LEGACY - The Voice from the Darkside

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Christian Wachter (CW)

Christian Wachter (CW)

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Auch in diesem Jahr zieht es wieder Doom-Liebhaber aus allen Ecken Europas sowie der Republik nach Würzburg. Wie auch das Keep It True, ist das Hammer Of Doom Festival längst eine Institution und Pflichtveranstaltung für den Metal-Underground und darüber hinaus geworden. Die Hotelzimmer werden schon Monate vorher gebucht und der Wochenend-Trip nach Würzburg regelrecht zelebriert. Sympathische, authentische sowie eingefleischte Musikfans aller Altersklassen, wohin das Auge reicht. Eine tolle Stimmung und Atmosphäre hängt über diesem Wochenende. Diese macht es vielen schwer, bei all den bekannten Gesichtern und Begrüßungs-Ritualen zur ersten Band WOLVESPIRIT rechtzeitig den Weg vor die Bühne der Posthalle zu finden.

Freitag:

Eine nette Anekdote kann gleich zu Beginn der Shows verkündet werden, eröffnen doch die beiden Bands mit dem jeweils eindeutig kürzesten (WOLVESPIRIT) sowie dem wohl längsten (REINO ERMITANO) Anreiseweg das diesjährige Hammer Of Doom. Die Erstgenannten stammen aus dem Landkreis Würzburg und haben sich bereits einen relativ guten Ruf im Underground erspielt: Nicht umsonst dürfen die Jungs mit Dame am Gesang Uriah Heep auf ihrer aktuellen „Outsider“-Tournee supporten. Das Album „Dreamcatcher“ wurde auch vom Verfasser dieser Zeilen im Legacy bereits gebührend mit Lob bedacht, so dass man gespannt der Darbietung der Franken harrt. Bodenständige, traditionelle Rockmusik ist angesagt, deren Wurzeln eindeutig in den späten 60er/frühen 70er Jahren zu verorten ist. WOLVESPIRIT bringen ihre Musik ziemlich glaubhaft und authentisch rüber, was sehr zum Hörgenuss beiträgt.

Selbiges lässt sich auch unumwunden von den nachfolgenden REINO ERMITANO behaupten: Das Quartett liefert eine traditionelle Doom-Messe vom Allerfeinsten ab und kann mit Fug und Recht als erster Höhepunkt des diesjährigen Hammer Of Doom bezeichnet werden. Die Peruaner zelebrieren ihre Musik, die sich vollends der reinen Lehre verschrieben hat, auf inbrünstige Art und Weise. Über allem schwebt der durchdringende Gesang von Tania Duarte, deren Vocals atmosphärisch wie ehrlich rüberkommen. Die Südamerikanerin ist eben keineswegs eine Säusel-Diva, sondern versteht es, die Texte herrlich düster wie aggressiv zu intonieren. Dagegen, dass REINO ERMITANO lediglich ein weiterer Ausfluss des grassierenden Okkult Rock-Trends mit Dame am Mikro sind, spricht bereits die Tatsache, dass die Peruaner schon seit 2001 Musik offerieren, die zwar ganz im Zeichen der Pioniere des Genres steht, aber dennoch irgendwie über einen eigenen Charakter verfügt. Dies liegt zum einen am charismatischen Gesang von Tania, andererseits auch an den Texten, welche allesamt in Spanisch gehalten sind. Frau Duarte hat es nicht nötig, fehlende musikalische Überzeugungskraft mit weiblichen Reizen wett zu machen: Vielmehr wirkt die Dame wie eine feminine Ausgabe des jungen Ozzy Osbourne. Oder wie eine Bekannte treffend formulierte: „Endlich mal eine Frau, die Eier hat…!“

Letzteres lässt sich von der Sängerin von JESS AND THE ANCIENT ONES, die vor Kurzem erst eine Nordamerika-Tour im Vorprogramm von niemand Geringerem als King Diamond absolviert haben, indes nicht behaupten: Die Dame wirkt, als wäre sie einem Nostalgie-Klamottenladen entsprungen. Die Musik der Finnen hat dagegen locker das Potential, in einem Fahrstuhl eines Mittelklasse-Hotels gespielt zu werden: Während REINO ERMITANO zuvor heißblütige Emotionen entfachten, regiert bei den Skandinaviern musikalische Belanglosigkeit. Bei Jess und ihren Männern wirkt alles durchstilisiert und -organisiert, man überlässt relativ wenig dem Zufall und strebt danach, ein heller Stern in einer relativ kurzlebigen Trendnacht zu sein. Dabei hat die Finnin weder das Charisma einer Jex Thoth noch die Stimme einer Elin Larsson. Darüber hinaus wirkt die Musik der Nordlichter reichlich höhepunktsarm und bestätigt nur mehr den auf Platte gewonnenen (negativen) Eindruck.

99,9% der Anwesenden dürften sich an diesem Freitagabend vor allem wegen TROUBLE in der Posthalle eingefunden haben. TROUBLE war und ist live natürlich immer grandios. Und gerade nach dem bärenstarken letzten Album „The Distortion Field“ sowie dem Einstieg von Sänger-Koryphäe Kyle Thomas (Exhorder, Floodgate, Ex-Alabama Thunderpussy) ist die Band zusätzlich wiedererstarkt. Da hätte es die Ankündigung, besonders viel Material vom „Psalm 9“-Debüt und Meilenstein zu spielen, gar nicht gebraucht, um Doom-Jünger in Entzückung zu versetzen. Der Fünfer steigt gleich mit dem Eröffnungs-Duo 'The Tempter' und 'Assassin' ein und löst eine Welle von Euphorie und Enthusiasmus aus. Der Sound ist glasklar sowie differenziert, die Lightshow headlinerwürdig, und die Musiker könnten nicht mehr grooven. TROUBLE präsentieren sich ultra-tight sowie perfekt eingespielt, und speziell das Gitarristen-Duo Bruce Franklin und Rick Wartell agiert (nicht nur heute) in einer ganz eigenen Liga. Da sitzt jeder Akzent, jeder Lick und einfach jeder Ton perfekt und lebt regelrecht. Die doppelstimmigen, NWOBHM-mäßigen Leads sind zum Niederknien, und jedes Solo wird mit Herzblut sowie purer Leidenschaft gespielt. Die Rhythmusfraktion gleicht einem Schweizer Uhrwerk, und das Publikum singt nicht nur 'Psalm 9' und 'Bastards Will Pay' lauthals mit.

Kyle präsentiert sich ultra-sympathisch und positiv, hat eine bemerkenswerte Aura und singt jedes Stück wie ein junger Gott. Jederzeit auf Augenhöhe mit Eric Wagner – auch wenn Mr. Thomas seine Rolle gänzlich anders gestaltet und eine komplett andere Ausstrahlung hat. Eher der sympathische Southern-Rocker von nebenan mit jeder Menge (Metal-)Energie im Blut. Ein anonym bleibender Rock-Veteran murmelt etwas von „Truckfahrer“, was für allerlei Gelächter sorgt. Zu 'Endtime' und 'Revelation (Life Or Death)' erreicht die Stimmung ihren absoluten Höhepunkt. Weinende Zuschauer, tanzende Damen jüngeren Semesters mit tollem Hüftschwung, emotional und mit geschlossenen Augen singende Senior-Doomster sowie Banger sind gleichermaßen auszumachen. Mit 'When The Sky Comes Down' bringen TROUBLE dann noch den Opener des aktuellen Albums, der ebenfalls sehr gut ankommt, aber an die ganz großen Klassiker nicht ganz heran reichen kann. 'Plastic Green Head' wird anschließend mit 'Flowers' gewürdigt und 'Wickedness Of Man' führt uns zurück zu seligen „The Skull“-Tagen. Zu 'Paranoia Conspiracy' und 'Hunters Of Doom' von der neusten Platte kann man sich noch am ehesten ein neues Bier holen, nur um es während der zu 'At The End Of My Daze' total am Rad drehenden Crowd wieder halb verschüttet zu bekommen. Danach wird Black Sabbath mit einem geilen 'Supernaut'-Cover gehuldigt. Auch wenn dies sehr gut ankommt, wäre vielen Anwesenden ein zusätzlicher Klassiker lieber gewesen. Alles unnötige „Jammerei“, da eine perfekte Show unter Gänsehaut mit 'R.I.P' und 'All Is Forgiven', dem letzten Stück des selbstbetitelten Klassikers, endet. Für den Verfasser dieser Zeilen mit Abstand der beste und intensivste Gig des Jahres. Zum Niederknien!

Warum eine vergleichsweise junge Band wie KADAVAR danach als Headliner auf die Bretter geschickt wird, bleibt ein Rätsel. Natürlich sind die seit 2010 aktiven Berliner eine sehr gute Band, die sich auch live einen tollen Ruf erspielt hat. Aber gegen das, was TROUBLE heute abgeliefert haben, würde fast jede Band verlieren. Das bärtige Trio gibt sich aber sichtlich Mühe und legt 200% Energie in seine Show. Insbesondere Drummer Christoph Bartelt drischt dauerbangend auf sein Kit ein, als gäbe es kein Morgen. Der intensive, brutale Groove von Stücken wie 'Liquid Dream', 'Doomsday Machine', 'Eye Of The Storm' oder 'Black Sun' hat seinen ganz speziellen Reiz und kann viele Anwesende vor der Bühne und auf Betriebstemperatur halten. Die Huldigung von alten Space- sowie Krautrock-Veteranen wie Pentagram, Grand Funk Railroad oder Hawkwind ist in Songs wie 'Forgotten Past' (lol!), 'Come Back To Life' oder 'Creature Of The Demon' unüberhörbar. Allerdings werden diese von KADAVAR mit einer Frische und Spielfreude dargeboten, die einfach mitreißend ist. Die intensivste Atmosphäre transportiert heute der Track 'Goddess Of Dawn', ehe uns der Rausschmeißer 'All Our Thoughts' dann schnell in Richtung Aftershow Party schickt. Das Hauptthema ist dort, wie aufgekratzt und aus dem Häuschen doch jeder nach diesem unglaublichen TROUBLE-Auftritt ist. Dies lässt einige Doomheads noch bis zum Morgengrauen wach bleiben und diverse Kaltgetränke konsumieren.

 

Samstag:

Da die sehr lange bzw. kurze Nacht auch der Legacy-Delegation noch in den Knochen steckt, kann über die erste Tagesband WUCAN leider nur eingeschränkt berichtet werden. Die jungen Musiker aus Dresden sollen die bereits anwesenden, teilweise ordentlich verkaterten Besucher von Anfang an eindrucksvoll wach gedoomt haben. Schreiber- und Musiker-Kollegen loben die tolle, sexy Stimme von Sängerin Francis sowie diverse Akustikklampfen- und Querflöten-Einlagen. Fans von Jethro Tull oder Fleetwood Mac, kommen bei WUCAN zweifellos auf ihre Kosten. Am besten kommt heute das mit einem Videoclip veredelte 'Franis Vikarma' an, und nicht wenige Frühaufsteher sprechen von der ersten Überraschung des Festivals.

Die slowenische, eindeutig frauendominierte Formation MIST kann dieses Stimmungslevel danach leider nicht halten. Zu gleichförmig und austauschbar klingt das u.a. von Pentagram und Black Sabbath beeinflusste Songmaterial. Einen gewissen Charme sowie eine erotische Aura kann man dem Fünfer aus Ljubljana aber nicht absprechen. Zudem gehen MIST mit viel Spaß und Herzblut zur Sache. Extra Pluspunkte sammelt die Combo zum Ende des Sets mit dem Candlemass-Cover 'Bewitched'.

Als die Hellenen DOOMOCRACY auf der Bühne stehen, ist die Posthalle zum ersten Mal ordentlich gefüllt. Auch wenn die Band erst seit 2011 aktiv ist, hat sie sich bereits einen sehr guten Ruf sowie Bekanntheitsgrad erspielt. Das sehr starke 2014er-Debüt „The End Is Written“ hat hier sicher auch seinen Teil dazu beigetragen. Vor allem Epic Doom-Liebhaber, die Candlemass und Solitude Aeturnus rauf und runter hören, zieht es jetzt direkt vor die Bühne. Die etwas komplexer und verschachtelt arrangierten Songs erfordern Hingabe und konzentriertes Zuhören. Und genau diese Zielgruppe ist heute anwesend und frisst diesen fünf Musikern von der wunderschönen Insel Kreta aus der Hand. Mit viel Leidenschaft und Spielfreude können DOOMOCRACY eine gewisse Schüchternheit (speziell Goldkehlchen Michael Stavrakakis anzumerken) sowie mangelnde Live-Erfahrung sehr gut wettmachen. Als größter Ohrwurm erweist sich der Titelsong der neuen Platte, dessen Riffs und Melodien der Verfasser dieser Zeilen nun lange nicht mehr aus dem Kopf kriegen wird. Wie mit Below steht uns mit dieser Band sicher noch Großes bevor. Sehr guter Gig!

Extrem kauzig und kultig wird es anschließend bei den Italienern EPITAPH. Diese bereits seit 1987 aktive, aber irgendwann in der Versenkung verschwundene und nun wieder entstaubte Combo polarisiert wie keine zweite Band dieses Wochenendes. Gefühlt stehen deutlich weniger Zuschauer als zuvor bei DOOMOCRACY vor der Bühne. Aber die Fans, die da sind, feiern das Quartett nach allen Regeln der Kunst ab und beobachten gebannt die theatralische, sehr eigenwillige Darbietung. Insbesondere Frontmann Emiliano Cioffi hat im positiven Sinne einen an der Waffel und würde sich auch sehr gut im Theater oder in einem Musical machen. Man weiß nie ganz genau, ob er etwas nur zum Spaß oder weil sichtlich zugedröhnt tut oder eine ernstere, tiefere Bedeutung dahinter steckt. Der eine Nachbar murmelt etwas von Ghost, der andere spricht von den „Hell des Doom“. Beides ist irgendwie zutreffend und auch doch wieder nicht. EPITAPH sind zweifellos eigenständig und dürften sich bei allen Zuschauern auf irgendeine Art und Weise eingebrannt haben. Wo die einen den Spirit und die Authentizität loben, lästern andere über immer wieder schiefen Gesang. Subjektiv gesehen, ein weiteres Highlight, denn diese Band lässt die Zeit irgendwo wie im Flug vergehen. Es bleiben nicht einzelne Songs, sondern das intensive Gesamtergebnis hängen.

Die Erwartungshaltung bezüglich den folgenden MOUNT SALEM ist spürbar extrem hoch. Die Occult-Rocker um Sängerin und Keyboarderin Emily Kopplin sind erst seit 2012 aktiv und haben mit „Endless“ gerade mal erst eine EP veröffentlicht. Die Amis bedienen Freunde der aufgelösten The Devil's Blood als auch Liebhaber von Combos wie Jex Thoth oder Blood Ceremony. Allerdings agieren die Amis weit weniger psychedelisch und verrückt, sondern dafür wesentlich rifflastiger und heavier. Das Quartett aus Chicago bekommt vom ersten Song an eine beachtliche Resonanz, die man sonst eher bei dienstälteren Bands erwarten würde. Bis auf das manchmal etwas schief tönende Keyboard gibt es auch absolut nichts an der Performance auszusetzen. Bühnen-Charisma sowie Mimik und Gestik sitzen und bilden zusammen mit der Musik eine sehr starke Einheit. Es will lediglich der allerletzte Funke, um das Publikum so richtig in Trance zu spielen, nicht überspringen. Die Zuschauer spüren aber, dass MOUNT SALEM immer ganz knapp daran kratzen und eigentlich dazu fähig sind. Eine sehr gute Band, die heute vielleicht nicht ihren allerbesten Tag erwischt hat, aber sicher noch zu großem fähig sein wird.

Mit HAMFERD betritt danach eine relativ obskure Erscheinung die Bühne der Würzburger Posthalle: Die in feine Anzüge gehüllten Musiker stammen von den Faröer Inseln, welche in Bezug auf Metal bis dato lediglich aufgrund der Pagan/Folk-Metaller Tyr auf sich aufmerksam machten. Seit 2008 aktiv, haben die Insulaner bis dato eine EP sowie ein Album in ihrer Diskografie zu Buche stehen. Angesichts dessen kommt das, was da an diesem Samstagabend in Würzburg geboten wird, ziemlich professionell und gut aufeinander eingespielt daher. Sänger Jón Aldará macht dabei sicherlich die beste Figur, beherrscht der Frontmann doch sowohl elegischen Klargesang als auch kraftvolle Growls. HAMFERDs Mischung aus Death- und Doom Metal ist auf jeden Fall vergleichsweise originell und vermag eine schön melancholische Aura zu versprühen: Ideale Musik für triste Winterabende!

Während bei den Musikern von den Faröer Inseln jemand agiert, der mit eindringlichem Klargesang zu punkten vermag, wird bei den nachfolgenden THE RUINS OF BEVERAST bereits im Rahmen der ersten Takte des Openers offenbar, dass genau dieses Element bei dieser Gruppe fehlt: Viel zu schief, ja gar amateurhaft kommen die Vocals rüber. Die ansprechenden Death-Growls können dieses Manko leider nur bedingt wieder wettmachen. Im Vorfeld stellten sich wohl einige Fans die Frage, ob es THE RUINS OF BEVERAST schaffen würden, jene insbesondere auf ihrem letzten Album „Blood Vaults – The Blazing Gospel Of Heinrich Kramer“ vorherrschende Atmosphäre auch livehaftig ansprechend rüberzubringen. Mainman Alexander von Meilenwald & Co. offerieren hypnotisch-destruktive Musik, der es allerdings wiederum auch nicht an pechschwarzen Harmonien mangelt. Es ist beim Hammer Of Doom ja fast schon eine gute Tradition, dass man auch langsamerem Todesblei mit Doom-Versatzstücken ein Podium gewährt. THE RUINS OF BEVERAST machen zwar ihre Sache gut, aber nicht wirklich überragend.

Selbiges gilt für AVATARIUM, die gleich nach Meilenwald und seinen Mannen die Würzburger Bühne entern. Die Erwartungen an die Formation, bei der unter anderem Candlemass-Bassist Leif Edling, Lars Sköld von Tiamat und Carl Westholm von Jupiter Society zocken, waren relativ hoch gesteckt. Den Schriftzug der Epic Doom-Legende tragen einige Stücke von AVATARIUM, allein es fehlt im direkten Vergleich die Intensität sowie jenes untrügliche Gespür für mitreißende Arrangements, welche Candlemass auch heute noch auszeichnen. Jennie-Ann Smiths Gesang ist leider zu beliebig, als dass er nachhaltig beeindrucken könnte. Auch die Songs an sich sind keineswegs so überzeugend, wie man das von Leifs Hauptband gewohnt ist. Sicherlich fahren die Schweden beim Hammer Of Doom eine rundum professionelle Show auf. Was fehlt, sind allerdings noch die richtig großen Momente. So schwimmen AVATARIUM derzeit leider noch zu sehr in Fahrwassern des Mittelprächtigen, ohne wirklich Songs mit Charakter und Seele zu inszenieren.

Nahezu jeder Besucher des diesjährigen Hammer Of Doom war auf eine Band ganz besonders gespannt: SAINT VITUS. Einerseits steht mit den Amis eine wahre Doom-Legende auf der Bühne, andererseits bekommt der Auftritt durch die Tatsache, dass Frontbarde Scott „Wino“ Weinrich am 11. November wegen Drogenbesitzes von der norwegischen Polizei festgenommen und umgehend zurück nach Hause in die Vereinigten Staaten geschickt wurde, zusätzliche Brisanz. Dabei ist es letzten Endes egal, mit welcher Art von Drogen Wino de facto aufgegriffen wurde (manche glaubten zu wissen, dass es sich gar um Crystal Meth gehandelt habe); wichtig ist, dass seine verbliebenen Mitmusiker die Headliner-Position dieses Festivals so würdevoll wie möglich ausfüllen. Eine Schlüsselrolle besetzt an dieser Stelle Gitarrist und Hauptsongwriter David Chandler, der einen Großteil des Gesangs an diesem Abend übernimmt. Spätestens seit seinem Old-School-Hardcore-Projekt Debris Inc. weiß man, dass die grauhaarige Doom-Eminenz auch über ein kraftvoll-dreckiges Gesangsorgan verfügt. Natürlich kann man David nicht mit Wino vergleichen, auch die Aura von Herrn Weinrich wird an jenem Abend in Würzburg schmerzlich vermisst. Dennoch wird das Publikum Zeuge eines ungewöhnlichen, engagierten Auftritts einer wahren Legende, die sich auch durch derart schlechte Nachrichten nicht ins Bockshorn jagen lässt. Dass Sacred Steel-Sänger Gerrit P. Mutz über ein Faible für Doom Metal verfügt, weiß man nicht erst seit seinen Engagements bei Angel Of Damnation und Dawn Of Winter. Eine wahre Ehre stellt es für ihn dann dar, bei SAINT VITUS zwei in flotterem Musiziertempo gehaltene Songs darzubieten. Dabei hält sich Gerrit aus Achtung vor der Doom-Legende und nicht zuletzt auch wohl vor Wino selbst relativ dezent im Hintergrund. Ebenso versucht sich Schlagzeuger Henry Vasquez bei einem Stück am Gesang, und selbst wenn diese Darbietung nicht so überzeugend wirkt wie die von Chandler, ist es doch gut zu sehen, dass auch der Drummer seinen Teil zum Gelingen des Abends beitragen will und die schwierige Doppelbelastung im Grunde gesehen ganz gut meistert.

Die Songauswahl an diesem Abend ist vom Allerfeinsten: Klassiker wie 'Living Backwards', 'I Bleed Black', 'White Stallions' oder 'Clear Windowpane' werden gezockt, während 'Dying Inside' vor dem Hintergrund der Wino-Geschichte an diesem Abend eine besondere Bedeutung innewohnt. Erwartungsgemäß beschließen SAINT VITUS ihr reguläres Set mit 'Born Too Late', welches vom Publikum lauthals mitgesungen wird, bevor Chandler die Bandhymne 'Saint Vitus' im Zugabenteil als „Song, mit dem alles anfing“ ankündigt. Ein denkwürdiger Auftritt der Doom-Legende fürwahr und trotz des Fehlens von Wino ein mehr als würdiger Headliner des diesjährigen Hammer Of Doom! Nach dieser allen Unkenrufen zum Trotz starken und überzeugenden Show gehen alle Doom-Jünger erschöpft, aber zufrieden ihrer Wege. Nicht wenige führen diese allerdings noch in die nächstgelegene Bar, Kneipe oder Club. So wurden noch bis in die frühen Morgenstunden des darauffolgenden Sonntags viele Metalheads quer durch Würzburgs Zentrum verteilt gesichtet. Und egal wen man fragt. Jeder ist sich einig, selbstredend auch beim nächstjährigen Hammer Of Doom Festival wieder dabei zu sein. Denn es ist nicht nur das Line-Up, sondern auch der Metal-Markt sowie der einzigartige „von Fans für Fans“-Charme, der qualitätsbewusste Doomer stets wieder nach Würzburg lockt. Wir freuen uns schon jetzt aufs kommende Jahr!

 

Text: Christian Wachter und Markus Wiesmüller

Fotos: Jowita Kamińska-Peruzzi (http://www.jowita-kaminska.com/)

 

 

 

Lange mussten die deutschen Fans auf diesen Moment warten: Nachdem diverse Konzertreisen in der Vergangenheit aufgrund des angeschlagenen Gesundheitszustandes des Rock'n'Roll-Urgesteins Lemmy Kilmister immer wieder verschoben werden mussten, steht in der bayerischen Landeshauptstadt an einem eigentlich relativ undankbaren Montagabend das erste von vier Deutschlandkonzerten ins Haus. Seit einiger Zeit bereits restlos ausverkauft, ist das Publikum gespannt wie ein Flitzebogen, ob der charismatische Gralshüter des Rock'n'Rolls an Gesang und Bass mittlerweile wieder zu alter Stärke zurückgefunden hat. Doch zunächst einmal „muss“ man sich noch mit den Supportacts auseinandersetzen. Dies stellt an diesem Abend jedoch ein dermaßen angenehmes Unterfangen wie selten zuvor dar, sind mit SKEW SISKIN und THE DAMNED doch alte Kumpels und Weggefährten der Band mit an Bord, die auch musikalisch nahezu perfekt zur Hauptformation des Abends passen.
Den Anfang machen die harten Rocker aus Berlin, die das gerade mal gut zur Hälfte gefüllte Auditorium mit erdiger, ehrlicher Musik überzeugen. Sängerin Nina C. Alice und ihre Mannschaft bietet eine solide Darbietung, der einzig und allein das letzte Quentchen Überzeugungskraft noch fehlt. Es ist im Falle SKEW SISKIN auf der Bühne wie auf Platte: Das Ganze ist ganz nett anzuhören, aber auch kein absoluter Überhammer vor dem Herrn. Stattdessen wird das Quartett seiner Platzierung als den Reigen eröffnende Gruppe durchaus gerecht, und alleine das ist schon mal ein großes Lob. Spätestens beim heimlichen „Hit“ der Formation, dem Ohrwurm `If The Walls Could Talk`, lassen sich dann auch mehr Fans von Nina & Co. mitreißen, so dass die Hauptstädter weit mehr als nur Höflichkeitsapplaus einheimsen.
Proppenvoll ist dann bei THE DAMNED bereits nicht nur ein gewisser kleiner Prozentsatz der Anwesenden, sondern auch die Halle. Unabhängig davon, dass die Sanitäter angesichts von sichtlich alkoholisierten Fans (soll`s ja auch geben…) an dem Abend so einiges zu tun haben, zieht die britischen Punklegende viele der Anwesenden in ihren Bann, schließlich sieht man die Truppe in hiesigen Breitengraden auch nicht allzu häufig. Die Engländer offerieren eine selbst angesichts der Kürze des Sets repräsentative Reise quer durch ihre bewegte Bandgeschichte. THE DAMNED waren ja seit jeher eine eher vielschichtige Formation, die beispielsweise auch vor zuweilen differenzierten respektive Synthesizer-Klängen nicht zurückschreckte: Das Tasteninstrument wird dabei von Monty OxyMoron bedient, der mit seiner Lockenpracht im mit Totenkopfmustern versehenen Anzug einen wahren Blickfang darstellt. Bei `New Rose` wagt sich der verschrobene Keyboarder sogar ekstatisch zuckend in Richtung Bühnenrand. Während Schlagzeuger Pinch und Bassist Stuart West „normal“ in Jeans und T-Shirt daherkommen, präsentiert sich Sänger Dave Vanian wie gewohnt als eine Art Pendant zu Gomez von der Addams Family in einen feinen Smoking gehüllt. Gitarrist Captain Sensible sticht mit seiner roten Kappe sowie freakiger Jacke und Hose ebenso heraus. Dabei ist Letzterem bereits beim Opener Pech beschieden, gibt doch sein Sechssaiter den Geist auf, so dass ein Wechsel nötig ist. Der dauert allerdings wiederum so lange, dass die Band den ersten Song kurzerhand ohne ihn zu Ende spielt. Ansonsten liefern THE DAMNED an dem Abend allerdings einen erstklassigen Auftritt ab, der das Gros des Publikums überzeugt haben dürfte.
Dann endlich ist es soweit: Das Dreigestirn Lemmy Kilmister, Phil Campbell sowie Mikkey Dee betritt die Bühne und legt gleich unverzüglich mit dem „Ace Of Spades“-Klassiker `Shoot You In The Back` munter los. Gerüchte, die in Fankreisen vor dem Auftritt bereits munter kursierten, bewahrheiteten sich: Wer an den Setlists der MOTÖRHEAD-Tourneen der letzten Jahre kritisierte, dass zu sehr auf Nummer Sicher gegangen anstatt dass mal die eine oder andere Überraschung ausgepackt wird, wird an diesem Abend eines Besseren belehrt: Freilich gibt`s Standards wie `Killed By Death`, `Just `Cos You Got The Power`, `Stay Clean`, `Metropolis`, das unvermeidliche `Ace Of Spades` oder im Zugabenteil das furiose `Overkill`. Doch der Rest der Setlist ist eher als ungewöhnlich zu bezeichnen: Gleich zu Beginn folgt nach dem erwähnten Opener `Shoot You In The Back` mit `Damage Case`, `Stay Clean` und `Metropolis` eine innige Huldigung des „Overkill“-Albums. Dem gesellen sich unmittelbar danach `Over The Top` sowie `The Chase Is Better Than The Catch` hinzu. Bei Letzterem bietet Phil ein herrliches Gitarrensolo dar. Mit `Rock It` begibt sich das Trio kurz in die 80er, bevor `Suicide` vom 2004er-„Inferno“-Album den Weg frei macht für Stücke neueren Datums: Mit `Do You Believe` und `Lost Woman Blues` zocken MOTÖRHEAD gleich zwei neue Stücke der aktuellen „Aftershock“-Langrille, die sich nahtlos ins Set einfügen und von den Anwesenden genauso frenetisch abgefeiert werden wie diverse Klassiker. Dem folgt eine erneute faustdicke Überraschung: Im Laufe von `Dr. Rock` (!) von „Orgasmatron“ schwingt Mikkey während eines coolen Drumsolos seine Schlagzeugstöcke. Beim ultraharten, aber dennoch relaxten `Just `Cos You Got The Power` wird die Musiziergeschwindigkeit so weit wie bei MOTÖRHEAD möglich heruntergedreht, bis mit dem punkig-rockigen `Going To Brazil` ein schnelles Stück unmittelbar auf den Fuß folgt. Den Abschluss bilden dann die bewährten Hits `Killed By Death` und `Ace Of Spades`, bevor sich das Trio mit `Overkill` im Zugabenteil verabschiedet.

Die Songauswahl kann ohne Umschweife als Geschenk an die Fans bezeichnet werden, denn so einige Nummern waren schon seit Jahren live nicht mehr zu hören gewesen! Zwar kann man nicht gerade behaupten, dass Lemmy anno 2014 vor Energie nur so übersprüht, dennoch wirkt Herr Kilmister, der mittlerweile wohl einige Pfunde weniger auf den Rippen hat, weitaus fitter als noch vor ein paar Monaten. Aber so richtig vermag man das Ganze an dem Abend gar nicht zu registrieren, ist man doch angesichts der Klänge, die da aus den Boxen schallen, schlichtweg rundum entzückt: MOTÖRHEAD kommen schließlich in diese Stadt, um anständig zu rocken und den Anwesenden einmal mehr einen unvergesslichen Abend zu bereiten anstatt sich mit Kinkerlitzchen aufzuhalten! – So lange Lemmy auf der Bühne steht und seine Songs zocken kann, so lange geht`s dem mittlerweile 68-jährigen Haudegen gut! Die ungemeine Spielfreude merkte man auch seinen Mitstreitern Phil und Mikkey an, so dass man den Abend als rundum gelungen bezeichnen kann. Glückselig und voller Hoffnung, dass dies nicht die letzte MOTÖRHEAD-Tour in unseren Breitengraden war, verlassen dann die zahlreichen Fans nach den letzten Klängen die Szenerie. Es ist wie`s ist bei Konzerten von Lemmy & Co: Der Wahnsinn regiert, Extreme werden ausgereizt - einmal mehr ein mehr als denkwürdiger Abend!!!

Text: Christian Wachter

Fotos: Elodie Dosser

Eigentlich unverständlich, wieso MR. SIDEBURN AND THE BARONS „Highballing The Jack“ als Eigenveröffentlichung unters Volk bringen. Denn es hätte sich doch leicht eine Plattenfirma finden müssen, die gewillt gewesen wäre, diesen puren Adrenalin-Rock’n‘Roll zu veröffentlichen. Schließlich gibt`s Veröffentlichungen wie diese heutzutage wie Sand am Meer, ein gewisser kommerzieller Erfolg dürfte damit quasi automatisch einhergehen. Indes gibt es heutzutage wirklich unzählige Alben wie diese: Eine pulsierende Rhythmusabteilung, eingängige wie mitreißende Riffs und dreckiger Gesang gehen eine in sich stimmige Symbiose ein. Etwas Social Distortion hier, etwas Motörhead da, dazu noch eine Prise Ramones, und irgendwo inmitten von Hellacopters und Psychopunch trifft man auf MR. SIDEBURN und seine adelige Hintermannschaft. Dass dergleichen gutklassige Ware zwischen Rock’n‘Roll und Punk Rock aus deutschen Landen kommt, ist ein Lichtblick. Erleichternd auch, dass das Quartett auf die englische Sprache zurückgreift anstatt Peinlichkeiten und Plattitüden auf Deutsch vorzutragen. Gut, die Lyrics von „Highballing The Jack“ sind durchweg der standardisierten Rock’n‘Roll-Schublade entnommen. Eine wirkliche Botschaft außer „Long Live Rock’n‘Roll!“ wird hier eigentlich nicht verbreitet. Aber das erwartet man angesichts eines solchen Sounds auch nicht unbedingt. Wohl aber hätte man sich manches Mal etwas mehr Ecken und Kanten gewünscht. Insbesondere der namensgebende Sänger Ralf Sideburn müsste etwas mehr Akzente setzen und seiner Stimme mehr Charisma verleihen. „Highballing The Jack“ ist so kein absolutes Highlight, wohl aber eine mehr als solide Rock-Platte, die verdammt viel Spaß bereitet. Wenn man es künftig schafft, mit einem eigenständigeren Sound etwas mehr aus dem Einheitsbrei herauszuragen, könnte eine höhere Bewertung drin sein… So sind es nur satte zehn Punkte mit eindeutiger Tendenz nach oben. Kontakt: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.sidebaron.de.

SWINGIN´ UTTERS "Poorly Formed"

Friday, 12 September 2014 21:10 Published in Pressure Zone

Die SWINGIN` UTTERS sind bereits seit einem Vierteljahrhundert in der Szene unterwegs und liefern in schöner Regelmäßigkeit abwechslungsreiche Musik ab. Gegründet in der sonnigen San Francisco Bay Area, steht mit “Poorly Formed” nunmehr Album Numero acht in den Startlöchern. Vorab gab`s bereits die Single `The Librarians Are Hiding Something`, die auf dieser Scheibe nunmehr als Opener verbraten wurde. Das zweiminütige Stück bringt kurz und knapp die Qualitäten der SWINGIN` UTTERS auf den Punkt: Eingängigkeit, interessante Texte, pure Dynamik. Und trotz der Tatsache, dass die Musik der Kalifornier bereits von Beginn an zündet, brennen sich die Melodien eher unterschwellig ins Großhirn des Hörers, um dort für längere Zeit zu verweilen. Denn nicht nur die lange Band-Geschichte beweist eindrucksvoll, dass die SWINGIN` UTTERS beileibe kein One-Hit-Wonder sind: Zuweilen agiert man unbequem und präsentiert sich so unvorhersehbar wie nur irgendwie möglich. „Poorly Formed“ ist wohl so sehr von schrammeligem Garage geprägt wie kaum ein anderes Album der Band. Darüber hinaus bleibt jedoch immer wieder Zeit für herrlich melancholische Indie-Klänge oder Ur- respektive Proto-Punk. Und wenn die Formation in einem Song wie `I`m A Little Bit Country` dann auch noch gediegene Bluegrass-Romantik bemüht, dürfte dem Leser wie Schuppen von den Augen fallen, dass auf „Poorly Formed“ Abwechslung Trumpf ist. Allerdings gelingt den Amis das Kunststück, nie in irgendeiner Weise verfahren zu klingen. Alles wurde in einen Sound eingebettet, der eben typisch SWINGIN` UTTERS ist. Man vermag kaum Bezugspunkte zu bemühen, die 14 allesamt relativ kurzen Stücke stehen absolut für sich. Ob man das jetzt nun gut finden muss, liegt im Auge des Betrachters respektive Hörers: Geschmäcker sind schließlich verschieden. Fest steht jedoch, dass die Kalifornier mit „Poorly Formed“ einen Genre-Stern auf die Menschheit losgelassen haben. Hm, aber von welchem Genre war gleich noch mal die Rede…?

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