LEGACY - The Voice from the Darkside

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Christian Wachter (CW)

Christian Wachter (CW)

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Das neben Keep It True, Party.San, Rock Hard und Keep It Low beste deutsche Festival geht also nun auch schon in die zehnte Runde. Wie in Lauda-Königshofen handelt es sich hier primär um ein großes Familientreffen mit sehr hohem Anteil Stammpublikum – auch aus den europäischen Nachbarländern. Dazu gesellen sich in den letzten zwei, drei Jahren auch ein paar neugierige Neulinge, welche primär von den großen Headlinern angezogen werden.

 

Freitag:

An einem kühlen, verregneten und herbstlichen Freitagabend zieht es die Meute ohne Umwege recht zügig in die Posthalle. Davon profitieren CROSS VAULT, welche dieses Jahr als Opener fungieren. Das Duo aus Nordrhein-Westfalen hat sich düster-melancholischem, gelegentlich auch ins Depressive abdriftenden, traditionellen Doom verschrieben. Vergleiche mit alten My Dying Bride und Paradise Lost sowie Warning (UK) sind durchaus angebracht. Was die Musiker auf Konserve zu zweit erledigen, bekommt live heute Verstärkung. Dem charismatischen Sänger Niklas alias Nerrath dürften einige Anwesende eher aus dem Black Metal-Umfeld (Zerstörer, Horn, Shrine) kennen. Hinter die Schießbude sitzt sich gerne auch mal Skullsplitter, welche ansonsten u.a. auch bei Nocturnal und Terrorazor aktiv ist. CROSS VAULT kommen heute sehr gut an und die bereits recht zahlreich anwesende Meute ist insbesondere von dem zehnminütigen, epischen 'Revocable Loss' schwer angetan. Eine mehr als würdige Eröffnungsshow! (MWM)

Während das Programm der letzten paar Veranstaltungen nicht immer dem Festivalnamen vollends gerecht wurde, hat man sich für 2015 beim Hammer Of Doom erfreulicherweise wieder auf alte Werte besonnen: Statt Flower Power Rock mit vorwiegend Frauengesang gibt's größtenteils wieder Doom pur, selbst wenn dieser auch mal rockiger, epischer oder deathiger dargeboten wird. Eine Ausnahme von dieser diesjährigen Regel stellen PATH OF SAMSARA dar, die okkulten Rock zocken, der sich an Ideengebern aus den späten 60ern respektive 70ern vom Schlage Black Widow oder Coven orientiert. Allerdings scheinen die Jungs auch einen Narren an Gruppen gefressen zu haben, die zum Revival derartiger Musik geführt haben, man denke da beispielsweise an Blood Ceremony oder vor allen Dingen an The Devil's Blood. Ganz so verspielt wie die Letztgenannten gehen PATH OF SAMSARA allerdings keineswegs zugange, so dass dieses spezielle Element der Musik des Trios schon mal abhanden kommt. Dafür haben die Jungs kompaktere Songs zu bieten, die Genrefans zusagen dürften. Etwas mehr Drive, etwas mehr Düsternis würde der Musik jedoch nicht schaden, zu beliebig wirkt das Ganze derzeit noch. Ansonsten werden PATH OF SAMSARA ihrer Funktion als Einstimmung auf die letzten beiden Hammer-Bands des Freitags im Großen und Ganzen gerecht, wenngleich kein wirklich nachhaltiger Eindruck bleibt. (CW)

Mit SORCERER steht zum ersten Mal an diesem Wochenende epischer Doom Metal in Reinkultur auf dem Programm: Die Schweden hatten bekanntlich einen gewissen Kultstatus in der Szene inne, welcher auf die beiden superben Demos, die Ende der 80er/Anfang der 90er erschienen, zurückzuführen war. Das Debütalbum „In The Shadow Of The Inverted Cross“, das nach über einem viertel Jahrhundert nach Bandgründung erst dieses Jahr erschien, etablierte den Namen SORCERER nunmehr auf breiterer Ebene. Kaum verwunderlich deswegen die Verpflichtung der Schweden als Co-Headliner des Hammer Of Doom-Freitags. Ihrer hohen Platzierung im Billing werden die Skandinavier dann auch vollends gerecht, zelebrieren sie doch eine gelungene Mischung aus ihren bisherigen Veröffentlichungen. Rein musikalisch gesehen, sind die epischen Doomer an jenem Freitagabend in bestechender Form, so dass Hymnen wie 'Born With Fear' oder das den Auftritt beschließende 'The Sorcerer' vom Publikum mit lautstarkem Applaus bedacht werden. Die Schweden stellen mit einer beherzten wie innigen Performance unter Beweis, dass sie nach all den Jahren keinen Deut an Energie und Leidenschaft eingebüßt haben. (CW)

Die Großmeister PENTAGRAM sind für dieses Festival ja mittlerweile zu so etwas wie der Haus- und Hof-Kapelle geworden – und das ist gut so. Ob man dabei nun unter dem Namen Death Row bzw. mit oder ohne Koryphäe Victor Griffin auftritt, sei mal dahingestellt. Weil dieser heute aber wieder an Bord ist, sind viele Fans ordentlich aus dem Häuschen. Sehr gerne erinnert sich jeder an seine „Abschiedsshow“ in Würzburg vor ein paar Jahren, bei der er wie ein Besessener mit unglaublicher Hingabe seine Gitarre bearbeitete. Die Posthalle ist nun das erst Mal heute bis zum Bersten gefüllt, ein endlich wieder ganz in Schwarz gekleideter Mr. Liebling betritt mit seinen Kumpanen die Bühne und legt gleich mit 'Death Row' so eindrucksvoll los, als gäbe es kein Morgen. Victors Gitarrenspiel ist wie gewohnt herrlich wütend, aggressiv und kraftvoll – Rock'n'Roll in Reinkultur. 'All Your Sins' lässt alle Anwesenden umgehend am Rad drehen. Die Halle kocht, es wird mitgesungen, gebangt und getanzt, was das Zeug hält. Erneut auffällig, welch großer Anteil an (hübschen) Damen direkt vor der Bühne dem guten Bobby scheinbar aus der Hand frisst. Dieser wirkt heute trotz vom Leben (und den Drogen) gezeichneten Aussehens erstaunlich fit, vital und gesund. So entschlossen und kraftvoll singend hat man ihn, wenn auch alle der letzten Shows gutklassig waren, in den letzten Jahren nur selten erlebt. Bassist Greg Turley ist nun auch bereits 20 Jahre fester Bestandteil von PENTAGRAM und sorgt zusammen mit Neuzugang Pete Campbell hinter den Drums für den nötigen Groove sowie eine amtliche Tightness. Das neue Stück 'Close The Casket' kommt recht gut an, wird dann aber erwartungsgemäß doch von 'Sign Of The Wolf' getoppt.

'Forever My Queen' wird heute in einer wahrlich magischen Form zelebriert und sorgt reihenweise für Gänsehaut. Dies liegt daran, wie leidenschaftlich und hingebungsvoll Liebling diesen Track heute singt. Das folgende 'The Tempter Push' hingegen mag einer der Gründe sein, warum die neue Platte „Curious Volume“ insgesamt etwas zwiespältig aufgenommen wurde. 'Wartime' von „Day Of Reckoning“ stimmt hier wieder versöhnlich, ehe es mit 'Dead Bury Dead' und 'Curious Volume' zwei weitere neue Songs zu hören gibt. Dadurch bleiben heute die Übersongs 'The Ghoul' sowie 'Walk in The Blue Light' leider außen vor. Mit 'Dying World' kommt aber erneut „Relentless“ zum Zug, ehe mit 'Devils Playground' weitere neue Töne folgen. Als PENTAGRAM dann 'Relentless' anstimmen, erreicht die heutige Stimmung ihren Siedepunkt. Dies gilt gleichermaßen für Publikum als auch die Musiker auf der Bühne. Griffin ist heute gut drauf, hat tierisch Bock, post und reißt seine Gitarre in die Höhe, dass es eine wahre Freude ist. Wenn er soliert, verliert er sich stellenweise regelrecht darin und bearbeitet sein Instrument wie ein Berserker. Das Quartett verschwindet ganz kurz, um mit einem erneut herrlich gesungenen 'Last Days Here' den Zugabe-Block einzuläuten. 'Be Forwarned' und '20 Buckspin' geben der Crowd den Rest und das Kollektiv ist sich einig, heute einen ganz besonderen, vielleicht sogar den besten PENTAGRAM-Gig seit Jahren erlebt zu haben. Dass der neue Longplayer mit vier Stücken eventuell etwas überpräsent war, bleibt hier sekundär. Im Anschluss findet in der Posthalle noch eine fette Aftershow-Party statt. Dank eines meisterhaft auflegenden DJs, dem man gar nicht genug auf die Schulter klopfen kann, hält sich die Meute kollektiv noch sehr lange und gibt sich ausgiebig dem Gerstensaft als auch den Longdrinks hin. (MWM)

 

Samstag:

Da vielen noch die gestrige Aftershow-Party in den Knochen steckt, ist es, als LORD VIGO den heutigen Tag eröffnen, noch relativ übersichtlich vor der Bühne. Bei dem Trio plus Live-Bassist aus dem Rheinland handelt es sich mehr oder weniger noch um einen Newcomer, wogegen die Musiker selbst aus einigen anderen Combos bekannt sein dürften. Speziell Patrick Fuchs, der außerdem noch mit Ross The Boss, Hammer King und Ivory Night aktiv ist. Die Band hat eine Menge klassischen Heavy Metal in ihrem Grundsound und agiert nicht nur im Kriechgang, sondern gerne auch einmal im Midtempo. Diese Bandbreite zeigt das Quartett 'The Arrival', 'Babylon The Great', 'Ishtar – Queen Of The Night' und das schnellere 'Terror Witchcraft' recht gut auf. Dass Sänger Vinz ein grippebedingtes Handicap hat, fällt dabei nicht wirklich schlimm auf. Es wird step by step voller vor der Bühne und als LORD VIGO dann noch ein tolles 'Witchfinder General'-Cover (den Bandsong) zocken, hat die etwas kauzige Truppe gewonnen.

Die folgenden DOOMSHINE sind bereits 15 Jahre aktiv und insofern erstaunlich früh im Billing platziert. Das Quartett agiert von Anfang an selbstbewusst, routiniert, entschlossen sowie gleichermaßen bodenständig und lässt sich von den zu Beginn noch etwas lichteren Reihen nicht beirren. Als die Ludwigsburger 'Third From Inferno' zocken, kommt bereits etwas mehr Bewegung in Richtung Bühne zustande. Sänger/Gitarrist Timmy weiß zudem mit witzigen Storys bezüglich seiner Träume über Bobby Liebling zu unterhalten. Die meisten Anwesenden haben heute tierisch Bock auf das episch-atmosphärische Songmaterial und gehen nicht nur zu dem kernig angesagten 'No One Kills Freedom' (neuer Song?) schon ordentlich steil. Den intensivsten Moment der heutigen Show bescheren uns DOOMSHINE aber mit dem Hit 'Where Nothing Hurts But Solitude'. Eine wirklich gute Show, die Bock auf mehr macht! (MWM)

Mit dem brandneuen dritten Longplayer „To Below And Beyond“ im Gepäck legen die Italiener von BLACK OATH am Samstagnachmittag los. Intro, Image wie Musik der Südeuropäer wirken düster-okkult, was nicht ganz mit dem Gesang von A.Th korrespondiert: Während die Riffs in schönster Candlemass- respektive Solitude Aeturnus-Manier alles niederreißen, was nicht niet- und nagelfest ist, wirken die Vocals relativ melancholisch-sanft, um nicht zu sagen: harmlos. Dass A.Ths Stimmvolumen nicht allzu umfangreich ist, wird im Rahmen der 45 Minuten, in denen BLACK OATH auf der Bühne stehen, mehr als einmal deutlich: Insbesondere wenn er versucht, die eine oder andere gesangliche Höhe zu erklimmen, wird er hart auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Außerdem fehlt den Vocals einfach die nötige Ausdrucksstärke, um mit der Konkurrenz mithalten zu können. Ansonsten kann man nicht meckern: Die Italiener haben starke Songs im Gepäck, die Epic Doom-Fans eigentlich vollauf zufrieden stellen sollten. Allein der Funke will an diesem Samstagnachmittag nicht vollends überspringen, wenngleich die Südeuropäer alles in allem eigentlich einen recht souveränen Auftritt hinlegen. (CW)

Was BLACK OATH schon mit ihrem düsteren Sound eingeläutet haben, hieven CARONTE nun noch auf das nächsthöhere Level. Das Quartett aus der Schinkenstadt Parma profitiert live vor allem von zwei Dingen: zum einen dieser unglaublich fiese, basslastige und dröhnende Wüstenrock-Gitarrensound, den Tony mit seinem besessenen Gitarrenspiel hier durch die Fuzz-Amp-Armada jagt. Zum anderen natürlich vom eindrucksvollen, charismatischen Stageacting sowie der tollen, stellenweise durchaus an Danzig oder Pete Steele erinnernde Stimme von Sänger Dorian (Whisky Ritual). Dazu gesellt sich mit Bassist Henry sowie Drummer Mike (Shinin' Shade) eine astreine Rhythmusfraktion, die für ein schön druckvolles Fundament sorgt. Was einem kleinen Teil der Anwesenden zu dröhnend und monoton-hypnotisch ist, zieht den Großteil aber regelrecht an. Wie in Trance verfolgen die ersten Reihen die Show und lassen sich immer tiefer in den okkulten Strudel aus von Aleister Crowley inspirierter Texten und Musik hineinziehen. Insbesondere dem deutlich tätowierten Dorian ist anzumerken, dass Esoterik für ihn weit mehr als nur ein Wort und Image ist. Das einzelne Lied gerät bei dieser Darbietung zur Nebensache. Die Songs fließen wunderbar ineinander über und lassen Zeit und Raum vergessen. Lediglich das coole Jefferson Airplane-Cover 'Somebody To Love' lässt einen langsam wieder erwachen und macht klar, dass selbst der schönste Gig irgendwann zu Ende geht. Unglaublich intensiv – das bisherige Tageshighlight! CARONTE verkaufen verdienterweise anschließend auch so einiges an Merchandise. (MWM)

THE ORDER OF ISRAFEL sind derzeit, zu Recht, sehr angesagt. Die Schweden sind zwar erst seit 2012 aktiv, veröffentlichten 2014 mit „Wisdom“ aber ein saustarkes Debüt, welches in der Szene einschlug wie eine Bombe. Nachdem die vorhergehenden Bands alle eher kauzig-dröge-schwerverdaulich aufspielten, gibt es jetzt klassischen Doom in Reinkultur auf die Lauscher. Und danach lechzen heute viele der anwesenden Jünger. Diese Band lebt vom voll und ganz überzeugenden Songwriting sowie dem gelungenen Spagat aus Härte, Druck und tollen (teilweise doppelstimmigen) Gitarrenmelodien. Nicht zu vergessen natürlich das packende Organ von Ex-Church-Of-Misery-Gitarrist und Aussie Thomas Sutton, der nebenbei bemerkt auch bereits als Guitar-Tech für PENTAGRAM gearbeitet hat. 'On Black Wings, A Demon' reißt alle Doom-Jünger sofort mit. Dieser packende Sound ist ansteckend und geht speziell während 'Wisdom' richtig unter die Haut. Das spirituelle 'The Earth Will Deliver What Heaven Desires' kann dabei als Höhepunkt des heutigen Konzerts gewertet werden. Ein echter Blickfang ist auch immer wieder das besessene, irre Posing vom in Würde ergrauten Bassisten Patrik, der sonst auch noch mit DoomDogs aktiv ist. Nach dem finalen Stück 'Born For War' sieht man durchgehend zufrieden drein blickende oder grinsende Gesichter Richtung Bierstand schlurfen. Geil! (MWM)

Skepsis war durchaus angebracht, ob SKEPTICISM mit ihrer enorm düster-emotionalen Musik, der ein Hauch von sakralem Pathos innewohnt, beim Hammer Of Doom-Publikum gut ankommen würden. Zusammen mit verkannten Legenden wie Thergothon zählen SKEPTICISM bekanntlich zu den finnischen Funeral Doom-Pionieren. Die Musik ungemein behäbig-langsam, versprüht der Auftritt der adrett gekleideten Herren eine fast schon feierliche Stimmung. Über den dicken Soundwall aus Gitarre, Bass und Schlagzeug werden sakrale Orgelklänge gelegt. Genau dieses Element war für den ureigenen Sound SKEPTICISMs schon seit jeher so ungemein prägend. Sänger Matti Tilaeus grunzt in herzzerreißender Art zu den episch langen Stücken. Leuten, die mit der Kunst der Finnen nicht vertraut sind, mag das befremdlich vorkommen: Die Reaktionen des Publikums fallen jedoch recht positiv aus, selbst wenn wohl nicht jeder mit der Ultra-Zeitlupenmucke sowie der statischen Performance der Band etwas anfangen kann. Gegen Ende des Sets schmeißt Herr Tilaeus zum Abschied dann noch Rosen ins Publikum.

Direkt im Anschluss an die eindrucksvollen SKEPTICISM hätte eigentlich ein flotter Act die Anwesenden aus dem von den Finnen gegrabenen Loch herausholen müssen. Was de facto kommt, ist jedoch der absolute Tiefpunkt des diesjährigen Hammer Of Dooms: Man mag zu der Kunst eines Patrick Walker stehen, wie man will, aber das ist wohl mal gar nix! Hätte sein ehemaliges Betätigungsfeld Warning aufgrund des Doom-Faktors im Programm dieses Festivals noch seine Berechtigung gehabt, muss man sich schon fragen, wer zur Hölle denn 40 WATT SUN verpflichtet hat? – Und wer erdreistete sich, diese Band direkt vor CANDLEMASS spielen zu lassen?!? Das emotionale Loch, das SKEPTICISM zuvor gerissen haben, wird so nur mehr vergrößert: Während bei den Finnen noch noble Tristesse vorherrschte, hat ein Großteil der Anwesenden bei den Engländern mit gepflegter Langeweile zu kämpfen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Auch ruhige Musik kann natürlich gut und spannend gemacht sein. Das, was Walker & Co. jedoch abliefern, ist belangloses Akustikgitarren-Geklimper, das eher im Sommerlager vor dem Feuerchen seine Berechtigung hätte als im Rahmen eines Doom (!) Metal (!!)-Festivals. Wenn die Gruppe wenigstens ein Gespür für gute, mitreißende Songarrangements hätte! Aber selbst das ist nicht der Fall… So herrscht bei vielen Fans während dieses Auftritts öde Langeweile vor und man stellt sich die Frage nach Sinn und Zweck einer solchen Band in einem eigentlich ansonsten äußerst ansprechenden Billing… (CW)

CANDLEMASS, für manche der eigentliche Headliner des heutigen Abends, werden im Vorfeld hitzig diskutiert. Von blanker Euphorie bis zu Aussagen „das ist ja maximal eine Coverband“ gibt es so ziemlich alles zu hören. Fakt ist, dass Ikone Leif Edling gesundheitsbedingt nach wie vor nicht live auftreten kann (Per Wilberg, Spiritual Beggars, hilft aus) und dass der neue Sänger Mats Levèn selbstredend einen Messiah Marcolin nur eingeschränkt ersetzen kann. Trotzdem macht Levèn seine Sache vom Opener 'Dark Reflections' an wirklich gut und harmoniert definitiv besser als Rob Lowe mit den Schweden. Der Sound ist heute laut, glasklar sowie druckvoll und sorgt zusätzlich dafür, dass bei Klassikern wie 'Bewitched' nahezu kollektives Ausflippen angesagt ist. 'The Dying Illusion' von „Chapter VI“ geht in 'A Cry From The Crypt' über, ehe mit 'Emperor Of The Void' sogar noch das “King Of The Grey Islands”-Album zum Zug kommt. Die Band ist heute hochmotiviert und geht mit sehr viel Spielfreude zu Werke.

Auch untereinander grinst man sich immer wieder an, post sich zu und hält engen Blickkontakt. Angeblich wurde länger nicht gespielt und geprobt, weswegen die Band etwas nervös ist. Bis auf ein paar Kleinigkeiten gibt es davon aber nicht wirklich etwas zu merken. Zudem ist es eine Freude, mit welch geilem Swing und Feeling Gitarrist „Lasse“ seiner Les Paul diese tollen, bluesigen Riffs entlockt. „Epicus Doomicus Metallicus“ kommt dann endlich mit dem unvergleichlichen 'Under The Oak' zum Zug. Dem einen oder anderen gestandenen Mann im Publikum kullert da schon mal eine Träne der Rührung herunter. 'At The Gallows End' und 'Mirror, Mirror' halten diese Intensität problemlos weiter. Als Sänger Mats dann ankündigt, dass nun weitere Stücke vom Debüt folgen werden, gleicht die Posthalle wahrlich einem Hexenkessel. 'Crystal Ball' wird mit völliger Hingabe gleichermaßen von Publikum als auch Band zelebriert – Gänsehautgarantie. Ganz zu schweigen von dem unvermeidlichen Klassiker 'Solitude', der einem grandiosen Auftritt noch die Krone aufsetzt. Daran können auch ein paar der anwesenden Meckerer nichts rütteln! Warum die noch übrige Spielzeit von guten fünf Minuten anhand der Zugabe-Rufe nicht genutzt wurde, um noch einen weiteren Klassiker zu bringen, bleibt allerdings ein Rätsel. (MWM)

Mit dem episch-langen 'Your River' von dem 1993er-Meisterwerk „Turn Loose The Swans“ starten MY DYING BRIDE in einen Auftritt, der zunächst einmal durch seine mehr als gekonnte Songauswahl besticht: 'The Thrash Of Naked Limbs' etwa, 'A Kiss To Remember', 'The Songless Bird', 'Like Gods Of The Sun' oder das unvermeidliche 'The Cry Of Mankind' nehmen einen mit auf eine gelungene Reise durch die Bandgeschichte. Gleich drei Songs vom neuen Album „Feel The Misery“ finden ihren Weg in die Setlist, wobei neben 'And My Father Left Forever' und 'To Shiver In Empty Halls' vor allen Dingen der gelungene Titeltrack vollauf zu überzeugen vermag: Letztgenannter könnte sich durchaus zu einem Standardstück im Live-Oeuvre der britischen Melancholiker mausern. Gleich als zweiten Song schmettern MY DYING BRIDE zudem auch noch das fantastische, tieftraurige 'From Darkest Skies'. Apropos: Natürlich stirbt der charismatische Aaron Stainthorpe auch an diesem Abend auf der Bühne wieder tausend Tode. Die Band selbst ist exakt aufeinander eingespielt, timingtechnisch agieren die Briten vollkommen auf der Höhe. Darüber hinaus schaffen es die Meister der Tristesse, ihre hoch emotionale Musik authentisch rüberzubringen. Als besonderes Schmankerl gibt's zum Schluss noch das rabiate Todesblei-Stück 'God Is Alone' von der gleichnamigen ersten Single der Band. Streckenweise ist der Sound etwas zu undifferenziert, das war dieses Jahr beim Party.San beispielsweise weitaus besser. Ansonsten sind MY DYING BRIDE ein mehr als würdiger Festival-Headliner sowie ein hervorragender Ausklang eines vollauf zufriedenstellenden Wochenendes, das vielen Anwesenden in guter Erinnerung bleiben wird, so dass eine Rückkehr im November 2016 eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist...! (CW)

Text: Christian Wachter und Markus Wiesmüller

Fotos: Anastasiya Wiesmüller

 

ULI JON ROTH

Friday, 27 November 2015 02:04 Published in Aktuelle Interviews

Vollkommenes Eintauchen in die Inspiration

 

Gitarrenlegende ULI JON ROTH klingelt aus der Hauptstadt des Britischen Königreichs durch, um ausgiebig die eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu beleuchten.

 

Der Umstand, dass der Schreiberling in der Nähe von Regensburg wohnt, weckt in dem unvergleichlich charakteristischen Sechssaitenhexer, der ursprünglich aus Düsseldorf stammt, zunächst einmal wohlige Erinnerungen: „Ja, die RT-Halle kommt mir da in den Sinn. Das war ein Venue, wo wir früher in den 70ern mit den Scorpions mal gespielt hatten. Letztes Jahr sind wir nicht direkt in Regensburg, sondern in Obertraubling aufgetreten.“ Dass der Schreiberling dann „nebenbei“ auch noch Gitarre spielt, konkreter Thrash Metal zockt, schreckt den Maestro indes auf: „Ach du liebes bisschen! – Ja furchtbar, haha!“ Herr Roth kann mit derlei Klängen gar nichts anfangen, bezeichnet er sich selbst als doch „eher melodienfixiert“. Genug der einführenden Worte, gehen wir gleich ans Eingemachte: Werfen wir zu Beginn einen Blick auf die aktuellen Aktivitäten von Uli. „Ich bereite mich gerade auf meine erste Akustiktour vor, die im September in Griechenland stattfinden soll. Leider wissen wir momentan nicht genau, ob das klappt, weil obschon sie schon lange vorher anvisiert war, die momentanen Entwicklungen dort eher mit Vorsicht zu genießen sind. Ich habe heute erst mit dem griechischen Promoter gesprochen und der geht davon aus, dass er das hinkriegt. Aber wie dem auch sei: Wir machen zum ersten Mal eine Akustiktour, auf die ich mich schon sehr freue, denn dies eröffnet mir die Möglichkeit, meine Musik mal mit ganz anderen Augen zu betrachten und eben auch anders zu präsentieren.“

Werden dort ausschließlich Songs aus Ulis Soloprogramm und/oder auch diverse Stücke aus dem Scorpions-Fundus zum Besten gegeben? „Wir sind eine wahre Gemischtwarenhandlung und haben auch einige Scorpions-Sachen mit an Bord, wobei sich da natürlich nicht alle für Akustiksongs eignen; einigen davon steht eine diesbezügliche Umsetzung jedoch recht gut. Zudem spielen wir eine ganze Menge Stücke aus meiner Solokarriere wie Electric Sun oder Sky Of Avalon, die sich eigentlich fast noch besser dafür eignen. Im Rahmen dieser Akustikgitarrentour gibt’s auch einige Soli, die ich auf der Sky-Gitarre spielen werde, zudem haben wir Keyboards an Bord usw.: Es wird also ganz schön bunt werden! Darüber hinaus lassen wir dafür auch extra eine neue Sky-Gitarre anfertigen, die zwei Hälse haben wird, die erste doppelhälsige Sky-Gitarre also quasi. Der untere Hals wird eine klassische Nylon-Gitarre, während der obere eine Standard-7-saitige Sky-Gitarre werden wird, so dass ich dann immer blitzschnell umsteigen kann. Das meiste des Sets werde ich allerdings auf der Nylon-Gitarre spielen, weil ich schon ziemlich früh klassische Gitarre und Flamenco studiert habe, was mir bei diesem Thema sehr, sehr zu Gute kommt. Ich spiele fast die ganze Zeit über ohne Plektrum. Damit kann man ganz andere dynamische Nuancen hervorrufen und rhythmisch ist das auch erheblich interessanter, wenn man die Flamenco-Techniken mit den Rocksongs kombiniert. Das macht mir sehr, sehr viel Spaß!“

 

Wie ein Baum, der wächst

 

Richtig angefangen hat für Uli jedoch alles mit der E-Gitarre. „Als ich noch jünger war, hatte ich mal Trompete gespielt, da hab ich auch Noten gelernt. Irgendwann bin ich auf die E-Gitarre umgeschwenkt. Nach zwei oder drei Jahren hatte ich mich dann jedoch eher auf die klassische, die spanische Gitarre konzentriert. Dies ging dann so weit bis dann die Zeit mit den Scorpions anfing, als ich 17 war.“ Die erste richtige Band waren die Hannoveraner für den sympathischen Gitarristen jedoch keineswegs, wohl aber die erste erfolgreiche Gruppe. „Davor spielte ich lediglich in Schülerbands. Aber ich hab schon früh angefangen, hab schon mit 13 in diversen Gruppen gespielt und bin auch in dem Alter zum ersten Mal live aufgetreten. Die Scorpions waren dann eine weitere Stufe, da ist das Ganze dann auch zu meinem Beruf geworden, weil ich nunmehr kein Schüler mehr war, sondern Vollzeitmusiker.“ Dem klassischen Motto „Sex, Drugs & Rock'n'Roll“ waren die Scorpions selbst in ihrer Frühzeit indes eher weniger zugetan. „Das kam wohl generell gesehen eher auf die Band an, und nicht zuletzt auch auf das Land: In England herrschten damals beispielsweise andere Gesetze als in Deutschland. Bei den Scorpions ging's in der Hinsicht eigentlich immer sehr gesittet zu. Harte Drogen gab's so gut wie gar keine. Die meisten Sachen haben wir zwar schon einmal kurz probiert. Es gab auch das eine oder andere Bandmitglied, das nur kurz mal mit dabei war, das diesbezüglich öfter mal zulangte. Aber der Kern der Band – Rudolf (Schenker – Gitarre), Klaus (Meine – Gesang), Francis (Buchholz – Bass) und ich waren keine Drogentypen und immer clean.“

Heutzutage gibt es unzählige Bands, die wieder genau solche Musik machen wie sie in den 70ern populär war. Einige davon greifen auch wieder auf Aufnahmetechnik aus der Zeit zurück. Der Schreiberling findet es etwas schade, dass sich viele Formationen aus der Richtung so sehr an den 70ern festklammern, dass da kaum Raum für etwas Eigenes bleibt...andererseits ist es zu begrüßen, dass wieder mehr "echte" Musik auch bei jungen Leuten Anklang findet... „Ich kann natürlich nicht für andere Bands sprechen. Dass man sich von der Vergangenheit inspirieren lässt, ist zunächst mal eine total legitime, gesunde Angelegenheit, denn die Musik ist wie ein Fluss, der fließt oder wie ein Baum, der wächst. Irgendwann treibt er bestimmte Blüten und es fallen bestimmte Früchte ab. Und diese Früchte kann man auch noch nach vielen Jahren genießen, wenn man sie zu sich nimmt oder, auf gut Deutsch gesagt, wenn man Musik aus der Zeit hört. Dies kann auch das eine oder andere Positive hervorbringen, nämlich dass man auf andere Weise wieder inspiriert wird. - Insofern hab ich da nix gegen. Das Wichtige ist, dass sich Musik, wann immer man sie macht, selbst wenn's alte Songs sind oder neue, auch immer wieder neu anfühlt. Es muss einfach in dem Moment, in dem man das spielt, vollkommen zum Leben erweckt werden und darf nicht wie ein Gespenst erscheinen, sondern muss wie ein Feuer am Brennen sein, muss leben und darf nicht tot sein! Das ist für mich das Allerwichtigste… Man muss spüren, dass es relevant sowie irgendwie hörenswert ist und dass es einen psychisch/emotional anspricht. Wenn das der Fall ist, ist es mir egal, aus welchem Jahrhundert die Musik kommt. Ich kenne mich in der gegenwärtigen Musikszene leider nicht allzu gut aus, aber wenn neue Sachen gemacht werden, wird man schnell der Tatsache gewahr, dass man das meiste einfach schon mal gehört hat. Es gibt heutzutage zwar ab und an mal ein paar neue Klangfarben und Phrasierungen zu hören, aber im Großen und Ganzen ist das wie beim Autobauen: Es gibt vier Räder, Türen, Lenkrad und so sahen Autos schon vor 100 Jahren aus. Im Laufe der Zeit ändern sich zwar ein bisschen die Modalitäten, aber das Grundprinzip ist sehr, sehr ähnlich: Akkorde, Melodien und ein Text.“

 

Drei Nächte in Tokio

 

Vor 47 Jahren stand Uli zum ersten Mal auf einer Bühne, seit 1973 ist der Gitarrist bereits im professionellen Bereich tätig. Roth hat unzählige kurzlebige Trends kommen und gehen gesehen und überlebt. Höhepunkte wie Glanzmomente gab es dabei so einige: „Das fing mit den Scorpions an, denn eigentlich war jede Platte, die wir gemacht haben, ein großer Schritt nach vorne. Wir hatten auch 'ne ganze Reihe von tollen Konzerten bei den Scorpions und hinterher hörte das auch nicht auf, im Gegenteil: Es wurde dann eigentlich noch interessanter. Electric Sun war damals für mich recht erfolgreich, unter anderem deswegen weil wir mitunter auch sehr große Shows in England bestritten. Und hinterher gab's so einige Orchestersachen, die für mich persönlich absolute Highlights darstellten. Jedes Jahr gibt es eigentlich immer wieder etwas, woran man sich hinterher gerne zurück erinnert." Erinnert sich Uli auch an seinen Auftritt beim diesjährigen Keep It True Festival gerne zurück? – Dabei handelt es sich ja bekanntlich um eine Veranstaltung, die eigentlich eher für traditionelle Metal-Klänge bekannt ist… "Du, das hab ich gar nicht gemerkt, dass die auf Metal stehen, ich achte gar nicht so sehr auf so was! Wir haben einfach nur gespielt und das ist ja dann auch sehr, sehr gut angekommen, denke ich mal... Die Grenzen verschwimmen doch: Wenn du auf der Bühne stehst und Songs spielst, die melodisch sind, die das Feuer haben und gut dargeboten sind, klappt das meistens, egal bei welchem Publikum! Deswegen können wir mit unserer Setlist sowohl bei einem Metal- als auch bei einem Blues Rock-Festival oder bei einem Stadtfest spielen: Eigentlich funktioniert's so gut wie immer! Und das ist auch angenehm... Ich bin niemand, der sich gern in einer Nische sieht, sondern ich mache Musik immer so, dass sie genereübergreifend ist. Manchmal ist das vielleicht auch zu sehr der Fall, was dem einen oder anderen dann missfällt, aber das ist nun mal mein Ding!"

Egal um welche Musik es sich handelt, der Uli gerade frönt, sein Gitarrenspiel ist und bleibt beständig charakteristisch und mit hohem Wiedererkennungswert versehen. Wenden wir uns jedoch noch einmal den Scorpions sowie der Entwicklung der Formation nach dem Ausstieg meines Gesprächspartners zu. „Die Scorpions waren und sind eine der größten Bands überhaupt, auf jeden Fall! Ich finde es beeindruckend, dass die Gruppe beim Songwriting immer besser wurde. und dann dementsprechend viele verdiente Hits geschrieben hat. Die Scorpions sind auf jeden Fall etwas Besonderes in der Geschichte der Rockmusik. Später wurde das Ganze dann Metal genannt, wobei ich persönlich jedoch keineswegs glaube, dass die Scorpions Metal sind, denn dafür sind sie viel zu melodiös. Sie sind deshalb etwas Besonderes, weil sie sich wahnsinnig lange gehalten haben und immer noch ganz oben sind. Der Grund dafür war meiner Meinung nach, dass sie immer extrem gute Ideen bezüglich Songs und Melodien hatten – darüber verfügten die meisten anderen Gruppen nicht. Die meisten Bands machen Riffs, haben gute Ideen und bieten das ansprechend dar, aber die Scorpions hatten diesen extra melodischen Touch, der sehr, sehr viele Leute anspricht. So sehe ich das mit den Scorpions... ich bin stolz darauf, in der Gründerzeit mit dabei gewesen zu sein und fühle mich auch heute immer noch der Band irgendwie verbunden."

Gerade eine Woche vor dem Interview weilte Uli in Hannover, wo er zusammen mit Klaus und Matthias in einem Studio Interviews gab, weil zwei der ersten Platten im November wiederveröffentlicht werden. „Da haben wir uns ein paar Stunden lang darüber ausgetauscht und die Idee hinter diesen Re-Releases besprochen - hat sehr viel Spaß gemacht, ja! „Tokyo Tapes" und "Taken By Force" werden neu aufgelegt. Es kommen eine Menge Bonustracks mit drauf, die aus dem Archiv von Dieter Dierks ausgegraben wurden und die ich schon laaange vergessen hatte, haha! Da sind schon ein paar richtige Schätze dabei... ich fand das ziemlich interessant! Speziell was "Tokyo Tapes" betrifft, spielten wir damals doch drei Nächte lang in Tokyo, und so wurde viel mehr aufgenommen als das was letztendlich auf der Platte erschien. Für den Re-Release sind auch ein paar Songs ausgesucht worden, die praktisch zum ersten Mal überhaupt veröffentlicht werden. Die Platte entwickelte damals als sie herauskam weltweit einen ziemlichen Kultcharakter. Deswegen gibt es auch heute noch viele Leute, die sich dafür interessieren, was wir da sonst noch so für Songs gespielt haben…"

 

Der „Alpha-Zustand“

 

Viele Menschen, die ebenfalls dann und wann mal zur Gitarre greifen, sind von Ulis Spiel ungemein inspiriert. Selbst beständige Konzertbesucher bezeugen, dass jeder Auftritt eines Uli Jon Roth etwas Besonderes, Unvergleichliches ist. Und obwohl der Ex-Scorpions-Musiker hammermäßige Soli und Licks von sich gibt, wirkt er auf der Bühne unheimlich entspannt. Die Gretchenfrage ist, wie man es überhaupt schafft, solch ein ungemein hohes Level an Musikalität und Können zu erreichen, hat Uli Tag und Nacht geübt oder spielt da Talent auch eine große Rolle? Und wie entwickelt sich so etwas im Laufe der Jahre, muss man da eher weniger üben oder mehr, um auch wirklich am Ball bleiben zu können? Fragen über Fragen… "Ich habe viel geübt als ich jung war, aber nicht Tag und Nacht, das war immer schon vernünftig. Ich hab´s nie übertrieben. Manche Leute übertreiben´s mit dem Üben, wie ich finde, das kann dann schädlich sein, weil man sich zum Fachidioten entwickelt. Ich habe mich auch immer wieder für andere Sachen sehr viel interessiert, nicht ausschließlich für Musik. Später habe ich dann viel weniger geübt und ab irgendeinem Zeitpunkt so gut wie überhaupt nicht mehr, weil wenn man's kann, dann kann man's halt! Heutzutage nehme ich eigentlich nur dann noch die Gitarre in die Hand, wenn ich mir was kompliziertes Neues aneignen muss, wenn es quasi um ein spezielles Konzert oder so geht, oder wenn ich eben auf der Bühne stehe. Deswegen ist das alles auch immer schön frisch: Wenn ich die Gitarre mal wieder zur Hand nehme, dann fühlt es sich so an wie eine Offenbarung, mir fällt immer wieder etwas Neues ein, das Ganze ist immer noch aufregend. Ich führe das darauf zurück, dass ich relativ wenig spiele. Ein weiterer Grund dafür, dass mein Gitarrenspiel auf der Bühne so entspannt aussieht, ist, dass es schlichtweg entspannt ist! Wobei man jedoch sagen muss, dass da schon eine gewisse (An)Spannung, eine gewisse innere Elektrizität vorhanden ist, die sich beim Spielen auf die Gitarre überträgt. Rein äußerlich sieht man mir das nicht so an, weil ich in meinem Kopf, in meinem Geist an einen ganz anderen Ort gehe, mich möglichst weit vom Alltäglichen entferne und vollkommen in die Musik und die Inspiration eintauche. Und wenn man das tun und wenn man weiß, wie das geht, ist das alles eigentlich ganz einfach, weil es einem zufliegt. Das ist so wie wenn man selbst traumtänzerisch vor sich hin geht und einfach alles funktioniert, weil man keine Widerstände verspürt. Das ist schwierig zu erklären, ich nenne das den "Alpha-Zustand". Ich hatte früh gelernt wie das geht, das hatte ich schon bei den Scorpions drauf. Das macht den ganzen Unterschied aus: Wenn ich das nicht könnte, könnte ich mich nicht so einfach hinstellen und nach einem Monat Nichtspielen ohne Vorbereitung gleich ein Konzert geben oder so... Das ist irgendwie so wie Schwimmen: Man kann's einfach!"

 

Musikalische Urgewalt

 

Hat man erst mal den Status des Gitarrenhelden erreicht, impliziert dies allerdings keineswegs, dass man sich über alles erhaben fühlt und selbst keine anderen Gitarristen zu schätzen weiß. Eine gewisse "Distanz" zu der Musik anderer Künstler, so nach dem Motto "Na, was der oder die kann, kann ich schon lange", verspürt Uli keineswegs: "Ich habe immer Eric Claptons Spiel geliebt, aber auch Jeff Beck find ich klasse. Im Flamenco-Bereich mag ich Paco de Lucía, der letztes Jahr leider gestorben ist. Das sind so meine Favoriten. Hendrix natürlich sowieso, wenngleich ich Hendrix gar nicht so als Gitarrist sehe, sondern als musikalische Urgewalt. Jimi ging weit über die Gitarre hinaus. Ich sehe ihn eigentlich weniger als konventionellen Spieler als vielmehr einen, der mit seiner Gitarre immer Bilder gemalt hat." Apropos Bilder malen: Neben der Musik malt Uli noch und schreibt diverse philosophische Abhandlungen: Als Universalgenie sieht sich der Gitarrist jedoch keineswegs: "Das ist ein guter Witz: Ein Universalgenie wie Leibnitz, haha! Also ich selbst würde mich eher als „Universalkünstler“ bezeichnen. In der Kunst ist mir nichts fremd und eigentlich kann ich alles - und das auch relativ mühelos. Der Rest ist dann Geschmackssache... Meiner Meinung nach verschwimmen die Grenzen zwischen den einzelnen Kunstformen eigentlich immer, zwischen Malerei, Schreiben, Musik und anderen Kunstformen. Ich male nicht mehr, ich malte in der Vergangenheit. Da gab es ein Problem, denn das artete bei mir zu einer Art Sucht aus. Irgendwann dachte ich mir, dass, wenn ich jetzt diesen Weg gehe, ich mich einfach übernehme. Ich hab's mir daraufhin schweren Herzens versagt. Normalerweise sage ich eigentlich nicht "Nein" zu irgendetwas das mich inspiriert, aber die Entscheidung hab ich dann getroffen. Außerdem hab ich immer Bauchschmerzen bekommen, weil mir das Terpentin nicht bekommen ist. Wenn ich Malerfreunde besuche und den Raum betrete, krieg ich immer Bauchschmerzen. Demnach sollte es vielleicht so sein... Philosophie mach ich nach wie vor sehr viel, zwar nicht jeden Tag, aber wenn ich darüber schreibe und nachdenke, kommt das immer in großen Schüben, die sich auch über Monate hinweg erstrecken können. Das endet dann alles bei der "Sky Academy". Ich arbeite auch an einem "Sky Academy"-Buch, in dem es um die inneren, die tieferen Geheimnisse der Musik geht. Ich hab auch schon viele hundert Seiten geschrieben, weswegen sich das Ganze wohl auf mehrere Teile erstrecken wird. Aber ich hab's leider noch nicht so im Griff als dass ich es veröffentlichen möchte. Ich lass mir da sehr, sehr viel Zeit bei, es muss sich richtig anfühlen, bevor ich damit an die Öffentlichkeit gehe."

Sein ausgeprägter Hang zur Kunst, sein ekstatisches Gitarrenspiel, das Malen und Philosophieren legen nahe zu glauben, bei Uli Jon Roth würde es sich um einen äußerst spirituellen Menschen handeln. „Das Wort "spirituell" ist heutzutage zwar leider ziemlich vorbelastet, aber ich würde mich schon als spirituellen Menschen bezeichnen, ja! - "Spirituell" im Sinne von "Geist", "geistig". Das Wichtigste für mich ist das was im Innern eines Menschen abgeht und nicht so sehr das Physische. Das war aber bei mir schon immer der Fall gewesen, so war ich schon immer gelagert." Welche Auffassung von der Welt und dem Platz des Menschen im Kosmos hat Uli nun? Fühlt er sich einer speziellen Religion oder einer gewissen philosophischen Denkrichtung zugehörig? "Was Philosophie anbelangt, so fühle ich mich den alten Griechen sehr verbunden, vor allen Dingen Platon - das hab ich früher alles studiert und in mich aufgesaugt. Manches davon finde ich auch heute noch für total gültig. Was Religion anbelangt, so fühle ich mich keiner Religion im herkömmlichen Sinne zugehörig. Meine Religion ist die, dass ich total an Jesus und an das Neue Testament glaube, nicht so sehr jedoch an das Alte Testament. Ich habe das Gefühl, dass diese beiden Bücher nicht so sehr als zusammengehörig gesehen werden sollten, da dort von zwei verschiedenen Göttern die Rede ist. Tja, so sieht jedenfalls meine Einstellung dazu aus...ich möchte damit jetzt jedoch nicht gegen die Kirchen wettern, im Gegenteil glaube ich, dass die Kirchen heutzutage ebenso viel Gutes tun und sehr wichtig sind für viele Menschen. Die ganzen Problematiken, die es da so gibt, sowohl im katholischen, im evangelischen als auch im orthodoxen, sind Sachen, die mehr oder weniger in jeder Institution auftreten. Wir Menschen neigen nun mal dazu, aus allen Sachen, die potentiell positiv sind, auch immer wieder mal was Negatives zu machen - das ist leider so...und deswegen muss man aber auch nicht gleich das ganze Prinzip verdammen!"

 

Relativ pflegeleicht

 

Zurück zur Musik: Uli ist in seiner langen Musikerkarriere in sämtlichen Arten von Lokalitäten in Erscheinung getreten, egal ob in Stadien, auf großen Festivals oder in kleinen Clubs: Selbst tendiert der Gitarrist eher zu größeren Bühnen, weil man da machen kann, was man will: „Man hört meistens gut und die Akustik ist leichter zu konzentrieren. Aber auf kleinen Bühnen in kleinen Clubs kommen manchmal ganz besondere Sachen zustande, die vor einem größeren Publikum eher schwierig umzusetzen sind. Insofern finde ich beides interessant. Ich stell mich meistens bereits im Vorfeld darauf ein." Gibt es heutzutage noch Gitarristen, die das Gitarrenspiel fortentwickeln können oder ist die Zeit der großen Revolutionen vorbei? "Also ich kann mir noch jede Menge Neuland auf der Gitarre vorstellen, wenn ich mich hinsetzen und noch mal richtig daran arbeiten würde. Manchmal mach ich das auch, ich hab erst kürzlich ja erst ein neues Gitarrenkonzert geschrieben, welches jedoch noch nicht fertig ist, deswegen rede ich da jetzt auch nicht allzu viel darüber. Dort hab ich schon viel Neuland wieder betreten, gitarrentechnisch wie musikalisch. Aber normalerweise ist es schon so, wenn ich mich umhöre, dass nicht allzu viel Neues zu passieren scheint. Die Zeit ist so ein bisschen an der E-Gitarre vorbeigegangen. Gerade Deutschland ist kein besonders gutes Gitarrenland. Es hat den Anschein als ob bei dem, was die deutschen Gitarristen machen, keine internationale Resonanz stattfindet. Aber das hat eben auch konkrete Gründe, unter anderem wohl auch an der deutschen Mentalität, die zwar alles schön korrekt und sauber wiedergibt, aber leider fehlt da das, was zu großartigem Gitarrenspiel benötigt wird. Es gibt durchaus Ausnahmen... Die Deutschen verlieren sich leider sehr schnell in Technik und Frickeleien, aber das ist eigentlich alles nur Beiwerk! Das Wesentliche bleibt leider oft auf der Strecke. Und die Zeit der großen Künstler wie Mozart, Beethoven, Brahms, Mendelssohn Bartholdy, Wagner und Liszt ist leider vorbei. Es gibt in Deutschland zwar viele Ausübende, aber die Szene der kreativ schaffenden ist eher sehr dünn. Das sage ich jetzt allerdings nur von meinem Blickwinkel heraus, der sicherlich nicht alles übersieht. Ich kann lediglich das beurteilen was ich nur so zufällig mitkriege. Talent ist auf jeden Fall da, das hab ich auch gesehen, als wir eine Art Wettbewerb in Hamburg machten, wo sich junge Gitarristen aus ganz Deutschland profilieren konnten und um den ersten Platz spielten. Das haben wir ein paar Jahre gemacht und da hab ich schon einen ganz guten Querschnitt gesehen. Also mangelt es nicht an Talent, wohl aber an anderen Dingen. Und es ist auch nicht gerade hilfreich, wenn die Kids keine Möglichkeit haben, öffentlich zu spielen. Das war damals, als ich anfing, anders, denn da gab's relativ viele Möglichkeiten zu spielen. Wenn man talentiert und in der richtigen Umgebung war, konnte man Gigs kriegen."

Einige große Gitarristen gelten ja als absolute Egomanen, lassen "Normalsterbliche" nur schwer an sich ran: Bei Uli hingegen ist das anders, er gibt sich absolut Fan-nah und ist immer höflich und zuvorkommend - Rockstar-Gehabe sucht man bei ihm vergeblich... "Hehe, ich möchte bei dem Thema jetzt mal lieber keine Namen nennen...! Richtig „elitäre“ Gitarrenhelden fallen mir jetzt im Moment gar keine ein, aber in Sachen Größenwahnsinn gibt's schon so den einen oder anderen Kandidaten... Die meisten von den bekannten Gitarristen, von denen ich einen Großteil ja persönlich kenne, sind da eigentlich relativ pflegeleicht…"

 

 

 

Angesichts des hochwertigen Packages, eines günstigen Konzerttermins an einem Samstagabend sowie der Tatsache, dass MICHAEL MONROE mit “Blackout States“ eines der wohl besten Alben im Punk Rock-Bereich der letzten Jahre herausgebracht hat, ist es verwunderlich, dass der Nürnberger Traditionsclub „Hirsch“ am 17. Oktober nur halb gefüllt ist. Anfangs sind's sogar noch weniger Leute, so dass nicht viele die Supportgruppe CHASE THE ACE mitbekommen. Vielleicht sind die eher durchwachsenen Besucherzahlen auch darauf zurückzuführen, dass die genannte neue Scheibe des Ex-Frontmannes von Hanoi Rocks erst einen Tag zuvor offiziell in die Läden kam? Insofern ist es wohl auch nachvollziehbar, dass der wasserstoffblonde Finne in seiner Setlist vermehrt alte denn neue Songs präsentiert. Doch dazu später mehr…

Zunächst einmal sind die genannten CHASE THE ACE am Zuge: Die gebürtigen Israelis haben trotz mauer Zuschauerzahlen mächtig Spaß daran, ihren straighten Hardrock unters Volk zu bringen. Selbiger ist nicht in den 70er / 80er Jahren stehengeblieben, sondern wirkt zeitgemäß. Allzu innovativ oder originell ist das alles trotzdem nicht, ihre Funktion als Anheizer haben CHASE THE ACE aber dennoch erfüllt.

Dann ist es auch schon an der Zeit für den „Altmeister“: MICHAEL MONROE erklimmt mit seiner Band, die aus gestandenen Ex-Mitgliedern von eben Hanoi Rocks, den New York Dolls oder Danzig besteht, die Bühne. Dabei ist von der ersten Sekunde an klar, dass der gebürtige Finne hier das Zepter des Handelns fest in der Hand hat: Die Bühnenpräsenz eines Herrn Monroe ist auch anno 2015 immer noch ungemein fesselnd. Seine Mitstreiter sind dabei jedoch keineswegs bloße Statisten: Des Öfteren „duelliert“ sich Michael, wahlweise mit Saxofon oder Mundharmonika bewaffnet, mit seinen Gitarristen. Trotzdem ist und bleibt natürlich der ehemalige Hanoi Rocks-Sänger im Zentrum der Aufmerksamkeit. Monroe springt und wirft sich auf den Boden, erklimmt dann und wann sogar die Getränkeboxen hinter der Theke, um auf diese Weise bis zur Hallenmitte vorzudringen. Oftmals wird das Mikro einfach als Lasso umfunktioniert, Michael wirft sich auf den Boden und gibt sogar zwei-/dreimal ein Spagat zum Besten. Dass er im Anschluss daran nicht mehr ganz so flott auf die Beine kommt wie noch vor zwanzig Jahren, ist dem mittlerweile 53-jährigen aber durchaus zu verzeihen. Unglaublich, wie physisch fit und durchtrainiert der Finne auch noch in diesem Alter daherkommt!

Songtechnisch bietet die Band einen Querschnitt aus der Karriere des MICHAEL MONROE, angefangen bei alten Hanoi Rocks-Sachen bis hinüber zu seinen Solowerken. Das superbe neue Album „Blackout States“ wird dabei allerdings eher stiefmütterlich behandelt, was insofern schade ist, als dass die darauf enthaltenen Songs zu den wohl besten des Finnen überhaupt gehören! – Dies ist dann aber auch der einzige Wermutstropfen… Für die nötige Abwechslung sorgen der bereits erwähnte Einsatz von Saxofon und Mundharmonika: Selbst wenn es Monroe nicht lassen kann, auch hier wie Sau zu posen, sind das doch die wenigen Momente, in denen der „Zappelphilipp“ mal (mehr oder weniger) stillsteht. Wenn ihm an dem Abend kein Stagehand zur Seite stehen würde, wäre die eine oder andere Unzulänglichkeit in der Show zu beobachten gewesen. Aber so klappt das wie am Schnürchen: Bei seinen Ausflügen auf die Getränkeboxen hinter der Theke wird Monroe schön artig Kabel nachgereicht, so dass kein Gesangsausfall zu verzeichnen ist. „Höhepunkt“ des Stagehands ist wohl jener Moment, als Michaels Mundharmonika einen Ausflug in den Fotograben macht. Der Bühnenhelfer rennt sogleich los, um Monroe das Instrument zu reichen, welches gerade just in dem Moment wieder in seine Finger gelangt, als sein Einsatz kommt.

Beim balladesken Beginn von 'Ballad Of The Lower East Side' setzt sich der Finne zusammen mit seinem Gitarristen auf die Monitorboxen am Bühnenrand, nur um just danach wieder abzugehen wie eine Rakete. Als letztes Stück wird das Creedence Clearwater Revival – Cover 'Up Around The Bend' intoniert, welches dereinst Hanoi Rocks einen Hit bescherte. Für eine Zugabe ließen sich die Herren dann nicht allzu lange bitten: Das Konzert endet dann in einer regelrechten Impro-„Schlacht“ zwischen Gitarren und Mundharmonika. Fazit: Ein Auftritt eines durch und durch professionellen Entertainers, dargeboten allerdings mit unheimlich viel Herzblut.

Von Letztgenanntem sprüht auch der Auftritt der darauf folgenden HARDCORE SUPERSTAR, die sich zusammen mit MICHAEL MONROE im Rahmen der derzeitigen Tour den Headlinerposten quasi teilen. (Wohl nicht nur) an besagtem Abend in Nürnberg geht die Trophäe der engagierteren, authentischeren Performance an den Finnen. Der Gig der Schweden wirkt dagegen viel zu einstudiert und belanglos. Während Monroe immer für Abwechslung sorgte und einschneidende Akzente setzte, wirkt der Auftritt HARDCORE SUPERSTARs zu einstudiert und leblos. Sicher, die Truppe um Sänger Joakim „Jocke“ Berg geht live gut ab und vermag das Publikum von Beginn an auf seine Seite zu ziehen: Ein Großteil der Anwesenden dürfte auch extra wegen den Schweden angereist sein. Zumindest die Reaktionen seitens der Fans stimmen.

Ansonsten wirken die SUPERSTARs wie auf Platte relativ gleichförmig und wenig originell. Die Skandinavier zelebrieren Hard/Glam/Sleaze Rock im Stile der alten Mötley Crüe und dergleichen, wobei dem außer ein paar groovigen Elementen keine Novationen hinzugefügt werden. Alleinstellungsmerkmale? – Fehlanzeige! Musikalisch ist das Ganze okay, wenngleich ebenfalls nicht wirklich absolut überragend. Vielleicht können HARDCORE SUPERSTAR nach dem endgültigen Abtritt Mötley Crües ihre Existenz besser rechtfertigen: Zumindest vom Einsatz her stimmt's. Die Zuschauer verlassen den „Hirschen“ in der Gewissheit, einen schönen, hart rockenden Abend erlebt zu haben. Für den Schreiberling hier gab es (erwartungsgemäß) einen absoluten Gewinner: Überflüssig zu erwähnen, um wen es sich dabei handelt…

 

 

Genre: Heavy Rock
Shawn James kam 1986 in Chicago auf die Welt. Das Elternhaus zerrüttet, flüchtete er mehr und mehr in die Musik: Den Anfang machte der lokale Kirchenchor, wo er das Handwerkzeug erhielt, um eine kraftvolle Stimme zu entwickeln. Als Teenager zog Shawn dann nach Fayetteville in Arkansas. Beeindruckt von der dortigen Natur schrieb der Singer/Songwriter mehr und mehr Songs, die er ab 2012 unter eigenem Namen herausbrachte. Der Multi-Instrumentalist frönt auch auf seinem neuen Werk einer Mischung aus Heavy Rock mit Anleihen an Southern-Klängen. Dem gesellen sich noch Einflüsse aus den Sparten Rock N` Roll, Blues, Folk, Americana und Soul hinzu. Insofern verbrät der Gute auch auf „The Gospel According To Shawn James & The Shapeshifters“ ziemlich viele Einflüsse. Diese werden jedoch in kompakte, auf den Punkt gebrachte Songs verpackt. Cool auf jeden Fall die Fidel bei `Lost`, die ein wohliges Wildwest-Feeling verbreitet, bevor die E-Gitarre mit einem ultraschweren Riff einsteigt. Im Mittelteil von `Like Father Like Son` haucht dann auch eine Frau mal ins Mikrofon. Die enorme Bandbreite der stilistischen Einflüsse lässt den Hörer leider zuweilen etwas orientierungslos zurück, hier hätte etwas mehr Homogenität nicht geschadet. Darüber hinaus stellt Shawn zwar schon ein gutes Gespür für effektives Songwriting unter Beweis. Letzten Endes fehlt neben dem roten Faden aber noch der entschiedene Faktor Eigenständigkeit. Wer jedoch eine Platte hören möchte, die aus Liebe zur US-amerikanischen Heimat des Protagonisten fernab jeglichen patriotisch-nationalistischen Unfugs erschaffen wurde, sollte hier trotz der genannten Kritikpunkte zugreifen! (CW)

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