkäufe zu verbuchen hatten, aber auch 25 Jahre nachdem wir die Band ins Leben riefen, beantworte ich immer noch jede Woche Interviews, korrespondiere fast jeden Tag per Email mit Fans und neue Gruppen nennen CIRITH UNGOL als großen Einfluss. Das ist mehr Erfolg als wir uns damals, als wir 1971 begannen, uns je hätten erträumen können!" Rob sieht breiten kommerziellen Erfolg ohnehin eher kritisch: "Nun, einige Leute haben mit uns über all die Jahre hinweg viel Kohle gescheffelt. Ich wünschte, wir hätten in der Vergangenheit mal die Gelegenheit gehabt, bei einem Majorlabel zu unterschreiben, aber wer weiß - vielleicht hätten wir dann dort lediglich ein einziges Album herausgebracht...?!"

 

Enttäuschungen und Albträume

 

Greg arbeitet mittlerweile als Luftfahrtingenieur für Boeing in Los Angeles. „Es wissen durchaus einige Leute in meiner Firma Bescheid über die Band. Gelegentlich haben wir sogar "CIRITH UNGOL-T-Shirt-Tage", an denen jeder in meiner Gruppe sein CIRITH UNGOL-T-Shirt zur Arbeit anzieht!" Rob ist indes in der Graphikindustrie tätig. „Das ist nicht mein absoluter Traumjob, aber ich kann damit meine Rechnungen begleichen und lebe in einer netten Stadt ganz nahe bei meiner Arbeitsstätte. Ich bin mit einer wunderschönen Frau namens Rose verheiratet und besitze einen 1975er Ferrari Dino 308 gt4, der mein Hobby und meine Leidenschaft ist. Greg und ich trafen uns bereits in der siebten Klasse, da wir dieselben Interessen bezüglich Autos besaßen und wir frönen dieser Leidenschaft beide bis zum heutigen Tag. Ich war sehr glücklich gewesen, mir zumindest einen Traum erfüllt zu haben, während ich beim anderen versagte... Unser alter Bassist Flint lebt mittlerweile in Las Vegas und arbeitet dort als Sound-Engineer. Unser Sänger Tim Baker lebt in meiner Gegend, aber wir sind keine engen Freunde mehr. Er war ursprünglich gegen die "Servants Of Chaos"-Veröffentlichung gewesen, aus welchen Gründen auch immer bin ich mir bis zum heutigen Tage noch nicht sicher. Unser ehemaliger Gitarrist Jerry Fogle ist 1998 ja bekannterweise auf tragische Weise von uns gegangen. Und unser Gitarrist Jim Barraza lebt hier in Ventura, spielt jedoch mittlerweile kaum noch. Wo die anderen Jungs abgeblieben sind, die "Paradise Lost" mit einspielten, weiß ich leider nicht."

Wie aus vorliegendem Interview ersichtlich haben sich Greg und Rob der Musik nicht gänzlich abgewandt, woraufhin der Sechssaitenhexer ausführt: "Ich habe zu Hause ein kleines Studio, schreibe immer noch Songs und spiele auf meinen Gitarren sowie mit meinem Synthesizer herum. Ich kann mich mit nicht allzu viel anderer Musik als mit Hardrock und Metal anfreunden, also ist es das was ich schreibe und spiele." So ganz kann und möchte sich Rob indes nicht von der Musik lossagen, wie er das ehemals tat: "Ich träume davon, irgendwann mal wieder live spielen zu können! Als sich die Band 1991 auflöste, verkaufte ich mein Schlagzeug und schwor mir, dass ich niemals wieder einen Drumstick in die Hände nehmen würde. Ich habe mir gegenüber dieses Versprechen eingehalten, durchlebte jedoch in Folge viele schreckliche Nächte mit Albträumen über die Gruppe und die Musik. Es ist schwer für mich, wegzugehen und mir Musik live anzusehen, da es genau das gewesen ist, was ich mit meinem Leben anstellen wollte, und es war eine sehr herbe Enttäuschung für mich gewesen, dass alles einfach so in sich zusammenstürzte. Für eine lange Zeit war ich sehr deprimiert gewesen und es ist für mich bis zum heutigen Tag immer noch sehr schwer, diese Interviews zu führen und über unsere Formation zu sprechen, da meine Gefühle gegenüber der Band und unserer Musik so verdammt stark gewesen sind!"

 

Ironie der Geschichte

 

In diesem Zusammenhang drängt sich natürlich unweigerlich das Thema Reunion auf: Bei Gruppen wie Candlemass, Destruction, Agent Steel usw. hat das ja hervorragend geklappt, wohingegen sich Greg zunächst rein gar nicht davon begeistert zeigt: "Für gewöhnlich ziehe ich es vor, eine Band zu ihren Glanzzeiten in Erinnerung zu behalten, anstatt 15 Jahre später, mit Glatzen und Bierbäuchen. Natürlich sehe ich immer noch gut aus, hehe! Da Jerry nunmehr nicht mehr dabei ist, wären es auch nicht mehr die originalen CIRITH UNGOL, aber es ist immer noch möglich..." "Es ist erstaunlich“ wundert sich Rob, „aber es vergeht kein Monat, in dem man nicht an uns herantritt, ob wir nicht bei einem großen Festival oder so auftreten. Als wir damals zusammen waren, mussten wir für jeden kleinen Gig kämpfen, bei dem wir für gewöhnlich die Opener-Rolle einnahmen oder als zweite Gruppe auftraten. Es ist schlimm, dass uns damals nicht dieselben Möglichkeiten eröffnet wurden, da wir definitiv die Vorstellungen einiger Leute gesprengt hätten!!! Ich hörte hauptsächlich deswegen auf zu spielen, weil mich die Art, wie wir von der Musikindustrie damals behandelt wurden, anwiderte. Da dieselben Leute heutzutage immer noch im Musikbusiness zugange sind und da derselbe Scheißdreck immer weitergeht, kann ich es nicht ertragen, mich diesem Missbrauch ein weiteres Mal zu unterwerfen. Ich vermisse das Musizieren und würde für unsere Fans definitiv spielen, aber ich glaube, dass das eher zweifelhaft ist. Du hast ja jetzt ungefähr eine Ahnung von dem Schmerz und den Leiden, durch die wir uns all die Jahre hinweg durchhangelten und welch dunkle Flecken das in meinem Geiste hinterlassen hat..."

Eigentlich ist es fast schon eine Ironie der Geschichte, dass gerade heutzutage mehr Leute auf CIRITH UNGOL zu stehen scheinen als das noch während des Bestehens der Band der Fall gewesen ist: Der Kult wächst beständig - ob aufgrund einer heuchlerischen Rückbesinnung auf die Ursprünge oder aber ernsthaft motiviert... "Rob hat Kartons über Kartons voll mit Briefen von Fans, die uns über all die Jahre hinweg schrieben“ erklärt Greg. „Das Internet ist in der Tat für solche Kultbands wie uns hervorragend... Nur zu schade, dass das Ganze nicht zwanzig Jahre zuvor stattfand, als wir solch regen Zuspruch dringend nötig hatten! Wir bekommen jeden Tag Emails aus aller Herren Länder und es ist wirklich befriedigend zu sehen, dass unsere Musik so vielen Leuten so viel bedeutet." Rob versucht, den Kontakt zu den Fans auch unter erschwerten Bedingungen aufrechtzuerhalten: "Ich erhalte etwa 50 Emails pro Tag und pro Woche trudelt zirka eine Interview-Anfrage ein. Da wir ja mittlerweile auch andere Leben führen, brauche ich immer lange Zeit, um diese Emails zu beantworten, aber wir versuchen unser Bestes! Viele Leute kommen auch nur schwer an unsere Sachen heran, insbesondere in den USA."

 

Spinnenkämpfe & Co.

 

Es mutet seltsam an, dass, obwohl das meiste offizielle CIRITH UNGOL-Material in den Achtzigern auf den Markt kam, in jenem Jahrzehnt keinerlei Touren an Land gezogen wurden, um die Gruppe auch im Rahmen einer Konzertreise mal dem Publikum näher zu bringen... Greg beschränkt sich zunächst darauf, anzumerken, dass die Band schon als Anheizer für Dio, die frühen Black Sabbath, Blue Oyster Cult, Ratt, Lita Ford und die japanische Formation Loudness in Erscheinung trat, wohingegen Rob dies etwas näher ausführt: "Wir spielten auch mit vielen anderen Gruppen, die es nie so richtig schafften und entweder sehr gut oder aber schlecht waren. Ich mochte mehrere frühe Metal Blade-Bands, wie zum Beispiel Omen oder Malice: Das waren gute Kerle gewesen, aber wir spielten auch mit vielen Formationen, die von sich dachten, dass sie besser sind als das de facto überhaupt der Fall war." Greg hingegen geht noch etwas auf die Live-Situation im L.A. der Spät-Siebziger ein: "Damals spielten wir mit Van Halen, Legs Diamond, T & T und Quiet Riot, als noch Randy Rhoads bei ihnen mit dabei war." Da Europa nie das Glück zuteil wurde, dass sich CIRITH UNGOL dort auf Tour begaben und zudem nicht allzu viele Videoaufzeichnungen von Auftritten der Kalifornier existieren, ist es schwer, sich eine Show der Amis vorzustellen. "Jegliche Videos, die es von uns gibt, möchte ich gerne sehen“ fordert Greg. „Außer dass Tim zu Beginn der Show aus einem Sarg stieg und während 'Shelob's Lair' gegen eine Riesenspinne kämpfte, ging es sehr geradlinig vonstatten: Tim schrie wie eine Banshee, Jerry entlockte seiner Flying-V unglaubliche Soli, Rob verarbeitete sein Drumkit in Kleinholz und Flint versuchte, das Chaos mittels einer Donnerwand am Laufen zu erhalten." Rob übermittelt uns weitere Einzelheiten: "Zum Ende unseres Sets spielten wir immer einen Song, in dessen Verlaufe jeder die Chance erhielt, seine Soli einzubringen. An einer Stelle spielte Greg die unglaublichsten Gitarrensoli, dann folgte Jerry mit einem gar noch spektakulärerem, daraufhin traten sie gemeinsam auf, um ein Double-Lead-Solo runterzuzocken, das sprichwörtlich die Toten aus den Gräbern auferstehen ließ! Für gewöhnlich spielte ich zusammen mit dem Bass-Solo, dann machte ich einfach alleine weiter, bis meine Hände zu bluten anfingen und ich dann manchmal das Publikum mit meinen kostbaren Körperflüssigkeiten einsprühte... Zum Schluss hörten wir mit diesem zerstampfenden Ende auf, welches sich in ein Crescendo hineinsteigerte und im Finale Grandioso dem Knall einer Peitsche gleich zuschlug! Junge, wie ich diesen Teil liebte!!!"

 

Diener des Chaos

 

Das bereits mehrfach erwähnte Doppel-Album "Servants Of Chaos" wird laut Greg nicht die letzte Veröffentlichung CIRITH UNGOLs sein: „Wir haben etwa an die zwanzig weitere unveröffentlichte Songs wie zum Beispiel 'Brutish Manchild', 'Shelob's Lair' und 'Worse Things Waiting', die ich versuche auszusortieren, um sie dann hoffentlich für eine weitere CD noch mal abzumischen." Leider wird laut Greg "Servants Of Chaos" wohl voraussichtlich erstmal nicht auf LP gepresst werden: "Sorry, aber es ist nicht geplant, diese Scheibe auf Vinyl herauszubringen. 'Hype Performance', 'Eyes' und die Studioversion von 'Last Laugh' wurden nie zuvor veröffentlicht und 'Bite Of The Worm' kam lediglich im Rahmen unserer "Orange Label"-Kassette in einer Auflage von wenigen hundert Kopien heraus. Alle anderen Songs stellen unterschiedliche Versionen im Vergleich zu unseren originalen Alben dar. Und natürlich wurden meine ganzen langweiligen Gitarrensachen noch nie zuvor der Öffentlichkeit zugänglich gemacht!" So langsam kommen wir zum Ende dieser Unterredung, die letzten Worte gehören der Band, wobei an dieser Stelle Greg den Anfang macht: "Meinen aufrichtigen Dank an all unsere Fans, die unsere Musik über die Jahre hinweg unterstützten! Wir hoffen, ihr mögt "Servants Of Chaos" und lasst es uns wissen, falls ihr mehr von CIRITH UNGOL hören möchtet!" Rob kann dem nur beipflichten: "Ja, und falls ihr die Band mögt, begebt euch auf die Suche und holt euch die Wiederveröffentlichungen, da es nicht sicher ist, wie lange sie erhältlich sein werden. Über Jahre hinweg gab es diese Sachen lediglich als Bootlegs und die Qualität war sehr schlecht gewesen, also informiert eure Freunde über eine Band, die vor langer, langer Zeit an einem sehr, sehr weit entfernten Ort mal existierte…"

DENNER/SHERMANN

Tuesday, 28 June 2016 13:30 Published in Fortsetzungs-Stories

Keine explodierenden Nonnen mehr

 

An dieser Stelle nunmehr ein Nachschlag in Sachen DENNER/SHERMANN: Der ehemalige Mercyful Fate-Gitarrist Hank Shermann wurde im Rahmen des Interviews dem Ruf seines Ex-Bandkollegen King Diamond gerecht und gab sich ungemein auskunftsfreudig. Die Antworten des Dänen waren präzise und erhielten in kürzester Zeit ein Maximum an Informationen, die (mit)geteilt werden wollen. Deswegen folgen nun hier in der virtuellen Welt noch tiefere Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Debütalbums „Masters Of Evil“ von DENNER/SHERMANN sowie die eine oder andere Anekdote aus der ruhmreichen Vergangenheit des Sechssaitenhexers.

 

Sämtliche Gitarren der genannten ersten Scheibe von Hanks neuer Band wurden erneut in einem Kopenhagener Studio aufgenommen. Snowy Shaw spielte seine Schlagzeugspuren indes in Göteborg in einem Studio namens Sound Industry ein, wo auch das Mixing der Platte über die Bühne ging. „Dort produzierten wir auch bereits die EP „Satan's Tomb““ erzählt Hank. „Wir mochten die Idee, mit Arnold Lindberg, demselben Engineer und Mischer, wieder zusammenzuarbeiten. Dieser hatte viel mehr Freiheiten, konnte schalten und walten, wie er wollte. Zwei- bis dreimal während des Abmischens schauten jedoch Michael (Denner – Anm. d. Verf.) und ich vorbei, um ihm zu helfen, den richtigen Sound und die passenden Gitarren- und Gesangslinien, Reverbs, Delays etc. für uns zu finden. Wir hielten das Ganze bewusst ziemlich old-schoolig: Die Gitarren hören sich beispielsweise ziemlich Vintage-mäßig an, die Produktion könnte glatt als Kombination aus diversen Alben der 90er und 80er Jahre durchgehen. Die Musik an sich ist aber auch von Sachen aus den 70ern beeinflusst, denn aus diesem Jahrzehnt beziehe ich all meine Inspirationen, wie zum Beispiel von den frühen Judas Priest oder anderen coolen Bands der damaligen Zeit.“

An gemeinsame Bandproben ist aufgrund der Tatsache, dass die einzelnen Musiker auf zwei verschiedenen Kontinenten beheimatet sind, derzeit nicht zu denken: Während die beiden Gitarristen Hank Shermann und Michael Denner in Dänemark weilen, residieren Schlagzeuger Snowy Shaw in Schweden und Sänger Sean Peck und Bassist Marc Grabowski in den Vereinigten Staaten. „Sean nahm seine Gesangsparts in San Diego in Kalifornien auf, während Marc seine Sachen in demselben Studio in Denver einspielte, das er auch bereits für die EP frequentierte. Wir benutzen das Internet mit Hochgeschwindigkeitsverbindungen, um uns gegenseitig Dateien zu schicken. Das kann dann via Dropbox oder sonst irgendeinem einschlägigen Dienst passieren. Wir verpacken die Musik in Folder, während das unser Gegenüber herunterladen kann. In meinem ProTools-Aufnahmesystem füge ich daraufhin alles zusammen und sorge dafür, dass sich alles gut anhört. Dann komprimiere ich das Ganze wieder auf eine annehmbare Dateigröße und sende es den Leuten in Schweden, damit die das abmischen können. De facto haut diese Vorgehensweise richtig gut hin, schon dreimal habe ich auf diese Weise gearbeitet. Natürlich befinden wir uns nicht alle in demselben Raum, aber hoffentlich bietet sich uns die Möglichkeit, es das nächste Mal auf die wirklich althergebrachte Art und Weise aufzuziehen und alle zusammen zur gleichen Zeit in demselben Studio aufnehmen. Es wäre sehr interessant, zu dieser Arbeitsweise zurückzukehren!”

 

Freiheit für jeden

 

Für die textliche Komponente zeichnet indes Sean alleine verantwortlich, erörtert Hank: “Wenn ich ihm einen Song schicke, lässt er sich von dessen Feeling zunächst einmal inspirieren, so kommt es drauf an, ob es ein schnelles oder langsames Stück ist usw. Sean verfügt über eine große Vorstellungskraft, weswegen er angefangen bei Fantasy über das Okkulte bis zu Teufels-Thematiken respektive dem Kampf Gut gegen Böse über so ziemlich alles schreiben kann. Er vermag in textlicher Hinsicht wirklich sehr viele verschiedene Wege einzuschlagen. Sean gehen nie die Ideen aus, er kommt ständig mit neuen Gedanken an und wir lassen ihm diesbezüglich alle Freiheiten, davon ausgenommen, dass wir die Grenze auferlegen, dass die Songs nicht politisch oder so werden. Auch das ist eine Parallele zu den alten Mercyful Fate – Tagen: King Diamond zeichnete für sämtliche Texte verantwortlich, niemand hinterfragte je seine diesbezügliche Autorität. Ich finde es wichtig, dass der Verfasser der Lyrics komplette Freiheit hat, über das zu schreiben, was er gerne möchte, so dass man das Beste aus einer Person herauskitzeln kann. Das Gleiche gilt auch für Snowy Shaw: Ich fertigte zwar Schlagzeugspuren für die Pre-Recordings an, ließ ihm jedoch die Freiheit, seine Parts nach seinem Gutdünken zu gestalten und einfach von selbst aus alle nur erdenklichen verrückten Dinge zu machen – was er dann letztendlich auch tat, haha! Auf diese Art kriegen wir ebenso das Beste aus Snowy heraus: Er hat seinen Spaß, seine Drumspuren aufzunehmen, kann sie jederzeit komplett ändern. Wenn's vielleicht mal zu verrückt wird, geben wir ihm schon dann und wann mal einen Tipp, was er anders machen könnte, aber in der Regel ist das was er abliefert exzellent! Dasselbe gilt letztlich auch für unseren Bassisten, dem wir sagten: „Marc, sei einfach du selbst und sei heavy!“ Insbesondere Sean vermochte es meiner Meinung nach, dem Album eine gehörige Portion Spannung zu verleihen.“

 

Unvergessliche Erlebnisse

 

Wagen wir abschließend noch eine Reise zurück in die Vergangenheit: Vor 35 Jahren rief Hank zusammen mit Kim Bendix Petersen alias King Diamond Mercyful Fate ins Leben. Der Gitarrist, dessen Musik Generationen an nachfolgenden Bands nachhaltig beeinflusste, wird nun besonders redselig und gibt einige Anekdoten zum Besten: “Gute Erinnerungen an diese Zeit gibt's natürlich unglaublich viele. Ich persönlich fing ja bereits 1977/78 an, Musik zu machen: Brats spielten anfangs eher Punkrock, bis sich die Band weiterentwickelte. Ich denke gerne an die frühen Mercyful Fate-Shows 1981/82 speziell in Holland zurück, als wir beim „Dynamo“ in Eindhoven spielten. Ich erinnere mich daran, dass, als wir das erste Mal dort auftraten, wir ganze fünf Zugaben zum Besten geben mussten. Wir gingen also noch mal auf die Bühne und stimmten manche Stücke einfach ein zweites Mal an, da wir zum damaligen Zeitpunkt nur eine begrenzte Anzahl Songs im Repertoire hatten. 'Doomed By The Living Dead' und 'Evil' spielten wir, wenn ich mich recht entsinne, zweimal, das war schon etwas sehr Spezielles! Das dürfte so zirka 1982 gewesen sein, kann aber auch sein, dass es früher war, denn das ist ja schon eine lange Zeit her… Und dann fällt mir da noch was Unvergessliches ein, dieses Mal wieder im Zusammenhang mit Mercyful Fate: 1984 tourten wir quer durch die Vereinigten Staaten, und als das dann vorbei war, wurden wir eingeladen, als eine der Supportbands von Motörhead in Erscheinung zu treten. Speziell an diese Konzertreise haben wir einige wirklich sehr, sehr gute Erinnerungen. Als wir beispielsweise nach Chicago kamen, sahen wir eine lange Schlange an Fans vor dem Club, in dem wir auftreten sollten und wir fragten uns, ob diese Leute alle extra deswegen gekommen sind, um uns zu sehen?!? – Ich meine, wir waren es gewohnt, in Dänemark zu spielen und da warteten keine Schlangen an Leuten vor den Clubs, haha! Das sind alles so Geschichten, an die man sich gerne zurückerinnert. Schlechte Erfahrungen wollen mir hingegen nicht wirklich in den Sinn kommen. Hm, vielleicht diese Geschichte: Januar 1984 reisten Mercyful Fate gen Italien, um sechs Konzerte dort zu geben. Am letzten Tag sollten wir in Neapel vom Promoter abgeholt werden, der uns dann zum nächstgelegenen Bahnhof zur Weiterfahrt nach Mailand bringen sollte. Leider kam der gute Mann nicht! Wir waren also inmitten von Neapel in einem Hotel gestrandet. Vom Hotel zum Auftrittsort und wieder zurück gelangten wir mit dem Taxi. Unser Tourmanager entschuldigte sich bei King Diamond und meinte, dass es ihm leid tue, dass das Ganze so unprofessionell verlaufen wäre. Im gleichen Atemzug sagte er jedoch, dass wir von nun an auf uns selbst gestellt wären, allein unseren Weg zurück nach Mailand zu finden. An diese Geschichte erinnere ich mich auch noch sehr gut. Wir mussten uns quasi quer durch Neapel zum Bahnhof durchkämpfen und uns dort unsere Tickets nach Mailand organisieren, von wo aus wir nach Dänemark zurückfliegen konnten! Eine andere, allerdings coole Sache ereignete sich 1999, als King und ich als Gastmusiker bei Metallica in Erscheinung traten und zusammen mit den Jungs ein etwa zehnminütiges Mercyful Fate-Medley zum Besten gaben. Beim „Gods Of Metal“-Festival in Mailand wurden wir eingeladen, zusammen mit Metallica vor Unmengen an Zuschauern die Bühne zu entern: Das war auch ein großartiges, unvergessliches Erlebnis!”

 

Weniger Show, mehr Rock‘n‘Roll

 

Hank zeichnete damals bei Mercyful Fate in erster Linie für die Musik verantwortlich. „Mein Hauptaugenmerk lag darauf, gute Songs zu schreiben. King war indes für das Image, für das ganze Universum, die Atmosphäre, die diese Band umgab, zuständig. Dort spielte King natürlich eine große Rolle mit seinem angemalten Gesicht, den umgedrehten Kruzifixen usw. In unseren Anfangstagen hatten wir unter anderem explodierende oder wahlweise brennende Nonnen sowie brennende Kreuze auf der Bühne: Wir machten schon so einige lustige Sachen…! Das war sicherlich Kings Reich. Er beschäftigte sich mit der Thematik und dachte sich immer neue Dinge aus. Er war auch derjenige, der damals mit der Presse darüber sprach, denn da sich das Ganze auf seinen Texten gründete war er mit der Materie schließlich am besten vertraut. Wir anderen Jungs, also Michael Denner, unser damaliger Bassist Timi G. Hansen und unser Schlagzeuger Kim Ruzz waren eher darauf bedacht, dass wir die Songs richtig und gut rüberbrachten. Die ideologische/textliche Komponente spiegelte in erster Linie das wider mit was sich King dereinst beschäftigte. Das Image half der Gruppe anfangs natürlich immens, schließlich war das zur damaligen Zeit, anno 1982, etwas Neues und Aufregendes. Heutzutage ist das natürlich nur mehr schwer nachvollziehbar, weil das lange nicht mehr so aufregend ist, aber damals war das schon richtig cool und die Leute genossen es!“

Bei DENNER/SHERMANN dürfte es indes wohl eher keine explodierenden Nonnen geben… „Haha, nein, sicher nicht! Denn mittlerweile sind wir ja auch etwas reifer und selbstbewusster geworden. Wir sind Herren älteren Semesters, haben King nicht in der Band und Sean ist eher eine Art „Heavy Metal – Entertainer“, um's mal so auszudrücken. Auf der Bühne wird er eher der Art und Weise gerecht, wie zum Beispiel Judas Priest auftreten. Das einzige was wir in Sachen „Showeffekte“ im Blick haben ist ein großes Backdrop mit unserem Logo, welches bald hergestellt werden wird. Und wer weiß, vielleicht wird's auch noch die eine oder andere Statue geben, oder vielleicht auch nicht. Ich persönlich ziehe es vor, nur ein paar Marshall-Verstärkeranlagen sowie ein Backdrop auf der Bühne zu haben und dann unheimlich laut zu spielen: Das ist meine Interpretation einer coolen Rockshow!“

 

 

 

 

Wie jedes Jahr pilgern auch 2016 an einem April-Wochenende wieder Massen an Headbangern (nicht nur) quer aus Europa ins beschauliche Lauda-Königshofen, um in der dortigen Tauberfrankenhalle alten Legenden des Edelstahls zu huldigen. Dabei irritierte etwas die Vorankündigung, dass die Verkaufsstände des Metal-Markts nunmehr in einem separaten Zelt außerhalb der Halle untergebracht sind, weswegen auch erheblich mehr Tickets an den Mann respektive die Frau gebracht werden konnten. Komisch mutet diese neue Regelung auch in der Praxis an: Klar, der Einlass hat sich etwas verändert, was sich jedoch noch mehr auswirkt, ist die Tatsache, dass das KIT ohne Stände in der Halle etwas von seinem ureigenen Charme verloren hat. Dennoch ist und bleibt das Festival natürlich nach wie vor ein wahres Gipfeltreffen für alle Freunde des traditionellen, gepflegten Metal, und auch die 19. Ausgabe dieser Veranstaltung ist beileibe nicht arm an Höhepunkten.

 

Freitag

 

Als die Nordiren TERMINUS mit deutscher Pünktlichkeit exakt um 13 Uhr auf der Bühne stehen, stecken leider nicht viele KIT-Banger in der neuen Einlass-Schlange fest. Dies gab es bisher noch nie und stößt nicht (nur bei Besuchern erster Stunde) gerade auf Begeisterung und kann nicht nur in den eingangs erwähnten, erweiterten Ticketverkäufen begründet liegen. Irgendwie ist hier heute etwas Sand im Getriebe, und Shopping-Süchtige, die gleich während der ersten Band nach Vinyl-Raritäten wühlen wollen, halten die Massenwanderung in Richtung Halle weiter auf. So kann der Rezensent den Opener 'The Reaper's Spiral' der Belfaster leider nicht mehr ganz mitbekommen. Die Vorfreude und Neugier ist anhand des im Underground vielbeachteten 2015er-Debüts, epischer Heavy Metal mit Tiefgang, nicht gerade klein. Während 'The Encyclopedists' und 'The Merchant Princess' werden dann schnell zwei Dinge deutlich: 1. Den Musikern ist anzumerken, dass sie in dieser Besetzung noch sehr wenig Live-Erfahrung haben. Man wirkt „schüchterner“ und hüftsteifer als es anhand der astreinen Performance angebracht ist. Und 2: Sänger James Beattie hat eine wunderbare, etwas tiefergelegte Singstimme, die Live sogar noch mehr als auf Konserve mitzureißen weiß. Während 'Poseidons Children' und 'To Ash, To Dust' füllt sich die Tauberfrankenhalle dann endlich merklich, so dass während des letzten Stücks 'Centaurean' dann schon richtig tolle Stimmung aufkommt. Fazit: Wegen der eingangs erwähnten Unentschlossenheit und Introvertiertheit kein solcher Triumphzug wie letztes Jahr Sacral Rage, aber ein guter Gig und mehr als würdiger Auftakt.

Mit MYTHRA stehen anschließend wahre Veteranen, die allerdings nicht nur einigen jüngeren Fans bisher gänzlich unbekannt waren, auf der Bühne. NWOBHM-Ursuppe die zwar bereits 1976 gegründet wurde, aber nach der 1979er-Debüt-EP „The Death And Destiny“ und ein paar Demos dann schnell wieder das zeitliche segnete. Circa 20 Jahre später wagte man mit dem „Debüt“ einen Neuanfang. Gefolgt von dem 2003er-Output „The Darkener“ und einer erneuten Pause. Nach dem Reunion-Gig auf dem 2015er-Brofest soll es nun also wieder weiter gehen. Die in Würde ergrauten, recht charismatischen älteren Herren haben so richtig Bock, grinsen und Lachen viel, performen ihre teilweise sehr alten Stücke mit Herzblut und Leidenschaft und reißen mit ihrer Spielfreude sehr schnell alles und jeden vor der Bühne mit. Dabei ist es völlig egal, ob wir von teilweise älteren Songperlen wie 'U.F.O', 'Warrior Time', 'Vicious Bastard', 'Killer', 'England', 'Overlord', oder 'Death And Destiny'. Von A-Z ein kompletter Triumphzug. Viele neu Angefixte sind sich bereits während des Gigs einig, gleich im Anschluss auszuschwärmen und die 2015er-Anthology-Compilation abzugreifen. Zum Ende des Auftritts ist die Stimmung für diese Tageszeit fast schon phänomenal, und 'Heaven Lies Above' und das herausragende 'New Life' runden einen saustarken Gig grandios ab.

Da dürfte es für S.D.I schwer sein, hier noch einen draufzusetzen, oder? Die Erwartungshaltung die 1986 in Niedersachsen gegründete Thrash/Speed-Metal Formation ist anhand des Kult-Rufs und der räudigen, ungehobelten Energie der Frühwerke bei sehr vielen anwesenden schon mal riesengroß. Während dem Eröffnungstrio 'Fight', 'Killers Confession' und 'Long Way From Home' ist der Sound leider noch a) sehr verwaschen und b) extrem höhenlastig und übersteuert abgemischt. Dies und die Tatsache dass die sympathischen, recht charismatischen älteren Herrschaften teilweise etwas untight (evtl. auch dem Sound geschuldet) zusammenspielen, verhagelt S.D.I etwas den Einstieg. Mit einer Granate wie 'Panic In Wehrmacht', 'Alcohol' oder 'Violence' kriegen die Deutschen dann aber die Kurve und der Moshpit direkt vor der Bühne wütet mehr und mehr, was Sänger und Bassist Reinhard Kruse mehr als einmal ein zufriedenes Grinsen entlockt. 'Sign Of The Wicked' und der Underground Hit 'Megamosh', den man als Thrasher einfach mitsingen muss, machen dann den Deckel auf eine angenehm schnörkellose, kurzweilige und aggressive Voll-in-die-Fresse-Show. Bleibt S.D.I zu wünschen, auch hierzulande etwas mehr Anerkennung und Beachtung einzufahren. In vielen unserer Ost-Europäischen Nachbarländer genießt die Combo ja schließlich bereits Legendenstatus.

Bereits auf der Hinfahrt zum diesjährigen Keep It True wurde dem fulminanten THRUST-Debüt „Fist Held High“ gelauscht, entsprechend groß sind die Erwartungen an die US-Metaller. Von der archaischen Energie des erwähnten Werkes ist bei dem Quintett aus Chicago anno 2016 indes nicht mehr allzu viel übrig geblieben: THRUST gehen dieser Tage weniger räudig, um nicht zu sagen "braver" zu Werke. Während die Gruppe in ihrer Setlist eine Retrospektive des eigenen Schaffens bietet, sind es vor allen Dingen die Songs von „Fist Held High“, die auf die anwesenden Fans am meisten Eindruck machen. Musikalisch wird das Ganze durchaus ansprechend in Szene gesetzt. Leider ist ein großes Manko dieses Auftritts jedoch der Gesang von Andy Beaudry, der es keineswegs schafft, eine Brücke zu den räudigen Anfangstagen der Band zu schlagen. Waren damals leichte Anleihen beispielsweise an einen Dan Beehler von Exciter auszumachen, wirkt Andys Organ doch besser bei einer normalen Heavy- oder gar mitunter Glam-Formation aufgehoben: Ganz abgesehen davon, dass Herr Beaudry auch optisch gut und gerne ebenso bei einer Sleaze-Gruppe in Erscheinung treten könnte. So bleibt beim geneigten Fan letztendlich ein insgesamt zwar solider, aber auch etwas getrübter Gesamteindruck in Sachen THRUST zurück.

Ganz anders sieht es da stattdessen bei TOKYO BLADE aus: Von der ersten Minute an ist hier in der Tauberfrankenhalle Partystimmung pur angesagt! Die Japan-affinen Briten zeigen sich unglaublich spielfreudig und bereichern das diesjährige Keep It True mit einer engagierten, beseelten Leistung. Die Setlist hat es in sich und deckt unglaublich viele Klassiker der Engländer ab. Da TOKYO BLADE heute in der originalen „Night Of The Blade“-Besetzung von 1984 auftreten, versteht es sich von selbst, dass speziell von dieser Scheibe so einige Stücke ihren Weg ins Set finden: Konkret gesagt berücksichtigen die Briten sämtliche Tracks ihres Drittwerkes, mit Ausnahme von 'Rock Me To The Limit' und 'Warrior Of The Rising Sun'. Zwischen den „Night Of The Blade“-Songs wird dann immer wieder ein anderer Klassiker der Truppe eingeschoben. Fakt ist, dass es bei keiner Band zuvor beim diesjährigen Keep It True in der Halle so voll war, was angesichts der relativ frühen Spielzeit ziemlich verblüfft. Keine Frage: TOKYO BLADE ist definitiv eines der absoluten Highlights des Festivals! Hier passt einfach alles: Einstellung, Feeling und musikalische Fähigkeiten vereinen sich zu einem Triumvirat und münden in einem regelrechten Siegeszug! Und als die Briten ihren Hit 'If Heaven Is Hell' anstimmen, bebt die Tauberfrankenhalle. Es dürfte schwer werden, diese Stimmungskanonen zu toppen, und doch gelingt genau dies an demselben Tag noch mindestens ein weiteres Mal…doch dazu später mehr.

Verständlich, dass ROCK GODDESS danach ihre liebe Müh und Not haben, dieses Partylevel zu halten: Ganz andere Bands hätten dagegen deutlich abgekackt, um's mal auf gut deutsch zu sagen. Allein, die drei Londonerinnen geben ihr Bestes und nehmen den Hörer mit auf eine Reise quer durch die Bandgeschichte. ROCK GODDESS legen sich ins Zeug und eine schweißtreibende Rock‘n‘Roll-Show aufs Parkett. Dass sich ein guter Teil des Publikums nach TOKYO BLADE allerdings wieder nach draußen begeben hat, liegt nicht ausschließlich an den relativ milden Temperaturen, sondern auch an der Tatsache, dass die Engländerinnen eben beileibe nicht so mitreißendes Songmaterial im Gepäck haben wie ihre Vorgänger. Genauso wie auf Platte können ROCK GODDESS zwar auch live einen Achtungserfolg verbuchen, darüber hinaus vermag das Trio jedoch keine Duftmarke zu setzen. Wenn es um Frauen-Power geht, so haben doch nach wie vor die Kolleginnen von Girlschool die Nase vorn! Trotzdem braucht beziehungsweise kann man den Auftritt der Damen um die Turner-Schwestern nicht schlecht reden, präsentiert sich das Trio doch engagiert und auf unbekümmerte Art und Weise.

Richtig voll wird's in der Halle dann wieder bei THE RODS: Die Band um den charismatischen Sänger/Gitarristen David „Rock“ Feinstein rockt gleich von der ersten Minute an ab als gäbe es kein Morgen mehr. Ähnlich wie bei TOKYO BLADE zuvor überträgt sich die Spielfreude und der Eifer für den Rock‘n‘Roll direkt aufs Publikum, das die US-Amerikaner frenetisch feiert. Musikalisch immer auf der Höhe des Geschehens zocken THE RODS ein routiniertes, aber dennoch lebendiges und herrlich mitreißendes Set herunter, das bei allen Anwesenden mächtig Eindruck schindet. Die Stage-Performance lässt ebenfalls kaum zu wünschen übrig, schmeißen sich die Musiker doch herrlichst in Rockstar-typische Posen. Rein stilistisch gesehen gibt's astreinen US-Hard Rock, einmal mehr wird ein bunt gemischtes Oeuvre an Songs aus unterschiedlichen Schaffensphasen der Amis geboten. Die 2010 wiedererstarkte Formation bringt noch einmal jene Energie auf die Bretter, die THE RODS damals in den glorreichen 80ern ausmachte: Eine erstklassige Live-Band sind Feinstein & Co. definitiv nach wie vor noch!

Sehr groß waren dieses Mal die Spekulationen bezüglich der „Secret Band“. Und die Vermutungen gingen extrem weit auseinander. Ganz heiß gehandelt wurden z. B. Demolition Hammer, die man mehr als gern beim nächsten KIT sehen würde. Jedenfalls gab es im Vorfeld wirklich nirgendwo im Web irgendeine gesicherte Information zu finden. Und dann steht ER wirklich auf der Bühne. ROSS THE BOSS gibt sich mit Begleitband die Ehre. Die Euphorie und Begeisterung in der Halle ist fast spürbar, manche von weit her gereiste Die-Hard-Fans von alten Manowar sind regelrecht gerührt und ROSS THE BOSS beantwortet dies gleich mal mit den beiden Klassikern 'Sign Of The Hammer' und 'Metal Daze'. Die Tauberfrankenhalle kocht, Texte und Melodien werden mitgesungen, die Luftgitarre kollektiv ausgepackt und das Bier sowie die Longdrinks fließen in Strömen. Optisch stören sich manche zu Beginn noch an der „unmetallischen“ Kurzhaar-Erscheinung des 24-jährigen Ami-Sängers Mike Cotoia. Aber mal ehrlich: Wer so eine Ausnahmestimme hat, die selbst den heutigen Eric Adams in den Sack steckt, ist doch irgendwie unangreifbar, oder? Die Stimmung erreicht dann während dem Übersong 'Blood Of My Enemies', 'Gates To Valhalla' und 'Secret Of Steel' auch mit Abstand das bisherige Tageshoch. Ross und Begleitband sind genau in ihrem Element, saugen den unglaublichen Zuspruch und die Energie des Publikums förmlich in sich auf und lassen sich weiter zu Höchstleistungen anstacheln. So gleicht nach 'Kill With Power' die Darbietung von 'Thor (The Powerhead)' wirklich einem dieser magischen Momente, die man selbst auf einem Keep It True nicht so häufig erleben darf. 'March For Revenge (By The Solders Of Death)' und 'Dark Avenger' lassen ebenfalls weiter nichts anbrennen, ehe ROSS THE BOSS kurz innehält. 'Hail And Kill' wird kernig angesagt und erhöht dann nochmals das Aggressions-Level, ehe 'Battle Hymn' zum Abschluss wirklich von nahezu jedem einzelnen anwesenden mitgesungen wird und für Gänsehaut pur sorgt. Ganz großes Kino und eine mehr als schwere Aufgabe, nach so einer Vorstellung auf die Bühne zu müssen!

Das denken sich auch RAZOR und legen vom Opener 'Nowhere Fast' so los, als hätten sich die Musiker kollektiv ein Kilo Koks durch die Nase gezogen und würden anschließend um ihr Leben spielen. Mit viel Selbstbewusstsein, Spielfreude und Aggression sowie einer gewissen coolen Unbekümmertheit, ziehen die Kanadier einfach ihr Ding durch und kommen damit von Anfang sehr gut an. Der Moshpit wütet anhand der bisher brutalsten Vorstellung des Festivals auch von selbst. Und die im Vorfeld als Special-Old-School-Set angekündigte Performance tut ihr übriges. Im Prinzip rotzt das Quartett erst mal sehr energetisch das ganze „Evil Invaders“-Album, jedoch erst mal ohne den Titeltrack, herunter. In den Songpausen gibt sich Klampfer David Carlo immer wieder mit lustigen, schwarzhumorigen sowie selbstironischen Ansagen witzig und obersympathisch. Die Darbietung des fast ganzen Zweitlings wird dann mit den besten Songs des Debüts „Executioner's Song“ ergänzt. Da wären zum Beispiel die Smasher 'Hot Meal', 'Gatecrasher', 'Fast And Loud' und 'City Of Damnation'. Insbesondere die letzten beiden zeigen, welch brutales Brett sich mit nur einer Klampfe fahren lässt. Das folgende 'Take This Torch' wird wegen einem Patzer recht schnell beendet und gleich der Klassiker 'Evil Invaders' hinterher geschoben, ehe 'Take This Torch' dann als Zugabe doch noch makellos abgefeuert wird. Thrash with Class und eine durch und durch starke, überzeugende Vorstellung. Anhand des Slots nach ROSS THE BOSS ist vor dieser Leistung gleich mal doppelt der Hut zu ziehen. Sehr geiler Tagesausklang!

 

Samstag

Nach frostigen Temperaturen letzte Nacht und Bodenfrost (wer hätte das im Vorfeld geahnt?) sowie einigen ausufernden Aftershow-Partys vor der Halle stehen zur ersten Show des Tages doch schon wieder erstaunlich viele Banger vor der Bühne. Was gestern mit Kanada endete, beginnt auch heute wieder damit. METALIAN dürften auch unter Kuttenträgern noch relativ unbekannt sein und legen gleich mal mit viel Drive und Elan los. Das Quebecer Quartett hat sich straightem, mit viel Speed dargebotenem Heavy Metal und beißender Sirenen-Stimme verschrieben. 'Stücke wie 'Metal, Fire & Ice','The Traveller', 'Warrior' oder 'Bastards' treiben jedenfalls recht gut den ein oder anderen Kater aus oder inspirieren andere besser gleich mal besser eine Konterhalbe zu holen. Kurzweilig und gut!

Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, wann DEXTER WARD auch mal beim Keep It True spielen würden, agieren in den Reihen der Combo doch zwei ehemalige Musiker von Battleroar, der epischen Metal-Formation aus Griechenland. Und da KIT und Epik aus Hellas schon seit jeher gut zusammenpassten, schien die Verpflichtung von DEXTER WARD nur logisch. Indes muss erwähnt werden, dass Letztgenannte eigentlich nur am Rande etwas an Battleroar erinnern: Vielmehr steht erdiger, traditioneller Edelstahl im Mittelpunkt des Interesses. Während man in Sachen Bandnamen wenig originell vorging (dieser bezieht sich auf den bekannten Roman „Der Fall Charles Dexter Ward“ von H.P. Lovecraft), erweist sich auch die Musik als wenig innovativ. Dennoch machen die fünf Jungs ihre Sache eigentlich ganz gut und liefern eine von Grund auf solide Show ab, die bei Genrefans kaum Wünsche offen lässt.

Anhand einiger SAVAGE MASTER-Shirts in den Reihen des Publikums ist zu vermuten, dass sich nicht wenige Anwesende auf die Amis ungemein gefreut haben. Allen Unkenrufen derjenigen Zeitgenossen, die einen unerträglichen Hype um die Amis entdeckt zu haben wollen zum Trotz liefern Frontdame Stacey Peak und ihre Sklaven an den Instrumenten an diesem Samstag eine unterhaltsame, handwerklich ansprechend inszenierte Show ab. Auch der Schreiberling hatte im Vorfeld etwas Angst, die Sängerin würde dem, was sie auf Platte ablieferte, live nur schwerlich gerecht werden können. Doch weit gefehlt: Stacey hat ein kraftvolles und dreckiges Gesangsorgan, das irgendwie an eine Mischung aus Wendy O. Williams und Tim Baker von Cirith Ungol erinnert. Rein musikalisch tendieren SAVAGE MASTER indes eher in Richtung der Letztgenannten, wenngleich deren Tiefgang und songwriterische Finesse (natürlich) bei Weitem nicht erreicht werden. In Sachen Stage-Performance könnten die Amis ebenfalls noch einen Zahn zulegen. Ansonsten wurden die zahlreich anwesenden Banger jedoch Zeuge einer hoffnungsvollen Truppe, deren Erfolg eben nicht nur auf Image und Trendreiterei beruht, sondern auch wahre Substanz und Größe hat!

Anschließend wird es mit den Amis IRON CROSS (nicht zu verwechseln mit zahlreichen anderen Bands aus den USA, welche den gleichen Namen tragen) etwas obskurer. Zwar erst 1979 gegründet, lieferte die Combo erst 1986 ihr Debüt und verschwand nach einer weiteren EP erst mal wieder, um zwölf Jahre später mit einer weiteren EP aufzutauchen. Danach folgte abgesehen von Compilations und einer Live Veröffentlichung nicht mehr viel. Wegen dem des Gitarristen und Sängers Mike Skelton im Jahre 2014, musste die Truppe eine KIT-Show absagen welche heute nun also nachgeholt werden soll. Abgesehen von einem Haufen Die-Hards vor der Bühne sind die Resonanzen insbesondere währen der ersten Sethälfte recht verhalten. Manchmal klingt es anhand mancher holpriger Passagen so, als hätte man im Vorfeld nicht viel proben können. Zudem stehen hier optisch wenig zusammenpassende Charaktere auf der Bühne, von denen der Gitarrist gesundheitlich angeschlagen zu sein scheint. Der halbe Gig wird im Sitzen absolviert, und später ist sogar ein Abtransport mit Rollstuhl notwendig. Den über weite Strecken wenig packenden Gesang teilt man untereinander auf. Schade, denn die Setlist ist mit einigen Perlen bestückt, welche auf Konserve durchaus zu begeistern wissen. Keinen Gefallen tut man sich hingegen mit dem extrem blutarmen Motörhead-Cover 'Killed By Death'! IRON CROSS geben sich zwar sichtlich Mühe, aber wirken heute angeschlagen und schlecht geölt – können letztendlich leider einfach nicht so recht überzeugen.

Von einem ganz anderen Kaliber ist anschließend Norman Kiersznowski – alias SKI. Bekannt sein dürfte das Kraftpaket vor allem als Sänger von Faith Factor und Deadly Blessing, die beide christlich geprägte Texte hatten. Heute steht er mit einer frischen Band und ordentlich in Jeans, Leder, und einer Menge Nieten(-Armbänder) sowie mächtigen Boots gekleidet auf der Bühne. Optisch könnte man hier z.B. durchaus an eine Kreuzung aus Rob Halford und einem jungen Paul Di‘Anno denken. Die Setlist enthält einen guten Querschnitt über sein bisheriges Deadly Blessing-Schaffen, wobei unverständlich ist das von Faith Factor gefühlt gar kein Material zum Zuge kommt. Nicht mal die quasi Festival-Hymne 'Keep It True' von „Against A Darkened Sky”. SKI wirft immer wieder Bühnendeko und Teile seines Outfits ins Publikum. Die-Hards dürften sich hier einen Wolf freuen. Andere über seine messerscharfe, schneidende hohe Stimme, die zwar Geschmackssache ist, aber absolut nichts von ihrer Durchschlagskraft eingebüßt zu haben scheint. Einen sehr unterhaltsamen, voll und ganz überzeugenden Gig beendet das starke Lizzy Borden-Cover 'American Metal'.

Die folgenden Norweger gelten unter Power/Heavy Metal-Lunatics als Kult-Truppe, die diesen Sound schon zockten, bevor er in Europa so richtig salonfähig und sehr angesagt wurde. ARTCH spielen in Texten rund um Krieg, Geschichte und spektakulären Lebensgeschichten gerne mit Klischees. Dies gilt auch für die sehr spielfreudige, gerne auch mal übertrieben selbstironische Performance. Hier wird immer am Limit gepost, die Klampfe in die Höhe gerissen und gerne das ein oder andere Rock-Klischee bedient. Der Fünfer spielt wohltuend tight sowie knackig zusammen und Sänger Eric Hawk scheint heute bestens bei Stimme zu sein. Diese ist als kraftvoll, rau und gleichzeitig recht variabel zu beschreiben. Die Klampfer fahren einen sehr harten, schneidenden und im Vergleich zu mancher Studio Version subjektiv etwas tiefer gestimmten Gitarrensound, welcher der Combo aus Sarpsborg unweit von der Schwedischen Grenze, aber sehr gut zu Gesicht steht. Erfreulicherweise spielen ARCH sehr viele Stücke vom 1988er Debüt „Another Return“, welche heute in wahrem Glanz erstrahlen. So dürften sich die Norweger einige neue Fans erspielt und die Merch-Verkäufe ordentlich angekurbelt haben. Gut auf Augenhöhe mit der tollen Vorstellung von SKI zuvor.

Das neben FATES WARNING aber zweifellos mit Abstand größte Tages-Highlight soll aber nun endlich folgen. Mehr als eine Träne wurde wegen dem unvorhergesehenen Ableben der göttlichen Anacrusis nach dem umjubelten KIT-Gig vor ein paar Jahren verdrückt. Koryphäe KENN NARDI konnte das Leid dann mit der Veröffentlichung des Doppelalbums und zukünftigem Klassiker „Dancing With The Past“ dann eindrucksvoll mildern. So eine umfangreiche Sammlung an extrem abwechslungsreichen Killer-Songs hatten trotz allem Optimismus viele nicht erwartet. Und nun sollen wir ein paar dieser Stücke plus Anacrusis-Highlights also endlich wieder livehaftig zu hören bekommen. Doch dafür bräuchte man auch einen Drummer. Chad Smith, welcher auch „Manic Impressions“ einspielte, ist pünktlich zum Linecheck mal kurz nicht zu finden. Die restlichen Musiker, neben Mr. Nardi Bassist Chris Speciale und Gitarrist Mike Hendricks, machen das Beste daraus und bereiten alles so gut wie möglich vor. Als Chad Smith dann endlich auf dem Drumhocker sitzt, ist die Hektik groß und ein Mischpult für die Soundeffekte will noch kurz in Betrieb genommen werden. Dieser Verzögerung fällt heute leider das im Vorfeld auf der Setlist stehende, neue Stück 'The Killer Is In My House' zum Opfer. Sehr schade! Spätestens der Hit 'Release' sowie der Titelsong des Solo-Doppelalbums stimmen da aber schnell versöhnlich. Der Sound ist insgesamt relativ gut, wenn in den ersten Reihen direkt vor der Bühne evtl. leicht übersteuert. KENN NARDI ist wie gewohnt super bei Stimme und überzeugt in cleanen als auch den berühmten, einzigartigen Scream-Passagen gleichermaßen. Seine Mitmusiker wirken motiviert, spielfreudig und gut eingespielt und so verschafft uns 'Something Real' den ersten magischen Moment des heutigen Konzerts. Der neue Track 'Fragile' kommt live sogar noch intensiver als auf Platte rüber und 'Grateful' ist sowieso über jeden Zweifel erhaben. Fast schon obligatorisch ist das New Model Army Cover 'I Love The World'. Für den Übersong 'Sound The Alarm' holt sich KENN NARDI Verstärkung von Mayfair-Sänger Mario, der über ein tolles Bühnen-Charisma verfügt und sich mit dem Großmeister sehr gut ergänzt. Altfans werden zum Schluss dann noch mit den beiden Debüt-Songs 'Butchers Block' und 'Fighting Evil' zufrieden gestellt. Was mit dem bisher größten Moshpit-Anteil direkt vor der Bühne quittiert wird. Insgesamt eine wahnsinnig intensive, sehr atmosphärische Show, die allerdings ganz leicht unter dem verspäteten Start sowie dem nicht idealen Soundbedingungen gelitten hat. Unabhängig davon ist für die musikalische Bandbreite sowie die potentiell zu spielenden Mega-Songs die Spielzeit von einer knappen Stunde viel zu kurz. Hier wäre es sehr zu wünschen, das KENN NARDI als Co-Headliner mit mindestens (!) 75 Minuten Spielzeit bald wieder auf dem KIT gastieren kann. Gänsehaut pur und musikalisch unbeschreiblich einzigartig und wertvoll!

Sie zählen definitiv zu den tragischen Helden der Rockgeschichte: 1975 gegründet, befanden sich PRAYING MANTIS während der Frühphase der NWOBHM auf einem sagenhaften Höhenflug, welcher anno 1981 von der Veröffentlichung des legendären Debütalbums „Time Tells No Lies“ gekrönt wurde. Danach war's dann allerdings auch schon wieder vorbei mit der Herrlichkeit, führten in erster Linie doch Probleme mit dem Management dazu, dass die Band vorerst auf Eis gelegt werden musste: Als die Nachfolgescheibe „Predator In Disguise“ zehn Jahre später endlich erschien, war die NWOBHM natürlich Geschichte und einstige Weggefährten wie Iron Maiden oder Def Leppard längst Weltstars: Allein dieser Kelch ging an PRAYING MANTIS leider vorbei. Auf eben jene erwähnte Platte „Time Tells No Lies“ legen die Briten bei ihrem Auftritt beim diesjährigen „Keep It True“ ihr Hauptaugenmerk, und die Fans danken es ihnen: Freilich bilden PRAYING MANTIS mit ihrem eher seichteren, fast schon AOR-lastigen Hard Rock eine Ausnahmeerscheinung im Festival-Programm, doch genau diesen Umstand feiert selbst so mancher hartgesottene Oldschool-Banger ab. Inmitten einer Progressive- wie US-Metal-dominierten Veranstaltung tun die melodisch-eingängigen Rocker der Briten ungemein gut! Und PRAYING MANTIS präsentieren sich an diesem Abend in absoluter Spielfreude, legen einen nicht zu beanstandenden „Gute-Laune-Gig“ hin. Es ist ungemein geil, alten Klassikersongs der Marke 'Captured City', 'Flirting With Suicide' oder 'Children Of The Earth' noch mal lauschen zu können, bevor die beiden letzten Bands des Samstags das Festival kraftvoll-progressiv ausklingen lassen.

Den Anfang machen HEIR APPARENT, deren Auftritt definitiv zu den ganz großen musikalischen Momenten des diesjährigen Keep It True zählt: Nur sehr wenige Bands vereinen Energie und instrumentale Versiertheit mit einem untrüglichen Gespür für intensives, beeindruckendes Songwriting auf so gekonnte und meisterhafte Art und Weise wie die Amis. Man kann sich kaum satt hören an Songs wie 'Keeper Of The Reign', 'Another Candle' oder 'Running From The Thunder': Keine Frage, das 1986er-Debüt „Graceful Inheritance“ gehört in jede halbwegs gut sortierte Heavy-/Power-/Prog-Metal-Sammlung! Von besagtem ersten Album spielen HEIR APPARENT heute mit Ausnahme von 'Nightmare' sämtliche Songs, steht die Show der Amis doch gänzlich im Zeichen des 30-jährigen Jubiläums der Götterscheibe. Was speziell Gründungsmitglied Terry Gorle mit seiner Gitarre alles dahinzaubert, entbehrt jeglicher Beschreibung! Definitiv zählt der Herr zu den aufregendsten, besten seiner Zunft auf dem diesjährigen Keep It True! Auch der Sound erweist sich als relativ gut, so dass HEIR APPARENT an diesem Abend ein wahrer Triumphzug vor einer übervollen Halle gelingt. Natürlich bieten die Jungs aus Seattle keine Partymucke, dafür jedoch enorm spannungsgeladene, dynamische wie gehaltvolle Songs, die auch nach mehrmaligem Konsum noch einladen, auf Entdeckungsreise zu gehen. Keine Frage: HEIR APPARENT werden ihrer Rolle als Co-Headliner mehr als gerecht! Im Gegenteil, man muss sich fast schon die Frage stellen, ob FATES WARNING dem noch was draufsetzen werden können?

Wenngleich Progressive Metal die Schnittmenge der beiden letzten Formationen des Keep It True-Samstags darstellt, unterscheiden sich beide Formationen jedoch von Grund auf: Relativ „unspektakulär“, wenn man diesen Ausdruck im Zusammenhang mit FATES WARNING überhaupt in den Mund zu nehmen wagt, setzt sich die Setlist der regulären Spielzeit der Amis aus sämtlichen Songs des 1986er Meisterwerks „Awaken The Guardian“ zusammen, das im Rahmen dieses Auftritts natürlich besonders zelebriert werden soll. Demzufolge gibt's in der ersten Stunde keine Überraschungen auszumachen, der Hörer muss sich lediglich in den Soundwall fallen und treiben lassen. Ein göttergleich singender John Arch ist da natürlich nur die Spitze des Eisbergs: Die Rhythmusfraktion wirkt wie ein Schweizer Uhrwerk millimetergenau aufeinander eingestellt, während die beiden Gitarristen Jim Matheos und Frank Aresti ihre Fertigkeiten gekonnt, aber auch songdienlich darbieten, ohne in selbstgefällige Skalendudeleien abzudriften. Zurück jedoch zu John Arch: Dessen Gesang bildet schon für sich genommen ein Reich jenseits seiner Mitmusiker, die Vocals legen sich sphärengleich um Riffs und Soli, um Licks, Fills und Breaks gleichermaßen. Der Zugabeteil erweist sich dann noch als äußerst ergiebig, werden mit 'The Apparition', 'Damnation', 'Night On Bröcken' und 'Epitaph' doch jeweils zwei Klassiker von den ersten beiden Alben „Night On Bröcken“ sowie „The Spectre Within“ zum Besten gegeben. Insbesondere das abschließende 'Epitaph' ist mit über zehn Minuten ja bekanntlich nicht gerade einer der eingängigsten FATES WARNING – Tracks… Alles in allem machen die Amis an diesem Abend alles richtig und schaffen es, ihre zahlreich erschienen Anhänger vollauf zufrieden zu stellen. Lediglich der Sound verwischt (mal wieder) die Feinheiten, die die Musik einer solchen Band auszeichnen. Dennoch ist es wohl für alle Beteiligten ein unvergessliches Erlebnis und ein würdiger Schlusspunkt unter einem erneut ziemlich geilen Festival-Wochenende.

Ja, der Sound beim KIT: Jedes Jahr beschwert man sich darüber, und auch 2016 gab es ein paar Ausfälle. Besonders bei RAZOR beispielsweise waren so einige Unzulänglichkeiten auszumachen. Dagegen vermochten Bands wie HEIR APPARENT, ROSS THE BOSS und THE RODS ihre Sets in einem sehr guten klanglichen Licht zu präsentieren. Die Halle zu wechseln wäre wohl keine Option, dafür hat die Location mittlerweile zu sehr "Kultcharakter" bei eingeschworenen Fans. Insofern muss man sich darauf wohl auch nächstes Jahr wieder darauf einstellen, wenn Größen wie MANILLA ROAD, OMEN, MEDIEVAL STEEL, Q5, ATROPHY oder ASHBURY auftreten werden. Und wer der große Epic-Headliner sein wird, dürfte mittlerweile jedem noch so unbedarften Außenstehenden wie Schuppen von den Augen fallen... Vor diesem Hintergrund ist natürlich auch nächstes Jahr mal wieder absolute Anwesenheitspflicht: "I feel it burning and I feel the freeze, The frost, the fire, it burns inside of me"! In diesem Sinne: Bis 2017!

 

Text: Christian Wachter und Markus Wiesmüller

ANAL BLASPHEMY „Western Decadence“

Monday, 13 June 2016 08:57 Published in Aktuell

Genre: Bestial Black Metal Filth
Angesichts des Bandnamens, der Texte sowie der visuellen Gestaltung von Logo und Artwork würde man als Unwissender ANAL BLASPHEMY eher irgendwo zwischen War Metal-Gerumpel der Marke Blasphemy oder südamerikanisch-räudigem Todesblei der Marke Anal Vomit einsortieren. Doch weit gefehlt: Allzu chaotisch geht Mastermind Molestor Kadotus auf „Western Decadence“ gar nicht mal zu Werke. Mag sein, dass dies in der Vergangenheit dieses Ein-Mann-Projektes mal anders war, das vorliegende vierte Album ist jedenfalls recht abwechslungsreich ausgefallen und wartet mit durch die Bank weg eigentlich nachvollziehbaren Songstrukturen auf. Die sind manchmal dann doch zu banal beziehungsweise vorhersehbar ausgefallen: So manches unspektakuläre Riff wird da endlos lange wiederholt (andere Zeitgenossen sprechen von einer „hypnotischen Erfahrung“). Mitunter agiert der Finne relativ eingängig, was zuweilen (insbesondere wenn klarer Gesang zum Zuge kommt) unfreiwillig komisch, ja amateurhaft wirkt. In guten Momenten klingt die Mystik von Vertretern früher Hellenen-Metal-Klängen wie beispielsweise Varathron oder Mystifier an. Dann kommen einem wiederum auch Osteuropa-Legenden der Marke Root oder Master’s Hammer in den Sinn. Letzten Endes schafft es Molestor jedoch zu keinem Zeitpunkt, mit seinen düster-langsamen Songs auch nur annähernd das kultige Qualitätsniveau der genannten Genrevertreter zu erreichen. Aber für so einige Überraschungen ist der Skandinavier zu haben, gesellt sich doch zu den typisch exzessiv verwendeten Samples auch mal ein reines Electro/Ambient-Stück hinzu: Der Titel `…And God Punished Them` ist indes Programm, wird der Hörer doch mit unzureichendem Gedröhne „bestraft“. Die Suche nach Originalität in allen Ehren, aber letzten Endes finden sich auf „Western Decadence“ einfach noch viel zu viele Unzulänglichkeiten, als dass man diesen Tonträger bedenkenlos weiterempfehlen könnte. 

(c) 2012 www.legacy.de

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