LEGACY - The Voice from the Darkside

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Saturday, 02 June 2012 07:48

 

FREAK VALLEY FESTIVAL 2012 - 18. & 19. Mai 2012 Netphen-Deuz

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Bemisst man die Qualität eines Festivals an der Stimmung aller Anwesenden, dann bekommt die Debut-Auflage des FREAK VALLEY im Siegerland Bestnoten: egal ob Musiker, Zuschauer oder freiwillige Helfer – die meisten sind entspannt bis heiter, offen für ein Schwätzchen und von der ausverkauften Veranstaltung im Großen und Ganzen ziemlich begeistert. Im folgenden Bericht werden nur einige der 15 Bands erwähnt, die das Festival beehrt haben.

Freitag:

Der Wettergott ist den Rock-Freaks am Freitag Nachmittag nicht sonderlich warmherzig zugetan.Während wir zu den Klängen von GLOWSUN das AWO-Gelände in Netphen-Deuz betreten, ziehen graue Wolken auf und krallen sich mit klammen Fingern an den Bergrücken links und rechts fest. Auch wenn die Franzosen von MARS RED SKY ordentlich dröhnen, der Himmel färbt sich nicht ansatzweise rot, sondern gibt in den nächsten Stunden ein betrübliches Bild ab. Bleierne Regenschwere wiederum steht dem Trio nicht schlecht zu Gesicht, welches seinen psychedelisch-luftigen Stoner Rock mit Riffs der Güteklasse early Cathedral umgarnt – Kontraste, die in Zukunft sicher noch ausgereizt werden wollen.

Die Niederländer 3 SPEED AUTOMATIC spielen heute Abend ihr letztes Konzert. Wieso, weshalb, warum? Keine Ahnung, das Trio hat seine Seelen ganz offensichtlich vor einer Weile dem Teufel vermacht und könnte demzufolge auch einfach weiter rocken, denn nach dem Set mit den wohl „regulären“ Liedern folgt ein Long-Track, der diese Bezeichnung wahrlich verdient und welcher einige dramatische Facetten mehrerer Jahrzehnte der Rockgeschichte zitiert und interpretiert. Kaum zu erfassen, wenn man die Band zum ersten und dann gleich wieder zum letzten Mal hört...

Wie bei Rock-Bands aus Norwegen kaum anders zu erwarten, handelt es sich bei den Alben allenfalls um Andeutungen dessen, was bei Konzerten möglich ist. So auch im Fall von LONELY KAMEL aus Oslo, die als Shooting Stars der Stoner-Szene und als bestens bekannte Gäste des Siegener Vortex-Clubs ein Heimspiel haben, in welchem sie – wesentlich treffsicherer als die Bayern am nächsten Abend – alle Freistöße und Elfmeter verwandeln. Nicht nur, dass es dem Quartett nach Stunden des Dauerregens gelingt, den Niederschlag hinfort zu fegen, vor der Bühne geht zu Krachern wie „Rotten Seed“, „Evil Man“, „Don't Piss On A Lizard“ und dem vielfach geforderten „Spaceriders“ die Post ab. Schlagzeuger Espen verliert im Getümmel schon mal einen Drumstick und zeigt dem Publikum beim Spielen den Allerwertesten, während Sänger Thomas Brenna mit seiner trocken-humorvollen Ausstrahlung ein wenig an Mikael Åkerfeldt erinnert und eine gemütliche Gelassenheit ausstrahlt, die zum Festival passt wie der Arsch auf den Eimer. Der Stoner-Doom-Groove-Rock kann locker mit dem der Genre-Größen mithalten und als Norweger muss man keinen Black Metal spielen, um mit dem Teufel zu tanzen! „Killing a man is easy...“ - dem Kamel sei Dank bleibt es im Moshpit allenfalls bei blauen Flecken.

Samstag:

Aus dem Süden Englands ist das Trio GRIFTER angereist und spielt sich ohne große Umwege mit seinem kraftvollen Rock – Selbstbezeichnung: „Guiness fueled sound“ - in die Füße und Köpfe der Reihen vor der Bühne. Getreu dem Titel der EP „The Simplicity Of The Riff Is The Key“ dröhnt es im weiten Rund und Sänger Ollie outet sich in der Tat als Rampensau mit eher unkomplizierten Ansagen. Feinkost geht anders, das Trio setzt auf rohe Kraft – und überzeugt.

Die international besetzte Band BUSHFIRE variiert den Stil in der Folge mit ebenfalls viel Power, aber etwas mehr Tiefgang. Sänger Bill entpuppt sich auch ohne Bierbauch als Schwergewicht, denn der am ganzen Körper tätowierte Kerl reißt nicht nur eine bewegte Show ab, sondern engagiert sich lautstark politisch und geißelt u.a. den unverantwortlichen Umgang von Erwachsenen, die ihren Kindern Waffen in die Hände drücken. Der Bogen von Blues bis zum Stoner-Rock wird weit-, aber nicht überspannt, und BUSHFIRE machen ihrem Namen in der Nachmittagshitze alle Ehre: hot rock!

Die Italiener von WICKED MINDS könnten im Festival-Line-Up durch Quoten-Frontfrau Monica Sardella vielleicht aus dem Rahmen fallen, tun das aber nicht, denn die Band reißt mit guter Laune einen faszinierenden Set runter, dessen Lieder zwischen Psychedelic- und Early Hard Rock mäandern und Keyboarder Paolo Apollo Negri und Gitarrist Lucio Calegari genügend Raum zu mitunter hypnotischen Ausflügen bieten. Abgesehen davon, dass es schon optisch reizvoll ist, unter den ganzen Zottelmonstern eine attraktive Frau auf der Bühne zu sehen, fasziniert Monica Sardella mit ihrem eigenwilligen und fraglos ausdrucksstarken Gesang. Ganz sicher eine der Entdeckungen des Festivals. Das aktuelle Album der Band wird bestellt!

Der Einstieg mit “Burn” in den Headliner-Set gelingt DEMON'S EYE vortrefflich und mit dem Charme eines Sängers, der nicht mehr viel zu beweisen braucht, zieht Doogie White das Publikum schnell auf seine Seite. Der sympathische Brite ist gerade mit Michael Schenker auf Tournee und macht extra für den Auftritt mit DEMON'S EYE einen Abstecher ins Siegerland. Seine Frage, ob die Gruppe nicht gut sei, ist rein rhetorischer Natur: das Quintett hat nach vielen Jahren als spielfreudige Cover-Band ein starkes Debut-Album am Start, welches Rainbow/Purple/Dio-Fans ans Herz gelegt sei, denn Stücke wie „(As) Evil Comes This Way“, „Far Over The Rainbow“ oder „The Unknown Stranger“ zünden nicht nur live! Auch die übrige Setlist kann sich hören lassen: „Child In Time“ wird angenehm frei interpretiert, „Perfect Strangers“ haut mit trockenem Groove gut rein, und das Medley aus „Black Night“, „Long Live Rock'n'Roll“, „Woman From Tokyo“ und „Smoke On The Water“ rundet einen Gig mit virtuosen Gitarrensoli von Mark Zyk und tollen Duellen mit Florian Pritsch an der Hammond-Orgel ab, bevor die Zugaben „Highway Star“ und „Temple Of The King“ erklingen. Letztgenannten Song widmet White dem „wahrscheinlich größten Rock- und Metal-Sänger aller Zeiten“, der heute vor zwei Jahren und zwei Tagen verstorben ist – und doch auf immer in den Herzen so vieler Menschen weiter lebt. Der musikalische Kniefall vor Ronnie James Dio gerät absolut herzlich: der ansonsten um große Gesten nicht verlegene Engländer verbirgt seine Tränen nicht, und auch im Publikum werden einige Augen feucht.

Angesichts der Tatsache, dass das FREAK VALLEY FESTIVAL zum ersten Mal stattfindet, ist der Ablauf als nahezu reibungslos zu bezeichnen: der Klang ist bei den meisten Bands satt, aber nicht zu laut. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter strahlen durch die Bank gute Laune aus, die Security fällt mit freundlicher Professionalität positiv auf, die vegetarischen Gerichte sind lecker und erschwinglich, nur der Ausschank von Schlumpf-Bier passt da nicht so recht, vor allem in unmittelbarer Nähe zu Krombach. Die heitere Stimmung des Publikums spiegelt jedenfalls den Charakter der Veranstaltung, die zu den schönsten gehört, die ich bislang besuchen durfte. Ich freue mich schon auf nächstes Jahr, dann vielleicht etwas später nach den Eisheiligen...!

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