Man darf sich mit gutem Recht fragen, woher HERMAN FRANK nach all den Businessjahren immer noch diese Energie schöpft. Nicht nur das erneute Accept-Comeback dürfte den Gitarristen in den letzten Monaten komplett ausgelastet haben; auch die Arbeiten an seinem zweiten Soloalbum, die wegen einiger Line-Up-Wechsel unter keinem allzu guten Stern standen, sollten eine Zerreißprobe werden - nicht zuletzt weil das Debüt "Loyal To None" eine gefeierte Nummer war. Doch Frank lässt auch auf "Right In The Guts" nichts anbrennen und wird dem Titel seines Zweitlings in jedem einzelnen der 13 frischen Songs gerecht. Mit teils unverschämt hohem Tempo definiert der Gitarrist den Terminus Teutonen-Stahl noch einmal neu und präsentiert den klassischen 80er-Sound in einem rauen, aber dennoch sehr zeitgemäß-druckvollen Gewand. Flotte Stücke wie 'Ivory Gate' und 'Right In Your Guts' darf man derweil als beispielhaften Konter auf das erneut schwache Treiben von Rolf Kasparek werten, 'Falling To Pieces' und 'Black Star' könnten auch zu Franks Stammkapelle gehören, und mit eingängigen Nummern wie 'Lights Are Out' und 'Starlight' beinhaltet "Right In The Guts" die beiden besten Grave Digger-Songs, die das Original nie geschrieben hat. Es mag vermessen klingen, vor allem weil die Band des Accept-Gitarristen vor keinem Klischee Halt macht. Aber wenn jeder aus dem näheren Umfeld der deutschen Heavy Metal-Legende auf solch einem hohen Niveau musizieren würde, wäre eine Szene aus derzeitigen und ehemaligen Mitgliedern des Baltes/Hoffmann-Clans völlig ausreichend.
EVERSHINE sind wohl eine wirklich anständige Alternative zu Sonata Arctica. Ebenso selbstverliebte Keyboard-Passagen, gesanglich deutliche Parallelen, viele flotte Doublebass-Passagen, dazu eine gehörige Portion Kitsch - diese Italiener scheinen in Finnland einige Ideen geliehen zu haben. Allerdings bietet das Full-Length-Debüt "Renewal" noch ein bisschen mehr als typische Euro-Metal-Sounds im teils poppig-bombastischen Sound-Gewand. EVERSHINE sind nämlich vorrangig im klassischen Hard Rock unterwegs, zitieren hier und dort ein paar britische AOR-Noten und pflastern das Ganze mit besagten Keyboard-Teppichen und einzelnen Pomp-Arrangements. Das Songmaterial ist jedoch niemals nervig oder anstrengend, da EVERSHINE sehr dynamisch arbeiten und immer wieder zum richtigen Zeitpunkt eine ordentliche Chorus-Melodie platzieren. Andererseits ist die pathetische Ausstrahlung der Kompositionen grenzwertig und wird Puristen mit Sicherheit abschrecken. Eine Chance haben die Italiener aber verdient, denn wirklich schlecht ist der Stoff von "Renewal" definitiv nicht.
"Under My Skin" ist beileibe nicht die erste Compilation um die hiesige Metal-Ikone, doch definitiv die umfangreichste Zusammenstellung aus dem Schaffenswerk von Doro Pesch. Ganze 32 Tracks haben es auf die Best-Of geschafft, darunter auch erstaunlich viele Stücke neueren Datums wie etwa die Kompositionen mit dem Classic Night Orchestra, das relativ eigenwillige Priest-Cover 'Breaking The Law' und natürlich die zahlreichen Balladen, die hier und dort auch als Single ausgekoppelt wurden. Das Spezielle an der Sache ist derweil der fast komplette Verzicht auf Warlock-Nummern; lediglich das unvermeidbare 'All We Are', hier jedoch in einer Neueinspielung von DOROs Soloband, 'I Rule The Ruins' und das unterbewertete 'Metal Tango' haben auf "Under My Skin" Platz genommen - ansonsten wird der Doppeldecker ausschließlich von Solo-Klassikern aus dem inzwischen sehr breiten Repertoire der Düsseldorfer Metal-Queen bestückt. Wer den Katalog der blonden Rheinländerin schon sein Eigen nennt, muss natürlich nicht zugreifen, weil es kein Exklusiv-Material gibt. Sollte man allerdings noch keine Bekanntschaft mit Frau Pesch gemacht haben, ist dies die wohl bis dato beste Möglichkeit, sich mit ihren Songs vertraut zu machen.
Seit knapp 20 Jahren orgeln DIE CHEFS bereits durch den hiesigen Rock'n'Roll-Underground, haben sich zwar hier und dort mal auf einem prominenten Festival-Billing einreihen können, mit ihrem Mix aus Deutschrock, Schlager und einer Note Comedy jedoch nie eine echte Punktlandung hinbekommen. Nach dem Tod des etatmäßigen Frontmanns Marcus Blum wurde die Band schließlich eine knappe Dekade auf Eis gelegt - bis vor vier Jahren schließlich das Revival eingeläutet wurde. Anno 2012 präsentieren die Sinsheimer, die im Übrigen auch den Stadionsong des Hoffenheimer Bundesliga-Clubs eingespielt haben, nun ihr viertes Album, welches stilistisch scheinbar nicht mehr allzu viel mit den Anfangstagen gemeinsam hat. Gerade zu Beginn von "Ist das Kunst... oder kann das weg?" manifestiert sich der Eindruck, das Sextett habe inzwischen die Strömungen in der Szene wahrgenommen und mit einer ziemlich räudigen Interpretation für sich beansprucht. Doch nach flotten Klischee-Reißern wie 'Gruß aus der Gosse' und '10.000 Volt' bekommt man mit Schunkel-Nummern wie 'Wir werden uns wiederseh'n' und 'Luise' auch wieder zwei Songs aufgetischt, die eher in der Pop-Schublade landen - und dort am besten auch verschwinden sollten. Aber auch das soulige 'Chèrie' und das eher gequälte 'Zu spät' gehören zur Kategorie „überflüssig“ und distanzieren sich ziemlich stark von der teils angenehm provokativen Herangehensweise der Band. Und hier etabliert sich dann auch das markanteste Problem der sechs Herren: "Ist das Kunst... oder kann das weg?" ist ein riskanter Kunstflug durch die verschiedensten Sparten der rockigen Klänge, der jedoch gerade in den langsameren Kompositionen zum Absturz verdammt scheint. Mindestens die Hälfte des neuen Materials ist arg durchschnittlich bis schwach, die andere Halbzeit indes auch nicht wirklich grandios. Oder anders gesagt: Deutschrock geht auch besser - Acts wie Ohrenfeindt machen es vor!