LEGACY - The Voice from the Darkside

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Christian Wachter (CW)

Christian Wachter (CW)

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DESTRUCTION

Friday, 06 May 2016 17:36 Published in Fortsetzungs-Stories

Tod, Verderben und der Niedergang der Menschheit – Die Fortsetzung…

 

In Ausgabe Nr. 102 konnte Schmier von DESTRUCTION bereits zu allerlei unterschiedlichen Themen Stellung beziehen: Das Gespräch startete beim neuen Studioalbum „Under Attack“ und hörte bei Fan-Verarsche durch Live-Tricksereien seitens diverser Bands, die der Sänger/Bassist der deutschen Thrash-Legende lieber nicht beim Namen nennen wollte, auf. Dazwischen war das Interview noch sehr von den Anschlägen in Brüssel geprägt, die am Tag des Telefonats mit Schmier stattfanden.

 

Aber nicht nur diese Themen waren präsent, darüber hinaus gewährte der Sänger/Bassist noch Einblicke in weitere Aspekte, mit denen er sich auf der neuen DESTRUCTION-Platte „Under Attack“ auseinandersetzt. „Da gäbe es noch Sachen wie ich sie beispielsweise im Song 'Second To None' anschneide, zu dem wir gerade erst ein Video im Internet veröffentlicht haben, wo es um den Hass im Internet geht und was Stalking, Bullying usw. alles so mit sich bringen. Das hat man teilweise auch selbst schon erlebt, von Bekannten erfahren und dann gibt's noch genügend schlimme Beispiele weltweit, wo Menschen in den Tod getrieben worden sind. Auch als Band erlebt man das sowieso immer wieder, dass es Hater und Neider gibt. Für mich war es wichtig, mal mit dem Finger auf dieses Thema zu zeigen, denn es ist für mich befremdlich zu sehen, wie sich Menschen im Internet die Schädel einschlagen. So etwas hätte ich nie gedacht! Es wird Tätern aufgrund der dort herrschenden Anonymität aber auch sehr leicht gemacht: Man kann halt angenehm Emails schreiben und sich bequem dahinter verstecken, das ist einfach Fakt. Lustigerweise erhielten wir dafür eben erst einen absoluten Hater-Shitstorm bei Youtube, aber auf der anderen Seite brüllen immer die Lautesten. Nach ein paar Tagen hat das Video heute an die 30.000 Views und 100 Leute fanden's scheiße - das ist nur ein kleiner Prozentsatz. Es gibt eben Menschen, die dafür leben, um andere zu hassen und deren einziges Ziel es ist, im Internet mächtig Dampf abzulassen. Das verträgt sich allerdings keineswegs mit meiner Lebenseinstellung - sorry, Leute!“

 

Keine Nippel, dafür Enthauptungen

 

Mit dem Stück 'Getting Used To The Evil' geht eine Art Medienkritik einher: Der moderne Mensch wird in Fernsehen, Zeitung, Internet usw. so sehr mit Gewalt und Tod konfrontiert, dass er sich quasi an das Böse gewöhnt… "Absolut. Ich hab den Text dazu geschrieben, als mir irgend so ein Idiot per Whatsapp eine Enthauptungsszene des IS geschickt hatte. Ich meinte schon, dass er doch den Arsch offen hätte und ich diesen Scheiß nicht sehen möchte. Später fand ich jedoch das gleiche Video auf Facebook - auf Facebook wohlgemerkt, wo man keine Nippel zeigen darf, dafür aber das Köpfen von Menschen! Irgendwann wird das vielleicht schon mal gemeldet und ist dann verschwunden, aber warum tun Leute so etwas überhaupt? Damit hat der IS das erreicht, was er will, die verbreiten das ja auch selber. So geht's mit vielen Dingen heutzutage, man stumpft regelrecht ab: "Ach, schon wieder ein paar hundert Tote bei einem untergegangenen Boot nach Griechenland..." Menschen sterben und man denkt, dass das ohnehin ja weit weg ist, man ist da gar nicht mehr so betroffen. Diese ganze Situation bewegt mich persönlich dann doch wieder ziemlich. Ich habe mir erst neulich gedacht, dass wir ja vor ein paar Monaten noch alle Paris waren, aber jetzt als es da vor kurzem die Attentate in Ankara gab, war keiner Türkisch, keiner war Ankara. Dies wohl deswegen, weil die Türkei schon zu einem anderen Kulturkreis gehört und wir uns da nicht so zugehörig fühlen. Das geht uns aber doch auch alle an! Das ist alles etwas scheinheilig und man stumpft einfach ab - ich merke das bei mir selbst ja auch. Ich bin immer dann am meisten betroffen, wenn's nah bei mir geschieht wie gerade heute erst in Brüssel und ich mir denke: "Boah, auf dem Flughafen war ich erst gerade, das ist schon brutal!" Auf der anderen Seite stumpft man jedoch ebenfalls ab und das ist eine traurige, aber gleichzeitig auch "normale" menschliche Reaktion, denn man verdrängt ja immer gerne die schlechten Sachen. Das ist leider Fakt und darum geht´s in 'Getting Used To The Evil'. Ich ertappe mich ja selber dabei, dass ich abstumpfe und hinterfrage mich deswegen selbst, wieso dem so ist?"

 

Covers und Kult

 

Für „Under Attack“ nahmen DESTRUCTION zudem noch zwei Bonustracks auf, zum einen eine Coverversion von Venoms 'Black Metal', zum anderen eine Neuinterpretation des Klassikers 'Thrash Attack' aus dem Jahr 1985. „'Thrash Attack' war damals auf "Infernal Overkill" unser allererstes Instrumental. Wir haben das irgendwie nie oft live gespielt und in letzter Zeit immer wieder gemerkt, dass die Leute nach dem Song verlangen, leider hatten wir ihn jedoch nicht in petto. Daraufhin haben wir ihn uns wieder draufgeschafft, ein paar Mal live gespielt und meinten, dass wir ihn doch auch aufnehmen und als Bonustrack verwenden könnten. Das Stück wirkt in der heutigen Version etwas knackiger als 1985, weil wir mittlerweile ja auch besser spielen können. Außerdem können wir unseren Fans, wenn wir ihn live zocken, einen großen Gefallen tun, weil der Song, wenn er als Bonustrack rauskommt, wieder in aller Munde sein wird. Wir dachten, dass wir damit eine Brücke in die Vergangenheit schlagen können. Aus meiner Perspektive heraus spielt man, zumindest als Thrash-Band, einen Instrumental-Song auf Konzerten eher nicht so, denn man denkt, dass die Leute ein solches Stück eher nicht hören, sondern vielmehr was zum Mitsingen haben wollen. Aber auf der anderen Seite hat sich halt auch herauskristallisiert, dass der Song als Kult angesehen wird, weswegen wir ihn noch einmal neu auflegten und ihn im Laufe der anstehenden Tour mal ein bisschen antesten werden, um zu sehen, wie er ankommt. Als die Tracklist im Vorfeld der Produktion in den News von Nuclear Blast herauskam und die Leute sahen, dass 'Thrash Attack' als Remake dort vorkam, merkte ich, wie sehr sich manche Fans darüber freuten und dass das Stück bei unseren Anhängern einen guten Stand hat. 'Thrash Attack' ist relativ kurz gehalten und dauert zwar nur an die drei Minuten, das Stück hat jedoch ein paar geile Riffs zu bieten und ist insgesamt gesehen schon ein cooler Song! Wenn man ein altes Lied noch einmal neu einspielt, hat man da ja dann einen gewissen neuen Esprit drin und dann wird einem erst wieder bewusst, wie cool das damals eigentlich war. Denn wir hatten 'Thrash Attack' lange nicht mehr gespielt, weswegen so etwas schon mal leicht in Vergessenheit gerät."

In den letzten Jahren hatten DESTRUCTION ja vermehrt Klassikersongs gecovert: Was macht für Schmier nun eine gute Coverversion aus, sollte die sich möglichst nah am Original orientieren oder sollte die auch, quasi gleichberechtigt, den Sound der jeweils covernden Band erkennen lassen? "Ich finde, man sollte dem Original Tribut zollen und es nicht so verändern, dass man es nicht mehr wiedererkennt. Aber wichtig ist ebenso, dass man auch die Band an sich heraushört. Wenn eine Coverversion so perfekt ist, dass sie klingt wie das Original, so dass man nicht mehr auseinanderhalten kann, was Original und was Fälschung ist, macht eine Coverversion auch recht wenig Sinn. Dann wirkt das eher so wie eine Coverband, die eine andere Band kopiert. Für mich macht eine gute Coverversion auch aus, dass man sofort erkennt, welche Gruppe da gerade spielt; also wenn ich jetzt was von Iron Maiden spiele und der Hörer nach einer halben Minute meint, dass das doch gerade grad voll nach DESTRUCTION klingt. Dann habe ich erreicht, was für meine Begriffe eine gute Coverversion ausmacht. Perfekt nachspielen und perfekt kopieren ist zwar auch irgendwo 'ne Kunst, aber ich find's geiler, wenn man eine Coverversion so macht, dass man die Band heraushört, die sie spielt." Derzeit sind DESTRUCTION emsig dabei, künftige Konzertreisen zu buchen. „Im Juni fängt's in Süd- bzw. Lateinamerika an. Dann folgt das "Sommer-Geschäft", wir treten auf ein paar Festivals in Erscheinung. Ende September gibt's die ersten Europashows, im Oktober dann die große Europatour, um die neue Platte zu promoten. Wir arbeiten auch gerade an einem Package und haben ein paar geile, junge und bekannte Bands dabei. Ich kann leider die Namen jetzt noch nicht verraten, weil wir gerade erst daran arbeiten, aber ich hoffe, dass das in den nächsten ein/zwei Wochen alles sattelfest wird, damit wir es bekanntgeben können, wer mit uns auf Tour kommt.“

NIK TURNER

Friday, 06 May 2016 00:35 Published in Aktuelle Interviews

Alles kann möglich sein!

 

Als es nach dem Ableben von Lemmy Kilmister darum ging, im Legacy einen Nachruf zu starten, waren sich die involvierten Schreiberlinge sogleich einig, dass man dafür eben keine Standard-Floskeln bemühen und keine üblichen Verdächtigen vors Mikro zerren wollte. Meinereiner trachtete danach, mit Musikern Kontakt aufzunehmen, die noch vor Motörhead zusammen mit der Inkarnation des Rock'n'Rolls auf einer Bühne standen. Als potentielle Gesprächspartner wurden kurzerhand der gebürtige Malaysier Sam Gopal und der ehemalige Hawkwind-Musiker NIK TURNER auserkoren. Nach wenigen Tagen Wartezeit war der Kontakt zu Sam Gopal wieder aufgefrischt, es folgten viele E-Mails, SMS und ein längeres Telefonat, das als Grundlage für das Interview diente, welches in Legacy-Ausgabe 101 abgedruckt wurde und das hier auf der Homepage seine Fortsetzung fand. Es zogen mehrere Wochen ins Land, ein Interview mit NIK TURNER hatte der Schreiberling hier an den Tasten innerlich bereits abgehakt. Bis dann Ende März eine unerwartete Email von Herrn Turner im Postfach erblickt werden konnte: Die umgehend verschickten Fragen wurden von Nik in nicht einmal 24 Stunden komplett beantwortet. Lest nun, was der ehemalige Hawkwind-Musiker über Lemmy und nicht zuletzt auch seine zahlreichen musikalischen Betätigungsfelder aus Vergangenheit und Gegenwart zu erzählen weiß…!

 

Nik ist momentan ganz gut beschäftigt mit Aufnahmen, die er zusammen mit Helios Creed von der kalifornischen Experimental-Formation Chrome tätigt. „Diese tragen den Titel „Space Is The Place“ und werden bei der italienischen Plattenfirma Black Widow Records erscheinen. Thematisch geht es dabei um die Annunaki und die Schöpfung der Menschheit. Dann gibt's da momentan noch weitere Aufnahmen für Freunde sowie meine eigene Gruppe Space Ritual, die ein neues Album plant. Darüber hinaus sind noch weitere Platten von und mit mir geplant, Sachen für andere Leute, ich erkunde neue Ideen, gehe auf Tour, arbeite zusammen mit meinem US-Label Cleopatra an einem Film und dann habe ich da noch einen Sci-Fi-Blog…das macht schon alles enormen Spaß!“ Den muss man auch haben, angesichts der Mannigfaltigkeit der Projekte, in die Nik involviert ist…

 

Drogen, Spiritualität und psychedelischer Wahnsinn

 

Kommen wir nunmehr allerdings zum eigentlichen Anstoß zur Kontaktaufnahme für dieses Interview: Auch wenn seit Lemmys Tod schon einige Zeit verstrichen ist, wollen wir noch mal darauf zurückblicken. „Lemmy und ich waren seit jeher Freunde“ stellt Turner zunächst mal klar. „Wann immer er mit Motörhead in Großbritannien spielte, versuchte ich ihn zu sehen. Ich ging auf die Konzerte und verbrachte Zeit mit ihm, nahm manchmal meine Kinder mit. Er schien immer glücklich darüber zu sein mich zu sehen, denn schließlich waren wir alte Freunde, hatten einen gemeinsamen Background, hatten eine gewisse Zeit miteinander gelebt. Ich brachte ihn mit zu Hawkwind, gab ihm seinen ersten Bass und ermunterte ihn dazu, dieses Instrument doch zu spielen, denn zuvor hatte er ja ausschließlich eine Gitarre in der Hand gehabt. Ich verbrachte viel Zeit mit ihm, als wir beide noch bei Hawkwind waren. Wir hatten Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich Drogenkonsums, denn er war nur auf Speed, während ich Psychedelics nahm, aber letztendlich rauften wir uns zusammen, denn ich bin eine äußerst gelassene Person. Das letzte Mal dass ich Lemmy sah war beim Glastonbury Festival 2015, wo er auch auftrat. Ich sah das Konzert allerdings nicht, da ich Musik-Workshops für jedermann abhielt, da war ich jeden Tag von 11 Uhr früh bis 5 Uhr abends fünf Tage lang eingespannt. Ich traf ihn jedoch eine Stunde lang in seiner Garderobe, umarmte und herzte ihn, wünschte ihm alles Gute. Er war sehr dünn, wie ein Skelett. Ich glaube, dass ich über Facebook davon erfuhr, dass er tot ist. Ich beschloss, Lemmys Begräbnisfeier beizuwohnen und etwas Zeit mit seinem Sohn Paul Inder zu verbringen, den ich kannte seit er sieben Jahre alt war, jetzt ist er 46. Ich war sehr traurig und mir tat es um Paul leid, denn er ist wie mein eigener Sohn, aber letzten Endes war Lemmys Tod keine große Überraschung…“

Es gab jedoch in den 70ern zu Hawkwind-Zeiten bekanntermaßen auch dunkle Wolken in der Beziehung Turner/Kilmister… „Nun, ich war´s der ihm sagte, dass er die Band doch verlassen solle, weil es vor allen Dingen aufgrund seines Speed-Konsums damals richtig schwer war, mit ihm zusammenzuarbeiten. Die Band beschloss einstimmig, ihn rauszuschmeißen, aber niemand wollte ihm das sagen. Also machte ich das, obwohl ich später erfuhr, dass Sänger/Gitarrist Dave Brock bereits sechs Monate zuvor schon für sich selbst eine diesbezügliche Meinung herausgebildet hatte: Das waren so typische Hawkwind-Machenschaften…“ Lemmy verließ Hawkwind, um bekanntermaßen Motörhead zu gründen, der Rest ist Geschichte. Vor Hawkwind war Herr Kilmister unter anderem jedoch auch noch bei Sam Gopal zugange, deren Debütalbum „Escalator“ nach wie vor ein wahres Psychedelic Rock – Schmuckstück ist. „Ja, ich mochte „Escalator“ von Sam Gopal Dream sehr, sogar bevor ich überhaupt jemals was von Lemmy hörte. Zudem verfolgte ich, was er dann mit Motörhead machte und fand das schon cool!“ Auf seiner privaten Homepage wünscht Nik Lemmy in einem Nachruf, dass er auf eine nächste Stufe der Evolution wiedergeboren werden soll. Dies kommt nicht von ungefähr, hat der Flötist/Saxofonist doch ein großes Faible für fernöstliche Religion und Philosophie: „Ich bin ein sehr spiritueller Mensch. Allerdings kann man mich wohl eher nicht als religiöse Person bezeichnen. Ich bin vielmehr dem Buddhismus zugeneigt, weil dies die einzige Religion ist, die alle anderen Religionen dieser Welt anerkennt, während andere Religionen das nicht machen. Ich habe viel Zeit in Indien verbracht, studierte Hinduismus, Meditation und Yoga und habe viel daraus gelernt!“

 

Nie komplett durchgedreht

 

Werfen wir nunmehr einen Blick auf die eindrucksvolle, unvergleichliche Karriere des NIK TURNER und fangen wir bei der Band an, mit der er sich eine ureigene Nische in der Geschichte der Rockmusik erschaffen hatte, die für Generationen von Musikern bis in die Gegenwart inspirierend war: Die Rede ist natürlich von Hawkwind. „Als ich damals in der Band spielte, nahm ich viele psychedelische Drogen, sammelte Unmengen großartiger Erfahrungen, gab dem Publikum viel von mir und traf viele aufregende Leute. Ich besuchte Dr. Timothy Leary im psychiatrischen Gefängnis von Vacaville, wo ich von seiner wirklich sensiblen, einfühlsamen Art ziemlich überwältigt war. Ich nahm damals Acid von Oswold Owlseys und Jerry García und so weiter und sofort... Aber ich glaube, ich war eine Ausnahme, da ich nie komplett durchgedreht bin. Hawkwinds ehemaliger Frontmann Robert Calvert war ebenfalls auf seine eigene Art und Weise außergewöhnlich: Er war sehr kreativ, aber äußerst empfindsam und mental unstabil, manisch-depressiv. Ich hingegen war Freidenker. Dave Brock war dies leider nie: Wenn er LSD nahm, stellte er sich vor, dass er sich in die Hosen geschissen und seine Zunge abgebissen hätte, der arme Junge! Deswegen versuchte er stattdessen jedem, dem er begegnete, zu einem schlechten Trip zu verhelfen, schließlich waren wir alle anders!“

Ob so etwas Visionär-Revolutionäres wie Hawkwind auch heute noch mal möglich wäre, darf bezweifelt werden… „Ich denke, dass die Menschen damals generell sehr abenteuerlustig waren. Ich versuche das nach wie vor zu sein und bin der Überzeugung, dass das jeder andere auch sein kann. Aber das System hat sich verändert, es gibt das Internet, mehr und mehr Gehirnwäsche sowie Zugang zu Informationen, aber sind die alle überhaupt real? Die Menschen haben viele ihrer alten Werte verloren, stattdessen gibt’s mehr Einschränkungen: Erlaubt nicht, dass ihr kontrolliert werdet!“ Nach dem ersten Split mit Hawkwind erhielt Nik von der ägyptischen Regierung die Erlaubnis, in der Königskammer der Cheops-Pyramide nahe Kairo drei Stunden lang Flötenaufnahmen zu machen. Zurück in England wurden diese Aufnahmen 1978 unter dem Bandnamen Sphynx und dem Albumtitel „Xitintoday“ auf den Markt gebracht. Die dazugehörenden Texte wurden nach dem Ägyptischen Totenbuch verfasst. Nik hofft indes, dass die Klänge, die auf der Scheibe zu hören sind, in etwa altägyptischer Musik entsprechen, von der er zum Zeitpunkt der Aufnahmen noch überhaupt nichts wusste. „Ich fühlte lediglich, dass das, was ich dort erschuf, intuitiv beeinflusst und spontan produziert wurde. Allerdings wurde ich damals ebenso von moderner ägyptischer Musik der Beduinen sowie generell der arabischen Musik inspiriert.“

An die Erlaubnis, in der Cheops-Pyramide aufnehmen zu können, gelangte Nik eher zufällig im Rahmen eines Ägypten-Urlaubs: „Ich fragte einfach und es öffneten sich mir die Türen. Alles was man tun kann ist, es zu versuchen, und alles kann möglich sein!“ Bis zum heutigen Tage zeigt sich der Saxofonist/Flötist sehr von der Mythologie des Alten Ägyptens beeinflusst. Indes kann man den Space Rock-Veteranen freilich nicht ausschließlich auf diese Inspirationsquelle limitieren: „Ich interessiere mich für alle alten Mythologien, das war schon immer so. Ich wuchs mit griechischer sowie römischer Mythologie auf und besuchte die jeweiligen Ausgrabungsstätten. Egal ob es sich um mäkenische, nordische, teutonische, keltische, gälische oder die Mythologie der Mayas handelt: Das fasziniert mich, weil die Menschen von damals viele Sachen wussten, die uns verloren gegangen sind. Wir können von ihnen lernen, auch über Außerirdische. Seit kurzem studiere ich die Annunaki und die Ursprünge der Menschheit. Wie eingangs bereits erwähnt schreibe ich gerade zusammen mit Helios Creed von Chrome ein Album darüber, das ist einfach großartig!“ In den Medien wurde in letzter Zeit oft darüber spekuliert, was sich wohl in der geheimen Kammer neben der Grabkammer Tutanchamuns befindet. – Auch die Cheops-Pyramide dürfte in ihrem Innersten noch so einige Geheimnisse bergen… „Ja, ich bin mir sicher, dass es noch viele Orte gibt, über die wir noch sehr wenig wissen und von denen wir immer noch sehr viel lernen können. Leute wie Graham Hancock, Robert Graves und Zacharia Sitchin haben hinsichtlich dieser Dinge Interessantes zu erzählen und sind diesbezüglich sehr bewandert.“

 

Zeitreise zurück in die 70er

 

Zurück zur Musik: Etwas verwundert durfte man sein angesichts der Tatsache, dass Nik das fantastische 2013er Albums „Space Gypsy“ zusammen mit Die Krupps – Mastermind Jürgen Engler in Austin, Texas, aufnahm. „Durch meine Plattenfirma Cleopatra Records kam der Kontakt zu Jürgen zustande. Er lud mich ein, eine Scheibe bei ihm zu erschaffen, die er produzierte, auf der er auch spielen wollte. Letzten Endes kamen wir wirklich sehr gut miteinander zurecht, er ist großartig!“ Rein musikalisch gesehen begab sich Nik im Rahmen von „Space Gypsy“ auf eine Zeitreise zurück in die erfolgreichsten Hawkwind-Tage der 70er Jahre. Irgendwo scheint jene enorm prägende Ära immer im Sound von Turners Projekten durchzuschimmern… „Ich genoss diese Zeit, keine Frage! Die erwähnte Platte sollte jene kommerziell erfolgreiche Ära Hawkwinds wieder heraufbeschwören. Aber dennoch mag ich auch all die anderen Scheiben der Band, auf denen ich in Erscheinung trat. Darüber hinaus stehe ich zu allen anderen unterschiedlichen musikalischen Einflüssen und Stilen, denen ich bis dato frönte, des Weiteren halte ich fortwährend immer noch Ausschau nach weiteren interessanten Ideen!“ Zu den Hawkwind der Gegenwart hat Nik indes ein recht gespaltenes Verhältnis: „Ich kann nicht sagen, dass ich neues Material von ihnen gehört habe, das es irgendwie mit den alten Sachen auch nur im Entferntesten aufnehmen kann.“ Die Chancen, dass sich Nik mit Dave Brock wieder versöhnt, um gemeinsam mit ihm auf einer Bühne zu stehen, stehen schlecht. „Nun, soweit ich das überblicken kann, sind Hawkwind heutzutage Dave und ein paar seiner Fans, die nichts Neues oder Aufregendes mehr zu erschaffen imstande sind. Darüber hinaus habe ich den Eindruck, dass Dave keinerlei Interesse daran hat, mit mir noch mal zusammen zu spielen, wenngleich ich ihn schon mal darüber in Kenntnis gesetzt habe, dass ich gerne wieder mit ihm musizieren möchte, irgendwann einmal…“ Die Tatsache, dass Nik einige der kommerziell erfolgreichsten Hawkwind-Songs schrieb, beschert dem Engländer indes ein geregeltes Einkommen. „Ja, ich erhalte immer noch Royalties von Material, das ich in der Vergangenheit mal schrieb und einspielte.“

 

Europa im Wandel

 

Im August dieses Jahres sind zunächst mal Auftritte mit Inner City Unit geplant. Derzeit tingelt der Saxofonist/Flötist mit NIK TURNER's New Space Ritual Band durch die Lande. Es wäre cool, wenn Nik sich auch bald mal wieder in deutschen Gefilden blicken lassen würde…das sieht mein Interviewpartner genauso: „Ich würde auch mit NIK TURNER's New Space Ritual Band liebend gerne in Deutschland touren! Gibt es da draußen Promoter, die daran interessiert wären, mir zu helfen, eine Konzertreise auf die Beine zu stellen oder Festival-Veranstalter, die uns mit in ihr Programm nehmen wollen?“ Als momentanen persönlichen „Flavor Of The Month“ bezeichnet der Engländer indes NIK TURNER's Space Ritual Band. „Denn dort gebe ich mein gesamtes Repertoire sowie das Space Fusion Odyssey-Material zum Besten. Da ist Platz für alle neuen Ideen und experimentellen Projekte. Ich bin immer noch sehr von Musik im Stile der „Bitches Brew“-Ära von Miles Davis beeinflusst und höre nach wie vor viel Charlie Parker.“

Hawkwind behandelten in ihren Texten viele Zukunftsvisionen, doch wie schaut eigentlich Niks Meinung zur künftigen Entwicklung sowie dem gegenwärtigen Zustand der Menschheit in der Realität aus? „Ich unterstütze das Internet! Ich benutze es und lebe in der modernen Welt, lasse es jedoch nicht zu, dass sie mich regiert. Neue Technologien sind nützlich und ich versuche mich schon weiterzuentwickeln, nicht stehen zu bleiben.“ Im Nachhinein betrachtet bezeichnet der 75-jährige seine Zeit bei Hawkwind durchaus als revolutionäre Ära. Herr Turner glaubt auch heute noch an die Möglichkeit der Umwälzung bestehender Systeme. „Damals bei Hawkwind gab es Unmengen an interessanten neuen Ideen, alternativen Kulturen, das waren wilde, aufregende Zeiten mit wegweisenden Happenings. Aber ich glaube, dass es auf die eine oder andere Art immer Revolutionen geben wird: Europa befindet sich gegenwärtig sehr im Wandel. Ich werde selbst von allem, was sich in meiner Umgebung abspielt, angeregt, es ist großartig, in der heutigen Zeit zu leben!“ ...womit wir beim Ende des Interviews angelangt wären… „Dank dir für die Möglichkeit, meine Gedanken darzulegen, und ich hoffe, dass wir uns irgendwann mal über den Weg laufen! Alles Gute!“

 

 

SAM GOPAL

Friday, 04 March 2016 18:53 Published in Fortsetzungs-Stories

Der Glaube an individuelle Größe

 

Ergänzend zum Interview in der aktuellen Legacy-Ausgabe 101 folgt nunmehr die Fortsetzung des Interviews mit dem gebürtigen Malaysier Sam Gopal, der als ehemaliger Bandkollege eines Herren namens Lemmy Kilmister kontaktiert wurde, um seine Gedanken zum Ableben des Rock'n'Roll-Urgesteins mitzuteilen. Doch der passionierte Tabla-Spieler hat noch weitaus mehr zu erzählen.

 

So erinnert sich der sympathische 71-Jährige, dass es vor der Band SAM GOPAL noch die Gruppe SAM GOPAL'S DREAM gab, die bis natürlich auf Sam selbst aus komplett anderen Musikern bestand. „Diese Formation war ziemlich gut besetzt“, meint Sam, „spielten dort doch bereits Leute wie Mick Hutchinson, Andy Clark (später Musiker bei u.a. David Bowie, Peter Gabriel) oder Pete Sears (u.a. Rod Stewart, Jefferson Starship, John Lee Hooker).“ Als sich die SAM GOPAL-Besetzung gefunden hatte, war Sam ob der Wahl von Phil Duke als Bassisten ziemlich zufrieden. „Da eine meiner Tablas eine Bass-Tabla war, mochte ich es, dass er den Bass mit dem Plektrum spielte: So kamen wir uns nicht in die Quere. Denn wenn das Fundament zu laut ist, hört man die einzelnen Instrumente nicht mehr und es gibt keine Klarheit mehr in der Musik. Musik muss, zumindest meiner Meinung nach, immer klar sein.“

Bei SAM GOPAL spielte Lemmy indes bekanntlich nicht Bass, sondern Gitarre – zumeist Rhythmusgitarre, denn für die Leads, mit Ausnahme von einer Nummer auf dem „Escalator“-Album, war Roger D'Elia zuständig, den Lemmy selbst zuvor bereits kannte und eines Tages einfach mal mit zu den Bandproben brachte. “Viele Leute wissen gar nicht, wie Lemmy eigentlich war“, schätzt Sam ein. „Lemmy war geradlinig und hatte alles im Griff. Er war immer sehr aktiv und hatte Charakter. Wobei das Wort 'Charakter' in diesem Zusammenhang auch missverstanden werden kann, denn man sagt ja beispielsweise auch von diesem oder jenen Fußballspieler, dass er Charakter habe. Lemmy hatte, im Grunde gesagt, Eier, ging auf die Bühne und zog unbeirrt sein Ding durch, hatte immer die Kontrolle über alles.“ Die Zeit nach dem Ableben des ehemaligen Motörhead-Frontmanns war, wie bereits im Interview im Heft berichtet, für Sam emotional gesehen äußerst schwierig: „Zudem wollte die BBC eine Art Tribut von mir an Lemmy, das wohl im Morgenmagazin im Fernsehen ausgestrahlt werden sollte. Ich rief sie zurück und sie fragten mich, ob ich morgen im TV ein Live-Interview geben würde. Ich antwortete allerdings mit einer Gegenfrage: „Was, wenn morgen eine andere wichtige Persönlichkeit stirbt?“ – Daraufhin war Stille am anderen Ende der Leitung. Heute ist dieses aktuell, morgen könnte schon wieder jemand anderes sterben, über den dann ausgiebig berichtet wird: So läuft's nun mal im Show-Business… In der Folge musste ich auch einige scheinheilige Situationen erleben. Ein Amerikaner stellte mir einige Fragen und schickte mir einen Link zu Lemmys Trauerfeier. Ich war zutiefst berührt. Was auch oft vergessen wird und was Musiker wohl noch am besten nachvollziehen können, ist die Tatsache, dass, wenn man mal mit jemandem auf einer Bühne steht und in gewisser Hinsicht eine gemeinsame Ebene erreicht hat, man zu demjenigen auch eine starke Bindung aufgebaut hat. Denn auf einer Bühne ist man ja schließlich so gut wie 'nackt'… Und wenn so etwas mal aufhört, fühlt man sich schlecht, aber man kann das nicht ändern oder einfach 'wegdrücken'. Man kann sein Herz nicht einfach auswechseln und einfach so zu neuen Ufern aufbrechen: Es bleibt, weil es nun mal passiert ist. Es ist gut, dass Motörhead nicht mehr weitermachen, denn das ist nicht wie bei den Rolling Stones, als Brian Jones starb und sie einfach einen neuen Gitarristen verpflichteten, oder bei Frank Zappa, als der mal wieder einen neuen Schlagzeuger brauchte. Motörhead waren einfach Motörhead und Basta! Ich achte das, was Lemmy erreicht hat, er hat sein Leben gelebt. Wenn man mit bestimmten Gaben gesegnet ist, muss man seine Ziele im Leben verwirklichen. Andererseits muss man dafür jedoch auch einen Preis zahlen – und manchmal ist dieser Preis sehr hoch! Manche Leute können damit umgehen, andere wiederum nicht: Es gibt da viele Opfer… Genau so wie ich zur BBC meinte: 'Was, wenn morgen eine andere wichtige Persönlichkeit stirbt?' – Die wussten ganz genau, was ich damit meinte… morgen schon ist Lemmy dann schlichtweg vergessen! Einige Leute nehmen das jedoch viel zu sehr auf die leichte Schulter und sagen: 'Das Leben geht weiter.' – Aber so läuft's nun mal einfach nicht…“

 

Falsche Drogen im Spiel

 

Wenn Sam den Werdegang des Herrn Kilmister nach seinem Weggang bei SAM GOPAL Revue passieren lässt, so ist festzuhalten, dass er mit der Musik von Hawkwind persönlich weniger anfangen konnte. Motörhead hingegen sagten ihm schon eher zu. „Ich denke generell jedoch, dass es wichtig ist, welche Art Musik man auch immer spielt, dass man immer etwas Eigenes heraushört, dass jeder Musiker für sich gesehen wahrgenommen werden kann. Wenn ich Teil einer Gruppe bin – was ich allerdings momentan nicht bin, da ich meine Band selbst zusammenstelle – möchte ich, dass ich alles und jeden hören kann. Wenn ich etwas nicht hören kann, muss man das so organisieren, dass ich das tue, oder es sind einfach die falschen Drogen im Spiel! Wenn zum Beispiel der Bass zu laut ist, müssen alle Instrumente gleichziehen, was dazu führt, dass sich das Ganze aufschaukelt und letztlich nicht mehr gut anhört. Ich glaube, dass dies ein ganz wesentlicher Aspekt in Bezug auf Musik ist. Für meine Begriffe sollte Musik stimulierend sein, man sollte den Charakter jedes einzelnen Musikers aus dem Sound heraushören können. Das ist nicht immer der Fall, weswegen viele Leute frustriert und ausgebrannt werden: Denn Musik verlangt einem viel ab und wenn man dann selbst nicht den gebührenden Raum im Sound für sich beanspruchen kann, ist das schade.“

Legendär sind die Auftritte von SAM GOPAL respektive SAM GOPAL'S DREAM im prestigeträchtigen UFO Club, im Roundhouse in London oder im Rahmen des legendären „14 Hour Technicolor Dream“ im Alexandra Palace, wo man sich mit Größen wie beispielsweise Pink Floyd, The Crazy World Of Arthur Brown, Soft Machine, Pete Townshend oder The Pretty Things die Bühne teilte. Im Londoner Olympia-Club fand später ferner eine Show zusammen mit Jimi Hendrix, Pink Floyd und Traffic statt. Wenngleich diese Shows mit absoluten Größen der Rockgeschichte bestritten wurden, waren die Voraussetzungen, schlichtweg der damaligen Zeit geschuldet, nicht immer optimal. „Welche Art Equipment man benutzt, kommt ganz drauf an, welche Art Sound man erschaffen möchte sowie in welchen Locations, ob großen oder kleinen, man spielt. Als ich in den 60ern in London Musik machte, war das ja die Zeit von Hendrix, Pink Floyd und all diesen Künstlern. Damals gab's keine Monitorboxen, weswegen man manchmal nicht alles hören konnte. Die Gitarristen konnten sich schon selber hören, weil sie ihre Amps hinter sich stehen hatten. Bei Bedarf konnten sie auch die Lautstärke nach oben drehen. Bei meinen Tablas benutzte ich ein PA-System, das allerdings vor mir in Richtung Publikum aufgebaut war, so dass ich kein Feedback hatte. Heutzutage hat man Monitorboxen sowie Sound-Engineers auf und neben der Bühne. Dennoch waren die Erfahrungen, die ich damals in den 60ern sammeln konnte, wertvoll, denn auf diese Weise lernte man, mit Problemen umzugehen und daran zu wachsen.”

 

Herr der Tablas

 

Tabla, jenes nordindische Percussioninstrument, das Sam sein Leben lang intensiv studierte, kann und sollte seiner Meinung nach weiterentwickelt werden. Allerdings erkennt Herr Gopal diesbezüglich auch Grenzen: „Ich werde oft darauf angesprochen, doch elektrische Tablas zu entwickeln. Ich habe schon mal an der Realisierung elektrischer Tablas gearbeitet und bin da auch schon sehr weit gekommen. Das Problem bei diesem Instrument ist nur, dass es mit Haut bespannt ist. Ein Unterschied zum herkömmlichen Drumkit ist dann auch, dass man keine Trommelstöcke hat, sondern mit seinen Fingern spielt: Pickups oder Mikrofone müssten also in den Tablas angebracht werden. Dann verfügt dieses Instrument noch über einen ganz eigenen, natürlichen Sound, der mittels Pickups oder Mikrofonen nahezu unmöglich zu reproduzieren ist. Das hört sich dann zwar gut an und man kann mit der heutigen Technologie das alles wie ein anderes Instrument wie beispielsweise Percussion, Drums oder so was klingen lassen. Das wäre ein positiver Aspekt. Die andere Sache ist die, dass ich der heutigen hochentwickelten Technologie zum Trotz den normalen Tabla-Sound einfach bevorzuge, schließlich ist es schon ein großartiges Instrument! Im Laufe der Jahre habe ich versucht, es mit den unterschiedlichsten anderen Instrumenten wie beispielsweise der E- und Akustikgitarre, der Bassgitarre, dem Schlagzeug usw. in Einklang zu bringen. Mein Hauptkriterium dabei ist, dass man jede Note, die von jedem einzelnen Musiker in der Band gespielt wird, hören muss, egal wie laut die Umgebungsgeräusche sind oder wie viele tausend Menschen da draußen sind, die dem Auftritt beiwohnen. Sobald man etwas von den Leuten, mit denen man zusammen musiziert, nicht mehr hört, hat man meiner Meinung nach etwas verloren. Natürlich könnte ich zu Gibson, Fender, Yamaha oder welcher Firma auch immer gehen und meinen Prototypen vorstellen und darum bitten, dass sie daraus etwas Anständiges machen. Ich habe die elektrische Tabla soweit entwickelt, dass sie benutzt werden könnte, ihr Klang würde direkt über einen Amp laufen. Aber wie laut können/sollten Drums sein? – Das ist wiederum ein anderer Aspekt, über den man trefflich diskutieren könnte… Es gibt ja bekanntlich auch Bands, die zwei Schlagzeuger in ihren Reihen haben: Ginger Baker beispielsweise benutzte zwei Bass-Drums, das war schon immer mächtig laut! Sein Schlagzeugsound war seit jeher ungemein treibend. Ein Instrument entwickelt jedoch von Haus aus eine gewisse Dynamik, egal wie laut man spielt oder wie hart man rockt. Man muss dem Instrument Raum geben, sich zu entfalten und sich seinen Weg zu bahnen. Auf meinem 1999 erschienen Album „Fathermucker“ beispielsweise spielte ein ziemlich junger Gitarrist, der auf der E- wie Akustikgitarre ziemlich gut war…“

 

Rocken und kochen auf einer Wellenlänge

 

Der seit 25 Jahren in der bayerischen Landeshauptstadt wohnende Tabla-Spieler arbeitet ferner gerade an der Fertigstellung einer neuen Scheibe, spätere vereinzelte Auftritte sind nicht ausgeschlossen. „München würde ich schon als meine 'Heimat' (benutzt dafür das deutsche Wort - Anm.d.Verf.) bezeichnen. Bei den geplanten Live-Auftritten hingegen werden diverse Musiker involviert sein, mit denen ich in der Vergangenheit bereits schon zusammenarbeitete. Ich halte die Leute quasi warm für derlei Ereignisse, haha: Sie wissen, dass da in Zukunft mal was passieren wird… Wie du sicherlich weißt, agieren wir in einem Industriezweig, in der es nicht um die eine Person geht, die da Musik macht und Platten herausbringt: Man braucht Agenturen, ein Management und solche Sachen. Man benötigt ein ganzes System, um das alles ins Laufen zu bringen und um auf einer höheren Ebene agieren zu können. Wenn man es nicht schafft, das Ganze auf dem Level, das man mal erreicht hat, halten zu können, hat man versagt. Man muss mit den richtigen Leuten zusammenarbeiten, denen man vertrauen kann. Mit meinen jetzigen Mitmusikern komme ich gut aus, sie passen perfekt zu mir. Nunmehr geht es darum, auf dieser Ebene aufbauend fortzufahren. Dies trifft ebenso auf gute Managements und gute Agenturen zu, derlei Aspekte sind ungemein wichtig. Live-Auftritte werde ich ankündigen, wenn's soweit ist. In gewisser Sicht ist es gut, das Ganze sorgfältig zu planen und keine chaotischen Zustände aufkommen zu lassen. Ich mag es nicht, wenn's zu chaotisch wird. 'Chaotisch' bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut. Ich ziehe es vor, über gewisse Situationen die Kontrolle zu haben. Ich möchte, dass sich das Ganze weiterentwickelt, aber auch, dass sich die Musiker, die genau wissen, was sie wollen, bei mir wohlfühlen. Deswegen kümmere ich mich gut um sie… Ich weiß, was mit meinen Musikern in London oder Frankreich gerade los ist, was sie bewegt, was sie erleben usw. Das ist ebenfalls wichtig, denn das Musikgeschäft kann sehr egoistisch sein. Letzten Endes hat man es jedoch in erster Linie auch mit Menschen zu tun, um die sich jemand kümmern muss. Unsere Welt ist manches Mal schlichtweg zu oberflächlich. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Frank Zappa, der ein guter Freund von mir gewesen ist, bei dem ich ihm sagte, dass ich es bevorzuge, eine stetige, eine feste Band zu haben. Dies konnte er nicht so ganz nachvollziehen, weil er seine Musiker ständig auswechselte und die jeweils nötigen Leute einfach anwarb. So nach dem Motto: 'Wenn mir ein Musiker gefällt und er meinen Suchkriterien entspricht, engagiere ich ihn, er spielt für mich das, was ich will, und wenn das nicht mehr hinhaut, entlasse ich ihn wieder.' - Das entspricht dann eher dem 'Hire and fire'-Prinzip. Ich hingegen glaube vielmehr an die individuelle Größe des jeweiligen Musikers und versuche, mit diesen Leuten gemeinsam eine höhere Ebene zu erreichen. Man kann rocken, kochen oder was auch immer: Wenn sich Musiker zusammen auf einer Wellenlänge befinden, kann das Ganze äußerst kraftvoll werden!“

 

Weniger Gehirn, mehr Herz!

 

Als Sam erfährt, dass der Schreiberling auch „nebenbei“ Musik macht, zeigt er sich sehr interessiert, fragt immer wieder nach, es folgen Diskussionen über das richtige Equipment, die persönliche Einstellung zu Musik usw. Der gebürtige Malaysier erkundigt sich sogar danach, wie der Schreiberling die Musik seines einstigen Freundes und Weggefährten Lemmy überhaupt kennen und lieben lernte, bevor er allgemein über Musik philosophiert: „Ein Musiker muss er selbst sein, das muss in seiner Musik rüberkommen. Natürlich benötigt man Einflüsse, aber wenn ein Musiker auf die Bühne geht, sollte er er selbst sein. Gut, selbstverständlich sollte man ebenso professionell agieren. Meine Mitmusiker jedenfalls sind allesamt großartig, sie können wirklich gut kochen, haha! Genieße deine Musik, mach deine Sache gut! Ich mache jeden Tag Musik. Es ist gut, jeden Tag mindestens eine konzentrierte Stunde lang mit seinem Instrument zu verbringen, so wird man kontinuierlich besser und es führt einen näher an die Musik heran. Man sollte nicht zu viel mit dem Gehirn, sondern viel mehr mit dem Herzen spielen! Wenn man mehr Zeit hat, darf es natürlich auch gerne etwas länger sein, das ist immens wichtig! Ansonsten versuche ich positiv zu bleiben – das ist immer mein Bestreben, denn das ist der einzige Weg, den es im Leben gibt!“

Abschließend möchte Sam noch etwas für ihn zentral Wichtiges klarstellen: „Bitte verstehe mich nicht falsch, Chris, aber normalerweise gebe ich eigentlich keine Interviews. Wenn ich das tue, dann mache ich das direkt und live. Vor Kurzem kontaktierte mich jemand aus Schweden und wollte mich interviewen. Ich hingegen meinte, dass ich das so normalerweise eigentlich nicht mache. Deswegen sagte die Dame kurzerhand, dass sie nach München, mit mir plaudern und dann am selben Tag wieder zurückfliegen würde: Das fand ich auch sehr cool! Manchmal ist es halt so, wenn jemand etwas über meine Privatwelt wissen möchte, dass ich diejenige Person gerne selbst sehen möchte und wissen möchte, wer das eigentlich ist. Ein nicht unwesentlicher Teil eines Interviews ist es meiner Ansicht nach auch, dass man sich gegenseitig kennenlernt.“ Einer Danksagung für die Zeit sowie einem Kniefall seitens des Schreiberlings vor dem Lebenswerk des Künstlers weicht Sam indes aus: „Für mich war es eine Freude, mit dir zu reden, Chris! Ich sehe mich selbst eher als Mensch, aber ich weiß sehr wohl, dass heutzutage viele Musiker in den Wolken leben. Ich finde es jedoch besser, wenn man auf dem Boden geblieben ist! Auf der Bühne ist das anders, da geht man hoch und kocht – ich liebe es, in diesem Zusammenhang das Wort 'kochen' zu gebrauchen, wie man im Verlaufe dieses Interviews vielleicht schon bemerkt hat, haha! Ich weiß, dass es im Showgeschäft einige Leute gibt, die zu anderen Menschen nicht höflich sind: Die wahren guten Musiker sind jedoch immer nette Leute!“

Der Frage nach eigenen Fotos von anno dazumal und heute für das Layout des Artikels weicht der sympathische Tabla-Spieler indes galant aus: „Bezüglich aktuellen Fotos muss ich erst mal nachschauen, ob da was Brauchbares dabei ist. Ich schicke dir mal ein Schwarzweiß-Bild von 1969. Weißt du, ich schaue nicht regelmäßig in den Spiegel, haha! Ich bin niemand, der ohne Unterbrechung Selfies von sich macht. Ich kenne mich selbst, ich brauch mich nicht auch noch anzuschauen, haha!“

Das neben Keep It True, Party.San, Rock Hard und Keep It Low beste deutsche Festival geht also nun auch schon in die zehnte Runde. Wie in Lauda-Königshofen handelt es sich hier primär um ein großes Familientreffen mit sehr hohem Anteil Stammpublikum – auch aus den europäischen Nachbarländern. Dazu gesellen sich in den letzten zwei, drei Jahren auch ein paar neugierige Neulinge, welche primär von den großen Headlinern angezogen werden.

 

Freitag:

An einem kühlen, verregneten und herbstlichen Freitagabend zieht es die Meute ohne Umwege recht zügig in die Posthalle. Davon profitieren CROSS VAULT, welche dieses Jahr als Opener fungieren. Das Duo aus Nordrhein-Westfalen hat sich düster-melancholischem, gelegentlich auch ins Depressive abdriftenden, traditionellen Doom verschrieben. Vergleiche mit alten My Dying Bride und Paradise Lost sowie Warning (UK) sind durchaus angebracht. Was die Musiker auf Konserve zu zweit erledigen, bekommt live heute Verstärkung. Dem charismatischen Sänger Niklas alias Nerrath dürften einige Anwesende eher aus dem Black Metal-Umfeld (Zerstörer, Horn, Shrine) kennen. Hinter die Schießbude sitzt sich gerne auch mal Skullsplitter, welche ansonsten u.a. auch bei Nocturnal und Terrorazor aktiv ist. CROSS VAULT kommen heute sehr gut an und die bereits recht zahlreich anwesende Meute ist insbesondere von dem zehnminütigen, epischen 'Revocable Loss' schwer angetan. Eine mehr als würdige Eröffnungsshow! (MWM)

Während das Programm der letzten paar Veranstaltungen nicht immer dem Festivalnamen vollends gerecht wurde, hat man sich für 2015 beim Hammer Of Doom erfreulicherweise wieder auf alte Werte besonnen: Statt Flower Power Rock mit vorwiegend Frauengesang gibt's größtenteils wieder Doom pur, selbst wenn dieser auch mal rockiger, epischer oder deathiger dargeboten wird. Eine Ausnahme von dieser diesjährigen Regel stellen PATH OF SAMSARA dar, die okkulten Rock zocken, der sich an Ideengebern aus den späten 60ern respektive 70ern vom Schlage Black Widow oder Coven orientiert. Allerdings scheinen die Jungs auch einen Narren an Gruppen gefressen zu haben, die zum Revival derartiger Musik geführt haben, man denke da beispielsweise an Blood Ceremony oder vor allen Dingen an The Devil's Blood. Ganz so verspielt wie die Letztgenannten gehen PATH OF SAMSARA allerdings keineswegs zugange, so dass dieses spezielle Element der Musik des Trios schon mal abhanden kommt. Dafür haben die Jungs kompaktere Songs zu bieten, die Genrefans zusagen dürften. Etwas mehr Drive, etwas mehr Düsternis würde der Musik jedoch nicht schaden, zu beliebig wirkt das Ganze derzeit noch. Ansonsten werden PATH OF SAMSARA ihrer Funktion als Einstimmung auf die letzten beiden Hammer-Bands des Freitags im Großen und Ganzen gerecht, wenngleich kein wirklich nachhaltiger Eindruck bleibt. (CW)

Mit SORCERER steht zum ersten Mal an diesem Wochenende epischer Doom Metal in Reinkultur auf dem Programm: Die Schweden hatten bekanntlich einen gewissen Kultstatus in der Szene inne, welcher auf die beiden superben Demos, die Ende der 80er/Anfang der 90er erschienen, zurückzuführen war. Das Debütalbum „In The Shadow Of The Inverted Cross“, das nach über einem viertel Jahrhundert nach Bandgründung erst dieses Jahr erschien, etablierte den Namen SORCERER nunmehr auf breiterer Ebene. Kaum verwunderlich deswegen die Verpflichtung der Schweden als Co-Headliner des Hammer Of Doom-Freitags. Ihrer hohen Platzierung im Billing werden die Skandinavier dann auch vollends gerecht, zelebrieren sie doch eine gelungene Mischung aus ihren bisherigen Veröffentlichungen. Rein musikalisch gesehen, sind die epischen Doomer an jenem Freitagabend in bestechender Form, so dass Hymnen wie 'Born With Fear' oder das den Auftritt beschließende 'The Sorcerer' vom Publikum mit lautstarkem Applaus bedacht werden. Die Schweden stellen mit einer beherzten wie innigen Performance unter Beweis, dass sie nach all den Jahren keinen Deut an Energie und Leidenschaft eingebüßt haben. (CW)

Die Großmeister PENTAGRAM sind für dieses Festival ja mittlerweile zu so etwas wie der Haus- und Hof-Kapelle geworden – und das ist gut so. Ob man dabei nun unter dem Namen Death Row bzw. mit oder ohne Koryphäe Victor Griffin auftritt, sei mal dahingestellt. Weil dieser heute aber wieder an Bord ist, sind viele Fans ordentlich aus dem Häuschen. Sehr gerne erinnert sich jeder an seine „Abschiedsshow“ in Würzburg vor ein paar Jahren, bei der er wie ein Besessener mit unglaublicher Hingabe seine Gitarre bearbeitete. Die Posthalle ist nun das erst Mal heute bis zum Bersten gefüllt, ein endlich wieder ganz in Schwarz gekleideter Mr. Liebling betritt mit seinen Kumpanen die Bühne und legt gleich mit 'Death Row' so eindrucksvoll los, als gäbe es kein Morgen. Victors Gitarrenspiel ist wie gewohnt herrlich wütend, aggressiv und kraftvoll – Rock'n'Roll in Reinkultur. 'All Your Sins' lässt alle Anwesenden umgehend am Rad drehen. Die Halle kocht, es wird mitgesungen, gebangt und getanzt, was das Zeug hält. Erneut auffällig, welch großer Anteil an (hübschen) Damen direkt vor der Bühne dem guten Bobby scheinbar aus der Hand frisst. Dieser wirkt heute trotz vom Leben (und den Drogen) gezeichneten Aussehens erstaunlich fit, vital und gesund. So entschlossen und kraftvoll singend hat man ihn, wenn auch alle der letzten Shows gutklassig waren, in den letzten Jahren nur selten erlebt. Bassist Greg Turley ist nun auch bereits 20 Jahre fester Bestandteil von PENTAGRAM und sorgt zusammen mit Neuzugang Pete Campbell hinter den Drums für den nötigen Groove sowie eine amtliche Tightness. Das neue Stück 'Close The Casket' kommt recht gut an, wird dann aber erwartungsgemäß doch von 'Sign Of The Wolf' getoppt.

'Forever My Queen' wird heute in einer wahrlich magischen Form zelebriert und sorgt reihenweise für Gänsehaut. Dies liegt daran, wie leidenschaftlich und hingebungsvoll Liebling diesen Track heute singt. Das folgende 'The Tempter Push' hingegen mag einer der Gründe sein, warum die neue Platte „Curious Volume“ insgesamt etwas zwiespältig aufgenommen wurde. 'Wartime' von „Day Of Reckoning“ stimmt hier wieder versöhnlich, ehe es mit 'Dead Bury Dead' und 'Curious Volume' zwei weitere neue Songs zu hören gibt. Dadurch bleiben heute die Übersongs 'The Ghoul' sowie 'Walk in The Blue Light' leider außen vor. Mit 'Dying World' kommt aber erneut „Relentless“ zum Zug, ehe mit 'Devils Playground' weitere neue Töne folgen. Als PENTAGRAM dann 'Relentless' anstimmen, erreicht die heutige Stimmung ihren Siedepunkt. Dies gilt gleichermaßen für Publikum als auch die Musiker auf der Bühne. Griffin ist heute gut drauf, hat tierisch Bock, post und reißt seine Gitarre in die Höhe, dass es eine wahre Freude ist. Wenn er soliert, verliert er sich stellenweise regelrecht darin und bearbeitet sein Instrument wie ein Berserker. Das Quartett verschwindet ganz kurz, um mit einem erneut herrlich gesungenen 'Last Days Here' den Zugabe-Block einzuläuten. 'Be Forwarned' und '20 Buckspin' geben der Crowd den Rest und das Kollektiv ist sich einig, heute einen ganz besonderen, vielleicht sogar den besten PENTAGRAM-Gig seit Jahren erlebt zu haben. Dass der neue Longplayer mit vier Stücken eventuell etwas überpräsent war, bleibt hier sekundär. Im Anschluss findet in der Posthalle noch eine fette Aftershow-Party statt. Dank eines meisterhaft auflegenden DJs, dem man gar nicht genug auf die Schulter klopfen kann, hält sich die Meute kollektiv noch sehr lange und gibt sich ausgiebig dem Gerstensaft als auch den Longdrinks hin. (MWM)

 

Samstag:

Da vielen noch die gestrige Aftershow-Party in den Knochen steckt, ist es, als LORD VIGO den heutigen Tag eröffnen, noch relativ übersichtlich vor der Bühne. Bei dem Trio plus Live-Bassist aus dem Rheinland handelt es sich mehr oder weniger noch um einen Newcomer, wogegen die Musiker selbst aus einigen anderen Combos bekannt sein dürften. Speziell Patrick Fuchs, der außerdem noch mit Ross The Boss, Hammer King und Ivory Night aktiv ist. Die Band hat eine Menge klassischen Heavy Metal in ihrem Grundsound und agiert nicht nur im Kriechgang, sondern gerne auch einmal im Midtempo. Diese Bandbreite zeigt das Quartett 'The Arrival', 'Babylon The Great', 'Ishtar – Queen Of The Night' und das schnellere 'Terror Witchcraft' recht gut auf. Dass Sänger Vinz ein grippebedingtes Handicap hat, fällt dabei nicht wirklich schlimm auf. Es wird step by step voller vor der Bühne und als LORD VIGO dann noch ein tolles 'Witchfinder General'-Cover (den Bandsong) zocken, hat die etwas kauzige Truppe gewonnen.

Die folgenden DOOMSHINE sind bereits 15 Jahre aktiv und insofern erstaunlich früh im Billing platziert. Das Quartett agiert von Anfang an selbstbewusst, routiniert, entschlossen sowie gleichermaßen bodenständig und lässt sich von den zu Beginn noch etwas lichteren Reihen nicht beirren. Als die Ludwigsburger 'Third From Inferno' zocken, kommt bereits etwas mehr Bewegung in Richtung Bühne zustande. Sänger/Gitarrist Timmy weiß zudem mit witzigen Storys bezüglich seiner Träume über Bobby Liebling zu unterhalten. Die meisten Anwesenden haben heute tierisch Bock auf das episch-atmosphärische Songmaterial und gehen nicht nur zu dem kernig angesagten 'No One Kills Freedom' (neuer Song?) schon ordentlich steil. Den intensivsten Moment der heutigen Show bescheren uns DOOMSHINE aber mit dem Hit 'Where Nothing Hurts But Solitude'. Eine wirklich gute Show, die Bock auf mehr macht! (MWM)

Mit dem brandneuen dritten Longplayer „To Below And Beyond“ im Gepäck legen die Italiener von BLACK OATH am Samstagnachmittag los. Intro, Image wie Musik der Südeuropäer wirken düster-okkult, was nicht ganz mit dem Gesang von A.Th korrespondiert: Während die Riffs in schönster Candlemass- respektive Solitude Aeturnus-Manier alles niederreißen, was nicht niet- und nagelfest ist, wirken die Vocals relativ melancholisch-sanft, um nicht zu sagen: harmlos. Dass A.Ths Stimmvolumen nicht allzu umfangreich ist, wird im Rahmen der 45 Minuten, in denen BLACK OATH auf der Bühne stehen, mehr als einmal deutlich: Insbesondere wenn er versucht, die eine oder andere gesangliche Höhe zu erklimmen, wird er hart auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Außerdem fehlt den Vocals einfach die nötige Ausdrucksstärke, um mit der Konkurrenz mithalten zu können. Ansonsten kann man nicht meckern: Die Italiener haben starke Songs im Gepäck, die Epic Doom-Fans eigentlich vollauf zufrieden stellen sollten. Allein der Funke will an diesem Samstagnachmittag nicht vollends überspringen, wenngleich die Südeuropäer alles in allem eigentlich einen recht souveränen Auftritt hinlegen. (CW)

Was BLACK OATH schon mit ihrem düsteren Sound eingeläutet haben, hieven CARONTE nun noch auf das nächsthöhere Level. Das Quartett aus der Schinkenstadt Parma profitiert live vor allem von zwei Dingen: zum einen dieser unglaublich fiese, basslastige und dröhnende Wüstenrock-Gitarrensound, den Tony mit seinem besessenen Gitarrenspiel hier durch die Fuzz-Amp-Armada jagt. Zum anderen natürlich vom eindrucksvollen, charismatischen Stageacting sowie der tollen, stellenweise durchaus an Danzig oder Pete Steele erinnernde Stimme von Sänger Dorian (Whisky Ritual). Dazu gesellt sich mit Bassist Henry sowie Drummer Mike (Shinin' Shade) eine astreine Rhythmusfraktion, die für ein schön druckvolles Fundament sorgt. Was einem kleinen Teil der Anwesenden zu dröhnend und monoton-hypnotisch ist, zieht den Großteil aber regelrecht an. Wie in Trance verfolgen die ersten Reihen die Show und lassen sich immer tiefer in den okkulten Strudel aus von Aleister Crowley inspirierter Texten und Musik hineinziehen. Insbesondere dem deutlich tätowierten Dorian ist anzumerken, dass Esoterik für ihn weit mehr als nur ein Wort und Image ist. Das einzelne Lied gerät bei dieser Darbietung zur Nebensache. Die Songs fließen wunderbar ineinander über und lassen Zeit und Raum vergessen. Lediglich das coole Jefferson Airplane-Cover 'Somebody To Love' lässt einen langsam wieder erwachen und macht klar, dass selbst der schönste Gig irgendwann zu Ende geht. Unglaublich intensiv – das bisherige Tageshighlight! CARONTE verkaufen verdienterweise anschließend auch so einiges an Merchandise. (MWM)

THE ORDER OF ISRAFEL sind derzeit, zu Recht, sehr angesagt. Die Schweden sind zwar erst seit 2012 aktiv, veröffentlichten 2014 mit „Wisdom“ aber ein saustarkes Debüt, welches in der Szene einschlug wie eine Bombe. Nachdem die vorhergehenden Bands alle eher kauzig-dröge-schwerverdaulich aufspielten, gibt es jetzt klassischen Doom in Reinkultur auf die Lauscher. Und danach lechzen heute viele der anwesenden Jünger. Diese Band lebt vom voll und ganz überzeugenden Songwriting sowie dem gelungenen Spagat aus Härte, Druck und tollen (teilweise doppelstimmigen) Gitarrenmelodien. Nicht zu vergessen natürlich das packende Organ von Ex-Church-Of-Misery-Gitarrist und Aussie Thomas Sutton, der nebenbei bemerkt auch bereits als Guitar-Tech für PENTAGRAM gearbeitet hat. 'On Black Wings, A Demon' reißt alle Doom-Jünger sofort mit. Dieser packende Sound ist ansteckend und geht speziell während 'Wisdom' richtig unter die Haut. Das spirituelle 'The Earth Will Deliver What Heaven Desires' kann dabei als Höhepunkt des heutigen Konzerts gewertet werden. Ein echter Blickfang ist auch immer wieder das besessene, irre Posing vom in Würde ergrauten Bassisten Patrik, der sonst auch noch mit DoomDogs aktiv ist. Nach dem finalen Stück 'Born For War' sieht man durchgehend zufrieden drein blickende oder grinsende Gesichter Richtung Bierstand schlurfen. Geil! (MWM)

Skepsis war durchaus angebracht, ob SKEPTICISM mit ihrer enorm düster-emotionalen Musik, der ein Hauch von sakralem Pathos innewohnt, beim Hammer Of Doom-Publikum gut ankommen würden. Zusammen mit verkannten Legenden wie Thergothon zählen SKEPTICISM bekanntlich zu den finnischen Funeral Doom-Pionieren. Die Musik ungemein behäbig-langsam, versprüht der Auftritt der adrett gekleideten Herren eine fast schon feierliche Stimmung. Über den dicken Soundwall aus Gitarre, Bass und Schlagzeug werden sakrale Orgelklänge gelegt. Genau dieses Element war für den ureigenen Sound SKEPTICISMs schon seit jeher so ungemein prägend. Sänger Matti Tilaeus grunzt in herzzerreißender Art zu den episch langen Stücken. Leuten, die mit der Kunst der Finnen nicht vertraut sind, mag das befremdlich vorkommen: Die Reaktionen des Publikums fallen jedoch recht positiv aus, selbst wenn wohl nicht jeder mit der Ultra-Zeitlupenmucke sowie der statischen Performance der Band etwas anfangen kann. Gegen Ende des Sets schmeißt Herr Tilaeus zum Abschied dann noch Rosen ins Publikum.

Direkt im Anschluss an die eindrucksvollen SKEPTICISM hätte eigentlich ein flotter Act die Anwesenden aus dem von den Finnen gegrabenen Loch herausholen müssen. Was de facto kommt, ist jedoch der absolute Tiefpunkt des diesjährigen Hammer Of Dooms: Man mag zu der Kunst eines Patrick Walker stehen, wie man will, aber das ist wohl mal gar nix! Hätte sein ehemaliges Betätigungsfeld Warning aufgrund des Doom-Faktors im Programm dieses Festivals noch seine Berechtigung gehabt, muss man sich schon fragen, wer zur Hölle denn 40 WATT SUN verpflichtet hat? – Und wer erdreistete sich, diese Band direkt vor CANDLEMASS spielen zu lassen?!? Das emotionale Loch, das SKEPTICISM zuvor gerissen haben, wird so nur mehr vergrößert: Während bei den Finnen noch noble Tristesse vorherrschte, hat ein Großteil der Anwesenden bei den Engländern mit gepflegter Langeweile zu kämpfen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Auch ruhige Musik kann natürlich gut und spannend gemacht sein. Das, was Walker & Co. jedoch abliefern, ist belangloses Akustikgitarren-Geklimper, das eher im Sommerlager vor dem Feuerchen seine Berechtigung hätte als im Rahmen eines Doom (!) Metal (!!)-Festivals. Wenn die Gruppe wenigstens ein Gespür für gute, mitreißende Songarrangements hätte! Aber selbst das ist nicht der Fall… So herrscht bei vielen Fans während dieses Auftritts öde Langeweile vor und man stellt sich die Frage nach Sinn und Zweck einer solchen Band in einem eigentlich ansonsten äußerst ansprechenden Billing… (CW)

CANDLEMASS, für manche der eigentliche Headliner des heutigen Abends, werden im Vorfeld hitzig diskutiert. Von blanker Euphorie bis zu Aussagen „das ist ja maximal eine Coverband“ gibt es so ziemlich alles zu hören. Fakt ist, dass Ikone Leif Edling gesundheitsbedingt nach wie vor nicht live auftreten kann (Per Wilberg, Spiritual Beggars, hilft aus) und dass der neue Sänger Mats Levèn selbstredend einen Messiah Marcolin nur eingeschränkt ersetzen kann. Trotzdem macht Levèn seine Sache vom Opener 'Dark Reflections' an wirklich gut und harmoniert definitiv besser als Rob Lowe mit den Schweden. Der Sound ist heute laut, glasklar sowie druckvoll und sorgt zusätzlich dafür, dass bei Klassikern wie 'Bewitched' nahezu kollektives Ausflippen angesagt ist. 'The Dying Illusion' von „Chapter VI“ geht in 'A Cry From The Crypt' über, ehe mit 'Emperor Of The Void' sogar noch das “King Of The Grey Islands”-Album zum Zug kommt. Die Band ist heute hochmotiviert und geht mit sehr viel Spielfreude zu Werke.

Auch untereinander grinst man sich immer wieder an, post sich zu und hält engen Blickkontakt. Angeblich wurde länger nicht gespielt und geprobt, weswegen die Band etwas nervös ist. Bis auf ein paar Kleinigkeiten gibt es davon aber nicht wirklich etwas zu merken. Zudem ist es eine Freude, mit welch geilem Swing und Feeling Gitarrist „Lasse“ seiner Les Paul diese tollen, bluesigen Riffs entlockt. „Epicus Doomicus Metallicus“ kommt dann endlich mit dem unvergleichlichen 'Under The Oak' zum Zug. Dem einen oder anderen gestandenen Mann im Publikum kullert da schon mal eine Träne der Rührung herunter. 'At The Gallows End' und 'Mirror, Mirror' halten diese Intensität problemlos weiter. Als Sänger Mats dann ankündigt, dass nun weitere Stücke vom Debüt folgen werden, gleicht die Posthalle wahrlich einem Hexenkessel. 'Crystal Ball' wird mit völliger Hingabe gleichermaßen von Publikum als auch Band zelebriert – Gänsehautgarantie. Ganz zu schweigen von dem unvermeidlichen Klassiker 'Solitude', der einem grandiosen Auftritt noch die Krone aufsetzt. Daran können auch ein paar der anwesenden Meckerer nichts rütteln! Warum die noch übrige Spielzeit von guten fünf Minuten anhand der Zugabe-Rufe nicht genutzt wurde, um noch einen weiteren Klassiker zu bringen, bleibt allerdings ein Rätsel. (MWM)

Mit dem episch-langen 'Your River' von dem 1993er-Meisterwerk „Turn Loose The Swans“ starten MY DYING BRIDE in einen Auftritt, der zunächst einmal durch seine mehr als gekonnte Songauswahl besticht: 'The Thrash Of Naked Limbs' etwa, 'A Kiss To Remember', 'The Songless Bird', 'Like Gods Of The Sun' oder das unvermeidliche 'The Cry Of Mankind' nehmen einen mit auf eine gelungene Reise durch die Bandgeschichte. Gleich drei Songs vom neuen Album „Feel The Misery“ finden ihren Weg in die Setlist, wobei neben 'And My Father Left Forever' und 'To Shiver In Empty Halls' vor allen Dingen der gelungene Titeltrack vollauf zu überzeugen vermag: Letztgenannter könnte sich durchaus zu einem Standardstück im Live-Oeuvre der britischen Melancholiker mausern. Gleich als zweiten Song schmettern MY DYING BRIDE zudem auch noch das fantastische, tieftraurige 'From Darkest Skies'. Apropos: Natürlich stirbt der charismatische Aaron Stainthorpe auch an diesem Abend auf der Bühne wieder tausend Tode. Die Band selbst ist exakt aufeinander eingespielt, timingtechnisch agieren die Briten vollkommen auf der Höhe. Darüber hinaus schaffen es die Meister der Tristesse, ihre hoch emotionale Musik authentisch rüberzubringen. Als besonderes Schmankerl gibt's zum Schluss noch das rabiate Todesblei-Stück 'God Is Alone' von der gleichnamigen ersten Single der Band. Streckenweise ist der Sound etwas zu undifferenziert, das war dieses Jahr beim Party.San beispielsweise weitaus besser. Ansonsten sind MY DYING BRIDE ein mehr als würdiger Festival-Headliner sowie ein hervorragender Ausklang eines vollauf zufriedenstellenden Wochenendes, das vielen Anwesenden in guter Erinnerung bleiben wird, so dass eine Rückkehr im November 2016 eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist...! (CW)

Text: Christian Wachter und Markus Wiesmüller

Fotos: Anastasiya Wiesmüller

 

ULI JON ROTH

Friday, 27 November 2015 02:04 Published in Aktuelle Interviews

Vollkommenes Eintauchen in die Inspiration

 

Gitarrenlegende ULI JON ROTH klingelt aus der Hauptstadt des Britischen Königreichs durch, um ausgiebig die eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu beleuchten.

 

Der Umstand, dass der Schreiberling in der Nähe von Regensburg wohnt, weckt in dem unvergleichlich charakteristischen Sechssaitenhexer, der ursprünglich aus Düsseldorf stammt, zunächst einmal wohlige Erinnerungen: „Ja, die RT-Halle kommt mir da in den Sinn. Das war ein Venue, wo wir früher in den 70ern mit den Scorpions mal gespielt hatten. Letztes Jahr sind wir nicht direkt in Regensburg, sondern in Obertraubling aufgetreten.“ Dass der Schreiberling dann „nebenbei“ auch noch Gitarre spielt, konkreter Thrash Metal zockt, schreckt den Maestro indes auf: „Ach du liebes bisschen! – Ja furchtbar, haha!“ Herr Roth kann mit derlei Klängen gar nichts anfangen, bezeichnet er sich selbst als doch „eher melodienfixiert“. Genug der einführenden Worte, gehen wir gleich ans Eingemachte: Werfen wir zu Beginn einen Blick auf die aktuellen Aktivitäten von Uli. „Ich bereite mich gerade auf meine erste Akustiktour vor, die im September in Griechenland stattfinden soll. Leider wissen wir momentan nicht genau, ob das klappt, weil obschon sie schon lange vorher anvisiert war, die momentanen Entwicklungen dort eher mit Vorsicht zu genießen sind. Ich habe heute erst mit dem griechischen Promoter gesprochen und der geht davon aus, dass er das hinkriegt. Aber wie dem auch sei: Wir machen zum ersten Mal eine Akustiktour, auf die ich mich schon sehr freue, denn dies eröffnet mir die Möglichkeit, meine Musik mal mit ganz anderen Augen zu betrachten und eben auch anders zu präsentieren.“

Werden dort ausschließlich Songs aus Ulis Soloprogramm und/oder auch diverse Stücke aus dem Scorpions-Fundus zum Besten gegeben? „Wir sind eine wahre Gemischtwarenhandlung und haben auch einige Scorpions-Sachen mit an Bord, wobei sich da natürlich nicht alle für Akustiksongs eignen; einigen davon steht eine diesbezügliche Umsetzung jedoch recht gut. Zudem spielen wir eine ganze Menge Stücke aus meiner Solokarriere wie Electric Sun oder Sky Of Avalon, die sich eigentlich fast noch besser dafür eignen. Im Rahmen dieser Akustikgitarrentour gibt’s auch einige Soli, die ich auf der Sky-Gitarre spielen werde, zudem haben wir Keyboards an Bord usw.: Es wird also ganz schön bunt werden! Darüber hinaus lassen wir dafür auch extra eine neue Sky-Gitarre anfertigen, die zwei Hälse haben wird, die erste doppelhälsige Sky-Gitarre also quasi. Der untere Hals wird eine klassische Nylon-Gitarre, während der obere eine Standard-7-saitige Sky-Gitarre werden wird, so dass ich dann immer blitzschnell umsteigen kann. Das meiste des Sets werde ich allerdings auf der Nylon-Gitarre spielen, weil ich schon ziemlich früh klassische Gitarre und Flamenco studiert habe, was mir bei diesem Thema sehr, sehr zu Gute kommt. Ich spiele fast die ganze Zeit über ohne Plektrum. Damit kann man ganz andere dynamische Nuancen hervorrufen und rhythmisch ist das auch erheblich interessanter, wenn man die Flamenco-Techniken mit den Rocksongs kombiniert. Das macht mir sehr, sehr viel Spaß!“

 

Wie ein Baum, der wächst

 

Richtig angefangen hat für Uli jedoch alles mit der E-Gitarre. „Als ich noch jünger war, hatte ich mal Trompete gespielt, da hab ich auch Noten gelernt. Irgendwann bin ich auf die E-Gitarre umgeschwenkt. Nach zwei oder drei Jahren hatte ich mich dann jedoch eher auf die klassische, die spanische Gitarre konzentriert. Dies ging dann so weit bis dann die Zeit mit den Scorpions anfing, als ich 17 war.“ Die erste richtige Band waren die Hannoveraner für den sympathischen Gitarristen jedoch keineswegs, wohl aber die erste erfolgreiche Gruppe. „Davor spielte ich lediglich in Schülerbands. Aber ich hab schon früh angefangen, hab schon mit 13 in diversen Gruppen gespielt und bin auch in dem Alter zum ersten Mal live aufgetreten. Die Scorpions waren dann eine weitere Stufe, da ist das Ganze dann auch zu meinem Beruf geworden, weil ich nunmehr kein Schüler mehr war, sondern Vollzeitmusiker.“ Dem klassischen Motto „Sex, Drugs & Rock'n'Roll“ waren die Scorpions selbst in ihrer Frühzeit indes eher weniger zugetan. „Das kam wohl generell gesehen eher auf die Band an, und nicht zuletzt auch auf das Land: In England herrschten damals beispielsweise andere Gesetze als in Deutschland. Bei den Scorpions ging's in der Hinsicht eigentlich immer sehr gesittet zu. Harte Drogen gab's so gut wie gar keine. Die meisten Sachen haben wir zwar schon einmal kurz probiert. Es gab auch das eine oder andere Bandmitglied, das nur kurz mal mit dabei war, das diesbezüglich öfter mal zulangte. Aber der Kern der Band – Rudolf (Schenker – Gitarre), Klaus (Meine – Gesang), Francis (Buchholz – Bass) und ich waren keine Drogentypen und immer clean.“

Heutzutage gibt es unzählige Bands, die wieder genau solche Musik machen wie sie in den 70ern populär war. Einige davon greifen auch wieder auf Aufnahmetechnik aus der Zeit zurück. Der Schreiberling findet es etwas schade, dass sich viele Formationen aus der Richtung so sehr an den 70ern festklammern, dass da kaum Raum für etwas Eigenes bleibt...andererseits ist es zu begrüßen, dass wieder mehr "echte" Musik auch bei jungen Leuten Anklang findet... „Ich kann natürlich nicht für andere Bands sprechen. Dass man sich von der Vergangenheit inspirieren lässt, ist zunächst mal eine total legitime, gesunde Angelegenheit, denn die Musik ist wie ein Fluss, der fließt oder wie ein Baum, der wächst. Irgendwann treibt er bestimmte Blüten und es fallen bestimmte Früchte ab. Und diese Früchte kann man auch noch nach vielen Jahren genießen, wenn man sie zu sich nimmt oder, auf gut Deutsch gesagt, wenn man Musik aus der Zeit hört. Dies kann auch das eine oder andere Positive hervorbringen, nämlich dass man auf andere Weise wieder inspiriert wird. - Insofern hab ich da nix gegen. Das Wichtige ist, dass sich Musik, wann immer man sie macht, selbst wenn's alte Songs sind oder neue, auch immer wieder neu anfühlt. Es muss einfach in dem Moment, in dem man das spielt, vollkommen zum Leben erweckt werden und darf nicht wie ein Gespenst erscheinen, sondern muss wie ein Feuer am Brennen sein, muss leben und darf nicht tot sein! Das ist für mich das Allerwichtigste… Man muss spüren, dass es relevant sowie irgendwie hörenswert ist und dass es einen psychisch/emotional anspricht. Wenn das der Fall ist, ist es mir egal, aus welchem Jahrhundert die Musik kommt. Ich kenne mich in der gegenwärtigen Musikszene leider nicht allzu gut aus, aber wenn neue Sachen gemacht werden, wird man schnell der Tatsache gewahr, dass man das meiste einfach schon mal gehört hat. Es gibt heutzutage zwar ab und an mal ein paar neue Klangfarben und Phrasierungen zu hören, aber im Großen und Ganzen ist das wie beim Autobauen: Es gibt vier Räder, Türen, Lenkrad und so sahen Autos schon vor 100 Jahren aus. Im Laufe der Zeit ändern sich zwar ein bisschen die Modalitäten, aber das Grundprinzip ist sehr, sehr ähnlich: Akkorde, Melodien und ein Text.“

 

Drei Nächte in Tokio

 

Vor 47 Jahren stand Uli zum ersten Mal auf einer Bühne, seit 1973 ist der Gitarrist bereits im professionellen Bereich tätig. Roth hat unzählige kurzlebige Trends kommen und gehen gesehen und überlebt. Höhepunkte wie Glanzmomente gab es dabei so einige: „Das fing mit den Scorpions an, denn eigentlich war jede Platte, die wir gemacht haben, ein großer Schritt nach vorne. Wir hatten auch 'ne ganze Reihe von tollen Konzerten bei den Scorpions und hinterher hörte das auch nicht auf, im Gegenteil: Es wurde dann eigentlich noch interessanter. Electric Sun war damals für mich recht erfolgreich, unter anderem deswegen weil wir mitunter auch sehr große Shows in England bestritten. Und hinterher gab's so einige Orchestersachen, die für mich persönlich absolute Highlights darstellten. Jedes Jahr gibt es eigentlich immer wieder etwas, woran man sich hinterher gerne zurück erinnert." Erinnert sich Uli auch an seinen Auftritt beim diesjährigen Keep It True Festival gerne zurück? – Dabei handelt es sich ja bekanntlich um eine Veranstaltung, die eigentlich eher für traditionelle Metal-Klänge bekannt ist… "Du, das hab ich gar nicht gemerkt, dass die auf Metal stehen, ich achte gar nicht so sehr auf so was! Wir haben einfach nur gespielt und das ist ja dann auch sehr, sehr gut angekommen, denke ich mal... Die Grenzen verschwimmen doch: Wenn du auf der Bühne stehst und Songs spielst, die melodisch sind, die das Feuer haben und gut dargeboten sind, klappt das meistens, egal bei welchem Publikum! Deswegen können wir mit unserer Setlist sowohl bei einem Metal- als auch bei einem Blues Rock-Festival oder bei einem Stadtfest spielen: Eigentlich funktioniert's so gut wie immer! Und das ist auch angenehm... Ich bin niemand, der sich gern in einer Nische sieht, sondern ich mache Musik immer so, dass sie genereübergreifend ist. Manchmal ist das vielleicht auch zu sehr der Fall, was dem einen oder anderen dann missfällt, aber das ist nun mal mein Ding!"

Egal um welche Musik es sich handelt, der Uli gerade frönt, sein Gitarrenspiel ist und bleibt beständig charakteristisch und mit hohem Wiedererkennungswert versehen. Wenden wir uns jedoch noch einmal den Scorpions sowie der Entwicklung der Formation nach dem Ausstieg meines Gesprächspartners zu. „Die Scorpions waren und sind eine der größten Bands überhaupt, auf jeden Fall! Ich finde es beeindruckend, dass die Gruppe beim Songwriting immer besser wurde. und dann dementsprechend viele verdiente Hits geschrieben hat. Die Scorpions sind auf jeden Fall etwas Besonderes in der Geschichte der Rockmusik. Später wurde das Ganze dann Metal genannt, wobei ich persönlich jedoch keineswegs glaube, dass die Scorpions Metal sind, denn dafür sind sie viel zu melodiös. Sie sind deshalb etwas Besonderes, weil sie sich wahnsinnig lange gehalten haben und immer noch ganz oben sind. Der Grund dafür war meiner Meinung nach, dass sie immer extrem gute Ideen bezüglich Songs und Melodien hatten – darüber verfügten die meisten anderen Gruppen nicht. Die meisten Bands machen Riffs, haben gute Ideen und bieten das ansprechend dar, aber die Scorpions hatten diesen extra melodischen Touch, der sehr, sehr viele Leute anspricht. So sehe ich das mit den Scorpions... ich bin stolz darauf, in der Gründerzeit mit dabei gewesen zu sein und fühle mich auch heute immer noch der Band irgendwie verbunden."

Gerade eine Woche vor dem Interview weilte Uli in Hannover, wo er zusammen mit Klaus und Matthias in einem Studio Interviews gab, weil zwei der ersten Platten im November wiederveröffentlicht werden. „Da haben wir uns ein paar Stunden lang darüber ausgetauscht und die Idee hinter diesen Re-Releases besprochen - hat sehr viel Spaß gemacht, ja! „Tokyo Tapes" und "Taken By Force" werden neu aufgelegt. Es kommen eine Menge Bonustracks mit drauf, die aus dem Archiv von Dieter Dierks ausgegraben wurden und die ich schon laaange vergessen hatte, haha! Da sind schon ein paar richtige Schätze dabei... ich fand das ziemlich interessant! Speziell was "Tokyo Tapes" betrifft, spielten wir damals doch drei Nächte lang in Tokyo, und so wurde viel mehr aufgenommen als das was letztendlich auf der Platte erschien. Für den Re-Release sind auch ein paar Songs ausgesucht worden, die praktisch zum ersten Mal überhaupt veröffentlicht werden. Die Platte entwickelte damals als sie herauskam weltweit einen ziemlichen Kultcharakter. Deswegen gibt es auch heute noch viele Leute, die sich dafür interessieren, was wir da sonst noch so für Songs gespielt haben…"

 

Der „Alpha-Zustand“

 

Viele Menschen, die ebenfalls dann und wann mal zur Gitarre greifen, sind von Ulis Spiel ungemein inspiriert. Selbst beständige Konzertbesucher bezeugen, dass jeder Auftritt eines Uli Jon Roth etwas Besonderes, Unvergleichliches ist. Und obwohl der Ex-Scorpions-Musiker hammermäßige Soli und Licks von sich gibt, wirkt er auf der Bühne unheimlich entspannt. Die Gretchenfrage ist, wie man es überhaupt schafft, solch ein ungemein hohes Level an Musikalität und Können zu erreichen, hat Uli Tag und Nacht geübt oder spielt da Talent auch eine große Rolle? Und wie entwickelt sich so etwas im Laufe der Jahre, muss man da eher weniger üben oder mehr, um auch wirklich am Ball bleiben zu können? Fragen über Fragen… "Ich habe viel geübt als ich jung war, aber nicht Tag und Nacht, das war immer schon vernünftig. Ich hab´s nie übertrieben. Manche Leute übertreiben´s mit dem Üben, wie ich finde, das kann dann schädlich sein, weil man sich zum Fachidioten entwickelt. Ich habe mich auch immer wieder für andere Sachen sehr viel interessiert, nicht ausschließlich für Musik. Später habe ich dann viel weniger geübt und ab irgendeinem Zeitpunkt so gut wie überhaupt nicht mehr, weil wenn man's kann, dann kann man's halt! Heutzutage nehme ich eigentlich nur dann noch die Gitarre in die Hand, wenn ich mir was kompliziertes Neues aneignen muss, wenn es quasi um ein spezielles Konzert oder so geht, oder wenn ich eben auf der Bühne stehe. Deswegen ist das alles auch immer schön frisch: Wenn ich die Gitarre mal wieder zur Hand nehme, dann fühlt es sich so an wie eine Offenbarung, mir fällt immer wieder etwas Neues ein, das Ganze ist immer noch aufregend. Ich führe das darauf zurück, dass ich relativ wenig spiele. Ein weiterer Grund dafür, dass mein Gitarrenspiel auf der Bühne so entspannt aussieht, ist, dass es schlichtweg entspannt ist! Wobei man jedoch sagen muss, dass da schon eine gewisse (An)Spannung, eine gewisse innere Elektrizität vorhanden ist, die sich beim Spielen auf die Gitarre überträgt. Rein äußerlich sieht man mir das nicht so an, weil ich in meinem Kopf, in meinem Geist an einen ganz anderen Ort gehe, mich möglichst weit vom Alltäglichen entferne und vollkommen in die Musik und die Inspiration eintauche. Und wenn man das tun und wenn man weiß, wie das geht, ist das alles eigentlich ganz einfach, weil es einem zufliegt. Das ist so wie wenn man selbst traumtänzerisch vor sich hin geht und einfach alles funktioniert, weil man keine Widerstände verspürt. Das ist schwierig zu erklären, ich nenne das den "Alpha-Zustand". Ich hatte früh gelernt wie das geht, das hatte ich schon bei den Scorpions drauf. Das macht den ganzen Unterschied aus: Wenn ich das nicht könnte, könnte ich mich nicht so einfach hinstellen und nach einem Monat Nichtspielen ohne Vorbereitung gleich ein Konzert geben oder so... Das ist irgendwie so wie Schwimmen: Man kann's einfach!"

 

Musikalische Urgewalt

 

Hat man erst mal den Status des Gitarrenhelden erreicht, impliziert dies allerdings keineswegs, dass man sich über alles erhaben fühlt und selbst keine anderen Gitarristen zu schätzen weiß. Eine gewisse "Distanz" zu der Musik anderer Künstler, so nach dem Motto "Na, was der oder die kann, kann ich schon lange", verspürt Uli keineswegs: "Ich habe immer Eric Claptons Spiel geliebt, aber auch Jeff Beck find ich klasse. Im Flamenco-Bereich mag ich Paco de Lucía, der letztes Jahr leider gestorben ist. Das sind so meine Favoriten. Hendrix natürlich sowieso, wenngleich ich Hendrix gar nicht so als Gitarrist sehe, sondern als musikalische Urgewalt. Jimi ging weit über die Gitarre hinaus. Ich sehe ihn eigentlich weniger als konventionellen Spieler als vielmehr einen, der mit seiner Gitarre immer Bilder gemalt hat." Apropos Bilder malen: Neben der Musik malt Uli noch und schreibt diverse philosophische Abhandlungen: Als Universalgenie sieht sich der Gitarrist jedoch keineswegs: "Das ist ein guter Witz: Ein Universalgenie wie Leibnitz, haha! Also ich selbst würde mich eher als „Universalkünstler“ bezeichnen. In der Kunst ist mir nichts fremd und eigentlich kann ich alles - und das auch relativ mühelos. Der Rest ist dann Geschmackssache... Meiner Meinung nach verschwimmen die Grenzen zwischen den einzelnen Kunstformen eigentlich immer, zwischen Malerei, Schreiben, Musik und anderen Kunstformen. Ich male nicht mehr, ich malte in der Vergangenheit. Da gab es ein Problem, denn das artete bei mir zu einer Art Sucht aus. Irgendwann dachte ich mir, dass, wenn ich jetzt diesen Weg gehe, ich mich einfach übernehme. Ich hab's mir daraufhin schweren Herzens versagt. Normalerweise sage ich eigentlich nicht "Nein" zu irgendetwas das mich inspiriert, aber die Entscheidung hab ich dann getroffen. Außerdem hab ich immer Bauchschmerzen bekommen, weil mir das Terpentin nicht bekommen ist. Wenn ich Malerfreunde besuche und den Raum betrete, krieg ich immer Bauchschmerzen. Demnach sollte es vielleicht so sein... Philosophie mach ich nach wie vor sehr viel, zwar nicht jeden Tag, aber wenn ich darüber schreibe und nachdenke, kommt das immer in großen Schüben, die sich auch über Monate hinweg erstrecken können. Das endet dann alles bei der "Sky Academy". Ich arbeite auch an einem "Sky Academy"-Buch, in dem es um die inneren, die tieferen Geheimnisse der Musik geht. Ich hab auch schon viele hundert Seiten geschrieben, weswegen sich das Ganze wohl auf mehrere Teile erstrecken wird. Aber ich hab's leider noch nicht so im Griff als dass ich es veröffentlichen möchte. Ich lass mir da sehr, sehr viel Zeit bei, es muss sich richtig anfühlen, bevor ich damit an die Öffentlichkeit gehe."

Sein ausgeprägter Hang zur Kunst, sein ekstatisches Gitarrenspiel, das Malen und Philosophieren legen nahe zu glauben, bei Uli Jon Roth würde es sich um einen äußerst spirituellen Menschen handeln. „Das Wort "spirituell" ist heutzutage zwar leider ziemlich vorbelastet, aber ich würde mich schon als spirituellen Menschen bezeichnen, ja! - "Spirituell" im Sinne von "Geist", "geistig". Das Wichtigste für mich ist das was im Innern eines Menschen abgeht und nicht so sehr das Physische. Das war aber bei mir schon immer der Fall gewesen, so war ich schon immer gelagert." Welche Auffassung von der Welt und dem Platz des Menschen im Kosmos hat Uli nun? Fühlt er sich einer speziellen Religion oder einer gewissen philosophischen Denkrichtung zugehörig? "Was Philosophie anbelangt, so fühle ich mich den alten Griechen sehr verbunden, vor allen Dingen Platon - das hab ich früher alles studiert und in mich aufgesaugt. Manches davon finde ich auch heute noch für total gültig. Was Religion anbelangt, so fühle ich mich keiner Religion im herkömmlichen Sinne zugehörig. Meine Religion ist die, dass ich total an Jesus und an das Neue Testament glaube, nicht so sehr jedoch an das Alte Testament. Ich habe das Gefühl, dass diese beiden Bücher nicht so sehr als zusammengehörig gesehen werden sollten, da dort von zwei verschiedenen Göttern die Rede ist. Tja, so sieht jedenfalls meine Einstellung dazu aus...ich möchte damit jetzt jedoch nicht gegen die Kirchen wettern, im Gegenteil glaube ich, dass die Kirchen heutzutage ebenso viel Gutes tun und sehr wichtig sind für viele Menschen. Die ganzen Problematiken, die es da so gibt, sowohl im katholischen, im evangelischen als auch im orthodoxen, sind Sachen, die mehr oder weniger in jeder Institution auftreten. Wir Menschen neigen nun mal dazu, aus allen Sachen, die potentiell positiv sind, auch immer wieder mal was Negatives zu machen - das ist leider so...und deswegen muss man aber auch nicht gleich das ganze Prinzip verdammen!"

 

Relativ pflegeleicht

 

Zurück zur Musik: Uli ist in seiner langen Musikerkarriere in sämtlichen Arten von Lokalitäten in Erscheinung getreten, egal ob in Stadien, auf großen Festivals oder in kleinen Clubs: Selbst tendiert der Gitarrist eher zu größeren Bühnen, weil man da machen kann, was man will: „Man hört meistens gut und die Akustik ist leichter zu konzentrieren. Aber auf kleinen Bühnen in kleinen Clubs kommen manchmal ganz besondere Sachen zustande, die vor einem größeren Publikum eher schwierig umzusetzen sind. Insofern finde ich beides interessant. Ich stell mich meistens bereits im Vorfeld darauf ein." Gibt es heutzutage noch Gitarristen, die das Gitarrenspiel fortentwickeln können oder ist die Zeit der großen Revolutionen vorbei? "Also ich kann mir noch jede Menge Neuland auf der Gitarre vorstellen, wenn ich mich hinsetzen und noch mal richtig daran arbeiten würde. Manchmal mach ich das auch, ich hab erst kürzlich ja erst ein neues Gitarrenkonzert geschrieben, welches jedoch noch nicht fertig ist, deswegen rede ich da jetzt auch nicht allzu viel darüber. Dort hab ich schon viel Neuland wieder betreten, gitarrentechnisch wie musikalisch. Aber normalerweise ist es schon so, wenn ich mich umhöre, dass nicht allzu viel Neues zu passieren scheint. Die Zeit ist so ein bisschen an der E-Gitarre vorbeigegangen. Gerade Deutschland ist kein besonders gutes Gitarrenland. Es hat den Anschein als ob bei dem, was die deutschen Gitarristen machen, keine internationale Resonanz stattfindet. Aber das hat eben auch konkrete Gründe, unter anderem wohl auch an der deutschen Mentalität, die zwar alles schön korrekt und sauber wiedergibt, aber leider fehlt da das, was zu großartigem Gitarrenspiel benötigt wird. Es gibt durchaus Ausnahmen... Die Deutschen verlieren sich leider sehr schnell in Technik und Frickeleien, aber das ist eigentlich alles nur Beiwerk! Das Wesentliche bleibt leider oft auf der Strecke. Und die Zeit der großen Künstler wie Mozart, Beethoven, Brahms, Mendelssohn Bartholdy, Wagner und Liszt ist leider vorbei. Es gibt in Deutschland zwar viele Ausübende, aber die Szene der kreativ schaffenden ist eher sehr dünn. Das sage ich jetzt allerdings nur von meinem Blickwinkel heraus, der sicherlich nicht alles übersieht. Ich kann lediglich das beurteilen was ich nur so zufällig mitkriege. Talent ist auf jeden Fall da, das hab ich auch gesehen, als wir eine Art Wettbewerb in Hamburg machten, wo sich junge Gitarristen aus ganz Deutschland profilieren konnten und um den ersten Platz spielten. Das haben wir ein paar Jahre gemacht und da hab ich schon einen ganz guten Querschnitt gesehen. Also mangelt es nicht an Talent, wohl aber an anderen Dingen. Und es ist auch nicht gerade hilfreich, wenn die Kids keine Möglichkeit haben, öffentlich zu spielen. Das war damals, als ich anfing, anders, denn da gab's relativ viele Möglichkeiten zu spielen. Wenn man talentiert und in der richtigen Umgebung war, konnte man Gigs kriegen."

Einige große Gitarristen gelten ja als absolute Egomanen, lassen "Normalsterbliche" nur schwer an sich ran: Bei Uli hingegen ist das anders, er gibt sich absolut Fan-nah und ist immer höflich und zuvorkommend - Rockstar-Gehabe sucht man bei ihm vergeblich... "Hehe, ich möchte bei dem Thema jetzt mal lieber keine Namen nennen...! Richtig „elitäre“ Gitarrenhelden fallen mir jetzt im Moment gar keine ein, aber in Sachen Größenwahnsinn gibt's schon so den einen oder anderen Kandidaten... Die meisten von den bekannten Gitarristen, von denen ich einen Großteil ja persönlich kenne, sind da eigentlich relativ pflegeleicht…"

 

 

 

Angesichts des hochwertigen Packages, eines günstigen Konzerttermins an einem Samstagabend sowie der Tatsache, dass MICHAEL MONROE mit “Blackout States“ eines der wohl besten Alben im Punk Rock-Bereich der letzten Jahre herausgebracht hat, ist es verwunderlich, dass der Nürnberger Traditionsclub „Hirsch“ am 17. Oktober nur halb gefüllt ist. Anfangs sind's sogar noch weniger Leute, so dass nicht viele die Supportgruppe CHASE THE ACE mitbekommen. Vielleicht sind die eher durchwachsenen Besucherzahlen auch darauf zurückzuführen, dass die genannte neue Scheibe des Ex-Frontmannes von Hanoi Rocks erst einen Tag zuvor offiziell in die Läden kam? Insofern ist es wohl auch nachvollziehbar, dass der wasserstoffblonde Finne in seiner Setlist vermehrt alte denn neue Songs präsentiert. Doch dazu später mehr…

Zunächst einmal sind die genannten CHASE THE ACE am Zuge: Die gebürtigen Israelis haben trotz mauer Zuschauerzahlen mächtig Spaß daran, ihren straighten Hardrock unters Volk zu bringen. Selbiger ist nicht in den 70er / 80er Jahren stehengeblieben, sondern wirkt zeitgemäß. Allzu innovativ oder originell ist das alles trotzdem nicht, ihre Funktion als Anheizer haben CHASE THE ACE aber dennoch erfüllt.

Dann ist es auch schon an der Zeit für den „Altmeister“: MICHAEL MONROE erklimmt mit seiner Band, die aus gestandenen Ex-Mitgliedern von eben Hanoi Rocks, den New York Dolls oder Danzig besteht, die Bühne. Dabei ist von der ersten Sekunde an klar, dass der gebürtige Finne hier das Zepter des Handelns fest in der Hand hat: Die Bühnenpräsenz eines Herrn Monroe ist auch anno 2015 immer noch ungemein fesselnd. Seine Mitstreiter sind dabei jedoch keineswegs bloße Statisten: Des Öfteren „duelliert“ sich Michael, wahlweise mit Saxofon oder Mundharmonika bewaffnet, mit seinen Gitarristen. Trotzdem ist und bleibt natürlich der ehemalige Hanoi Rocks-Sänger im Zentrum der Aufmerksamkeit. Monroe springt und wirft sich auf den Boden, erklimmt dann und wann sogar die Getränkeboxen hinter der Theke, um auf diese Weise bis zur Hallenmitte vorzudringen. Oftmals wird das Mikro einfach als Lasso umfunktioniert, Michael wirft sich auf den Boden und gibt sogar zwei-/dreimal ein Spagat zum Besten. Dass er im Anschluss daran nicht mehr ganz so flott auf die Beine kommt wie noch vor zwanzig Jahren, ist dem mittlerweile 53-jährigen aber durchaus zu verzeihen. Unglaublich, wie physisch fit und durchtrainiert der Finne auch noch in diesem Alter daherkommt!

Songtechnisch bietet die Band einen Querschnitt aus der Karriere des MICHAEL MONROE, angefangen bei alten Hanoi Rocks-Sachen bis hinüber zu seinen Solowerken. Das superbe neue Album „Blackout States“ wird dabei allerdings eher stiefmütterlich behandelt, was insofern schade ist, als dass die darauf enthaltenen Songs zu den wohl besten des Finnen überhaupt gehören! – Dies ist dann aber auch der einzige Wermutstropfen… Für die nötige Abwechslung sorgen der bereits erwähnte Einsatz von Saxofon und Mundharmonika: Selbst wenn es Monroe nicht lassen kann, auch hier wie Sau zu posen, sind das doch die wenigen Momente, in denen der „Zappelphilipp“ mal (mehr oder weniger) stillsteht. Wenn ihm an dem Abend kein Stagehand zur Seite stehen würde, wäre die eine oder andere Unzulänglichkeit in der Show zu beobachten gewesen. Aber so klappt das wie am Schnürchen: Bei seinen Ausflügen auf die Getränkeboxen hinter der Theke wird Monroe schön artig Kabel nachgereicht, so dass kein Gesangsausfall zu verzeichnen ist. „Höhepunkt“ des Stagehands ist wohl jener Moment, als Michaels Mundharmonika einen Ausflug in den Fotograben macht. Der Bühnenhelfer rennt sogleich los, um Monroe das Instrument zu reichen, welches gerade just in dem Moment wieder in seine Finger gelangt, als sein Einsatz kommt.

Beim balladesken Beginn von 'Ballad Of The Lower East Side' setzt sich der Finne zusammen mit seinem Gitarristen auf die Monitorboxen am Bühnenrand, nur um just danach wieder abzugehen wie eine Rakete. Als letztes Stück wird das Creedence Clearwater Revival – Cover 'Up Around The Bend' intoniert, welches dereinst Hanoi Rocks einen Hit bescherte. Für eine Zugabe ließen sich die Herren dann nicht allzu lange bitten: Das Konzert endet dann in einer regelrechten Impro-„Schlacht“ zwischen Gitarren und Mundharmonika. Fazit: Ein Auftritt eines durch und durch professionellen Entertainers, dargeboten allerdings mit unheimlich viel Herzblut.

Von Letztgenanntem sprüht auch der Auftritt der darauf folgenden HARDCORE SUPERSTAR, die sich zusammen mit MICHAEL MONROE im Rahmen der derzeitigen Tour den Headlinerposten quasi teilen. (Wohl nicht nur) an besagtem Abend in Nürnberg geht die Trophäe der engagierteren, authentischeren Performance an den Finnen. Der Gig der Schweden wirkt dagegen viel zu einstudiert und belanglos. Während Monroe immer für Abwechslung sorgte und einschneidende Akzente setzte, wirkt der Auftritt HARDCORE SUPERSTARs zu einstudiert und leblos. Sicher, die Truppe um Sänger Joakim „Jocke“ Berg geht live gut ab und vermag das Publikum von Beginn an auf seine Seite zu ziehen: Ein Großteil der Anwesenden dürfte auch extra wegen den Schweden angereist sein. Zumindest die Reaktionen seitens der Fans stimmen.

Ansonsten wirken die SUPERSTARs wie auf Platte relativ gleichförmig und wenig originell. Die Skandinavier zelebrieren Hard/Glam/Sleaze Rock im Stile der alten Mötley Crüe und dergleichen, wobei dem außer ein paar groovigen Elementen keine Novationen hinzugefügt werden. Alleinstellungsmerkmale? – Fehlanzeige! Musikalisch ist das Ganze okay, wenngleich ebenfalls nicht wirklich absolut überragend. Vielleicht können HARDCORE SUPERSTAR nach dem endgültigen Abtritt Mötley Crües ihre Existenz besser rechtfertigen: Zumindest vom Einsatz her stimmt's. Die Zuschauer verlassen den „Hirschen“ in der Gewissheit, einen schönen, hart rockenden Abend erlebt zu haben. Für den Schreiberling hier gab es (erwartungsgemäß) einen absoluten Gewinner: Überflüssig zu erwähnen, um wen es sich dabei handelt…

 

 

Genre: Heavy Rock
Shawn James kam 1986 in Chicago auf die Welt. Das Elternhaus zerrüttet, flüchtete er mehr und mehr in die Musik: Den Anfang machte der lokale Kirchenchor, wo er das Handwerkzeug erhielt, um eine kraftvolle Stimme zu entwickeln. Als Teenager zog Shawn dann nach Fayetteville in Arkansas. Beeindruckt von der dortigen Natur schrieb der Singer/Songwriter mehr und mehr Songs, die er ab 2012 unter eigenem Namen herausbrachte. Der Multi-Instrumentalist frönt auch auf seinem neuen Werk einer Mischung aus Heavy Rock mit Anleihen an Southern-Klängen. Dem gesellen sich noch Einflüsse aus den Sparten Rock N` Roll, Blues, Folk, Americana und Soul hinzu. Insofern verbrät der Gute auch auf „The Gospel According To Shawn James & The Shapeshifters“ ziemlich viele Einflüsse. Diese werden jedoch in kompakte, auf den Punkt gebrachte Songs verpackt. Cool auf jeden Fall die Fidel bei `Lost`, die ein wohliges Wildwest-Feeling verbreitet, bevor die E-Gitarre mit einem ultraschweren Riff einsteigt. Im Mittelteil von `Like Father Like Son` haucht dann auch eine Frau mal ins Mikrofon. Die enorme Bandbreite der stilistischen Einflüsse lässt den Hörer leider zuweilen etwas orientierungslos zurück, hier hätte etwas mehr Homogenität nicht geschadet. Darüber hinaus stellt Shawn zwar schon ein gutes Gespür für effektives Songwriting unter Beweis. Letzten Endes fehlt neben dem roten Faden aber noch der entschiedene Faktor Eigenständigkeit. Wer jedoch eine Platte hören möchte, die aus Liebe zur US-amerikanischen Heimat des Protagonisten fernab jeglichen patriotisch-nationalistischen Unfugs erschaffen wurde, sollte hier trotz der genannten Kritikpunkte zugreifen! (CW)

MIRROR QUEEN - „Scaffolds Of The Sky“

Monday, 13 April 2015 12:36 Published in A-Z

Dass MIRROR QUEEN drahtigen 1970er Heavy Rock mit diversen Ausflügen in psychedelische bis gar progressive Gefilde offerieren, ist zutreffend. Die sechs eigenen Songs nebst dem Blue Öyster Cult – Cover 'Wings Wetted Down' (vom zweiten Album „Tyranny And Mutation“) wurden in Brooklyn aufgenommen, das Mastering fand in Boston statt. Der Sound ist in positivem Sinne schön altbacken ausgefallen, wobei das Quartett um größtmögliche Authentizität bemüht war. Die CD kommt in einem ansprechend gelayouteten Digipack daher, wobei das Artwork von den Malleus Art Rock Labs aus Italien stammt, jenem Künstlerkollektiv, das auch bei Ufomammut zugange ist. Sämtliche Texte sind in den Innenseiten des Digipacks direkt abgedruckt, mit Ausnahme natürlich von 'Dark Ships Arrived', jenem stimmungsvollen, keineswegs zu überladenen Instrumental-Track. Fazit: MIRROR QUEEN sind eine wahrhaft verheißungsvolle Combo im nahezu überbordenden Pool an Retro-Acts! (CW)

Auch in diesem Jahr zieht es wieder Doom-Liebhaber aus allen Ecken Europas sowie der Republik nach Würzburg. Wie auch das Keep It True, ist das Hammer Of Doom Festival längst eine Institution und Pflichtveranstaltung für den Metal-Underground und darüber hinaus geworden. Die Hotelzimmer werden schon Monate vorher gebucht und der Wochenend-Trip nach Würzburg regelrecht zelebriert. Sympathische, authentische sowie eingefleischte Musikfans aller Altersklassen, wohin das Auge reicht. Eine tolle Stimmung und Atmosphäre hängt über diesem Wochenende. Diese macht es vielen schwer, bei all den bekannten Gesichtern und Begrüßungs-Ritualen zur ersten Band WOLVESPIRIT rechtzeitig den Weg vor die Bühne der Posthalle zu finden.

Freitag:

Eine nette Anekdote kann gleich zu Beginn der Shows verkündet werden, eröffnen doch die beiden Bands mit dem jeweils eindeutig kürzesten (WOLVESPIRIT) sowie dem wohl längsten (REINO ERMITANO) Anreiseweg das diesjährige Hammer Of Doom. Die Erstgenannten stammen aus dem Landkreis Würzburg und haben sich bereits einen relativ guten Ruf im Underground erspielt: Nicht umsonst dürfen die Jungs mit Dame am Gesang Uriah Heep auf ihrer aktuellen „Outsider“-Tournee supporten. Das Album „Dreamcatcher“ wurde auch vom Verfasser dieser Zeilen im Legacy bereits gebührend mit Lob bedacht, so dass man gespannt der Darbietung der Franken harrt. Bodenständige, traditionelle Rockmusik ist angesagt, deren Wurzeln eindeutig in den späten 60er/frühen 70er Jahren zu verorten ist. WOLVESPIRIT bringen ihre Musik ziemlich glaubhaft und authentisch rüber, was sehr zum Hörgenuss beiträgt.

Selbiges lässt sich auch unumwunden von den nachfolgenden REINO ERMITANO behaupten: Das Quartett liefert eine traditionelle Doom-Messe vom Allerfeinsten ab und kann mit Fug und Recht als erster Höhepunkt des diesjährigen Hammer Of Doom bezeichnet werden. Die Peruaner zelebrieren ihre Musik, die sich vollends der reinen Lehre verschrieben hat, auf inbrünstige Art und Weise. Über allem schwebt der durchdringende Gesang von Tania Duarte, deren Vocals atmosphärisch wie ehrlich rüberkommen. Die Südamerikanerin ist eben keineswegs eine Säusel-Diva, sondern versteht es, die Texte herrlich düster wie aggressiv zu intonieren. Dagegen, dass REINO ERMITANO lediglich ein weiterer Ausfluss des grassierenden Okkult Rock-Trends mit Dame am Mikro sind, spricht bereits die Tatsache, dass die Peruaner schon seit 2001 Musik offerieren, die zwar ganz im Zeichen der Pioniere des Genres steht, aber dennoch irgendwie über einen eigenen Charakter verfügt. Dies liegt zum einen am charismatischen Gesang von Tania, andererseits auch an den Texten, welche allesamt in Spanisch gehalten sind. Frau Duarte hat es nicht nötig, fehlende musikalische Überzeugungskraft mit weiblichen Reizen wett zu machen: Vielmehr wirkt die Dame wie eine feminine Ausgabe des jungen Ozzy Osbourne. Oder wie eine Bekannte treffend formulierte: „Endlich mal eine Frau, die Eier hat…!“

Letzteres lässt sich von der Sängerin von JESS AND THE ANCIENT ONES, die vor Kurzem erst eine Nordamerika-Tour im Vorprogramm von niemand Geringerem als King Diamond absolviert haben, indes nicht behaupten: Die Dame wirkt, als wäre sie einem Nostalgie-Klamottenladen entsprungen. Die Musik der Finnen hat dagegen locker das Potential, in einem Fahrstuhl eines Mittelklasse-Hotels gespielt zu werden: Während REINO ERMITANO zuvor heißblütige Emotionen entfachten, regiert bei den Skandinaviern musikalische Belanglosigkeit. Bei Jess und ihren Männern wirkt alles durchstilisiert und -organisiert, man überlässt relativ wenig dem Zufall und strebt danach, ein heller Stern in einer relativ kurzlebigen Trendnacht zu sein. Dabei hat die Finnin weder das Charisma einer Jex Thoth noch die Stimme einer Elin Larsson. Darüber hinaus wirkt die Musik der Nordlichter reichlich höhepunktsarm und bestätigt nur mehr den auf Platte gewonnenen (negativen) Eindruck.

99,9% der Anwesenden dürften sich an diesem Freitagabend vor allem wegen TROUBLE in der Posthalle eingefunden haben. TROUBLE war und ist live natürlich immer grandios. Und gerade nach dem bärenstarken letzten Album „The Distortion Field“ sowie dem Einstieg von Sänger-Koryphäe Kyle Thomas (Exhorder, Floodgate, Ex-Alabama Thunderpussy) ist die Band zusätzlich wiedererstarkt. Da hätte es die Ankündigung, besonders viel Material vom „Psalm 9“-Debüt und Meilenstein zu spielen, gar nicht gebraucht, um Doom-Jünger in Entzückung zu versetzen. Der Fünfer steigt gleich mit dem Eröffnungs-Duo 'The Tempter' und 'Assassin' ein und löst eine Welle von Euphorie und Enthusiasmus aus. Der Sound ist glasklar sowie differenziert, die Lightshow headlinerwürdig, und die Musiker könnten nicht mehr grooven. TROUBLE präsentieren sich ultra-tight sowie perfekt eingespielt, und speziell das Gitarristen-Duo Bruce Franklin und Rick Wartell agiert (nicht nur heute) in einer ganz eigenen Liga. Da sitzt jeder Akzent, jeder Lick und einfach jeder Ton perfekt und lebt regelrecht. Die doppelstimmigen, NWOBHM-mäßigen Leads sind zum Niederknien, und jedes Solo wird mit Herzblut sowie purer Leidenschaft gespielt. Die Rhythmusfraktion gleicht einem Schweizer Uhrwerk, und das Publikum singt nicht nur 'Psalm 9' und 'Bastards Will Pay' lauthals mit.

Kyle präsentiert sich ultra-sympathisch und positiv, hat eine bemerkenswerte Aura und singt jedes Stück wie ein junger Gott. Jederzeit auf Augenhöhe mit Eric Wagner – auch wenn Mr. Thomas seine Rolle gänzlich anders gestaltet und eine komplett andere Ausstrahlung hat. Eher der sympathische Southern-Rocker von nebenan mit jeder Menge (Metal-)Energie im Blut. Ein anonym bleibender Rock-Veteran murmelt etwas von „Truckfahrer“, was für allerlei Gelächter sorgt. Zu 'Endtime' und 'Revelation (Life Or Death)' erreicht die Stimmung ihren absoluten Höhepunkt. Weinende Zuschauer, tanzende Damen jüngeren Semesters mit tollem Hüftschwung, emotional und mit geschlossenen Augen singende Senior-Doomster sowie Banger sind gleichermaßen auszumachen. Mit 'When The Sky Comes Down' bringen TROUBLE dann noch den Opener des aktuellen Albums, der ebenfalls sehr gut ankommt, aber an die ganz großen Klassiker nicht ganz heran reichen kann. 'Plastic Green Head' wird anschließend mit 'Flowers' gewürdigt und 'Wickedness Of Man' führt uns zurück zu seligen „The Skull“-Tagen. Zu 'Paranoia Conspiracy' und 'Hunters Of Doom' von der neusten Platte kann man sich noch am ehesten ein neues Bier holen, nur um es während der zu 'At The End Of My Daze' total am Rad drehenden Crowd wieder halb verschüttet zu bekommen. Danach wird Black Sabbath mit einem geilen 'Supernaut'-Cover gehuldigt. Auch wenn dies sehr gut ankommt, wäre vielen Anwesenden ein zusätzlicher Klassiker lieber gewesen. Alles unnötige „Jammerei“, da eine perfekte Show unter Gänsehaut mit 'R.I.P' und 'All Is Forgiven', dem letzten Stück des selbstbetitelten Klassikers, endet. Für den Verfasser dieser Zeilen mit Abstand der beste und intensivste Gig des Jahres. Zum Niederknien!

Warum eine vergleichsweise junge Band wie KADAVAR danach als Headliner auf die Bretter geschickt wird, bleibt ein Rätsel. Natürlich sind die seit 2010 aktiven Berliner eine sehr gute Band, die sich auch live einen tollen Ruf erspielt hat. Aber gegen das, was TROUBLE heute abgeliefert haben, würde fast jede Band verlieren. Das bärtige Trio gibt sich aber sichtlich Mühe und legt 200% Energie in seine Show. Insbesondere Drummer Christoph Bartelt drischt dauerbangend auf sein Kit ein, als gäbe es kein Morgen. Der intensive, brutale Groove von Stücken wie 'Liquid Dream', 'Doomsday Machine', 'Eye Of The Storm' oder 'Black Sun' hat seinen ganz speziellen Reiz und kann viele Anwesende vor der Bühne und auf Betriebstemperatur halten. Die Huldigung von alten Space- sowie Krautrock-Veteranen wie Pentagram, Grand Funk Railroad oder Hawkwind ist in Songs wie 'Forgotten Past' (lol!), 'Come Back To Life' oder 'Creature Of The Demon' unüberhörbar. Allerdings werden diese von KADAVAR mit einer Frische und Spielfreude dargeboten, die einfach mitreißend ist. Die intensivste Atmosphäre transportiert heute der Track 'Goddess Of Dawn', ehe uns der Rausschmeißer 'All Our Thoughts' dann schnell in Richtung Aftershow Party schickt. Das Hauptthema ist dort, wie aufgekratzt und aus dem Häuschen doch jeder nach diesem unglaublichen TROUBLE-Auftritt ist. Dies lässt einige Doomheads noch bis zum Morgengrauen wach bleiben und diverse Kaltgetränke konsumieren.

 

Samstag:

Da die sehr lange bzw. kurze Nacht auch der Legacy-Delegation noch in den Knochen steckt, kann über die erste Tagesband WUCAN leider nur eingeschränkt berichtet werden. Die jungen Musiker aus Dresden sollen die bereits anwesenden, teilweise ordentlich verkaterten Besucher von Anfang an eindrucksvoll wach gedoomt haben. Schreiber- und Musiker-Kollegen loben die tolle, sexy Stimme von Sängerin Francis sowie diverse Akustikklampfen- und Querflöten-Einlagen. Fans von Jethro Tull oder Fleetwood Mac, kommen bei WUCAN zweifellos auf ihre Kosten. Am besten kommt heute das mit einem Videoclip veredelte 'Franis Vikarma' an, und nicht wenige Frühaufsteher sprechen von der ersten Überraschung des Festivals.

Die slowenische, eindeutig frauendominierte Formation MIST kann dieses Stimmungslevel danach leider nicht halten. Zu gleichförmig und austauschbar klingt das u.a. von Pentagram und Black Sabbath beeinflusste Songmaterial. Einen gewissen Charme sowie eine erotische Aura kann man dem Fünfer aus Ljubljana aber nicht absprechen. Zudem gehen MIST mit viel Spaß und Herzblut zur Sache. Extra Pluspunkte sammelt die Combo zum Ende des Sets mit dem Candlemass-Cover 'Bewitched'.

Als die Hellenen DOOMOCRACY auf der Bühne stehen, ist die Posthalle zum ersten Mal ordentlich gefüllt. Auch wenn die Band erst seit 2011 aktiv ist, hat sie sich bereits einen sehr guten Ruf sowie Bekanntheitsgrad erspielt. Das sehr starke 2014er-Debüt „The End Is Written“ hat hier sicher auch seinen Teil dazu beigetragen. Vor allem Epic Doom-Liebhaber, die Candlemass und Solitude Aeturnus rauf und runter hören, zieht es jetzt direkt vor die Bühne. Die etwas komplexer und verschachtelt arrangierten Songs erfordern Hingabe und konzentriertes Zuhören. Und genau diese Zielgruppe ist heute anwesend und frisst diesen fünf Musikern von der wunderschönen Insel Kreta aus der Hand. Mit viel Leidenschaft und Spielfreude können DOOMOCRACY eine gewisse Schüchternheit (speziell Goldkehlchen Michael Stavrakakis anzumerken) sowie mangelnde Live-Erfahrung sehr gut wettmachen. Als größter Ohrwurm erweist sich der Titelsong der neuen Platte, dessen Riffs und Melodien der Verfasser dieser Zeilen nun lange nicht mehr aus dem Kopf kriegen wird. Wie mit Below steht uns mit dieser Band sicher noch Großes bevor. Sehr guter Gig!

Extrem kauzig und kultig wird es anschließend bei den Italienern EPITAPH. Diese bereits seit 1987 aktive, aber irgendwann in der Versenkung verschwundene und nun wieder entstaubte Combo polarisiert wie keine zweite Band dieses Wochenendes. Gefühlt stehen deutlich weniger Zuschauer als zuvor bei DOOMOCRACY vor der Bühne. Aber die Fans, die da sind, feiern das Quartett nach allen Regeln der Kunst ab und beobachten gebannt die theatralische, sehr eigenwillige Darbietung. Insbesondere Frontmann Emiliano Cioffi hat im positiven Sinne einen an der Waffel und würde sich auch sehr gut im Theater oder in einem Musical machen. Man weiß nie ganz genau, ob er etwas nur zum Spaß oder weil sichtlich zugedröhnt tut oder eine ernstere, tiefere Bedeutung dahinter steckt. Der eine Nachbar murmelt etwas von Ghost, der andere spricht von den „Hell des Doom“. Beides ist irgendwie zutreffend und auch doch wieder nicht. EPITAPH sind zweifellos eigenständig und dürften sich bei allen Zuschauern auf irgendeine Art und Weise eingebrannt haben. Wo die einen den Spirit und die Authentizität loben, lästern andere über immer wieder schiefen Gesang. Subjektiv gesehen, ein weiteres Highlight, denn diese Band lässt die Zeit irgendwo wie im Flug vergehen. Es bleiben nicht einzelne Songs, sondern das intensive Gesamtergebnis hängen.

Die Erwartungshaltung bezüglich den folgenden MOUNT SALEM ist spürbar extrem hoch. Die Occult-Rocker um Sängerin und Keyboarderin Emily Kopplin sind erst seit 2012 aktiv und haben mit „Endless“ gerade mal erst eine EP veröffentlicht. Die Amis bedienen Freunde der aufgelösten The Devil's Blood als auch Liebhaber von Combos wie Jex Thoth oder Blood Ceremony. Allerdings agieren die Amis weit weniger psychedelisch und verrückt, sondern dafür wesentlich rifflastiger und heavier. Das Quartett aus Chicago bekommt vom ersten Song an eine beachtliche Resonanz, die man sonst eher bei dienstälteren Bands erwarten würde. Bis auf das manchmal etwas schief tönende Keyboard gibt es auch absolut nichts an der Performance auszusetzen. Bühnen-Charisma sowie Mimik und Gestik sitzen und bilden zusammen mit der Musik eine sehr starke Einheit. Es will lediglich der allerletzte Funke, um das Publikum so richtig in Trance zu spielen, nicht überspringen. Die Zuschauer spüren aber, dass MOUNT SALEM immer ganz knapp daran kratzen und eigentlich dazu fähig sind. Eine sehr gute Band, die heute vielleicht nicht ihren allerbesten Tag erwischt hat, aber sicher noch zu großem fähig sein wird.

Mit HAMFERD betritt danach eine relativ obskure Erscheinung die Bühne der Würzburger Posthalle: Die in feine Anzüge gehüllten Musiker stammen von den Faröer Inseln, welche in Bezug auf Metal bis dato lediglich aufgrund der Pagan/Folk-Metaller Tyr auf sich aufmerksam machten. Seit 2008 aktiv, haben die Insulaner bis dato eine EP sowie ein Album in ihrer Diskografie zu Buche stehen. Angesichts dessen kommt das, was da an diesem Samstagabend in Würzburg geboten wird, ziemlich professionell und gut aufeinander eingespielt daher. Sänger Jón Aldará macht dabei sicherlich die beste Figur, beherrscht der Frontmann doch sowohl elegischen Klargesang als auch kraftvolle Growls. HAMFERDs Mischung aus Death- und Doom Metal ist auf jeden Fall vergleichsweise originell und vermag eine schön melancholische Aura zu versprühen: Ideale Musik für triste Winterabende!

Während bei den Musikern von den Faröer Inseln jemand agiert, der mit eindringlichem Klargesang zu punkten vermag, wird bei den nachfolgenden THE RUINS OF BEVERAST bereits im Rahmen der ersten Takte des Openers offenbar, dass genau dieses Element bei dieser Gruppe fehlt: Viel zu schief, ja gar amateurhaft kommen die Vocals rüber. Die ansprechenden Death-Growls können dieses Manko leider nur bedingt wieder wettmachen. Im Vorfeld stellten sich wohl einige Fans die Frage, ob es THE RUINS OF BEVERAST schaffen würden, jene insbesondere auf ihrem letzten Album „Blood Vaults – The Blazing Gospel Of Heinrich Kramer“ vorherrschende Atmosphäre auch livehaftig ansprechend rüberzubringen. Mainman Alexander von Meilenwald & Co. offerieren hypnotisch-destruktive Musik, der es allerdings wiederum auch nicht an pechschwarzen Harmonien mangelt. Es ist beim Hammer Of Doom ja fast schon eine gute Tradition, dass man auch langsamerem Todesblei mit Doom-Versatzstücken ein Podium gewährt. THE RUINS OF BEVERAST machen zwar ihre Sache gut, aber nicht wirklich überragend.

Selbiges gilt für AVATARIUM, die gleich nach Meilenwald und seinen Mannen die Würzburger Bühne entern. Die Erwartungen an die Formation, bei der unter anderem Candlemass-Bassist Leif Edling, Lars Sköld von Tiamat und Carl Westholm von Jupiter Society zocken, waren relativ hoch gesteckt. Den Schriftzug der Epic Doom-Legende tragen einige Stücke von AVATARIUM, allein es fehlt im direkten Vergleich die Intensität sowie jenes untrügliche Gespür für mitreißende Arrangements, welche Candlemass auch heute noch auszeichnen. Jennie-Ann Smiths Gesang ist leider zu beliebig, als dass er nachhaltig beeindrucken könnte. Auch die Songs an sich sind keineswegs so überzeugend, wie man das von Leifs Hauptband gewohnt ist. Sicherlich fahren die Schweden beim Hammer Of Doom eine rundum professionelle Show auf. Was fehlt, sind allerdings noch die richtig großen Momente. So schwimmen AVATARIUM derzeit leider noch zu sehr in Fahrwassern des Mittelprächtigen, ohne wirklich Songs mit Charakter und Seele zu inszenieren.

Nahezu jeder Besucher des diesjährigen Hammer Of Doom war auf eine Band ganz besonders gespannt: SAINT VITUS. Einerseits steht mit den Amis eine wahre Doom-Legende auf der Bühne, andererseits bekommt der Auftritt durch die Tatsache, dass Frontbarde Scott „Wino“ Weinrich am 11. November wegen Drogenbesitzes von der norwegischen Polizei festgenommen und umgehend zurück nach Hause in die Vereinigten Staaten geschickt wurde, zusätzliche Brisanz. Dabei ist es letzten Endes egal, mit welcher Art von Drogen Wino de facto aufgegriffen wurde (manche glaubten zu wissen, dass es sich gar um Crystal Meth gehandelt habe); wichtig ist, dass seine verbliebenen Mitmusiker die Headliner-Position dieses Festivals so würdevoll wie möglich ausfüllen. Eine Schlüsselrolle besetzt an dieser Stelle Gitarrist und Hauptsongwriter David Chandler, der einen Großteil des Gesangs an diesem Abend übernimmt. Spätestens seit seinem Old-School-Hardcore-Projekt Debris Inc. weiß man, dass die grauhaarige Doom-Eminenz auch über ein kraftvoll-dreckiges Gesangsorgan verfügt. Natürlich kann man David nicht mit Wino vergleichen, auch die Aura von Herrn Weinrich wird an jenem Abend in Würzburg schmerzlich vermisst. Dennoch wird das Publikum Zeuge eines ungewöhnlichen, engagierten Auftritts einer wahren Legende, die sich auch durch derart schlechte Nachrichten nicht ins Bockshorn jagen lässt. Dass Sacred Steel-Sänger Gerrit P. Mutz über ein Faible für Doom Metal verfügt, weiß man nicht erst seit seinen Engagements bei Angel Of Damnation und Dawn Of Winter. Eine wahre Ehre stellt es für ihn dann dar, bei SAINT VITUS zwei in flotterem Musiziertempo gehaltene Songs darzubieten. Dabei hält sich Gerrit aus Achtung vor der Doom-Legende und nicht zuletzt auch wohl vor Wino selbst relativ dezent im Hintergrund. Ebenso versucht sich Schlagzeuger Henry Vasquez bei einem Stück am Gesang, und selbst wenn diese Darbietung nicht so überzeugend wirkt wie die von Chandler, ist es doch gut zu sehen, dass auch der Drummer seinen Teil zum Gelingen des Abends beitragen will und die schwierige Doppelbelastung im Grunde gesehen ganz gut meistert.

Die Songauswahl an diesem Abend ist vom Allerfeinsten: Klassiker wie 'Living Backwards', 'I Bleed Black', 'White Stallions' oder 'Clear Windowpane' werden gezockt, während 'Dying Inside' vor dem Hintergrund der Wino-Geschichte an diesem Abend eine besondere Bedeutung innewohnt. Erwartungsgemäß beschließen SAINT VITUS ihr reguläres Set mit 'Born Too Late', welches vom Publikum lauthals mitgesungen wird, bevor Chandler die Bandhymne 'Saint Vitus' im Zugabenteil als „Song, mit dem alles anfing“ ankündigt. Ein denkwürdiger Auftritt der Doom-Legende fürwahr und trotz des Fehlens von Wino ein mehr als würdiger Headliner des diesjährigen Hammer Of Doom! Nach dieser allen Unkenrufen zum Trotz starken und überzeugenden Show gehen alle Doom-Jünger erschöpft, aber zufrieden ihrer Wege. Nicht wenige führen diese allerdings noch in die nächstgelegene Bar, Kneipe oder Club. So wurden noch bis in die frühen Morgenstunden des darauffolgenden Sonntags viele Metalheads quer durch Würzburgs Zentrum verteilt gesichtet. Und egal wen man fragt. Jeder ist sich einig, selbstredend auch beim nächstjährigen Hammer Of Doom Festival wieder dabei zu sein. Denn es ist nicht nur das Line-Up, sondern auch der Metal-Markt sowie der einzigartige „von Fans für Fans“-Charme, der qualitätsbewusste Doomer stets wieder nach Würzburg lockt. Wir freuen uns schon jetzt aufs kommende Jahr!

 

Text: Christian Wachter und Markus Wiesmüller

Fotos: Jowita Kamińska-Peruzzi (http://www.jowita-kaminska.com/)

 

 

 

Lange mussten die deutschen Fans auf diesen Moment warten: Nachdem diverse Konzertreisen in der Vergangenheit aufgrund des angeschlagenen Gesundheitszustandes des Rock'n'Roll-Urgesteins Lemmy Kilmister immer wieder verschoben werden mussten, steht in der bayerischen Landeshauptstadt an einem eigentlich relativ undankbaren Montagabend das erste von vier Deutschlandkonzerten ins Haus. Seit einiger Zeit bereits restlos ausverkauft, ist das Publikum gespannt wie ein Flitzebogen, ob der charismatische Gralshüter des Rock'n'Rolls an Gesang und Bass mittlerweile wieder zu alter Stärke zurückgefunden hat. Doch zunächst einmal „muss“ man sich noch mit den Supportacts auseinandersetzen. Dies stellt an diesem Abend jedoch ein dermaßen angenehmes Unterfangen wie selten zuvor dar, sind mit SKEW SISKIN und THE DAMNED doch alte Kumpels und Weggefährten der Band mit an Bord, die auch musikalisch nahezu perfekt zur Hauptformation des Abends passen.
Den Anfang machen die harten Rocker aus Berlin, die das gerade mal gut zur Hälfte gefüllte Auditorium mit erdiger, ehrlicher Musik überzeugen. Sängerin Nina C. Alice und ihre Mannschaft bietet eine solide Darbietung, der einzig und allein das letzte Quentchen Überzeugungskraft noch fehlt. Es ist im Falle SKEW SISKIN auf der Bühne wie auf Platte: Das Ganze ist ganz nett anzuhören, aber auch kein absoluter Überhammer vor dem Herrn. Stattdessen wird das Quartett seiner Platzierung als den Reigen eröffnende Gruppe durchaus gerecht, und alleine das ist schon mal ein großes Lob. Spätestens beim heimlichen „Hit“ der Formation, dem Ohrwurm `If The Walls Could Talk`, lassen sich dann auch mehr Fans von Nina & Co. mitreißen, so dass die Hauptstädter weit mehr als nur Höflichkeitsapplaus einheimsen.
Proppenvoll ist dann bei THE DAMNED bereits nicht nur ein gewisser kleiner Prozentsatz der Anwesenden, sondern auch die Halle. Unabhängig davon, dass die Sanitäter angesichts von sichtlich alkoholisierten Fans (soll`s ja auch geben…) an dem Abend so einiges zu tun haben, zieht die britischen Punklegende viele der Anwesenden in ihren Bann, schließlich sieht man die Truppe in hiesigen Breitengraden auch nicht allzu häufig. Die Engländer offerieren eine selbst angesichts der Kürze des Sets repräsentative Reise quer durch ihre bewegte Bandgeschichte. THE DAMNED waren ja seit jeher eine eher vielschichtige Formation, die beispielsweise auch vor zuweilen differenzierten respektive Synthesizer-Klängen nicht zurückschreckte: Das Tasteninstrument wird dabei von Monty OxyMoron bedient, der mit seiner Lockenpracht im mit Totenkopfmustern versehenen Anzug einen wahren Blickfang darstellt. Bei `New Rose` wagt sich der verschrobene Keyboarder sogar ekstatisch zuckend in Richtung Bühnenrand. Während Schlagzeuger Pinch und Bassist Stuart West „normal“ in Jeans und T-Shirt daherkommen, präsentiert sich Sänger Dave Vanian wie gewohnt als eine Art Pendant zu Gomez von der Addams Family in einen feinen Smoking gehüllt. Gitarrist Captain Sensible sticht mit seiner roten Kappe sowie freakiger Jacke und Hose ebenso heraus. Dabei ist Letzterem bereits beim Opener Pech beschieden, gibt doch sein Sechssaiter den Geist auf, so dass ein Wechsel nötig ist. Der dauert allerdings wiederum so lange, dass die Band den ersten Song kurzerhand ohne ihn zu Ende spielt. Ansonsten liefern THE DAMNED an dem Abend allerdings einen erstklassigen Auftritt ab, der das Gros des Publikums überzeugt haben dürfte.
Dann endlich ist es soweit: Das Dreigestirn Lemmy Kilmister, Phil Campbell sowie Mikkey Dee betritt die Bühne und legt gleich unverzüglich mit dem „Ace Of Spades“-Klassiker `Shoot You In The Back` munter los. Gerüchte, die in Fankreisen vor dem Auftritt bereits munter kursierten, bewahrheiteten sich: Wer an den Setlists der MOTÖRHEAD-Tourneen der letzten Jahre kritisierte, dass zu sehr auf Nummer Sicher gegangen anstatt dass mal die eine oder andere Überraschung ausgepackt wird, wird an diesem Abend eines Besseren belehrt: Freilich gibt`s Standards wie `Killed By Death`, `Just `Cos You Got The Power`, `Stay Clean`, `Metropolis`, das unvermeidliche `Ace Of Spades` oder im Zugabenteil das furiose `Overkill`. Doch der Rest der Setlist ist eher als ungewöhnlich zu bezeichnen: Gleich zu Beginn folgt nach dem erwähnten Opener `Shoot You In The Back` mit `Damage Case`, `Stay Clean` und `Metropolis` eine innige Huldigung des „Overkill“-Albums. Dem gesellen sich unmittelbar danach `Over The Top` sowie `The Chase Is Better Than The Catch` hinzu. Bei Letzterem bietet Phil ein herrliches Gitarrensolo dar. Mit `Rock It` begibt sich das Trio kurz in die 80er, bevor `Suicide` vom 2004er-„Inferno“-Album den Weg frei macht für Stücke neueren Datums: Mit `Do You Believe` und `Lost Woman Blues` zocken MOTÖRHEAD gleich zwei neue Stücke der aktuellen „Aftershock“-Langrille, die sich nahtlos ins Set einfügen und von den Anwesenden genauso frenetisch abgefeiert werden wie diverse Klassiker. Dem folgt eine erneute faustdicke Überraschung: Im Laufe von `Dr. Rock` (!) von „Orgasmatron“ schwingt Mikkey während eines coolen Drumsolos seine Schlagzeugstöcke. Beim ultraharten, aber dennoch relaxten `Just `Cos You Got The Power` wird die Musiziergeschwindigkeit so weit wie bei MOTÖRHEAD möglich heruntergedreht, bis mit dem punkig-rockigen `Going To Brazil` ein schnelles Stück unmittelbar auf den Fuß folgt. Den Abschluss bilden dann die bewährten Hits `Killed By Death` und `Ace Of Spades`, bevor sich das Trio mit `Overkill` im Zugabenteil verabschiedet.

Die Songauswahl kann ohne Umschweife als Geschenk an die Fans bezeichnet werden, denn so einige Nummern waren schon seit Jahren live nicht mehr zu hören gewesen! Zwar kann man nicht gerade behaupten, dass Lemmy anno 2014 vor Energie nur so übersprüht, dennoch wirkt Herr Kilmister, der mittlerweile wohl einige Pfunde weniger auf den Rippen hat, weitaus fitter als noch vor ein paar Monaten. Aber so richtig vermag man das Ganze an dem Abend gar nicht zu registrieren, ist man doch angesichts der Klänge, die da aus den Boxen schallen, schlichtweg rundum entzückt: MOTÖRHEAD kommen schließlich in diese Stadt, um anständig zu rocken und den Anwesenden einmal mehr einen unvergesslichen Abend zu bereiten anstatt sich mit Kinkerlitzchen aufzuhalten! – So lange Lemmy auf der Bühne steht und seine Songs zocken kann, so lange geht`s dem mittlerweile 68-jährigen Haudegen gut! Die ungemeine Spielfreude merkte man auch seinen Mitstreitern Phil und Mikkey an, so dass man den Abend als rundum gelungen bezeichnen kann. Glückselig und voller Hoffnung, dass dies nicht die letzte MOTÖRHEAD-Tour in unseren Breitengraden war, verlassen dann die zahlreichen Fans nach den letzten Klängen die Szenerie. Es ist wie`s ist bei Konzerten von Lemmy & Co: Der Wahnsinn regiert, Extreme werden ausgereizt - einmal mehr ein mehr als denkwürdiger Abend!!!

Text: Christian Wachter

Fotos: Elodie Dosser

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