LEGACY - The Voice from the Darkside

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Saturday, 09 June 2012 08:49

 

WORMHOLEDEATH FESTIVAL - 03.06.12, London, Surya

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|| || Fotograf / Photographer Graham Hilling, London (www.the-concrete-shell.com)||

London befindet sich am ersten Juni-Wochenende im Ausnahmezustand: Die Stadt ist mit einem Meer von Union Jacks geschmückt, hunderttausende begeisterte Briten feierten das 60-jährige Krönungsjubiläum ihrer Queen mit Paraden und zahlreichen Veranstaltungen. Hat im Schatten eines historischen Großereignisses ein Metal-Festival überhaupt eine Chance? Ja – und zwar dann, wenn sich Musiker und Zuschauer gleichermaßen von der Feierstimmung anstecken lassen. So geschehen am Sonntagabend im Londoner Club Surya in der Nähe von Kings Cross. Das italienische Label Wormholedeath präsentiert der Fachpresse und dem Londoner Publikum fünf Newcomer-Bands, die buchstäblich aus allen Himmelsrichtungen angereist waren. Den Auftakt machen RIGHT TO THE VOID aus dem Süden Frankreichs. Das Napalm Death-Shirt des Sängers Guillaume gibt schon die grobe Richtung vor: Death-/ThrashCore zwischen heiserem Gekreische und tiefen Growls. Auch wenn das überwiegend recht brutal dargebotene Geprügel seinen Zweck als Anheizer für den allmählich voller werdenden Club erfüllt, werden die Franzosen eigentlich immer dann interessant, wenn sie die Geschwindigkeit zurücknehmen und mit melodischeren Passagen mehr Variabilität zeigen.

Nach kurzer Umbaupause beginnen die Italiener UNDERWELL zunächst mit einem doomig-psychodelischen Intro, um dann abrupt einen MetalCore-Vulkan ausbrechen zu lassen. Den charismatischen Sänger Marcello „Marshmallow“ hält es keine fünf Sekunden auf der Bühne – wie ein Berserker rennt er durch die Zuschauerreihen und demonstriert die Spannbreite seiner Stimme zwischen melodischem Klargesang und aggressivem Core-Gekeife. Wenn schon MetalCore, dann bitte so frisch, wie ihn die jungen Italiener präsentieren. Mit Songs wie ‚A Shadow Of The Night‘ beweisen sie spannenden Abwechslungsreichtum mit detailliert ausgearbeiteten Gitarrensoli und einer fest in Metal und Hardcore verwurzelten Rhythmik. Auf dem Debütalbum „Plan Your Rebirth“ thematisieren UNDERWELL ihre Forderung nach einer sozialen und spirituellen Wiedergeburt der Gesellschaft angesichts der dramatischen Entwicklung unserer Welt - dass sie selbst aber keine introvertierten Melancholiker sind, zeigt ihre unbändige Spielfreude. Erst der Soundtechniker des Clubs kann sie mit einem dezenten Hinweis darauf aufmerksam machen, dass es nun eigentlich Zeit für den letzten Song ist.

Mit den Worten „Welcome to the English summer“ begrüßen dann die aus dem nordenglischen Leeds stammenden BOOK OF JOB (zu Deutsch „Buch Hiob“) das Publikum und spielen dabei augenzwinkernd darauf an, dass sich in der Pause dank eines erneuten Regenschauers kein einziger Raucher eine Zigarette vor den Türen des Clubs anstecken kann. Für weiteres Lamentieren über das englische Wetter bleibt keine Zeit, denn BOOK OF JOB ziehen den Club umgehend in ihren Bann. Das für einen Newcomer beeindruckend ausgefeilte Songwriting, die enorme technische Reife, die mitreißende Performance mit einer Mischung aus Komplexität und Groove wird zu Recht mit heftigem Beifall gefeiert. Bleibt die Frage, wo sich BOOK OF JOB stilistisch einordnen lassen. Beim anschließenden Gespräch an der Bar lässt Sänger Kaya Tarsus die Antwort offen: „Wir wollen mit unserem kommenden Album „Hamarita“ bewusst nicht an normalen Genre-Mustern gemessen werden. Wenn überhaupt, dann würden wir uns als Progressive Metal bezeichnen“. Und Gitarrist Mike Liburd ergänzt auf die Frage nach seinen persönlichen Inspirationen: „Ich sauge alles Mögliche auf und verarbeite es auf meine Weise, am meisten hat mich dabei vielleicht Jimi Hendrix beeinflusst.“

Die musikalische Bandbreite wird durch die nächste Band noch um ein gutes Stück erweitert: XENOSIS aus dem südenglischen Cornwall haben sich zumindest auf der Insel durch ausgiebiges Touren bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad erarbeitet. Ihre solide Basis aus Death Metal reichern die Briten mit einem enormen Facettenreichtum aus Jazz-, Prog- und World-Music-Elementen an. Das Publikum ist hin und her gerissen: Soll man sich headbangend den kraftvollen Riff-Gewittern hingeben, oder soll man staunend die atemberaubende Fingerfertigkeit an Gitarre und Bass und die irrwitzigen Melodieläufe bewundern? Nicht nur für den Reporter vom englischen Metal-Radio „RedBeard's Ship O'Metal“ steht mit XENOSIS der Höhepunkt des Abends fest. Man darf wirklich gespannt sein auf das schon demnächst erscheinende Debütalbum „Of Chaos & Turmoil“.

Die aus Oulu in Nordfinnland stammenden HATERIAL haben die längste Anreise hinter sich. Nach einer kurzen Begrüßung treten die fünf ernst blickenden Hünen dermaßen aufs Gas, dass jedem Zuschauer auch der letzte Rest einer eventuell aufkommenden Müdigkeit weggeblasen wird. Zwar sind die Songs bei Weitem nicht so komplex wie bei den beiden Vorgängerbands, nichtsdestotrotz macht auch diese geradlinigere Rezeptur eine Menge Spaß: Eine Portion Härte aus dem Thrash Metal wird mit einer Portion Melodie aus dem Death Metal nach Art der schwedischen Nachbarn vermischt und schließlich mit eingängigen Refrains abgerundet. So entwickeln sich Songs wie ‚Me Two-Point-O‘ oder ‚Burn‘ von der Debütscheibe „Twisted Verses“ schon beim ersten Hören zu Ohrwürmern.

Kurz vor Mitternacht geht ein Festival zu Ende, das man – in Anlehnung an die Londoner Jubelfeiern zu Ehren des Königshauses – als kleine Jubelfeier zu Ehren des leidenschaftlichen, handgemachten Metal bezeichnen kann. Fünf junge Bands aus vier verschiedenen Ländern zeigen eindrucksvoll, dass sie nicht einfach nur Genrevorbilder nachspielen, sondern mit viel Enthusiasmus und Kreativität ihren eigenen Weg gehen wollen. Schön ist außerdem, dass ein Konzert auch mal völlig ohne die oft üblichen, symphonisch-schmalzigen Intros vom Band, Keyboard-Samples aus der Konserve oder massiven Einsätze der Nebelmaschine auskommt. Letztendlich waren sich Publikum und Musiker einig: Gerne kann Wormholedeath einen solchen Abend schon bald wiederholen – nicht erst zum nächsten Krönungsjubiläum der Queen.

(c) 2012 www.legacy.de

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