LEGACY - The Voice from the Darkside

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Wednesday, 01 August 2012 12:14

 

Amphi Festival Tag 1 - 21.07.2012

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Das Amphi Festival, von der dunkelbunten Festivallandschaft nicht mehr wegzudenken, öffnete am 21. und 22. Juli auf den Tanzbrunnengelände in Köln zum nunmehr achten Mal seine Pforten für die feierwütigen Massen – und reizte wie immer nicht nur mit einem 1A-Angebot an Live-Acts, sondern auch einer Shoppingmeile, Lesungen, einem Vortrag von Dr. Benecke und vielen weiteren Perlen. Im Band-Line-Up tummelte sich dabei wieder eine schöne Mischung aus altgedienten Bands mit Legendenstatus, aber auch weniger bekannten, aber nicht minder fähigen Newcomern. Abgerundet wurden die Festivaltage wie üblich durch die Aftershow-Parties mit namhaften DJs.

Wie in den letzten Jahren auch schon (und angesichts des Line-Ups auch zu erwarten war), ist das Festival auch in diesem Jahr quasi ausverkauft, was bedeutet, dass sich an diesem Wochenende rund 16.000 Besucher auf den Weg nach Köln gemacht haben dürften. Diese zeigen sich dabei gewohnt vielfältig, und so kann man auf dem Festival eine Mischung aus vielen Facetten der schwarzen Szene bestaunen: Von barocken Outfits über klassischen Waver-Look, vom bunten Cyber bis zum Metalhead  iat quasi alles vertreten. Doch was gibt es denn nun so im Einzelnen zu erleben?

Der Samstag  zeigt sich als bewölkt und phasenweise sogar sonnig, aber trocken, und ist musikalisch tendentiell eher elekronisch und dabei weniger bombastisch orientiert, größtenteils mit Fokus eher auf druckvollem EBM als schnellem Aggrotech. Eröffnet wird das Festival dabei von THE WARS auf der Mainstage – ihr Sound,  eher gediegen und New Wave-lastig, aber durchaus rockig, lockt eine für diese Uhrzeit durchaus akzeptable Zuschauermenge vor die Bühne und schafft es auch, sie dort eine ganze Zeit lang zu binden. Ein solider, aber nicht allzu memorabler Festivalauftakt.

Im Staatenhaus spielen indessen EISENFUNK – einer der wenigen neumodischeren Vertreter der elektronischen Tanzmusik – zum Tanze auf. Sie füllen dabei die Halle vorrangig mit Vertretern der Cyberzunft, also sind Glowsticks, Neon und Cyberlocks angesagt. Von solch einem Projekt, bei dem zwei der Bandmitglieder an ihren Laptop bzw Drums gebunden sind, ist natürlich kein abwechslungsreiches Stageacting zu erwarten, aber Toni lässt es sich dennoch nicht nehmen, dann und wann sein Mischpult zu verlassen, um über die Bühne zu springen und die Anwesenden zu animieren. Diese feiern die Hits der Band wie 'Pentafunk', 'Pong' oder 'Super Space Invaders' dann auch gebührend ab – ein schöner und stimmiger Einstand für das Programm im Staatenhaus.

Auf de Mainstage bespaßen indes die Synth-Rocker von A LIFE DIVIDED um Jürgen Plangger (vielen als Gitarrist von Eisbrecher bekannt) die leider noch nicht allzu zahlreich angetretenen, Besucher. A LIFE DIVIDED fallen dabei im Kontrast zu THE WARS durch eine sichtlich lebhaftere und bewegtere Bühnenshow und mehr Publikumsnähe auf und legen einen leidenschaftlichen Auftritt hin. Die Setlist wird dabei, wie schon beim Gig auf dem Castle Rock Festival, weitestgehend von der neuen CD dominiert, und auch das VNV-Nation-Cover 'Perpetual' erstrahlt wieder in rockigem Glanz, den Höhepunkt des Auftritts markierend. Nachdem die letzten EISENFUNK-Töne im Staatenhaus verklungen sind, füllt sich der Bereich vor der Mainstage dann auch etwas angemessener.

Dort wiederum laden nach EISENFUNK nun TYSKE LUDDER, die "deutschen Huren", zum Tanze. Vielen ist unbegreiflich, warum diese EBM-Pioniere mit rund 20 Jahren Bühnenerfahrung auf einen so frühen Zeitpunkt im Line-Up, quasi am Rande zum Opener, rutschen, doch hier gilt "Besser früh als nie". Die Band punktet mit einem nicht unbedingt unbeschwerten, aber dafür druckvollen und provokanten Auftritt mit Show-Einlagen wie der riesigen, aufblasbaren Bombe, die ins Publikum gestoßen wird, Israel-Flaggen, Zwangsjacken und Wrestlermasken, und Claus Albers erhält im Laufe der Performance kurzzeitig sogar Unterstützung am Mikrofon von Jay von Deviant UK. Die Stimmung bleibt den ganzen Auftritt über konstant gut, und der musikalische Querschnitt durch das Schaffen der Band – von 'Der androgyne Held' über 'An vorderster Front' und 'Eugenix' bis 'Bastard' und 'For Their Glory' wird von Teilen des Publikums mit Dauertanzen belohnt.

Inzwischen sind auf der Mainstage die Spezialeinheiten der SPETSNAZ eingetroffen. Stefan Nilsson und Pontus Stålberg (der meines Erachtens unheimlich John Malkovich ähnelt) wirken zwar auf der großen Bühne ein klein wenig verloren (zumal Stefan ja hinter seinen E-Drums bleiben mußte), wissen aber die von A LIFE DIVIDED aufgeheizte Menge mit einer treibenden Vollgas-Show bei Laune zu halten, feuern Hit um Hit wie 'Apathy' und 'Perfect Body' auf die Zuschauer ab und haben sichtlich Spaß bei ihrem Auftritt, was sich auch auf das Publikum überträgt.

Indoor hingegen ist nun jetzt Zeit für das zweite Amphi-Heimspiel der Kölner von X-RX, die stilistisch ungefähr in die weniger stark vertretene EISENFUNK-Kerbe von Aggrotech bis Hardstyle schlagen. Und diese treten dabei nochmal ordentlich auf das Gaspedal und peitschen die Cybermeute zu erneuten Tanzleistungen an. Zwei Laptops und zwei gnadenlos overactende Freaks auf der Bühne sind manchmal eben alles, was eine gute Party braucht – 'Escalate', 'Push It', 'Hit The Drums' – nahezu jeder Song wird von der Menge gut aufgenommen. Ein Auftritt, bei dem sich über ein paar Minuten mehr Spielzeit sicher niemand beschwert hätte.

Wieder an der Mainstage angekommen, treten kurz darauf die Österreicher von MIND.IN.A.BOX auf, die im Vergleich zum Vorjahr quasi die Bühne mit X-RX getauscht haben und im krassen Gegensatz zu den bewegungsfreudigen Kölnern ein eher distanziertes und kühles Bild abgeben: Stefan Poiss verlässt den ganzen Auftritt über sein in Bühnenmitte platziertes Keyboard nicht, lediglich dem Gitarristen am linken Bühnenrand merkt man eine gewisse Spielfreude an. Somit erhält die Band nicht das Prädikat "Partymaschine", was andererseits auch nicht zu dem gesetzteren Tempo der Future-/Synthpop-Songs mit Videospiel-Anleihen gepasst hätte. Die Setlist der Band, bestehend aus Songs wie 'Change', 'Cause And Effect' , 'Remember' und dem nerdigen  '8 Bits',  kommt jedenfalls beim Publikum gut an, und die Band beweist damit durchaus Mainstage-Tauglichkeit.

Vergleichsweise ruhig und atmosphärisch geht es auch im Staatenhaus weiter: SEABOUND um Frank Spinath liefern ein gefühlvoll-ruhiges Electropop-Konzert und halten das Publikum mit einer ruhigen, bedächtigen und fast schon melancholischen Performance ohne wüstes Stageacting oder aggressive Vocals bei Laune. Ein sehr entspannender Auftritt.

Vor der Hauptbühne versammelt sich bald danach auch die erste wirklich große Menschenmenge, voller Spannung auf den Auftritt der Könige der Spielleute, CORVUS CORAX. Diese vertreten in diesem Jahr das Mittelalter-Genre komplett im Alleingang, und fahren dabei ein wahrhaft pompöses Equipment auf: Gewaltige Trommeln, eine Unmenge von mittelalterlichen Instrumenten, dekorierte Maskenhelme, hier wird dem Auge etwas geboten. Unter dem rauhen Gesang von Castus Rabensang tragen CORVUS CORAX dabei ihre Geschichten aus der Sverkerzeit auf musikalisch gewohnt hohem Niveau vor und werden werden vom Publikum ausgezeichnet angenommen und mit lautem Jubel belohnt. Eine Performance, die auch ohne aufwändige Lichtshows oder Pyro-Effekte durchgehend zu überzeugen weiß.

Wem der Sinn weniger nach Mittelalter steht, der konnte sich inzwischen im Staatenhaus einfinden, wo die Futurepopper von ASSEMBLAGE23 den von Seabound eingeschlagenen Kurs von "Klasse statt Masse" (ergo: weniger optischer Pomp) fortsetzen und ein sehr solides, routiniertes Set mit Erfolgen wie 'Naked', 'Let The Wind Erase Me' oder 'Open' abliefern.

Auf ASSEMBLAGE 23 folgen dann SITD. Auch diese setzen weniger auf fulminante Showeinlagen als einen musikalisch überzeugenden Auftritt: Die trancig angehauchten Midtempo-Songs wie 'Lebensborn', 'Snuff Machinery', 'Richtfest' und 'Laughingstock' versagen jedenfalls in ihrer Wirkung nicht, auch wenn es von der Band nicht wirklich mehr zu sehen gibt als Sänger Carsten Jacek. Der Rest der Truppe verbleibt weitestgehend hinter den Laptops.

Ebenfalls im Staatenhaus spielen anschließend HAUJOBB. Diese Institution in der deutschen EBM-Landschaft hatte sich zunächst ja 2008 auf dem Amphi Festival vom Musikgeschehen verabschiedet, fand aber 2011 dann schon wieder mit der CD "New World March" zurück in den aktiven Dienst. Als alte Hasen im Business stellen der charismatische Mützenträger und Frontmann Daniel Myer  und sein Band dann auch unter Beweis, dass sie wissen, was die Fans von ihnen erwarten und wie man ein Publikum bei der Stange hält. Ob 'Dead Market' oder 'Let´s Drop Bombs' , das komplette Set kommt bei den Anwesenden gut an.

An der Hauptbühne vergrößert sich mittlerweile der Menschenauflauf nach CORVUS CORAX nun nochmals deutlich, und eine Band mit Headliner-Charakter kann zeigen, was in ihr steckt: EISBRECHER inklusive dem Mann, den Google bei der Suche nach "Rampensau" bei den Top-Ergebnissen bringen müsste: Alexander "Checker" Wesselsky. Der gewohnt coole und sympathische Fronter und seine Mannen machen alleine schon mit ihren humoristischen, lockeren Song-Ansagen eine Menge Stimmung, und die Tatsache, dass ihre Performance aufgezeichnet wird, macht im Vorfeld schon klar, dass hier einiges zu erwarten ist. So darf zum Beispiel jeder mal mit der Reitgerte bei Alexx ran (was auch der im Fotograben anwesende Dr. Mark Benecke ausnutzt), es wird gekuschelt, geknutscht und herumgealbert. Die Entertainerqualitäten überzeugen. Auch gibt es für das Publikum eine Fan-Cam, mit der jeder seine ganz eigenen Eindrücke des Auftritts festhalten darf (Fluchtversuche mit dem Gerät sind angesichts der Menschenmengen vor der Bühne übrigens zwecklos). Auch musikalisch lassen EISBRECHER sich nicht lumpen und bringen Hit nach Hit, unter anderem 'Exzess Express' , 'Schwarze Witwe', 'Vergissmeinnicht' und natürlich das immer wieder gern gehörte 'This Is Deutsch'. Den Abschluss des Auftritts bildet mit 'Die Hölle muss warten' eine langsamere Nummer. Definitiv bisher der Höhepunkt des Festivals.

Indoor bleibt die Musik zwar elektronisch, aber auch hier wird endlich wieder das Tempo stark angezogen, stehen doch hier nun NACHTMAHR auf der Bühne. Jene sind standesgemäß natürlich auf militärisch getrimmt und unter anderem mit einem Tarnnetz dekoriert, und ein Grimassen schneidender  und schneidig uniformierter Thomas Rainer wirbelt wie ein Derwisch zwischen den Keyboards und der lebenden Deko in Form von Mädchen in Uniform herum. Die temporeichen und druckvollen Songs – kontroverses Auftreten hin oder her – machen ordentlich Stimmung und setzen wüste Tanzorgien in Gang, und die Band bietet ein Best-Of ihres Schaffens: 'Alle Lust will Ewigkeit' , 'Tanzdiktator', 'Feuer frei!', 'Mädchen in Uniform' und viele mehr – jeder Track ein basslastiger Volltreffer, der wie eine Panzergranate mitten in die Magengrube schlägt.

Im Anschluss daran folgt ein weiteres Highlight in Form von APOPTYGMA BERZERK. Die Norweger, die optisch immer ein wenig den Eindruck machen, eigentlich aus dem Glam-Rock-Sektor zu stammen, füllen dabei das Staatenhaus nochmal deutlich mehr, als es NACHTMAHR schon getan haben, und würden auf der Hauptbühne nicht die Sisters of Mercy spielen, wäre die Halle sicher überfüllt gewesen. Die gute Stimmung, die APOPTYGMA BERZERK dabei verbreiten, rechtfertigt dies auf jeden Fall, und die Band liefert eine Performance ab, bei der der Funke sofort überspringt und die Stimmung sich noch weiter bessert. Obwohl mit 'Love Never Dies' der größte Hit der Band bereits ganz am Anfang des Sets gespielt wird (und das mit leichten technischen Problemen), nimmt die Partymaschine stetig an Fahrt zu und entwickelt sich zu einem Hit-Feuerwerk mit Songs wie 'Nonstop Violence', 'Shine On', 'Kathys Song', 'Starsign', unter frenetischem Applaus der Zuschauer, bevor APOP ihre Fans dann mit 'Love Will Tear Us Apart' in die Nacht entläßt.

Als Resümee lässt sich sagen: Einzige Wermutstropfen an diesem Festivaltag waren die Tatsachen, dass THE SISTERS OF MERCY das Fotografieren aus dem Bühnengraben stark eingeschränkt hatten (weswegen es hier auch weder Fotos noch Bericht gibt), sowie die allgegenwärtig schummerigen Lichtverhältnisse im Staatenhaus, zwei Umstände, die99% der Festivalbesucher allerdings  weniger tangiert haben dürften – somit keine wirklichen Kritikpunkte.

 

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